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Jüdische Rundschau · 1935-07-19 · Heft 58 (19.7.1935) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 58 (19.7.1935)
Date
1935-07-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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2Z 7.1935 / Nr. 58 /' Jahrgang 40 Preis 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSCHAU Schrlftleltung, Verlag a« An zeigen verwaitangt BerllnW15,Melnekeetr. 1® Fernnil: Sammcl-Nr. J 1 Bismarck 3181/82, 7165/70, 7240/42. — Bezugspreis einschl• Bestellgeld je Monat R.M 2,-, je Vierteljahr HM 5,75, hoi Abholung HM 1,88 bzw. RM 5,39. - Postscheck-Konten der Vertriebs Abteilung: Berlin 71573{hir Gr.-Berlin), Berlin 17 392 (für das übrige Reich). — Erscheint Jaden Dienstag and Freitag• BERLIN י״ה חמוז תרצ״ה FREITAG, 19. JULI 1935 Anzeigenpreisliste Nr. 2 gültig. Die 12 geep. mm-Zeile 20 Bpf, lür Familien• nachrichten 15 Rpf. Einzelanzeigen nur bei Vorauszahlung auf Postscheck ״ Konto Berlin 71618 oder har Montag bis Donnerstag 9-18 Uhr, Freitag 9—16 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag ■Ausgabe Montsß 10 Uhr, für die Freitag♦ Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familienanzeigen am Tag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt ftlr das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich ■ rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) wei Todestage Führer zur jüdischen Wiedergeburt R. W., auf der Reise, 17. Juli In dieser Woche, wo nach alter Tradition Trauer• tage unseres Volkes beginnen, jähren sich auch zwei Trauertage jüngeren Datums. Wir begehen am 20. Tammus (diesmal - 21. Juli) zum 31. Male den Chaim Nachman Iiiulik F oto : Archiv . ffccH .W• . mm Todestag Theodor Herzls, und am 21. Tammus (diesmal 22. Juli) zum ersten Male den Todestag Chaim Nachman B i a 1 i k s. Dreißig Jahre war es in volksbewußten jüdischen Kreisen Brauch gewesen, in diesen Tagen über Herzl und das Erwachen des jüdischen Volkes zu nationalem Wollen zu sprechen. Voriges Jahr traf uns das Unglück des Hinscheidens Bialiks, allen Lebenden iiocli in Erinnerimg; es ist, als ob das besinnliche Thema dieses Gedenkens einer Erweiterung und Ergänzung bedurft hätte: Von nun an reiht sich an den Herzltag der Bialiktag, und den Rückschauenden verkörpern sich in diesen zwei Gestalten zwei Seiten eines Vorgangs, die innig und unlösbar zusammengehören. Große Persönlichkeiten eines Volkes sind dessen geistiger Besitz auch nach ihrem physischen Tode. Werden sie dahingerafft, ist der Schmerz tief und aufwühlend, der Verlust grausam und unerträglich. Von dem Jammer, der das wirklich fühlende Volk bei Herzls Tod ergriff (die entfremdeten Kreise, besonders des Westjudentums, standen verständnislos abseits), wissen die meisten unserer Generation nur aus Erzählungen und Berichten. Die Trauer bei der unerwarteten Nachricht von Bialiks Tod haben wir alle mitgemacht; diesmal hatte die Nationaltrauer schon ein örtliches Zentrum in Palästina, wo Bialik gewirkt hatte und wo er unersetzlich ist. Der Tod eines solchen Mannes ist keine Privatsache mehr; er wird zum nationalen Ereignis von großer Tragweite. Aber wenn wir erst einmal uns dem Schmerz hingegeben haben, beginnt die Besinnung auf das, was unverlierbarer Besitz ist. Die Männer, die im Leben Führer und Erzieher waren, sind Erzieher auch nach ihrem Tode. Darum ist es für die wechselnde Reihe der Nachgeborenen unerläßlich, sich immer wieder mit ihnen zu beschäftigen und innezuwerden, was sie uns waren — was sie uns sind. Herzl und Bialik! Was vereinigt die beiden, was trennt sie? Wir wollen auch bei solchen Anlässen die Legendenbildung und Beschönigung vermeiden. Es trennte sie vieles. Herzl hatte von der Welt, die Bialik in Vollendung repräsentiert, so gut wie keine Ahnung, und Bialik hielt nicht viel von Herzls Versuchen und Wegen, hierin völlig ein Schüler und Anhänger Achad Haams, der nach Herzls Tod den Wert seiner Personlichkeit für das Volk würdigte, aber Herzls Werk nicht als jüdisch wesentlich empfand. (״Die Erlösung des jüdischen Volkes wird von Propheten ausgehen, nicht von Diplomaten.“) So sehr also die beiden sich selbst voneinander abgrenzten, für u n s gehören sie zusammen. Denn wir wissen, daß für die Auferstehung des Volkes beide Elemente erforderlich sind, und es wird im Grunde darauf ankommen, ob es gelingt, ihre wirkliche Synthese zu finden, Form und Inhalt der künftigen jüdischen Gemeinschaft. Dreißig Jahre liegen zwischen den beiden Todestagen: just das, was man ״eine Generation“ nennt. Aber es ist nicht der Gegensatz zweier Generationen zwischen ihnen. Denkt man an das Problem ״Väter und Söhne“, so würde eher der um 13 Jahre jüngere Bialik die Welt der ״Väter“, Herzl die der ״Söhne“ repräsentieren. Die einzigartige Situation des jüdischen Volkes bringt es mit sich, daß bei uns Entwicklungsstufen nicht so einfach zeitlich zu bezeichnen sind. Denn die einzelnen Teile des Volkes hatten verschiedene äußere und innere Schicksale, und unser Problem besteht ja zum guten Teil darin, diese durch die Verschiedenheit des Schicksalsweges auseinandergelebten Teile wieder zusammenzubringen. Man könnte, wenn man sich eines populären, wenn auch nicht exakten Sprachgebrauches bedienen will, von ״Westjuden“ und ״Ostjuden“ sprechen, ln dieser Hinsieht sind beide Männer geradezu ideale Repräsentanten eines jüdischen Typus (freilich nicht so, wie die ]andläufige Karikatur diese Typen sehen möchte). In ihnen hat die positive Gestalt des Westjuden und des Ostiuden ihre Krönung gefunden, kurz bevor die Fundamente beider Welten zusammenbrachen. Theodor Herzl ist ein echter ״Westjude“. Er ist durch die Schule Europas durchgegangen, war in der Hochblüte des Liberalismus und der Assimilation ein Liebling der Salons und der Gesellschaft, ein Exponent des Bürgertums des 10. Jahrhunderts, ganz und gar ein Kind seiner Zeit. Diesem europäischen Liberalismus mit seinem Ideal der Persönlichkeit hat er auch, worauf meines Wissens Adolf Böhm als erster hingewiesen hat, jenes Gefühl für Menschenwürde zu verdanken, das ihn sich aufbäumen ließ gegen die dem Judentum zugefügten Kränkungen. Herzl wurde durch den Antisemitismus zu jüdischem Selbstbewußtsein erweckt; aber er erkannte sofort die Leere und Wirkungslosigkeit einer dialektischen ״Abwehr“; er hatte den Mut, den tieferen Gründen des Antisemitismus nachzuspüren, und so gelang ihm der Blick in die wirkliche Tragik der jüdischen Lage. Es gab immer neben den ״Abwehrjuden“ auch solche, die damit kokettierten, am Antisemitismus auch ״etwas Richtiges“ zu finden und dann sich selbst von den ״jüdischen Unarten“ abgrenzten oder den Juden zu redeten, sich zu bessern. Sie sind nicht besser als die Abwehrjuden. Ganz anders Herzl. Er erkannte die objektive Judenfrage, die ganz unabhängig war vom Willen oder Benehmen des einzelnen Juden, und so verstand er, daß es darauf ankam, die Bedingungen des Lehens dieser Gemeinschaft zu ändern. Er rief die Juden zu gemeinsamem Wollen auf. Auch wenn man unterstellt, daß vieles aus dem Denkschatz der europäischen Nationalbewegungen des 10. Jahrhunderts ihm zugute kam, bleibt noch des Originellen genug, denn einzigartig und ohne Präzedenzfall war und ist die Lage der Juden. Obwohl zu Herzls Zeit der Antisemitismus noch in den ersten Anfängen steckte, sah Herzl die zwangsläufige Entwicklung voraus. Sein Ehrgefühl empörte sich, und so lehrte er die Juden, daß cs nicht nötig sei, nur zu kriechen, zu winseln, sich zu tarnen, sondern daß sie freie Menschen sein können, wenn sie sich erst einmal als freie Juden fühlen. Vom Judentum wußte Herzl nur wenig; er war ein Gläubiger des ״Fortschritts“, der Moderne, und so war auch sein Zukunftsbild des ״Juden- Staates“ mehr ״allgerneinmenschlich“ als jüdisch. Auch in dieser Hinsicht gehörte Herzl zu dem am weitesten assimilierten Typ des Westjuden, jener spezifischen Art, von der sovielc von sich selbst annahmen, sie seien gar nicht mehr jüdisch. Von jener äußersten Peripherie ist Herzl zurück gekehrt; und je größer die Spannung, um so stärker die zentripetale Kraft, die sie erzeugte. Durch Herzls Antrieb ist das jüdische Volk zu sich selbst gekommen und hat den Weg des Lebens angetreten. Aber was ist dieses Leben, und was ist im Theodor Herzl Folo; Jüd. Verlag, Berlin Grunde dieses Volk selbst? Herzl vermochte darauf keine Antwort zu geben. Bedingungen ändern — so sagte er. Aber wenn die Bedingungen geändert sind, was dann? Wer wird das Volk formen, was wird der Inhalt seines Seins? Wir fragen das heute noch stärker als vor 30 Jahren. Die Renaissance eines Volkes kann sich niemals rein politisch vollziehen. Der Politiker, der vom grünen Tisch dekretierte, stieße ins Leere. Nur wenn das, was der Politiker tut, in den Tiefen der Volksseele verankert ist, wenn es dort vorborgen und verschüttet lebt, wenn die Sehnsucht riesengroß ist, dann kann der Politiker den reifenden Kräften die Richtung geben. Aber diese Sehnsucht und diese seelischen Energien liegen nicht brach und still; sie strömen aus in Wort und Gedanke, in Lied und Dichtung. Das jüdische Volk zumal ist das Volk des Buches und einer alten literarischen Tradition. Und in jenen Teilen des Volkes, die ungebrochen, in geschlossenen Massen Zusammenleben, hat Dichtung und Buch größte Gewalt. Und all der Reichtum der Uebcrliefcrung und alle Kraft, das Fühlen der Volksseele laut werden zu lassen, sammelte sich in unserer Zeit . von den ״Westjuden“ fast unbemerkt in der Gestalt Bialiks. Er kam nicht von außen, war kein Entfremdeter. Er trug das Erbe der Jahrhunderte, und er lebte Gemeinschuft; Volk war für ihn eine unmittelbare Wirklichkeit der zusammen Lebenden und Sorgenden, der die gleiche Sprache des Geistes Redenden. Herzl defiliierte das Volk als eine Menschengemeinschaft, die durch einen gemeinsamen Feind ziisammengehaiten wird (hier in nuce die ״Freund-Feind-Theorie“ des modernen deutschen Staatsrechtlers Carl Schmitt); eine solche Definition wäre Bialik niemals eingefallen, für ihn existierte das jüdische Volk kraft eigenen Lebens und nicht ״auf Kündigung der Feinde“, weil es eine Fülle zu tun, zu denken und zu dichten hat, eine Ueberlieferungsgemeinschaft, die unter einem bestimmten göttlichen Gesetz steht. Bialik, der ״Ostjude“, hatte die geistigen und ethischen Mächte des alten Judentums in sieh, und er wußte auch, daß sie von Schlacken gereinigt werden müssen. Und vor allem: er hat dem Volk seine verlorene Sprache wiedergegeben. Bialiks Hebräisch ist der <

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