Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 6 (2.1933)
- Date
- 1933-02-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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„Jugend und Gemeinde1' am Schluss der Nummer FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde Das Gemeindeblatt erscheint monatlich und wird den Gemeindemitgliedern unentgeltl. durch die Post zugestellt. — Preis der Einzelnummer 00 Pfg. — S c h r i f 11 e i t u n g u. Anzeigenverwaltung: Gemeindehaus, Fahrgasse 146. Fernspr : Sammel-Nr. Hansa 27544. — Postscheckkonto: Frankfurt a. M. 33521. — Anzeigen nach Tarif — Anzeigenschluß für die nächste Nr.: 23. Febr. Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblatts nur die preßgesetzl Verantwortung. Xachdr. nur mit Erlaubnis gest. 11. Jahrgang Frankfurt a. M., Februar 1933 Nr. 6 Lehre und Leben Im Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft für t931<32 veröffentlicht Esriel Carlcbuch unter dem Titel „M u s s a r" eine gröüere für die Geschichte des ostjüdischen Studiums der Thora und der praktischen Ethik sehr bemerkenswerte Arbeit. Von den zahlreichen Beispielen sei hier ein Gleichnis wiedergegeben, das aus der berühmten Jeschiwa von Radin stammt: Jeden Tag lesen wir z-weimal: ,.Du sollst lieben den Herrn deine.i Gott." Aber wir denken auch nicht eine iiinute daran, wie wir Avirklich dazu gelangen können, Gott lieb zu haben. Jeden Tag verkünden wir, daß er König über Himmel und Erde ist und denken gar nicht daran, ihn auch die Herrschaft über unser Ich antreten zu lassen. Es ist das. wie wenn einer auf der Arbeitssuche zu einem reichen Kaufmann kommt, ihn fragt, ob er einen Angestellten braucht, und hört, daß nur der Posten eines zuverlässigen Vertrauensmannes frei sei. Der Arbeitslose verspricht natürlich, sich dies Vertrauen verdienen, alle Wünsche des Kaufmanns befriedigen zu wollen, und er bekommt schließlich auch den Posten." Später einmal will der Kaufmann eine lange Reise antreten, ruft den Vertrauensmann vorher zu sich, schreibt ihm alle seine Pläne und Wünsche auf einen Zettel, übergibt de:i. seinem Angestellten und sagt: ..Diese Liste enthält das, worauf es mir int Geschäftsgang ankommt, achte auf sie!" Wie dann nach langer Zeit der Kaufmann zurückkehrt und seine Angestellten zusammenrufen läßt, erscheint unter ihnen auch der Vertrauensmann. Der Kaufmann fragt ihn, ob er auch jenes letzten Gesprächs vor der Abreise eingedenk gewesen sei, und der Angestellte sagt: „Ja. jeden Tag habe ich deinen Zettel andächtig durchgelesen." „Durchgelesen'? Sonst nichtsV" ..Nein, sonst nichts." So Israel, das einen Plan bekommen hat, auf dein alle Wünsche des Herrn der Welt aufgeführt sind, und meint, es sei genug, den Wunschzettel durchzulesen. Ihn nun auch zu erfüllen. — darauf vergessen sie ganz . . . Die Behandlung biblischer Erzählungen im Koran Von Martin II. In dem ersten Aufsatz (Januar 1933) haben wir versucht, dem Leser eine allgemeine Vorstellung von dem literarischen Charakter des Korans zu geben und die Gründe zu erklären, aus denen die weitgehende Umgestaltung der biblischen Erzählungen im Koran zu verstehen ist. Speziell für die „Prophetengeschichten" haben wir auch darauf hingewiesen, daß Muhammed mit ihnen besondere Zwecke verfolgte; darüber hinaus sind aber im Koran biblische Erzählungen zu finden, die bestimmten theologischen oder historischen Ideen Muhammeds eine Stütze liefern sollen oder nur allgemein erbaulicher Natur sind. Die Aufnahme dieser Erzählungen in den Koran bedarf keiner besonderen Begründung. Wir wollen nun die biblischen Erzählungen des Korans nach der biblischen Reihenfolge betrachten und' dabei besonders die Momente hervorheben, auf die im ersten Aufsatz eingegangen wurde. Die Länge der Geschichten macht in vielen Fällen eine vollständige Nacherzählung an dieser Stelle unmöglich; der interessierte Leser kann an Hand unserer Zitate den Text leicht in einer Uebersetzung verfolgen. Häufig kehren dieselben Gescltichten an verschiedenen Stellen des Korans in zum Teil verschiedener Fassung wieder: wir müssen der Kürze halber in solchen Fällen eine aus den verschiedenen Fassungen komponierte Darstellung geben. Dies ist zwar unwissenschaftlich, gestattet aber einen Ueberblick,. über die mannigfachen und zum Teil wechselnden Vorstellungen, die Muhammed von den biblischen Begebenheiten hatte. Der Forscher wird an Hand der wissenschaftlich festgestellten chronologischen Reihenfolge der einzelnen Teile des Korans die Entwicklung verfolgen können, die die biblischen Erzählungen in Muhammeds Bewußtsein durchmachten.1) x) Es sei darauf hingewiesen, daß die Erzählungen im Koran von dem verstorbenen Frankfurter Professor Josef Horovitz einer eingehenden Analyse besonders unter formgeschichtlichen Gesichtspunkten unterzogen worden sind (Koranische Untersuchungen, 1926). Eine Untersuchung des Inhalts und der Quellen der biblischen Erzählungen hat Horovitz* Schüler Heinrich Speyer- Breslau durchgeführt; der erste Teil, von der Schöpfung bis zur Sintflut, liegt als ungedruckte Frankfurter Dissertation vor. Inzwischen hat Speyer, wie er mir mitteilt, die Analyse aller biblischen Erzählungen vollendet; die Arbeit soll von der Akademie für die Wissenschaft des Judentums veröffentlicht werden. Ich habe sie nicht benutzt. Pleßner Von der biblischen S c h ö p f u n g s g e s c h i c h t e hat Muhammed nur einzelne Elemente aufgenommen. So kehrt die Erinnerung an die Scheidung zwischen den Wassern (2. Schöpfungstag) mehrmals wieder; allerdings hält Muhammed die beiden Wasser für das Süßwasser und das Meerwasser. Auch daß die himmlischen Lichter der Zeitrechnung dienen sollen, wird im Korar. gesagt. A d a nr) ist nach dem Koran aus Lehm, Ton o. ä. erschaffen worden. Die Engel hatten Gott gewarnt, den Menschen zu erschaffen, da er Unrecht tun werde. Gott erschuf ihn dennoch, lehrte ihn die Namen aller Dinge und ließ ihn sie den Engeln verkünden, da sie selbst sie nicht wußten. Nun befahl Gott den Engeln, sich vor dem ihnen solchermaßen überlegenen Adam niederzuwerfen, nachdem sie sich vorher für besser gehalten hatten: sie gehorchten mit Ausnahme des Teufels, der dafür in die Hölle verbannt wurde. Aus Adam wurde sein Weib erschaffen. Obwohl sie auf ihre Bitte ein fehlerloses Kind gebar, beteten die Menschen in der Folge Götzen an, die nichts erschaffen können. Gott ließ sie im Garten wohnen und verbot ihnen von dem Baum zu essen: der Satan aber verführte sie. daß sie es dennoch taten. Zur Strafe wurden sie vertrieben und wurde die Feindschaft zwischen den Menschen eingeführt. Darauf bekehrte Adam sich und empfing die göttliche Verzeihung. An anderer Stelle wird gesagt, Gott habe einen Bund mit Adam geschlossen, den dieser jedoch vergessen halbe. Die Geschichte von K a i n und A b e ls) erzählt der Koran ohne Nennung der Namen. Dem Totschlag geht eine Diskussion zwischen den Brüdern vorauf (vgl. Gen. 4, 8), in der Kain seine Tat androht und Abel ihn vor der Hölle warnt. Nach vollbrachter Tat erscheint ein Rabe, der durch Scharren auf dem Boden Kain anzeigt, wie er seinen Bruder vergraben und die Tat verbergen könne. Er liat aber keine Kraft dazu und zeigt Reue. Von dem in der Bibel anschließenden Gespräch Gottes mit Kain, das die eigentliche Pointe der biblischen Erzählung enthält, weiß der Koran nichts. 2) Suren 2, 3) Sure 5 v 5, 20, 38. 30—34.