Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 43 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Aus aller Wett. Oesterreich-Ungarn. Men. Der „Jüd. Volksverein für die L c o p o ld stad t" erläßt einen Ausruf für die Gründung eines jüdischen Volksheims, in dein neben anderen gemeinnützigen Institutionen Volksschule, Lolksbibliothek und Rechtsschutzbüro ihren Sitz haben sollen. Sarbogard <Ung.) Am 26. d. M. wäre es hier beinahe zu b l » t i g e n An s s ch r e i t nn g e n 'gegen die Juden gekommen. Eine Bäuerin suchte ihr Kind, und da sie es nicht gleich fand, fing sie an zu schreien, — und sofort war auch ein Pöbel da, der bereit war, gegen die Juden zu ziehen. Im letzten Augenblick erschien das Kind mit einer Tante. Zioni. Rntzland. Petersburg. Bei den Urbeifällen auf die Juden in O s ch (Turkestan) wurden 20 I u d e n verwundet, d a r u n t c r 7 l e b e Djo Schwerverwundeten hajben im Militärhospital Aufnahme gefunden. Gegen die Anstifter und Teilnehmer der Exzesse ist die Untersuchung eiugeleitct worden. Bisher wurden 18 Personen verhaftet. Der vermißte Sartenkuabe, dessen Verschwinden zu' den Unruhen geführt hat, ist übrigens bald heil und unversehrt aufgefunden worden. Lvefsa. Die in der letzten Zeit häufig gewordenen Uebertritte zum Christentum ai" G r ii nden der Karriere veranlaßten hiesige jüdische A d v o k a t n r s g hilf en (dies ist gewöhnlich der Charakter der in der Advokatur tätigen Inden, die das Justizministerium wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum nicht für würdig hält, zu „Rechtsanwälten" befördert zu werden), auf der am 18. Oktober .stattgefundenen Generalversammlung ihrer Organisation folgende Anfragen zu stellen: „Hat das Komitee Kenntnis davon, daß in letzter Zeit häufig Advokaturgehilsen jüdischen Bekenntnisses ans Gründen der Karriere zum Christentum übergetreten sind; daß die unlängst stattgehabte Weigerung des. Zenträlansschusses der Friedensrichter, einigen ncubekehrtcn Christen eine Bescheinigung ihres Rechtes auf Führung von Zivilprvzcssen ausznstellen, allgemein auf diese betrübende Erscheinung zurückgeführt wird; daß dadurch die Würde des Aiiivaltstcnldes überhaupt und der jüdischen Advokaturgehilsen im besonderen, 011.7 die der Verdacht der Prinzipienlosigkeit und llnmoralität fällt, schweren Schaden leitet? Eine Gruppe jüdischer Advokatursgehilfen des Odessaer Gerichtsbezirkes erachtet es deshalb als ihre Gewissens- .und Standespflicht, das Komitee zu befragen, was es zu tun gedenkt, um derartige Erscheinungen innerhalb unseres Standes zu bekämpfen." Der Obmann der Organisation erklärte, daß der Vorstand sich mit dieser Frage bisher nicht befaßt habe, Haß er aber über die Angelegenheit ernstlich beraten werde. Lvefsa. Augenblicklich sind fortgesetzt Prozesse an der Tagesordnung, in denen die Juden unter Anklage stehen, weil sie „ch r i st l i ch e" N a m e n f ü h r c n. So gilt der seit dem Tode Alexander des Großen bei uns Juden übliche Name „Alexander" bei.den Odessaer Wächtern des Gesetzes als -christlich und daher als für Juden nicht erlaubt. Palästina. Jerusalem. Verschiedenes. — Ene französische Gesellschaft wird eine elektrische Straße nb ahn bauen.— . Eine Versammlung jüdi scher Lehirer faßte eine Protestresolution gegen die jüdischen Eltern, die ihre Kinder in die Missionsschulen schicken. — Der Bau eines H a f e'n s in 'H,aifa steht nmtmehr in baldiger Aussicht. Jaffa. Die im Jahre 1896 von sephardischen Juden ans Bulgarien gegründete (hebräischer Name: Har-Tow) an der Bahnlinie Jaffa-Jerusalem entwickelt sich sehr gut. Der früher komnmnistisch bewirtschaftete Boden ist jetzt anfgeteilt, und die Streitigkeiten mit den in Bulgarien zurückgebliebenen Genossen sind endgültig geschlichtet. Vor kurzem sammelte sich die Jugend der Kolonie, üm über die geistige Hebung der Bewohnerschaft Rat zu pflegen. Es soll eine Bibliothek und Lesehalle, ferner ein Kursus zur Pflege der hebräischen Sprache und Literatur eingerichtet werden. Auch die von dem Odessaer Komitee der Chowewe- Zion subventionierte Volksschule soll einer gründlichen Reorganisation unterzogen werden. 1 Demnächst wird Herr Jt L. Go ldb'e r g- Wilna, der ein größeres Gut in Artus besitzt, die Kolonie besuchen. Die Kolonisten rüsten sich, diesem verdienten Palästinafreund einen festlichen Empfang zu bereiten. Jaffa. Am 15. Okwber fand, veranlaßt durch Bankdirektor L e v 0 n t i n, in der Synagoge „Kehillach Jakob" ein. Bittgottesdienst für den günstigen AnSgang des türkisch-italienischen Krieges > >- statt. Der Kommandant der Garnison, der Kaimatäm, > die Mitglieder des Komitees „Einigkeit und Fortschritt" und die Spitzen der Jassaer Gesellschaft wohnten der Veranstaltung bei. Chacham S i m 0 n hielt eine hebräische, Dr. M 0 y ai eine arabische und Herr A b r a v a y a eine türkische Ansprache. Oberrabbiner Link richtete an die Versammelten den Alppell, die vaterländischen Interessen auch durch Beisteuer zu den Kosten der Landesverteidigung zu fördern. Hierauf wurden in feierlicher Weise Psalmen, sowie Gebete für die Wohlfahrt des Heeres und aller Bürger des ottomanischen Reiches. vorgetragen. Die O e f s n n n g der heiligen Lade vollzog der K 0 m m an - d a n t d e r Garnison. Dieser sprach zum Schluß der jüdischen Gemeinde den Dank der Heeresverwaltung aus und pries die vaterländische Gesinnung der ottomanischen Judenheit. Amerika. New-Aork. Zur weiteren Ansiedlung jüdischer Kolonisten hat die Jüd. Agrikultur- und Kolonisationsg e s e l l s ch a f t Staate stltah 6000 acres Land gekauft. Es kommen nur vermögende, arbeitsfähige, verheiratete Leute als Kolonisten in Betracht. Es haben sich bereits 200 Familien gemeldet. Am 26. November wird die dritte Tagung des „Verbandes der jüdischen Farncer in Amerika" stattfinden, und bei dieser Gelegenheit wird auch ein Referat über die neuen Gesichtspunkte bei Gründung der Kolonie in lltah gehalten werden. Rew-Aork. Vierzig von den fünfzig Zöglingen bekannten jüdischen Ackerbauschule fr odbiue (New Jersey> igern sich seit Wochen, die Vorlesun Der Grund liegt in Akißhttligkeiten, die seit längerer Zeit zwischen dem 'Leiter der Anstalt, H. Geller, und der überwiegenden Mehrzahl der Schüler bestehen. Geller ist ein durch und durch assimilierter Jude, der dem Seelenleben und der ganzen Denkweise der meist aus Rußland stammenden Zöglinge fremd gegenübersteht. Ans diesen! Grunde war es schon früher wiederholt zu ernsten Konflikten gekommen, die aber niemals eine so scharfe Form angenommen hatten wie der jetzige „Streik". Die Streikenden haben sich an die New Yorker Jelvish Community (Kehillah), sowie an die Federation of.American Zionists mit der Bitte um Einleitung von .„Friedensverhandlungen" gewandt. Elftere lehnte jedoch eine Intervention ad, da.die Ackerbauschule sich im Staate New Jersey, also außerhalb ihres Tätigkeitsbereichs, befinde- Personalien «. Kleine Mitteilungen. Frankfurt a. M. Geh. Justizrat Dr. Salo- 111011 Fuld,, bis 1866 Mitglied der gesetzgebenden Körperschaft -er Freien Stadt Frankfurt und lange Jahre Mitglied des Vorstandes der Israelit. Gemeinde, ist im 86. Lebensjahre verschieden. Dr. Fuld hat sich uni das' hiesige jüdische Wohtfahrtswesen große Verdienste erworben. Frankfurt a. M- Vorige Woche verschied Frau Julie K u l p geb. Rapp im 61. Lebensjahre. De» Traditionen ihrer altangcsehenen Familie ge. treu, führte sie ein echt jüdisches Leben und nahm so auch manches harte Geschick, das sie traf, gottergeben hin. Berlin. Julius Stettenheim, derbekannte Satiriker, feiert am 2. November seinen 80. Gco. Berlin. Die letzte Repräsentantens i tz n n g bewilligte 9000 JL für den Empfang unb das Festessen, das der Vorstand den Teilnehmern an der Tagung des „V erbau des der deutschen Juden" gibt. 16000 bewilligte sie nachträglich der Abfertigungsstelle für arme Durchreisende. Dieser hohe Betrag erklärt sich daraus, daß die „Alliance" und der „Hilfsverein der deutschen Jude n", die bisher je 10 000 JL zu den Kosten beisteuerten, zum 1. April den Vertrag lösten. Berlin. Geh. Medizinalrat Dr. Edmund L e s s e r, der Direktor der Klinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten, ist zum ordentlichen Professor, Dr. Stier zum Bibliothekar beim Reichstage ernannt worden. Berlin. Das Haus Gipsstraße 12a. in dem sich früher die Synagoge der „Adas Jisroel"- Gemeinde und das Rabbinerfeminar befanden unb heute der Montefiore-Berein und die Toynbeehalle domizilieren, ist von A. Wertheim, G. m. b.- H. angekanst worden. Die Toynbeehalle, die noch längeren Kontrakt hat, erhält eine Abstandssumme. Lffembacha. M. Mit Kommerzienrat Heinrich M e r z b a ch, der im 70. Lebensjahre verschieden ist, hat die jüdische Gemeinde ihren Präses, die Stadt einen ihrer besten Bürger verloren. Offenbach verdankt seine hervorragende Entwicklung als Industriestadt zum guten Teil dem, von dem Verstorbenen geleiteten Bankhause. Aber auch als Mensch hinterläßt er ein gesegnetes Andenken, denn seine Menschenliebe hat gar manchem Geschäftsmann und Fabrikanten Offenbachs über kritische Momente uneigennützig hinweggeholsen. Hohensalza. Fatmkoirektor Dr. Levy wurde zum Landtagsabgeordneten gelvählt. Breslau. Dte Revräsentantenwahlen werden voraussichtlich, wie vor 3 Jahren, ohne Wahlkampf verlaufen, oa der konservative und der liberale Verein zu einer Einigung gelangt sind. Köln. Ihre goldene Hochzeit begingen das Simon S ilb erb ach ' sche und das Joseph Elias' sche Ehepaar. Speyer. Die jüdische Bevölkerung der Pfalz hat in den fünf Jahren zwischen der vorletzten und der letzten Volkszählung um - 7,2 Prozent abgenv.mmen (von 9706 siel sie auf 8998 Seelen). Randegg. Anläßlich ihrer goldenen Hochzeit erhielt das S. Bloch'sche Ehepaar vom Großherzog die silberne Medaille. (L) Posen. Geh. Kommerzienrat, Stadtrat a. D. Michael Herz ist die Rote K r e u z m e d a i l l e 2. K l a i s e und zu in 100. Geburtstage der Kaiserin Augusta ein Bild der Kaiserin A n g n st« verliehen worden, desgleichen ans diesem Anlaß der Frau Medizinalrat Dr. Therese Mankiewiez eine Brosche mit dem N a m e n s z u g der Amtsgerichtsrat a. D. Rechnungsrat Julius H 0 l d 0 in M e s e r i tz und Stadtverordnetenvorsteher Justizrat Isidor Voß in Ostrowo erhielten den Roten Adlerorden 4. Klasse Frau Justizrat Em ilie D0ß, geb. Freund Ostrowo die Rote Kr enzm e d a il le Königsberg. Geh Medizinalrat Dr. Max- Ja f f e, ordentli. .Professor an der hiesigen Universität, ist in Berlin verschieden. Liegmitz. Ludwig Danziger, Präses der jüdischen Gemeinde, feierte sein 25 jährig es Jubiläum als Mitglied des Vorstandes Sproitau lSchles.). Der Vorsteher der jüd. Gemeinde, Max Cohn, Inhaber des Eiserne» Kreuzes 2. Klasse, verschied nach längerem Leiden. London. Der am 27. September verswrbene - ..»icl Myers hinterließ 250000 JL für jüdische und allgemeine Wohltätigkeits. Ernest L. Franklin ist zum Friedensrichter gewählt worden. London. Aus Anlaß einer Vortragsreihe, die der bekannte französische Philosoph Henry Bergs 0 n gegenwärtig hier hält, war in der Tagespresse behauptet worden, Bergson sei irischer Abkunft. „Daily News" veröffentlichte nun dieser Tage eine Zuschrift von einem Verwandten Bergsons ans Liverpool, der seststellt, daß der ausgezeichnete Denker I n d e ist. Alexandrien. Der M a g i st r a t bat beschwffen, von nun an das Rathaus am Versöhnungstag g e s ch l 0 s s e it z n halte 11. Der Beschluß gelangte am jüngsten Jomkippur bereits zur Ausführung, was unter der hiesige» jüdischen Bevölkerung große Befriedigung hervorrief. Auch die Börse war am Jomkippur streng geschlossen. Montreal. Clarence I. de Sola, der Präsident des kanadischen Zionistenverbandes, ist znm belgischen Konsul ernannt worden. Brüffel. Jni belgischen Kongo giebt es bereits eine jüdische Gemeinde und zwar in Katanga. Die Gemeinde zählt fast 100 Mitglieder und schreitet jetzt an den Bau einer Synagoge. Aas -er zionistische« Beweg««-. Frankfurt a. M. Das Centr'al-Bureau der Förderation „Dt i s r a ch i" in Damburg- Altona sendet uns folgende Zeilen zur Veröffentli- An unsere Gesinnungsgenossen! Der X. Kongreß hat beschlossen, daß in Znkuust die Kulturarbeit in den Rahmen der offiziellen Tätigkeit einbezogen werde. Dieser Beschluß entfachte in unseren Reihen einen Sturm der Erregung. Die (Weihe der Festeszeiten jedoch mit ihrem reichen Inhalt vorsöhnender und ausgleichender Gedanken und Stimmungen mag uns nunmehr befähigen, leidenschaftloser zu. urteilen, gemessener zn betrachten, wo wir stehen, wohin wir steuern. Manchelenserer Gesinnimgsgenossen — und nicht die schlechtesten — die unserem Ideal in treuer Arbeit, gedient, erklärten, die Verantwortung sür eine gemeinsame Arbeit nicht weiter tragen