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Neue jüdische Presse · 1905-12-22 · Heft 49 (22.12.1905) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 49 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 49 des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Zwei Chanuckalieder. — Die Hilfsaktion für unsere russischen Brüder. — Aus aller Welt.— Personalien. — Aus den Vereinen. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus der Lehr er Welt. —Kunst und Literatur. — Bereinskalender. Zwei Chanuckalieder. Die Arbeit ruht! Aus dem Gotteshause strömt der Beter Menge, Gruß und kurze Worte wechselnd und jeder wendet sich nach seinem Hause. L i ch t e r s ch e i» empfängt den - Inden, der soeben die Sabbatbraut willkomnien geheißen, in seiner Behausung, vergessen sind alle Sorgen, verschwunden alle Falten des Kummers, Friede, selbstgeschasscner, wohltuender Friede weilt in der sabbatlichen Kammer. Die Lichter flackern leise, auch sie grüßen den Zknhetag, welchem ihr Glanz gilt, sind sie ja die Verkünder des Sabbatfriedens in den Zelten Jaakauws, Leuchtfeuer auf den Alltagswogen zum Ankerhafen stillgenießender Seelenerquickung. * Feuerschein erfüllt den Himmel, soweit das Auge reicht! Trompetenklänge, Schofarton, Harfenschall und Flötensang rauscht in mächtigen Mkorden durch die Nacht. Tie Feuergarben erhellen die weite Flur und in dem herrlichsten Bilde liegt das Heiligtum in seiner Pracht vor aller Augen. Aus und nieder steigen die Priester auf den Terrassen des Heiligtums, die jauchzende Menge wogt umher, man begeht das Freudenfest des Wasserschöpfens, darum der Feuerschein an dem Ruheplatze der göttlichen Allmacht, es ist der Lichterglanz der Freude, der Freude um den Besitz des Gotteswortes. Wer das Fest des Wasserschöpsens nicht geschaut, der hat keine wahrhafte Freude gesehen, sagt der Talmud. * Und nun ein drittes Bild! Lichtlein, an sich klein und unscheinbar, erhellen den werktäglichen Raum des Hauses, und wie ani Sabbattage erklingen auch hier Frendengesänge, aber lauter und voller ist ihr Ton und doch verschwindet er angesichts des Jubelrausches der Festesfreude am Tage des Wasserschöpfens. Und die Lichtle in C halt n ck a s wissen einander leise zu erzählen, eines dem andern, wie es gestern noch nicht gewesen, wie es erst heute ins Dasein erwacht ist, aber fortdauern wird mit den andern, bis sie, wcuu die Woche geendet, zu einer Reihe von flammenden Leuchten geworden sind, Friede und Freude in jedes jüdische Haus tragend. Friede vor allem was feindlich dem Heiligtum, welches im jüdischen Hause fest und sicher gewahrt ist, sich genaht hat. Freude im Besitze dieses Schatzes, für den unsere Bäter jederzeit gekämpft, für den die Hasmonäer in den Tod gegangen. Friede und Freude! Groß und gewaltig ist das Wirken des Menschen, wenn es gilt, aus den Mitteln der Natur gestaltettde Wirkungen zu schaffen, und er, der so groß ist, wenn er seinem Machtempfinden Ausdruck geben will, wird klein und schwach, wenn ein Gefühl in ihnt um einen äußeren Ausdruck ringt, wenn er der Allgemeinheit schenken niöchte, was sich in ihm regt, um in der Wiedergabe des Gefühlten, aufs Neue zum Herzen sprechen zu lassen. Sind es aber gar mehrere Gefühle, die ihn bewegen, wie empört sich dann sein ganzes Wollen, wie sucht er dann jeden Funken nach außen zu schaffen, tim in dem Funken wenigstens ein Abbild der Glut zu geben, die in seinem Innern lodert, der Erde gleich, deren glühender Kern im ' Vulkan sich offenbart. Derartige Funken haben sich unseren Dichtern losgerungen, als im Anblicke der Chanucka-Lichtlein die ganze Vergangenheit unseres Volkes an ihrem ütuge vorüberzog, und wie der Gedanke an Friede und Freude in das Herz einzog, so ist er auch aus der Seele hinausgedrungen auf den Flügeln des Gesanges in unseren Chanuckaliedern Moaus zur Jeschuosie und S ch n ö S ö s i m. * Moaus Zur Jeschuosie. Ter Kindheit frühestes Denken kennt jene Klänge, jene Feier- und Jubelklänge, die unserem Moaus Zur Jeschuosie Begleiter auf seiner Wanderung durch die jüdischen Wohnstätten geworden sind. Und müßten wir die melodische Sanges-Weise entbehren, unser Moaus Zur Jeschuosie könnte unser Fühlen nicht erkennen lassen. Ob unser Dichter M o r d e ch a i, der unserem Forschen unbekannte, unscrem Empfinden nahe, wohl diese Melodie gekannt? Ja! wir glauben ihn zeichnen zu können, wie er vor de» Lichtlein steht, wie sei» Auge in Hellem Glanze leuchtet und wie er dann aufatmet und zum ersten Mal Wort und Ton des Moaus Zur Jeschuosie erschallen läßt. Und wie er am Tore des Hauses beim Scheine der Lichtlein singt, da öffnen sich die Türen allüberall, die Nachbarn lauschen und am nächsten Abend singt man in jedem Hause Chalt n ck a' s F r e u d e n s a n g, Israel s Z n - k u n f t s t r o st. Was hat Mordechai nun im Glanze der Lichtlein erschaut? — Meines Höffens Fels und Hort Froh lobsing' ich deinem Ruhm! Beterandacht Weiheort, Opferstatt im Heiligtum, Friedlich alle uns vereint. Hast zerschmettert du de» Feind. Restlos ganz — im Liederkranz, Dann Altar's Weihefest uns eint. Fest gegründet im Schutze des Allmächtigen steht wieder das Heiligtuin in seiner Pracht wie ehedem, Opferdüfte steigen auf ziyn Himniel und der Levitenchor singt Tankeshhmnen, die ein neuer David einer Harfe entlockt, denn heute gilt es, zu weihen den Altar des Ewige» ans Zion. Seele satt an Bitterkeit, Machtlos vor der Schergen Frohn', Lebenskraft verzehrt im Leid', Stand ich als Knecht vor Pharao». Deine heldenstarke Hand Führte mich aus Sklavenland, Pharo's Heer — versank im Meer, Im Wirbel, wie ein Stein verschwand. Vergessen sei alles Leid, von Israel siegreich überdauert, vergessen, wie das Volk der Tieranbeter am Strande des Nils Schimpf und Schmach auf das unter harter Eittsagung seufzende Volk gewälzt. Ob auch die Seele zu ermatten drohte, ob auch jeder neue Tag neuen Kummer, neue Bitternis verhieß, die Erlösung nahte und am Strande des Schilfmeers ward tm ersten Nationalgesange der Untergang des auf die .Kraft der Machtfülle vertrauenden Volkes besungen. In den Tempel hoch und hehr, Trug'st mich, ach ich fand nicht Ruh', War nach Fremdem lüstern sehr, Triebst mich drum der Fremde zu. Doch, noch siech vom Taumelwein, Jn's Vaterland zog wieder ein. Aus Babylon — durch Fürstensohn, Nach 70 Jahren Trennnngspein. Geläutert zog Israel im Besitze seines Gesetzes in die angewiesenen Wohnsitze, an der Stätte, wo einst Jaakauw sein müdes Haupt geborgen, erstand die Wohnstätte Gottes auf Erden, ein König sang die Lieder, die in ihm erschallen sollten zum Ruhme dessen, der Friede in die Menschenherzen getragen. Mer nicht in dem, was vor allen Erdenbcwohnern Israels Stolz und Vorzug sein sollte, suchte das spätere Geschlecht seine Befriedigung. Ter herrlichste Gedanke des Gottesbewußtseins wollte schwinden vor der Macht des Fremden, die den Triumph der Naturkräfte zum Himmel hinauf erhob. Und vom Hinimcl herab zuckte der Strahl, zerschmetternd, was Jahrhunderte gebaut. Aus den Fugen brach Jnda's morsches Staatsgebäude und ins Land der Perser zog der lleberrest Jaakauws. In der Not erkannte Israel bald seine Schuld und groß war der Jubel, als endlich nach lange» 70 Jahren, von Serubabel und Jehauschua geleitet, das neue Geschlecht zur Trümmerstätte hinanzog, um aus den Ruinen neues Leben erstehen zu lassen. Arglistig sucht die hohe Tann' Zu fällen der Agagi-Sohn, Jedoch sein Ränkewerk zerrann. Zu Fall bracht' ihn sein eigner Hohn. Jeminis Ruhm stieg hoch empor. Und Hamans Name sich verlor. In Schmerz und Oual — am Marterpfahl Er Leben, Gut und Blut verlor. 'Auch im Laude der Perser war Drang und Not dem Volke Gottes nicht erspart geblieben, miser Tichter sieht den stolzen Höfling Haman aus dem Geschlechts derer, die unscrem Volke stets Unheil brachten, den schlichten Tavidssprößling, den geraden und gerechten Mordechai, verachten, sieht aber auch, wie Gott ihn in seine eigene Schlinge stürzen läßt. Wie der habsüchtige Frechling, der sein ganzes Gut nach den Worten des Midrasch den Blicken entziehen wollte, am Galgen stirbt und sein an der Brust geborgener Schatz, den er glaubte vor den Menschen retten zn können, das Unheil nicht aufhalten kann, uns gleichsam mahnend an die Vergänglichkeit irdischer Güter. Hamans Name wird nicht mehr genannt, sei es denn, um ihn als den Verworfensten zu schildern, seine Söhne gehen zum größten Teil spurlos unter und nur ein kleiner Teil findet in dem von dem Vater gehaßten Volke Aufnahme, um hier den Vater zu betrauern, der in seiner Verblendung das Glück eines ganzen Volkes aufs Spiel setzte, um seinen Gelüsten zn fröhnen. Auch sie, die nunmehr Israels Gott anerkennen, ziehen mit in das Land der Bäter und sammeln ich um das Haus des Herrn. Heran zog Jawans Heer zum Krieg, Zur Hasmonäer Priesicrzeit, Schon kündet sein Feldzeichen Sieg Auf starken Vesten weit und breit. Schon war entweiht das heil'ge Oel, Blieb nur e i n Krüglein sonder Fehl, Brennt Tage acht — durch Wundermacht! Ein Jubelfest in Israel! Wieder aber erwacht in Israel der Drang nach dem ungekannten Fremden. Urteilsunfähig in dem Wahne, der es unifäiigt, vergißt es das Gotteswort und umgibt sich mit der Luft Griechenlands, um in Weichheit zn ermatten. Schon naht der Syrerjünig, schon liegt das .Heiligtum geschändet, da erwacht in der Hasmonäer Brust der Begeisterung lodernde Flamnie und von der kleinen Schar kriegsnngcübter, aber gottergebetier Kämpfer aufs Haupt geschlagen, zerstiebt der Feind in wilder Flucht. Ter erste Gedanke gilt dem Heiligtume. Schnell wird jede Schandtat beseitigt und bald erklingen bei dem Scheine des Wunderlichtleins die 8 Tage lang nicht verhallenden Jubel- und Tankestüne, die Lieder der Freude und des Friedens, bereit Klänge auch unser Chanucka-Gottesdienst kennt. Von der Hasmonäerzeit zu den Tagen der jüngsten jüdischen Vergangenheit und Gegenwart führt eine letzte Gedichtstrophe, die wohl einen anderen Verfasser hat als die übrigen. So findet sie sich denn auch in vielen Drucken nicht als Schluß des Moaus Zur Jeschuosie vor. Doch wer könnte ihren Inhalt in diesen für die jüdische Gesamtheit leidvollen Tagen missen wollen? Bringt auch der gedankliche Inhalt eine Schmerzensnuance hinein in die Chanucka-Jnbelklänge — Israels Leid ist kein Weltschmerz, es ist ein Seelenschwingen, ein Nachklingcn wehmütiger Ereignisse. Israel hofft aber aus eine Heilung, und auf einen schließlichen Trost — weil es im Zeichen Cha nuckas hoffen darf! Enthülle, Heiliger, den Arni, Tie Heilesstunde führ' herbei, O, denke deiner Treuen Harm, Grausamer Marter Todesschrei. Schier endlos währt die Leidcnszeit, Erlösung dünkt so fern, so weit! Aus Grimm und Not — errett' uns Gott, In Gnade und Bartnherzigkeit! (Schluß folgt.) Die Hilfsaktion für unsere russischen Brüder. (Schluß aus dem Hauptblatt). Am 1. Dezember reiste die Kommission nach Odessa. Nach vier Sitzungen mit dem Komitee in Odessa, dessen stellvertretende Vorsitzende in Abwesenheit des Herrn A s ch k e n a s y, Herr Kom.merzienrat Ch ay es und Herr Rechtsanwalt lat« gulies sind, wurde auch in diesem Ort eine voll-

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