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Neue jüdische Presse · 1905-12-29 · Heft 50 (29.12.1905) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 50 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 50 des Frankfurter Israelitische» Familieublaltes. Mit der nächsten Nummer beginnt ein neues Quartal. Wir bitten deshalb unsere Post-Abonnenten, ihr geschätztes Abonnement sofort erneuern zu wollen, damit in der Zusendung leine Unterbrechung eintritt. Inhalt der Vellage: Artikel: Die Neubildung der Verbände.— Die Wasserkräfte Palästinas. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrerwelt. — Vereins-Kalender. Die Neubildung der Verbände. Beurteilt nach altenGesichtspunkten.*) Von Tr. M. C a h n. . In dem „Frankfurter Israelitischen Familienblatt" Rr. 42 wird unter der Ueberschrift: „Ter Verband deutscher Juden" meiner an den „Ausschuß des Verbandes, d. I." gerichteten Zuschrift (veröffentlicht im „Israelit", Nr. 84 und 85) gedacht und dabei das Folgende, bemerkt: „Wir sind die allerletzten, denen die Reinhaltung der Geistes- und Lebensprinzipien des überlieferten Judentums nicht höher-stände als alle Vorteile sozialer, wirtschaftlicher oder politischer Natur; allein es will uns nicht einleuchten, wieso unsere geistigen Güter, wenn wir organisiert dastehen, und unsere Berührungspunkte mft den Neologen nur sozialer, wirtschaftlicher oder politischer Natur sind, in Gefahr kommen können." Wenn der Verfasser jenes Aufsatzes sich meine Zuschrift an den Llusschuß des Verb. d. I. etwas genauer angesehen hätte, so hätte er nicht im Zweifel sein können, wodurch die Ausführung der Pläne des Verbandes für die Interessen des gesetzestreuen Judentums die schwerwiegendsten Bedenken erwecke. Von diesen in meiner Zuschrift an den Ausschuß dargelegten Bedenken mögen zwei hier nochmals erwähnt werden. Ten Leitern des Verbandes schwebt als höchstes Ideal vor die Erreichung der vollen Gleichberechtigung der deutschen Juden mit ihrckn. nichtjüdischen Mitbürgern in der Bekleidung aller Aemter im Zivilwie im Heeresdienst. Wer in den Verband eintritt, übernimmt damit die Verpflichtung, an der Verwirklichung dieses Zieles nach Kräften mitzuarbeiten. Kann aber der gesetzestreue Jude sich zur Mittätigkeit auf diesem Gebiete eptschließen, ohne sich darüber klar zu werden, wie nach der siegreichen Durchführung des Unternehmens die Ausführung der sich alsdann eröffnenden Bernfsaufgaben ohne Preisgebung von Forderungen unseres Religionsgesetzes, wie das der Sabbatheiligung zu denken sei. Tie führenden Geister des Verbandes würden es gewiß ablehnen, dieses Moment in Betracht zu ziehen; sie würden solche Gewissensbedenken ihrer konservativen Verbandsgenossen wohl mit dem Bemerken abweisen, daß sie sich der Erörterung von Fragen der Religion. satzungs g emäß zu enthalten haben. **) Tiefes Bedenken liegt so klar zu Tage, daß man darüber kein Wort zu verlieren braucht. IN den Referaten der inzwischen abgehaltenen Hauptversammlung des Ausschusses vom 30. Oktober ist das Streben deutlich hervorgetreten, der „Orthodoxie" die Möglichkeit des Zusammenwirkens mit den Leitern des Verbandes d. I. darzutun und sie namentlich über die Befürchtung eines etwa geplanten Kirchenregiments zu beruhigen. Tagegen hüllte man sich inbetreff des dargelegten, in erster Linie von mir hervorgehobenen praktischen Bedenkens in beredtes Schweigen. Ich habe in meinem Ablehnungsschreiben gesagt: „Tie Rücksichtnahme auf diesen unseren Standpunkt ist in der Gesinnung und dem Willen der im Verband und im Ausschuß zweifelsohne die Mehrheit bildenden Anhänger der Reform schlechterdings nicht vorauszusetzen. Tie in diesem Betreff von den Bekennern des gesetzestreuen Judentums zu stellenden Forderungen würden notwendigerweise dieser Mehrheit als lästiger Hemmschuh bei der schrankenlosen Ausgestaltung der Vor- *) Von dem Standpunkte „Audiatur et altera pars” ausgehend, haben wir dem Wunsche des Herrn Provinzialrabbiner Tr. Cahn-Fulda entsprochen und seinem Artikel Aufnahme gewährt. Wir kommen noch - des Eingehenden auf seine Ausführungen zurück. Tie Redakt. '**) So hat auch bei dem ersten Telegiertentag zur Begründung des Lehrerverbandes in Berlin, der ursprünglich auf den 3. und 4. Tag Chol-hamoed des Sukkoth-Festes, den 7. und 8. Oktober 1895 anberaumt gewesen, dann aber auf vielseitigen Wunsch auf den 24. und 25. Tezember desselben Jahres verlegt worden war, der damalige Vertreter des D. I. G. B., Herr Tr. A., einem süddeutschen Delegierten, der ihm darüber Vorhalt machte» daß bei dem ursprünglichen Termin viele Telegierte am darauffolgenden Tage ohne Entweihung des Festtages nicht mehr hätten nach Hause kommen können, die Antwort gegeben: „Aber, Sie wissen doch, daß unser Verband mit religiösen Dingen nichts zu tun hat!" teile der öffentlichen Stellung der Juden erscheinen, so daß ich mich nicht der Ueberzeugung zu verschließen vermag, daß eine hinreichende Berücksichtigung jener Forderungen nicht erwartet werden kann." Warum, so frage ich» hat man diese Voraussetzung nicht zur Beruhigung der gesetzestreuen Verbandsmitglieder als unzutreffend erklärt? Warum, so frage ich ferner, hat keiner der anwesenden gesetzestreuen Telegierten es über sich gebracht, eine dahiuzielende Erklärung von Seiten der Berbandsleitung herbeizuführen? Letzteres beantwortet sich einfach damit, daß man sich scheut, mit solchen Forderungen hervorzutreten. Tenn religiöse Bestimmungen, wie Sabbatheiligung, gehören zu den trennenden Momenten, die man hübsch im Busen bewahrt, um nicht bei den „liberalen" Verbandsgenossen anzustoßen. Als ferneres Bedenken hatte ich in jener Zuschrift die Förderung erwähnt, die durch unsere Beteiligung an dem Verbände d. I. der Schasfung eines Kirchenregiments, einer Synodalverfassung für die preußische Judenheit bereitet werden könnte. Ich habe hierbei bemerkt: „Welchen vernichtenden Schlag das Reformjudentum mit der Erreichung dieses seines Hochzieles — wovor der Allgütige uns schützen wird — gegen den Fortbestand unseres Bätererbes zu führen hofft, soll hier im einzelnen nicht ausgefiihrt werde». Es genügt, auf Baden, Württemberg und die Reichslande hinzuweise», um den Jammer zu vergegenwärtigen, den die kirchlichen Organisationen über das überlieferte Judentum in jenen Ländern gebracht haben. 9hm wird erwidert werden, daß der Verband mit jenem von dem Teutsch-Jsraelitischen Gemeindebund geplanten Drganisationswerke nichts gemein habe. Doch wenn dem auch so wäre, und wenn dies selbst in der bevorstehenden Versammlung ausdrücklich betont werden sollte, so würde das doch nicht die Gewähr bieten, daß nicht die Befürworter jenes Organisations- Werkes, die mit den leitenden Kreisen des Verbandes mehrfach in Personalunion st ehe n, den Behörden durch die Beteilig ungderver schieden st enKreiseder deutschen Judenheit an dem Verband den B ew eis erbringen würden, daß die deutsche Judenheit, also auch die preußische, in den wichtig st en Interessensphären heute geeint da st ehe, also auch für'die Verwirklichung der staatlichen Organisation die Reife erlangt habe. Tem entspricht ja auch eine bei jener konstituierenden Versammlung des Verbandes von einem hervorragenden Wortführer desselben und zugleich des Organisationswerkes unter dem lauten Beifall der Versammlung abgegebene Erklärung, daß es die „wesentlichste positive Ausgabe des Verbandes sei, eine wirkliche, staatlich anerkannte Organisation der Juden vorznbcreiten, und daß, sobald die staatliche Organisation geschaffen sei, der Verband sich re bene gesta auflöien dürfe." Man wolle nicht entgegnen, daß es sich vorliegend lediglich um die Erreichung einer staatlich anerkannten Organisation für die allen Juden gemeinsamen, nicht aber für die religiösen Interessen handle, da es jedem Urteilsfähigen klar ist, daß eine solche staatliche Organisation den Rahmen für die Begründung der kirchlichen Organisation der preußischen Judenheit abgeben, und daß es nach diesem ersten, gewichtigsten Schritte den Elementen, die mit Eifer an der Herbeiführung der letzteren arbeiten, viel leichter gelingen würde, ihr heißersehntes Ziel zu erreichen." Diese Befürchtung ist durch die Erklärungen des Herrn Justizrates Tr. Eugen Fuchs in seinem Referate über: „Entwicklung und Aufgaben des Verbandes d. I." keineswegs entkräftet. Tie Annahme läßt sich nicht abweisen, daß den Leitern des Teutsch- Jsrael. Gemeindebundes, die in der Schaffung einer jüdischen Synodalverfassung das Heil der preußischen Judenheit erblicken, durch die gleichmäßige Beteiligung der „Orthodoxen" und der „Liberalen" bei der Berbandsbildung ein außerordentlich wirksames Mittel zur Begründung ihres Vorhabens vor der Staatsbehörde in die Hand gegeben wird. Es ist also gar nicht notwendig, daß bet Set* banddeutscherJudendiesesZielzudem seinigenmacht. Das wird ja in vollgenügender Weise durch den Deutsch-Jsrae'l. Gemeindebund besorgt. Daß aber diesem letzteren die Behandlung der Sache durch den Hinweis auf den im Verbände sich manifestierenden einheitlichen Zug der in allen Richtungen in demselben vertretenen Judenheit Preußens wesentlich erleichtert wird, ist nicht zu verkennen. Ich habe in meiner Schrift: „Tie Verbände und das gesetzestreuc Judentum", S. 54 ff. darauf hingewiesen, wie man von Seiten der Reformführer das gegenwärtige Verhältnis zwischen uns und unseren religiösen Gegnern so hinzustellen beliebt, als gingen die „zwei Richtungen trotz ihrer Verschiedenheit in einzelnen Punkten in den meisten und hauptsächlichsten Fragen zusammen." Eine solche, die elementarste Tatsache mißachtende Behauptung hätte vor der Periode der wahrheitsverwischenden Zwitterbildungen kein Mensch den Mut besessen anszusprechen. Heute dürfen sich die Worthelden der Reform diese dreiste Verlogenheit leisten: sie sind in der günstigen Lage, sich hierbei zur Täuschung des Publikums und, was mdji minder schlimm, der Behörden, aus die Existenz jener Bereinigungen heterogener Elemente, als: Rabbinerverband, Lehrerverband, Deutsch-Israel. Gemeinde- Sund und last not least den durch sein umfassenderes und eben hierdurch auch imponierenderes Allstreten namentlich hierzu geeigneten Verband deutscher Juden, die jener wider besseres Wissen geflissentlich verbreiteten Unwahrheit stetige Nahrung geben, berufen zu können. Wie aber jenes von den Urhebern des Berbandsgedankens von Ursprung an erstrebte Ziel, falls cs je erreicht würde, dem gesetzestreuen Judentum eine lebensgefährliche Wunde schlüge, darüber dürste ich auch der Autor jenes Artikels im „Frankfurter Jsr. Fam.-Bltt." keiner Täuschung hingeben. In demselben Blatte ist in 9h:. 36 in einem: „Tas jüdische Konsistorium" überschriebenen Aufsatze zu dem Plane des D. I. G. B. abweisende Stellung genommen^, allerdings kühl bis an's Herz hinan, ohne irgendwelche Hervorhebung der schweren Gefahr, die hierdurch dem gesetzestreuen Judentum in Preußen drohst: Eine objektive Erwägung der gegenwärtigen Sachlage an der Hand obiger Ausführung müßte den Verfasser des Artikels über den Verband der d. I. zu der Erkenntnis führen, daß auch dieses zweite Bedenken gegen unsere Beteiligung an dem Verbände nicht aus der Luft gegriffen ist, indem unsere Berührungspunkte mit den Neologen im Verbände der 1>. I: nur sozialer, wirtschaftlicher oder politischer Natur zu sein brauchen und uns deswegen nicht minder aus dieser unserer gemeinsamen Berbandstätigkeit, wist dargelegt, von den Propagandisten für die Synodakverfassnng ein Strick gedreht werden kann. Es scheint aber, daß der Verfasser seine gegenteilige Bemerkung nicht entbehren konnte, iuden, sie einen passenden tlebergang abgeben sollte zu dem Hinweis auf die schon früher im „Fr. Jsr. Familienblatt" gelegentlich jener Besprechung über den „Bund gesetzestreuer jüd. Lehrer Teutschlands" geäußerte Ansicht, „daß wir bei den nun einmal unter uns Juden bestehenden, sich einander ausschließenden Anschauungen einer positiven und einer negativen Richtung es für ein dringendes Erfordernis halten, die positive Richtung, die sogenannte Orthodoxie, fest zu organisieren: wir haben aber energisch betont, d atz dieser Zusammenschluß nicht zu einer Trennung von der jüd. Gesamtheit führen d ü r f e". Ta die hiermit ausgesprochene Ansicht, seitdem uns durch die Auswüchse der Verbandsbewegung der Kampf um die Forterhaltung unserer Lebensvrinzipien aufgcnötigt worden, bei jeder Gelegenheit sich hervortut und zwar in der selbstgefälligen Pose belehrender lieber legen heit, mit der wir ermahnt werden, die Interessen der jüdischen Gesamtheit nicht außer. Acht zu lassen, so nehmen wir gerne Veranlassung^ uns einmal mit diesem „Standpunkt" etwas näher auseinanderzusetzen. -• (Fortsetzung folgt.) Die Wasserkräfte Palästinas?) Bon Ingenieur N. Willbuschewitsch, Jaffa (Palästina). Aus dem Russischen übertragen von Ingenieur I. F e i n g o l d. Obwohl schon manche Forscher Palästina in die Reihe der Länder mit mangelhafter Bewässerung setzen, so ist dieses Urteil keineswegs auch aus dem Gehalt an Wasserkräften anszudehnen. Die Wasserkräfte Palästinas sind im Gegenteil so zahlreich und» groß, daß eine ausgiebige Nutzbarmachung derselben, wohl auch für lange Zeit hinaus ansbleiben wird. In Palästina sind drei Kategorien von Flüssen zu unterscheiden: 1. Waade, das sind Flüsse, die sich in der Regenzeit bilden und deren gewaltige Wassermengen zu reißenden Strömen anschwellen, die, in tiefe» Klüften eingeengt, sich in das Meer ergießen. Diese Flüsse treten nur periodisch auf und trocknen nach Schluß der winterlichen Regenzeit wieder aus. 2. Flüsse, die mehr den Charakter eines Teiches tragen und häufig in Judäa, und Samarien zu begegnen sind. Ihrer Ausdehnung nach bilden sie schon größere Flüsse, etwa 30—l0 Meter breit, mitunter noch mehr, und mehrere Meter tief; aber das Wasser *) Veröffentlicht in der jüdisch-russijchen Monatsschrift „Ewrejskaja Shisnj" im Januarheft 1905. llm die Abhandlung möglichst populär zu halten und dabei die Uebersichtlichteit nicht zu beeinträchtigen, habe ich in den meisten Stellen die Zusammenstellung und; Berechnung der einzelnen Mesfungsdaten weggelassen, indem ich mich darauf beschränke, die Endresultate anzugeben, auch habe ich wegen Raummangel mir an manchen Stellen Abkürzungen erlaubt. Der Verfasser erklärt sich am Schlüsse des Artikelsgern bereit. Interessenten mit näheren Auskünften und Ratschlägen in dem einschlägigen Gebiete zu dienen. (Der llebersetzer.)

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