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Neue jüdische Presse · 1905-12-29 · Heft 50 (29.12.1905) · p. Seite 12

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 50 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
Seite 12 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 50. - Frankfurter Jsraelitiiches Familicnblatt. Seite H. Uorderangen der Humanität im vollsten Maße genügt werden muß, nicht allein gegen die eigene» Streiter, sondern in sehr hohem Grade gegen die Heinde.. Bergt. 5. B. M. 20,1—ßO; z. B. kein Kampf, keine Belagerung darf eröffnet werden, ohne daß man vorher Friedensanerbietungen gemacht hat (5. B. M. SV) 10, Maimomdes «. o. — Ziphtach, Richter 1 l, 18 ff., Mose IV 21, 21). Bei Belagerungen muß eine Seite der Stadt von. Umwallung frei bleiben als AuAgang für die Fliehenden (Maim. a. O.). Bäume und Quellen im Feindesland dürfen nicht verdorben werden (V. 20, 19—20). Absolute Sauberkeit, Levitische° Reinheit, Vermeidung alles Bösen und Schlechten, Heiligung der . Personen wird im israelit. SJager zur strengsten Pflicht gemacht (V. B. M. 23, 10—15 und Main. a. O.). Selbst den 7 Völkerschaften in Kanaan ist vor Beginn des Krieges fried- Iwher Wzüg anzubieten (Malbim zu V, 7, 1). Daß letztere „vernichtet" werden sollen, soweit sie nicht das verheißene Land gutwillig verlassen wollen, hat darin seinen Grund, daß ihre sittliche Degeneration, ihre grundlose Versunkenheit in die abscheulichsten, unmenschlichsten Laster eine unabwendbare Gefahr für die sittliche Integrität Israels bildete (V. B. M. 20, 16—18), eine Befürchtung, die ja eingetroffen ist. — Grausamkeit im Kriege wird aufs heftigste ~ getadelt. (Jesaja 13, 6; 10, 15). Das dem Feinde angelobte Wort wird mit gewissenhafter Treue gehalten (Josua 6, 22; 10, 6 ff. Jeremja mahnt wiederholt zur Bundestreue gegen Nebukadnezar usw., vergleiche insbesondere Jeremja Kap. 29). Das jüdische Volk verabscheut den Krieg, hält ihn für eine Strafe der Gottheit, sucht ihn womöglich zu vermeiden, führt, wie die Geschichte zeigt, gar keine Erobernitzs-, sondern nur Verteidigungskriege, ' preist auch in seiner Poesie, insbesondere den Psalmen und Siegesliedern, nur das hoheits- und machtvolle Wirken Gottes, weniger und säst garnicht die Vernichtung des Feindes (eine Ausnahme macht das Deborah-Lied, welches aber in Zeiten der Zügellosigkeit gedichtet ist). Auch die Hagada-Halacha illustriert diese Behauptung — „halbes" Hallet am 7. Tage Pesach, dem Tage der Erinnerung an den Durchzug durch das Rote Meer. Dies alles aber hindert nicht, daß Israel, wenn die Notwendigkeit an es 'herantritt, tapfer und ausdauernd zu kämpstn versieht. - — . . Im Weiten Teile des Vortrages bespricht Redner' — in durch Mangel an Zeit veranlatzter, gedrängter Kürze — die Friedensidee an der Hand von Stellen der Bibel, des Talmuds, des Midrasch, des Gebetbuches, an Beispielen aus der Geschichte Israels. Zunächstdie hohe Wertschätzung des Friedens, die Erkenntnis, daß nur, im, Frieden die,Fülle alles Güten sich entwickle, daß der Friedenswunsch das Köstlichste und Höchste einschließe und daß der Frieden die Krönung eines jeden Segens sei. Siehe den Priestersegen IV. B. Ml 6, 26b und die Midraschim hierzu, insbesondere Siphri. An einen Satz im Letztgenannten „Gott ist Frieden" anknüpsend, zeigt Redner, daß die Friedensidee mit der Idee Gottes unauflöslich verbunden ist. Gott ist Friede in sich selbst, d. h. er ist, „Einig" (echod). Dieser Gedanke kommt zum Ausdruck u. a. in dem praktischen Gesetze II. B. M. 21, 25, fei» Eisen darf über den Altar Gottes geschwungen werden, weil dieses das Instrument des Krieges ist. Nicht David, der ehemalige Kriegsman», sondern Schelomoh, „der Friedensreiche" darf den Tempel bauen. Dem Frieden in Gott entspricht der Frieden im Universum, dessen scheinbare Gegensätze wie Tag und Nacht, Entstehen und Vergehen nur die verschiedenen zur Harmonie sich vereinigenden Stimmen eines Tonwerkes darstellen (Jesaja 45, 5—6, s. Schema-Benediktion für Abend und Morgen), „Die Welt selbst ist ein Friedenszustand" (Siphri z. IV. B. M.i 6, 26). Das Heidentum und das Christentum haben sich zu einer Einheit noch nicht emporringen können (Gott der Finsternis — Teufel). Selbst das Böse im Menschen widerspricht nicht der Einheit Gottes (Raschi zu I. B. M. 1, 31). Jnbezug auf die Menschheit wird die Idee des Friedens, zu einer unendlichen Reihe sittlicher Forderungen. Für den Einzelmenscheu wird sie zur Forderung eines in sich geschlossenen, harmonisch gerundeten und abgeklärten, gotterfüllten Charakters (I. B. M. 17, Id) und zur sittlichen Pflicht, allen Anforderungen der Gerechtigkeit, Billigkeit, Friedfertigkeit und Liebe gegen seine 'Nebenmenschen zu genügen. Für die Gesellschaft heißt die Friedensidec: Bereinigung zu Gemeinden, Staaten und Reichen und Einsetzung einer alles Gute fördernden Staatsverwaltung. Für die Staaten heißt der kategorische Imperativ: Friede halten mit den übrigen Staate», und die Erfüllung dieser Forderung ist das Mcssianische Zeitalter (Jesaja 2, 1 ff. 11,1—10; Micha 4, 1—4). An der Hand dieser drei letztgenannten Stellen zeigt Redner: -1) Das Verhältnis der Völker zu einander ist erst' dann ein normales, wenn es auf einem dauernden Friedenszustand gegründet ist. Der Krieg, d. h. die blutige, zerstörungssüchtige und Vernichtung erzeugende Auseinandersetzung von Volksgemeinschaften — ja nicht zu. verwechseln mit „Kamps", welcher den unblutigen, aufbauenden Wettbewerb .bezeichnet — stammt aus der noch' in Rückständigkeit verharrenden, ungezügelten Menschennqtur her und muß ebenso wiejedes Laster, jede Sünde bekämpft werden, und es ist möglich, demselben ebenso mit Erfolg entgegenzutreten, wie anderen sittlichen Gebrechen. 2) Aus der Idee des Weltfriedens folgt die sittliche Gemeinschaft aller Menschen ohne Ausnahme, alle Menschen sind im Ebenbilde Gottes geschaffen und sollen als solche behandelt werden und auch handeln! 3) In der einigen Menschheitsgemeinde spiegelt sich ab die Einheit, Allgerechtigkeit, All-Liebe und Mkgüte Gottes. 4) Die Grundlage des Weltfriedens bildet die Erkenntnis und Anerkennung Gottes als allmächtige» Weltenschöpfers, als allgerechten Weltenrichters, als' alliebenden Weltenvaters. Das Ergebnis des Weltenfriedens ist a) ein tieferes Eindringen in die Erkenntnis und die Anerkennung Gottes, d) eine unendlicher Segens- und Heilszustand, dessen sich nicht allein der Mensch, sondern das gesamte Universum erfteuen wird. 5) Die Aufstellung dieses messianischen Ideals ist von unendlich ethischem Werte sowohl für die Theorie, als für die Praxis der Ethik, sowohl für hie Ausgestaltung einer Sittenlehre, als auch für die Anregung und Bestärkung im Streben nach Sittlichkeit. Mit einem warmen Appell an Israel, in seiner nationalen Mission, welche darin besteht, der Menschheit solche Ideale aufzustellen und sie derselben entgegenzuführen, schloß der Redner seine sehr interessanten Ausführungen, die wegen Kürze der Zeit nur skizzenhafte Umrisse des gewaltigen, schwer zu umfassenden und abgerundeten Stoffes hatten geben können, unter dem Beifall der Zuhörer. Tie- Diskussion über das Thema wird in der nächste »Mittwoch Abend stattfindenden Bereinsversammlung eröffnet werden. Bei der Wichtigkeit der Materie sei es den Mitgliedern und den Freunden des' Vereins dringend ans Herz gelegt, nicht zu fehlen. Frankfurt a. M. Die Cbanuckafeier des Montefiore-Vereins, die sich vor ausverlaustem Hause — sämtliche 500 Plätze waren besetzt — in den eleganten Räumen der Frankfurt-Loge abspielte, wies, wie stets, ein reichhaltiges, vornehmes Programm auf. Ein feierliches Präludium und das „Moaus Zur jeschuosi" am Beginn waren dem besonderen Charatter des Tages geweiht, und nach ihnen erössnete eine Fest-Ouverture die allgemeinen Darbietungen. Fräulein Franziska Vogel sang die Arie aus „Alessandro Stradella", Herr Lucian Horwitz vom Orchester des Opernhauses trug auf dem Cello „Kol Nidrei"' und „Arlequin" vor, Fräulein Rottmann vom Schauspielhause rezitterte mehrere Gedichte, u. a. eines von Frau. Clementine Kramer- Hier, das „An Euch" betitelt war, an unsere Opferwilligkeit für die unglücklichen Brüder in Rußland appellierte und vom Publikum mit Begeisterung applaudiert wurde; dann sang Herr Max Bing vom Opernhaus die Arie aus „Hans Heiling", ihm schloß sich ein Bortrag auf der Flöte und eine reizende musikalische Aufführung eines Kinder-Orchesters an. und mit einigen weiteren Gesangs-Darbietungen von Fräulein Vogel fand der erste Teil seinen Abschluß. — Eine 15 Minuten währende Pause zog das Publikum in den Nebensaal, in dem Buffets aufgeschlagen waren. Zu, schnell für viele, die eine angeregte Unterhaltung mit Bekannten angeknüpft hatten, ertönte das Glockenzeichen für den Beginn der Theater- Vorstellung. In dem aufgeführten Stücke — Szenen aus „Die Weisheit Salomos" von Paul Heyse — lernten wir ein Schauspiel kennen, das sich vorzüglich zur Aufführung in jüdischen Vereinen eignet. Nach dem Theater fand ein Ball statt, der bis zum herannahenden Morgen währte. Hannover. Der Vserein zur Beförderung des Handwerks unter den Juden in der Provinz Hannover hat seinen Tätigkeitsbericht für 1902—05 erstattet. Es heißt darin: „Es ist unsere unerfreuliche Aufgabe, offen zu bekennen, daß die Klagen, welche in dem letzten Berichte vom November 1902 ausführlich geschildert wurden, in verstärktem Maße hervorgetreten sind. Wir haben uns bemüht, den veränderten Zeitläuften Rechnung zu trägen und dementsprechend die Bewilligungen und Zuschüsse erhöht. Trotzdem auf unsere Bitten sowohl in der Stadt Hannover wie in den Landgemeinden die Lehrer der Synagogengemeinden in dankenswerter Weise die schulentlassene Jugend zur Wahl eines Handwerks ermuntern, ist in der abgelausenen Periode ein merklicher Rückgang von Anträgen auf Bewilligung von Unterstützungsgeldern und Zuschüssen zu bemerken." Ter Vorstand bittet deshalb die Mitglieder, für die Zwecke und Ziele des Vereins werbend und fördernd mehr als bisher eintreten zu wollen. Tie Gesamtcinnahme betrug 23193 Jfe, der Kassabestand am 11. Nov. d. I. 4083 Tie das Vermögen des Vereins darstellenden' Wertpaviere habe» einen Wert von 14 475 Jk Laupheim Württemberg), 25. Dezember. Eine Chanuckafeier eigener Art veranstalrete am Montag Abend der hiesige jüdische Gesangverein „Frohsinn". Er ließ n. a. ein Festspiel zur Aufführung bringen, das eine Laupheimerin Frl. Martha Steiner verfaßt hat und das den Vorzug der Originalität hat. Die junge Dame betitelt ihr Spiel: „Unsere Feste" und läßt symbolisch in denkungsvoller Weise aNe Festtage au,treten, um die Anwesenden mit ihrer Bedeutung bekannt zu machen. Das Spiel ist in schwungvoller ins Herz dringender Art verfaßt und wird durch eine» Prolog frei nach Leoncavallo's Bajazzo eingeleitet. Purim führt als Herold die Feste vor und vereint schließlich mit Chanucka den gesamten Chor zu eine« begeisterten Dithyrambus aus unsere Religion. Die Aufführung unter Leitung des Herrn Rabbiner Dr. Treidel und des Herrn Simon 8. Steiner ging flott von statten, und ernteten die die 'Feste ausführenoen Kinder mit den. vorgenannten Regisseuren starken, fast nicht endenwollenben Beifalk. Den Schluß des Festes bildete eine Bewirtung der Schulkinder nach altjüdischer Chanucka-Weise. Philippopel, 14. Dez. Auf Veranlassung de» hiesigen territorialistischen Vereines fand vorigen Samstag in der großen Aula der Knabenschule ein Meeting statt, an dem sich ein großes Publikum beteiligte. Herr Isaak Bechar, Präsident des genannten Vereines, hielt einen langen Borttag, in dem er nach Ausführung der geschichtlichen Entwicklung und der Ziele der „Jto" der grauenvolle» Vorgänge in Rußland gedachte und diese als triftigen Grund zur Notwendigkeit einer beschleunigten nationalen Hilfe darstellte. Dem Vortrag folgte eine äußerst heftige Debatte zwischen den Pakästinophilen und den Territorialisten. Herr Jakob Calew, Direktor der hiesigen isr. Schulen, sprach mit großer Begeisterung für Palästina, und es gelang ihm, die vom ersten Redner stark beeinflußte Menge für seine Idee zurückzugewinnen. Herr Preßiado Roma.» n o sprach im Sinne ' des politische«' Zionismus. Er könne sich weder der einen noch der anderen Partei ,anz und gar anschließen, da sie- Heide extrem sind. Doch angesichts der momentanen kritischen Lage des Judentums, sowie dessen, daß die Territorialisten ihrem Ziele uin ein beträchtliches näher zu stehen scheinen als die Pakästinophilen, empfehle er den Anwesenden, folgende, von den Territorialisten gefaßte und an Zangwill abzusendende Resolutton anzunehmen: „Die in der Aula der Knabenschule versammelten Juden Philippopels protestteren gegen da» schmachvolle Vorgehen der Russen gegen unsere Glaubensgenossen, drücken ihre Entrüstung aus über den Kaltsinn, mit dem die Mächte des zivilisierten Europas, die russischen Schreckensnachrichten ausnehmen und sind endlich mit Zaugwills territorialen Bestrebungen :i priori einverstanden." Als Antwort hieraus sangen die Zione-Zion ganz enthusiastisch das bekannte Lied „Hattkwah". Die Resolution konnte nur im Namen von 150 Personen an Zangwill abgesandt werde». Bedeutender sind die Folgen des Meettngs. Es herrscht in Philippopel seit Samstag sozusagen eine territorialistische Bewegung. Biele konservattve Palästinophilen erklärten sich als politische Zionisten, and die meisten Aristokraten, die bis jetzt dem Zionismus vollständig fern standen, traten dem Territorialismus bei, um an dem großen Werke der nationalen Befreiung mitzuarbeiten. I. Kanel. Aus der Lehrerwett. Jglau (Mähren). Am 1. Januar begeht Herr Kantor Karl Brunner sein 50jähriges AmtSjubiläum. Prag. Die hiefige Israel. Tempelgemeinde wählte Herrn Rabbiner Tr. Emanuel Schwarz aus Eger zu ihrem Rabbiner. Trieft. Oberrabbiner S. R. Melli feierte unter allgemeiner Teilnahme sein 5 0jährige» Amtsjubiläum. Ter Vorstand der Gemeinde überreichte dem Jubilar ein Ehrengeschenk von 3000 Kronen. Vereins - Kalender. Verein Rachlatz Awi. Mittwoch, den 3. Januar, abends 9 Uhr, Schützensttaße 2: Diskussion über den Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Kahn-Eßlingen: Die Kriegsnnd Friedensidee im Judenttim. Verein Tifercs Bachurim. Sonntag, den 31. Dezember, nachmittags 23/* Uhr präzise, in der Aula der Religionsschnle, Hermese weg 25/27: Ordentliche Generalversannnlung. Tagesordnung: 1) Berichterstattung; 2) Neuwahl des Vorstandes: 3) Eventuelle Anträge der Mitglieder. Verein für jüdische Geschichte «ad Literatur. Dienstag, den 2. Januar, abends 8Vs Uhr, im Saale der Frankfurt-Loge: Herr Justizrat Dr. Breslauer-Berlin: „Parallelen zwischen jüdischem und deutschem Recht". , Verein Moatefiore. . Mittwoch, den 3. Januar, abends 9 Uhr, im Vereinslokale Seilerstr. 22, Part. Bortrag des Herrn Rechtsanwalts Dr. Oscar Spier: „Kaufmannsgerichte".

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