Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 48 (15.12.1905)
- Date
- 1905-12-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 48 des Frankfurter Israelitischen FamüiaMattes. x Inhalt der Beilage: Aus aller Welt. — Personalien. Au s der Lehrerwelt. — AusdenBereinen. — Ausderzioni st ischen Bewegung. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Letzten Sonntag fand im Saale des Kaufmännischen Vereins eine vom hiesigen Zentralverein einberufene Versa m in l u n g statt, um zu den Ausschußwahle» der j ü d. Gc - m c i n d e Stellung zu nehmen. Es waren über 500 Personen anwesend, und die Versammlung gestaltete sich, da auch die Gegner, Mitglieder des freisinnigen Vereins, erschienen waren, sehr lebhaft. Herr D r. Heine m a 11 n begrüßt im Namen des Zentralvcreines die Versammlung und erklärt, das; der Zentralverein nur schweren .Herzens daran ging, einen Wahlkampf in der Gemeinde zu eröffnen; er tat es erst, nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Gegenpartei keine Verständigung wünsche und bestrebt sei, die bisherige Vertretung im Vorstände noch weiter zu llngnnstcn der Konservativen zu verschieben. Der Referent des Abends,. Herr D r. in e d. W. Hanauer, geht auf die Geschichte der jüdischen Gemeinde ein. Er weist daraus hin, daß die Einheit der Gemeinde, die während des ganzen Mittelalters bestanden und die sie groß und angesehen machte, schon einnial durch die Intoleranz derjenigen, die sich Liberale nennen, gesprengt wurde. — Nun scheinen diese Herren des Freisinns ihre alte Politik der Unduldsamkeit wieder betreiben zu wollen. Die Herren von der Gegenpartei, sagt Referent, suchen den Zentralverein als orthodoxen darzustellen, nun weiß ein jeder, daß in ihm alle Richtungen vertreten sind; cs gehören ihm auch Männer an von der entschiedensten freisinnigen Richtung, nur sind sie es nicht nur dem Namen nach, sondern sie treten dafür ein, daß den Konservativen unserer Gemeinde ihr Recht nicht verkümmert werde, daß vielmehr diesem ansehnlichen Teile unserer Gemeinde seine Institutionen in öbenso freigebiger Weise dotiert und auch seine religiösen Erfordernisse gewährt werden, wie cs bei beit sogenannten freisinnigen Institutionen der Daß in diesem Punkte bis jetzt ein schreiendes Mißverhältnis bestand, beweist Redner an verschiedenen Beispielen. So erhält das Philantropin eine Subvention von 100000 JL, während dem konservativen Religionsunterricht nur 3000 JL jährlich gewährt wird. Referent fordert am Schlüsse seineriAnsführungen alle Männer in der Gemeinde, die Sinn sür Billigkeit und Gerechtigkeit, sowie für eine friedliche und weitherzige Politik in der Gcnieinde haben, ans, mit allem Nachdruck für die Kandidaten des Zentralvereins einzutreten. Lauter Beifall folgte diesen Ausführungen. Hierauf ergreift Herr Rechtsanwalt Dr. Rudolf Geiger das Wort.' Er versucht die Ausführungen der Vorredner zu entkräften, indem er versichert, daß es nicht der Verein der Freisinnigen^ war, der den Kampf heraufbeschwor; die ganze Schuld schiebt er dem Zentralverein zu, der es abgelehnt hat — die vom freisinnigen Verein aufgestellten Kandidaten zu akzeptieren . . . Ferner greift Redner den Zentralverein heftig an, weil der von demselben entsachte Streit nur den Antisemiten _ zur Freude gereichen könne. (Oho-Rufe und ironisches Gelächter.) Ferner tadelt er in den schärfsten Ausdrücken die Kampfesweise des Zcntralvereins, der mit persönlichen Angriffen gegen die freisiimigen Kandidaten vorgehe. — Das Philanthropin sei, eine. Real- und keine Religionsschule und deshalb eine Gegenüberstellung seiner Kosten zu denen des Religionsunterrichts inopportun. Eine vom Redner zum Besten gegebene Begründung des Standpunktes seiner Partei kann er nur unter lautem Widerspruch der Versammlung zu Ende führen. Dem folgenden Redner, Herrn Fritz h e i m e r, gelang cs mit seinen trcsfenden Ans- - führungen, die Versammlung zu sich immer erneuernden Beifallssalven Hinzureißen. Er kennzeichnet die Bestrebungen der sogenannten Liberalen, deren Liberalität sofort aufhört, sobald es sich um Forderungen und Erfordernisse handelt, die nicht zum Besten ihrer Partei sind. So gibt die Gemeinde für den freisinnigen Religionsunterricht 100000 JL, sür den konservativen Religionsunterricht aber nur 3000 JL aus. Die &emeinbe fjatte ferner 5000 JL zu einem Reformgottesdienst für die Feldbergbesucher übrig, als aber die konservative Religionsschule um die Erhöhung der schon erwähnten Subvention von 3000 JL auf 5000 JL ersuchte, da bekam sie einen ablehnenden Bescheid. Der Neubau eines jüdischen Hospitals ist eine dringende Notwendigkeit geworden, da das bestehende beiweitem nicht mehr den an dasselbe gestellten Anforderungen genügen kann; dafür hat die Majorität der Liberalen im Vorstande kein Geld, aber eine neue Resormsynagoge, die eine Million kosten- 65 0Q0 JL Betriebsunkosten jährlich verursachen und nur 3 Tage im Jahr besucht sein wird, soll doch erbaut werden. Ueberhaupt kosten die Institutionen der Konservativen die Genieinde ast nichts, da sie sich — wie die Gemcindcabrcchnnng lewcist — von selbst bezahlt machen, während die Einrichtungen der Freisinnigen die Genieinde sehr viel kosten. Redner geht ferner ein auf die Bestrebungen dieser Seite, die dahingehen, das Hebräische aus dem Religionsunterricht auszuschalten und den Sabbatgottesdienst auf Sonntag zu verlegen. Da wir es ablehnen, Juden christlicher Konfession zu werden, agt Redner, so müssen wir gegen all diese Bctrebungcn mit allen uns zu Oiebote stehenden Miteln ankämpsen. Mit einem warmen Appell an die Versammlung, die Kandidaten des Zentralvrreins zu wählen, schließt Redner. Minutenlanger Applaus lohnt die temperamentoollen Ausführungen. Herr D r. an e d. B ä r w a l d vertritt den Standpunkt des freisinnigen Vereins, indem er behauptet, daß die drei ausschcideuden Ausschußmitglieder nicht Konservative seien, somit der Anspruch der Konservativen, die neuen zu nominieren, unberechtigt ist. Auch er greift die Art, wie der Zentralvercin den Wahlkampf führt, an. Hierauf ergreift Herr Martin L e v i g a r d das Wort, um auf Grund eines Akteninaterials die Angreisbarkeit der Kampsesweisc der Freisinnigen darzutuu. Herr Isidor Dreifuß ergreift das Wort der Erklärung, daß die über ihn in einer Zeitungsnotiz verbreitete Beschuldigung gänzlich unbegründet ist. Diese Erklärung wird von der Versammlung mit großem Beifall entgegengenomincn. Herr Tr. Mainzer erklärt im Namen des Hrn. Rechtsanwalt Fuld, daß die Milo deshalb unterblieb, weil seine Frau aus einer Familie von sogen. Blutern stamme; also die Milo gefährlich werden könnte. Herr Iakob S. Posen erklärt, daß ihm unter 4500 Fällen nur ein einziges Mal vorkam, daß der Rimol schaden nahm. Wenn nun ein Vater, trotz der Seltenheit dieser Fälle, fürchtet, seinen Sohn in den Bund Abrahams aüfnehmen zu lassen, so hat er es mit seinem eigenen Gewissen auszuinachen, — aber cs ist absolut nicht notwendig, daß er an die Spitze einer jüdischen Gemeinde tritt. Herr D r. R u d o l f Geiger tritt den Ausnhrungen Sondheimers entgegen, indem er behauptet, >aß der freisinnige Religionsunterricht, der Reformgottesdienst und der Sonntagsgottesdienst, neben dem beizubehaltenden Sabbatgottesdienst, notwendig seien, um die freisinnigen Kreise dem Jndentume zu erhalten. Im Uebrigen sei der Sonntagsgottesdienst jetzt gar nicht auf der Tagesordnung. Herr D r. ig eine mann polemisiert ... Herren in der Weise, in dem er sie fragt, ob sie sür den Sonntagsgottesdienst sind. Dies wird mit ja beantwortet. Darauf erwidert Dr. Heinemann, daß abgesehen davon, daß der Sonntag von der Kirche zu dem Zwecke anstatt des Sabbats eingesetzt wurde, um sich voni Judentum zu unterscheiden, so wissen wir auch aus der Erfahrung, daß der Sonntagsgottesdienst dem Sabbat Abbruch tue. Da auch die Gegner die Berechtigung mancher unserer Forderungen zugeben, so haben wir allen Grund, so schließt Redner, für unsere Kandidaten einzutreten. Es sprachen noch Herr Sondheimer, Herr Joseph W i s l o ch und .Herr L u d w i gZt a tz kurz. Auch der Referent faßte sich ini Schlußwort kurz. Er sagte: Die Verhandlungen haben die Berechtigung unserer Forderungen ergeben. Auch von Gegnern konnte dies nicht ganz in Abrede gestellt werden. Wir dürfen daher guten Mutes dem Wahltag entgegen sehen. Wir dürfen hoffen, daß die Politik der Klugheit und Gerechtigkeit in unserer Gemeinde siegen werde. Um Val Uhr schloß die Versammlung, die einen Erfolg für die Konservativen bedeutete. :( ■ Frankfurt a. M., 13 Dez. Die bcutige Wahl „ ..t Ausschuß der i s r. Gemeinde vollzog sich unter lebhaftester Beteiligung; der Andrang war zeitweise so groß, daß viele es vorzogen, unverrichteter Sache umzukehren. Das Resultat ist ein Sieg der konservativen Kandidaten Max Bauer und T r. m ed. Hanauer (je 1337 Stimmen), beide mit einer Majorität von je 284 Stimmen, und des gemeinsamen Kandidaten Benny Oppenheimer. Herr Julius Carlebach erhielt 110 Stimmen, und zwar entfielen auf ihn die Stimmen derjenigen Konservativen, die mit der Kandidatur Oppenheimer nicht einverstanden waren. Es ist eine erfreuliche Tatsache, daß der erste Kampf der Konservativen solch' erfreuliche Resultate zeitigte und den Beweis erbrachte, daß das traditionelle Judentum in der Gemeinde seinen Boden noch nicht verloren hat.. Ein Weiterarbeiten auf diesem Felde dürfte noch weitere Erfolge bringen. Ein besonderer Tank für den Erfolg gebührt einer Anzahl junger Leute und den Mitgliedern der zionistischen Ortsgruppe, die getreu der Parole des Zionismus überall die Tradition verteidigen. Frankfurt a. M. Die in Nr. 47 unserer Zeitung enthaltene Mitteilung, Herr Isidor Dreyfuß habe am Vorabend des Versöhnungsfestes Einladungen zu einem Festmahle ergehen lassen und solle dasselbe abgehalten haben, beruht auf Irrtum. Wir hatten uns auf die Zuverlässigkeit des Einsenders des betr. Artikels verlassen und freut es uns, daß diese Angabe nicht der Wahrheit entspricht. Eine beleidigende Absicht lag uns selbstverständlich fern. Hannover. 13. Dez. Bei den beutigen Wahlen in der hiesigen Synagogcii-Grnicinde wurden die ansscheidenden Vorstandsmitglieder Herr T r. ni e d. S a l o m o n H i r s ch und Herr Emil L. M eher, sowie die ansscheidenden Mitglieder des R ep r ä s e n t a n t e n - K o l l e g s, die Herrn I n - lius Behrend und Louis H. Oppenheimer wiedergewählt. An Stelle des aus Gesundheitsrücksichten aus eine Wiederwahl verzichtenden Herrn Tiegm. Jacobsohn wurde Herr Louis Schönf e l d in das Repräsentanten-Kolleg gewählt. Oesterreich-Ungar». Wien. 12. Dezember. Freiherr v. Gautsch über die Rede D r. L u e g e r s. 2er Ministerpräsident beantwortete in der gestrigen Sitzung des Abgeordnetenhauses die Interpellation Dr. Vogler, Wrabetz, Noske und Genossen betressend die von Dr. Lueger als Abgeordneter in der Versammlung des christlichen Wahlvercines „Donaustadt" am 4. d. M. gehaltene» Rede. In Beantwortung dieser Anfrage, sagt der Ministerpräsident, möchte ich zunächst bemerke», daß mir der authentische Wortlaut der erwähnten Rede nicht zur Verfügung steht, ich deshalb zuni Teile auf die Berichte der Zeitungen^ zum Teile ans die Angaben angewiesen bin, die Herr Dr. Lueger selbst in der Sitzung des Wiener Gemeinderates vom 7. Dezember gemacht hat. Gerade in den entscheidenden Stellen der Rede decke» sich aber diese beiden Berichte nicht vollkommen. Wie dem aber auch sei, in der Sackst: selbst gibt es für die Regierung nur einen unverrückbaren Standpunkt, und das ist der de» Staatsgrundgesetzes, das jedem Staatsbürger ohne Ansehen der Nationalität oder des Bekenntnisses das volle Recht, sich einer beliebigen Partei anzuschließen, und den vollen Anspruch auf die Achtung dieses Rechtes gewährleistet, so lange der Boden der (Gesetzlichkeit nicht verlassen wird. Aus diesem Grunde steht jeder, wenn auch nur in hypo.h tischer Form, unternommene Versuch, auf die politi>che,i Anschauungen irgend einer Klasse der Bevölkerung einen unzulässigen Zwang aus zuüben, im Wid ersprnch e. init dem Staatsgrundgesetze. Die bürgerlichen Freiheilen müssen sür alle gleichmäßig und unterschiedslos gelten und darum kann auch jedermann bei 8er Betätigung der politischen Meinungssreiheit innerhalb der gesetzlichen Schranken des n a ch d r tt ck l i ch - " i Schutzes der Staatsgewalt gewiß n. Zu einer Beunruhigung in die- Richtung liegt demnach k e i n G r u n d Bei diesem Anlasse möchte ich nur noch bemerken, daß leider die politischen Erörterungen in Oesterreich bereits seit langem in einem sehr erregten Tone geführt werden. Würde man nach ' : u in den Ver sa in in l u»gen gehaltenen eben auf die wahren Gesinnungender evölkerung schließe», so müßte man i t u n t e r sehr b e k ü m m e r t sein. Gerade mit Rücksicht ans diese gesteigerte Gereiztheit des Parteilebens kann die Regierung nur die dringende Mahnung aussprechen, besonders in politisch so bewegten Zeiten, wie wir sie jetzt durchleben, alles vermeiden, was die Spannung stein und die nationalen oder konfesn c t C e ii Gegensätze verschärfen inte. (Lebhafte Zustimmung.) Rußland. Petersburg. Einem Berichterstatter des »Daily Telegraph", der ihn interviewte, sagte Graf Witte u. „Die Judenfrage scheint sehr einfach zu sein, i mau sie auf dem Papier erörtert. Bo» der Theorie bis zu dem Gesetze, das geschaffen werden müßte, ist der Uebergang aber sehr schwierig; wollte die Regierung selbst die Gleichheit der Juden proklamieren, so könnte sie es nicht, und könnte sie es, so würde sie es nicht wollen, denn diese Maßregel würde Blutvergießen verursachen. Die Juden würden dann um Schutz bei der russischen Regierung nachsuchen, d. h. von dieser verlangen, auf das russische Volk schießen zu lassen, und das ist undenkbar." Rnmanie« Bukarest. H. Dezember. Durchreisende Russen schildern die'Lage in Kiew als trostlos. Bisher wurden mehr als 2000 Geschäfte geplündert und ausgebrannt. Der Schaden ist unberechenbar. Mehr als 7000 früher gut situierte Fami- > lien sind an den Bettel st ab gebracht. Bukarest. 11. Dez. Die Stadt Elisabetgrad steht seit gestern in Flammen. Der Mob mordet und plündert im Judenquartier. Bukarest. 11 Dez. Aus Kalarasch wird gemeldet : Die Stadt sei eine v o l l st ä n d i g e R u i n e. Die Rowdies im Einverständnis mit den. Telegraphenbeamten sandten Telegramme an den Zaren, in