Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 17 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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gfrrtttRfmrfe* stiklitischks fimilirililatt. Ksd-Ltt-N U«d HefchLsr-stekker SranKfurl a. M.. LeWgkreuzgaffe 32. Lcke Llapperfeldstraße (gegenüber -er Neuen Peil). Herausgever: Kalg cheis. 3. Jahrgang. Freitag, -en 30. Nissan 5665 (5. Mar 1905). Ra. 17. Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter'Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. lAbonnementsPreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). Jnsertionspreise: Die Viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. Die Reklamezeile.100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis ML 8.—. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Schiller. — Das Grundübel. — Die m Wiener Rathaus. — Aus aller r Genealogie des ru us. — Feuilleton: lOstwärts). Erzählung von Samuel Gordon. — Bücherschau. —NeueBücher. —Familiennachrichten. — Barmizwohs. Nischen Kadimah Schächtdebatte i Welt. — Zu Militarism Das „Frankfurter Israel. Familienblatt" kostet: Fraukfurt a. M. (durch Postkarte bei der Geschäftsstelle des „Frankfurter Israel. Famllienblattes" zu bestellen) Mk. 1.— frei ins Haus pro Vierteljahr. Auswärts (am Postschalter zu bestellen) Mk. 1,02 einschließlich Bestellgeld pro Vierteljahr. Auch im Auslände nehmen sämtliche Postanstalten zu dem gleichen Preise — in Landesmünze umgerechnet — Abonnements entgegen. Bei direktem Streifband-Bezug von der Geschäftsstelle des „Frankfurter Israel. Familienblattes": in Deutschland Mk. 1,50, Oesterreich- Ungarn Kr. 2.—, Rußland Rubel —.80, Holland fl. 1,25, Frankreich, Schweiz, Belgien, Italien Frcs. 2,50 vierteljährlich. Schiller. Zu seinem 100. Todestag am 9. Mai. Was ist Schiller dem Judentum? Was ihm all jene gottbegnadeten Geister sind, Meister des Worts und der Tat, die der Vater der Menschheit in mancherlei Nationen erstehen läßt, zu künden und zu lehren alles menschlich Edle, männlich Große und göttlich Erhabene. Das Judentum zeigt die Vollendung edelsten Men schenk u ms. Wer für dieses begeistert und aneifert, arbeitet und wirkt, der wirbt sür seine Zwecke, der fördert seine Ziele. Das Wesen des jüdischen Geistes wurzelt in der Freiheit. Das jüdisch Volk hat sie zum erstenmal verkündet, ihre erlösende Kraft zum erstenmal erfahren. Und keiner .sang so begeistert von der Freiheit Größe, redete so machtvoll von ihrer Herrschaft, von dem Rechte des Menschen an sie und von der Pflicht, sie zu erringen. Darum begeistern sich an Schillers Freiheitsliedern die Söhne jenes einzigen Volkes, das noch immer sie ersehnen muß, sie erstreiten will zu seinem und der Menschheit Heil. ' . Der Grundzug des jüdischen Gesetzes ist Recht Und Gerechtigkeit. Schiller ist der mutigste Kämpfer für. diese kostbarsten Güter. Darum erhebt sein flammendes Wort das Herz des Juden, der da in Ewigkeit kämpft für Recht und Gerechtigkeit, ein ewiges Exempel für des Dichters höchstes Streben. Die Weltanschauung des Judentums ist auf der Anerkennung einer göttlichen Weltordnirng gegründet. Und derselbe Geist durchweht die Schöpfungen Schillers, der diese tröstliche Erkenntnis zum erhabendsten Ausdruck gebracht. Mit Ehrfurcht blickt darum der jüdische Mensch empor zu Schillers sittlichem Ideal, bas ihm ein Widerschein ist des höchsten Ideals, das sein Judentum als .Hochziel gesteckt. Dem Judentum ist das Los zugefalle», der Vertreter des I d e a l i s m u s zu sein, durch seine Lehre und durch sein Geschick, zu allen Zeiten, in allen Zonen. Schiller ist der Dichter des Idealismus; darum steht er uns so nah, darum gedenken wir seiner mit Achtung und Ehrfurcht. Denn >ver im Namen der Menschheit für Recht und Gerechtigkeit, sür Freiheit und Sittlichkeit kämpft, den sieht das Judentum als seinen Bundesgenossen an. Schiller ist vielleicht der größte, sicherlich aber der edelste Dichter der deutschen Nation. Es gedenke» nun seiner in Treue und Dankbarkeit, überall so weit die deutsche Zunge reicht, ja überall, wo menschliche Herzen sür das Ideale sich begeistern können. Und so nzmnrti der Jude freudig teil an diesem allgemeinen feierlichen Gedenken. Er huldigt dem Genius, der Großes vollbracht und preist in Andacht den Geist aller Geister, der einen solch Herrlichen erstehen ließ. Er lernt aber nun noch treuer festzuhalten an den eigenen Idealen, die er in so herrlichen Brechungen in Schillers Geist erschaut. „So bleibt er uns, der nun vor hundert Jahren Von uns sich weggekehrt! Wir haben alle segenreich erfahren. Die Welt verdank' ihm, was er sie gelehrt. Schon längst verbreitet sich's in ganzen Scharen Das Eigenste, was ihm allein gehört. Er glänzt uns vor, wiein Komet entschwindend. Unendlich Licht mit seinem Licht verbindend." Benno Fischer. ■ Das Grundübel. Zur gegenwärtigen Lage der russischen Juden. Der Czar wird gnädig; — er gedenkt, wie sein allerletzter Erlaß lautet, alle im russischen Reiche lebenden Nationalitäten jeglicher Konfession einschließlich der Jasicniki (Heiden) mit weitgehenden Glaubensfreiheiten und Rechten zu beschenken. Es soll hier nicht untersucht werden, ob es dem Czaren ernstlich darum zu tun ist, seinen entrechteten Untertanen einige der ihnen zustrhendcn Rechte zu gewähren, oder ob dieser Schritt nur als ein Äefänftigungsmittel für die unzufriedenen, in der Revolte sich befindenden Massen aufgefaßt werden darf. Verpflichtet doch bei dem russischen Regierungssystem, ein Versprechen noch zu nichts! Jedenfalls haben die prekären Verhältnisse viel zu diesem Schritte beigetragen. Soweit das Verhalten der Regierung gegenüber den anderen Nationalitäten! — Und die Juden? Welche Erleichterungen — wenn auch nur aus dem Papiere — haben sie erhalten? Fast keine! Der Toleranzerlaß des Czaren erwähn tmit keinem Worte die jüdische Religion! Allein Anschein nach geht die russische Regierung in vorbedachter Weise vor; hat sie doch zur selben Zeit, wo sie den andern Nationalitäten mit Rechten kommt, es für richtig erachtet, im „Regierungsboten" das bekannte, berüchtigte Plaidoyer des patentierten Großantisemiten Schmakow im Homcler Prozeß gesperrt zum Abdruck zu bringen und noch mit zustimmenden Bemerkungen zu versehen; sie will ganz einfach die Juden von den Rechten aus schalten! Was ist daraus zu folgern? — Der Antisemitismus der russischen Regierung, so wird mancher sagen, ist an dieser Politik schuld. Allein an Antisemitismus — offen und versteckt, uich der versteckte ist noch schlimmer als der ofsene — mangelt es nirgends, auch nicht in Westeuropa; es genügt da grade jetzt ein Hinweis auf die soeben in zweiter Lesung mit Zustimmung der Liberalen im englischen Unterhause angenommene Fremdenbill (lies: Judenbill) und auf das gleichfalls vor einigen Tagen beschlossene Schächtverbot in Wien. Käme es auf den guten Willen der Regierungen an, so ginge es den Juden mancher Länder noch viel schlechter als jetzt. Glücklicherweise ist jedoch das bloße Wollen hier wie dort nicht alles. Die russische Regierung gewährt den Polen und Finnen Erleichterungen, nicht weil sie will, sondern weil sie muß. Sind doch die Polen und Finnen, ein jedes dieser beiden Völker, solidarisch untereinander und stehen wie ein Mann da! Sie bilden mithin eine Macht; die geschwächte Regierung muß mit ihnen rechnen und tut es auch. Und die 5 Millionen Juden Rußlands, die stellen nicht eine Einheit dar; gibt es doch schon Russen mosaischer Konfession, Polen m-'saischer Konfession u. dgl. mehr und nur wenige Juden jüdischer Nationalität mosaischer Verfassung. Hat so doch vor kurzem bei einer Petition an das Ministerkomitee betreffs der Gleichberechtigung der Juden der Vorstand der jüdische Gemeinde in Warschau, der größten jüdischen Gemeinde Rußlands, erklärt: Wir sind Polen und wollen als solche behandelt werden. (Daß sie es nicht sind und nicht als solche von den Polen angesehen werden, braucht nicht gesagt zu werden. Wohl vernimmt man hier und da polnische Stimmen vonder Gemeinschaftlichkeit der Juden mit den Polen; allein das geschieht nur so lange es eine gemeinschaftliche -Not der Polen und Juden gibt; sobald aber die Not der Polen aufgehört hat, hat auch ihre Gemeinschaftlichkeit mit den Juden aufgehört.) DieseZersplitterung der Juden kennt die Regier rung und handeltdemgemäß. „dlabrwaieb umachiwaich mimaich jezeu“, deine Zerstörer und Verderber werden aus deiner Mitte entstehen! Diese harte Prophezeiung des Propheten hat sich leider noch bis heute bewährt; auch die russischen Juden haben ' nichts aus der