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Neue jüdische Presse · 1905-05-12 · Heft 18 (12.5.1905) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 18 (12.5.1905)
Date
1905-05-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 18 des Fraukfurtll Israelitischen FamüiMattes. Inhalt -er Beilage: Artikel: Aus den „Pirke Owaus" (Sprüche der Väter) nach dem Buche „Jsn Lwonaun" des Rabbi Naphtali Herz Wesel (Hartwig Weselly). — Aus der zionistisch en Bewegung. — Aus aller Welt. — Personalien. — AusderLehrerwelt. — „Jüdische I u g e n d". Aus den „Pirke Owaus" (Sprüche der Väter) «ach dem Buche „J«u Lwouauu" des Rabbi Naphtali Herz Wesel (Hartwig Weselly). „Mosche empfing die Tauroh vom Sinai und überlieferte sie dem Jehauschua, Jehauschua den Aeltesten, die Aeltesten den Propheten, die Propheten überlieferten sie den Männern der großen Versammlung" usw. In Bezug auf Mosche wird der Ausdruck kibel (empfing) gebraucht, während dann bis zu der Zeit der Ansche kneses hagdaulo der Ausdruck „m s o r u h o" (überlieferte) angewandt wird. Weiterhin bei der Tradition durch Antigonos tritt dann wieder das Wort kibel an dessen Stelle. So befremdend diese Unterscheidung im ersten Augenblicke erscheint, so einfach ist die Lösung bei genauer Untersuchung des Wortsinnes. „Msiroh" (Ueberlieferung) nennt die hebräische Sprache das Uebergehen eines Dinges aus einer Hand in eine andere. Eng verknüpft mit dieser Tat ist das Aufmerken des Spendenden auf die Qualifikation des Empfängers. Mkabel (Empfang) hingegen ist ein Zustand, der sich nur auf die Person dessen erstreckt, dem irgend etwas zugeteilt wird, ohne daß in ihm unbedingt bas Bewußtsein von der Existenz eines bestimmten für ihn wissenswerten Gebers obwaltet. In dieser Auffassuirg wurzelt die verschiedenfache Art der Tradition des Gottesgesetzes. Kannte der jeweilige geistige Vater -es Geschlechtes die Fähig- , leiten seiner Zeitgenossen so genau, daß er in Zuversicht das Gotteswort dem hervorragendesten unter ihnen in die Hände legen konnte und für der Tauroh Fortbestand unbesorgt sein durste, bann erfolgte die Vererbung des heiligsten Kleinodes in zielbewußter Weise aus der Hand des betreffenden großen Meisters in die des auserwählten Schülers. In dieser Gestalt sehen wir den Gang der Ueberlieferung (msiroh) vor uns in dem nachmosaischen Zeitalter von Jehoschua anfangend, bis zu den Ansche kneses hagdaulo hin. Hier erst tritt sie in das Stadium des „Empfangens" kabolo ein. Aus dem weiten Kreis der Schülergruppen traten dann Einzelne hervor, die durch die Macht ihres Wissens und ihrer Charaktereigenschaften zu geistigen Führern prädestiniert erschienen und dem Hervorragendsten, in späterer Zeit 2 Gleichbedeutenden, siel die Aufgabe der Weiterbelehrung zu. Diese Wahl war demnach unabhängig von dem Wunsche des jeweiligen Vorgängers im Amte und mußte es sein, weil nach der Zeit des Propheten Maleachi, mit dem Erlöschen der Prophetie, die Borausbestimmung des Nachfolgers, wie sie auf Grund prophetischer Voraussicht seither erfolgt war, nicht mehr angängig erschien. Wie stand es aber nun mit dem Gottesmanne Mosche? Ihm waren Loch sicher alle Tore des Sehens und Begreifens erschlossen! Seine Höhe überstrahlte doch alle späteren .Führer Israels und dennoch „Mosche kibel tauroh misinai!" Er der Herrlichste von Allen „empfing" die Lehre? — Die Sendung Mosches war unter ganz anderen Gesichtspunkten erfolgt, als die seiner Nachfolger. Bei ihm lag es nicht von dornherein in der Absicht Gottes, ihn als den Würdigsten seines Volkes zum Träger der Gotteslehre zu machen. Ganz Israel sollte ihrer teilhaftig werden, bas Volk vermied es jedoch selbst, die Gottesstimme zu hören. Seinen Führer Mosche beauftragte es mit der Mission der Belehrung. So wurde Mosche unleugbar der vom Volke auserkorene Meister des Gesetzes, der Verkünder der göttlichen Offenbarungsbotschaft und wenn es auch gewiß im Rate des Höchsten beschlossen war, ihm dieses Amt einst zu übertragen, gewählt wurde er dazu durch die Volkes stimme, unbeeinträchtigt-von über'ihm stehenden Einflüssen. Demnach heißt es von ihm mit Recht ,„kib e l Tauroh" er nahm die Tradition der Lehre auf sich misinai (vom Sinai). Dieser Ausdruck fordert unbedingt Fragen heraus. Vor allem scheint er im Widerspruch zu stehen mit dem Ausspruche des Rabbi Jause haglili, nach welchem außer bei der Offenbarung am Sinai, an Mosche auch chon früher in Mizraim und in späterer Zeit im Auhel Maned Gesetzesvorschriften zur Lehre für das ganze Volk ergingen und zwar solche, die sich nur bei diesen betreffenden.Fällen und sonst nie wieder, weder vorher noch später im Schriftworte vorfinden. Noch auffälliger ist aber die Wahl des Ausdruckes an sich. Man hätte doch viel eher erwartet: „Mosche empfing die Tauroh von Gott" zu lesen. Rabbi Jause haglili legt jedoch prinzipiell nur Wert auf die Feststellung der drei Orte, an welchen an Mosche Gesetzesoffenbarungen erfolgten, um mit Nachdruck hervorzuheben, daß nur unser Lehrer Mosche allein dort der Empfangende war, mit Ausschluß von Ahron und den übrigen Volksgliedern. Die Weisheit der Väter will uns aber hier die Weitertradition des Gesetzes darstellen, beginnend mit dem Gottesmanne Mosche, dessen Sendung bei der Offenbarung am Sinai eine vom ganzen Volke anerkannte, wahre und unvergängliche war. Nur durch Mosches Hintreten vor Gott, durch den an ihn ergehenden Ruf der Gottesstimme blieb die unerschütterliche Wahrheit des Gottesgesetzes für alle seine Nachfolger und für alle Zeiten in Israel lebendig. Nicht im Traume der Nacht, nicht in Visionen, offenkundig vor einem ganzen großen Volke wird ihm allein der Befehl der zuvor an dieses Volk in seiner Gesamtheit gerichtet war. Ein geschichtliches Ereignis von nimmererlöschender Denkwürdigkeit ist daher diese, Begebenheit am Sinai und mit der Erinnerung an sie — Mansche kibel tauroh misinai — erwacht sofort das Bewußtsein, daß nur t a u r a s mansche e m in e s, nur diese Lehre, deren Träger Mosche gewesen.die wahre Gotteslehre in sich birgt und neben ihm nie und nirgends ein Sterblicher von Gott eine Gesetzesoffenbarung erhielt. lieber Jehauschua hinweg gelangt die Tauroh an die Aeltesten. Das sind die Führer des Volkes in all den Tagen des Volkstums bis zu den letzten Propheten. Abwechselnd mit den Propheten erstehen in den Vorsitzenden des großen Gerichtshofes diese großen Führer des Volkes, deren erster nach Jehauschua wohl Pinchas gewesen. Prophetie allein ist indes nicht die Grundlage für diese geistige Führerschaft, nur.durch eifriges Studium und unablässige Selbstzucht, kann sie gewonnen werden, darum „d i e Aeltesten überlieferten sie den Propheten". Schien den Aeltesten der Prophet in ihrer Zeit der geeignete Führer zu sein, dann konnte er, aber erst dann Prätendent für diese Führerschaft werden. Die Zeitperiode der diesem Zeitalter folgenden Gesetzesautoritäten, derAnscheKnesesHagdaulo (Männer der großen Versammlung) erstreckt sich vom Auftreten Esras bis zu R. Schimeon hazadik. In gemeinschaftlicher Arbeit um die Wiederaufrichtung des Heiligtums verbunden, wachte diese Vereinigung der Edelsten — Gesetzeslehrer, Propheten und Fürsten —, über dem geretteten Taurohschatze und suchte die abgewcmdten Herzen ihm wieder zu gewinnen. Zum letzten Male gelingt es in dieser Zeit den Bannerträgern des Gottesgesetzes selbst ihre Nachfolger zu bestimmen. Schimeon Hazadik übergibt das Panier seinem Schüler Antigonos aus Sauchau, dieser sammelt Schüler in Scharen um sich. Ueber die Nachfolge aber entscheidet sein Wort nicht mehr, diese Entschließung mutz er den Nachgeborenen anheimstellen. - Aus der zionistischen Bewegung. Berlin. Wie die Zionistische Bereinigung für Deutschland uns mitteilt, sind in der „Jüdischen Rundschau", dem Organ der deutschen zionistischen Organisation, in der Zeit vom 1. Juni 1904 bis zum 30. April 1905, also in den letzten 10 M o n a t e n folgende Beträge ausgewiesen worden: Für den Nationalfonds 11539,70 JL, für Delb äume: 4297 J6, für das Nationalgeschenk: 17134,95 M. Die Gesamtsumme betrug daher in der angegebenen Zeit 32971,65 Jk ■ \ Berlin. Das Zentralkomitee der Zionistischen Bereinigung für Deutschland erläßt folgende Erklärung: „Wir erblicken iiu Baseler Programm die unerchiitterliche Grundlage des politische» Zionismus. Demnach ist das Ziel der zionistischen Bewegung die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heim- 'tätte für das jüdische Volk in Palästina. Wir lehnen daher dem Territorialismus ab, der als Ziel der Bewegung an die Stelle Palästinas ein anderes Land letzen will. Da sich da» Ostafrikaprojekt schon jetzt als undurchführbar erweist, ist e» für uns nicht erforderlich, zu dieser Frage Stellung zu nehmen. Im fiebrigen find wir der Ansicht, daß die Ausführung von Kolonisationsprojekten außerhalb Palästtnas und seiner Nachbarländer nicht Sache der zionistischen Organilatlons sein soll. Als die nächsten Aufgaben der Bewegung betrauten wir: ( 1. Aufrechterhaltung und Ausbau der angeknüpsten politischen Beziehungen. 2. Systematische Ausgestaltung unserer bereits vorhandenen Positionen in Palästina, um die realen Unterlagen und die nötige Stärkung für unsere politischen Aktionen zu schaffen. Im einzelnen erstreben wir in dieser Hinsicht: Wissenschaftliche Erforschung des Landes und seiner Verhältnisse. Förderung wirtschaftlicher Unternehmungen, Landerwerb und Stärkung der Anglo-Palestine Company. Umwandlung der städtischen Bevölkerung in ein produktives Element. Einwirkung auf die Kolonisationsunternehmungen in Palästina im nationalen Sinne, insbesondere auch im Hinblick auf die nationale Erziehung der palästinischen Jugend. Schaffung von Arbeitsgelegenheit für einwandernde Jude», soweit die Einwanderungauf legalem Wege möglich ist. -- 3. Ausgestaltung der Organisation und Ansbau der zionistischen Institutionen. 4. Unterstützung aller Maßnahmen, welche geeigyet sind, das jüdische Selbstgefühl und Volksbewußtsein zu stärken." Posen. Die hiesige Zionistische Ortsgruppe hatte auf den 29. April eine Versammlung einberufen mit dem- Thema: Aufgaben jüdischer Gemeindepolitik. Es hatten sich 150 Personen eingefunden. Der Referent, Rechtsanwalt Dr. K o t l e n s ch e r, gab zunächst einen Rückblick über die Entwickelung der jüdischen Gemeinde; aus einer Volksgcmeinde sei sie im .Zeitalter der Emanzipation, unter geflissentlicher Ausschaltung aller spezifisch jüdisch-kultureUen Interessen, zur reinen K u l t u s gemeinde geworden. Statt dessen mühte sie wieder eine jüdische Kulturgemeinde werden und zwar in organischer Anknüpfung. an die Tradition, die zugleich eine religiöse und nationale sei. Hierher gehöre die Rückkehr zur altjüdischen Form des Gottesdienstes, Reform der Religionsschulen mit besonderem Ausbau des Geschichtsunterrichtes, Einrichtung von Vortragskursen für die schulentwachsene Jugend, von Volksbildungs-, Lehrlings- und Mädchenheimen. Auch die Schaffung jüdischer Lesehallen, Bibliotheken und Archive und die Förderung der jüdischen Statistik sei Sache der Shnagogengemeinden. Ein riesiges Arbeitsfeld harre Ihrer ferner auf dem Gebiet moderner sozialphilantropischer Bestrebungen: Organisation und Zentralisation der irdischen Armen- und Wohlfahrtspflege, die von vielen Einzelvereinen nicht sachgemäß betrieben werden können; Förderung des jüdischen Handwerker- und Gewerbestandes, namentlich durch Schaffung von Spär- und Darlehnskassen und Zusammenschluß gegen den antisemitischen Boykott; Errichtung von Arbeitsnachweisen. Hand in Hand mit dieser Ausdehnung des Wirkens der jüdischen Volksgemeinde müsse eine Berwaltungsresorm gehen: direkte, gleiche und geheime Wahl zu den Vertretungskörpern, Oefsentlichkeit ihrer Sitzungen, vor allem Steuerreform. Die Kosten all der erwähnten Neueinrichtungen müßten auf den Gemeindeetat übernommen und so die vielfältigen. Bereinsbeiträge, die Synagogen- und Grabgebühren, die Religionsschulgelder usw. durch Uebcrtragung auf das Steuersoll die einzige gerechte Verteilung finden. Dann würden auch die häßlichen Standesunterschiede im Bethaus und auf dem Friedhof anfhören. Endlich müßten die Kultusgemeinden auch das Recht, sich korporativ an die gesetzgebenden Körperschaften. und an die breiteste Oefsentlichkeit zu wenden, energisch ausnutzen, und über den Kreis des Gemeindeinteresses hinaus, für alle allgemein-jüdischen Interessen, sich einsetzen. Der fast einstündige Vortrag fand wiederholt lebhaften Beifall. Tebrezie« (Ungarn). Hier hat sich auch ein zion. Verein unter dem Namen I w r i a gebildet. Vorstand des Bereins: Religionslehrer Josef Kraus.(Sohn des Oberrabbiner S. Kraus) und Ignatz Fenyoes. Budapest. Für den 21. dieses Monats ist nach Budapest (Klub „Sas", Jranyigasse 17) die Landeskonserenzder ungarischen Zionisten einberufen. Die Konferenz hat wichtige Geschäfte zu erledigen, so die Sache der Presse und der Agitation.

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