Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 50 (26.6.1925)
- Date
- 1925-06-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 442 JUEPISCHE RUNDSCHAU Nr. 50 1 Wasser AI» die Krlcgsnot Europaanfiel, lernten die Menschen vielerlei entbehren, du» ihnen bi» dahin als unentbehrliche Lebensnotwcndlgkcit erschienen war; vieles, da» sonst von Mcnschcnkralt hergestellt oder von einem Lande zum anderen «bracht worden war, blieb aus, und man mußte lernen, zu verrichten oder »icb mit Ersalzstotfcit zu begnügen. Aber che Dinrc, weiche die Natur ohne Hille des Menschen hergibt, büelien unvermindert: die Wiesen grünten aufs ncue in jedem Jahr, die Bäume wuchsen und trugen Blüte, und die Wasser de» Himmels strömten, tränkten die Fluren und boten »ich dem Gebrauch des Menschen dar. Was auch immer der europäische Mensch entbehren mußte: Wasser zum Trinken, zum Reinigen »eines Lebens und »einer Umgebung, zur Ausübung »eines Gewerbe« fehlte ihm nie. Und er kann sich wahrscheinlich nicht einmal vorstellen, was es bedeutet, auf dieses Orundelcmcnt des Lebens verzichten zu müssen. Wir in Jerusalem wissen, was es bedeutet. — Für uns ist die Frage: sind die Brunnen gefüllt? eine Grundfrage unseres Lebens, unserer Oesumlhcit und Arbeitsmöglichkcit. Und das Schicksal will es, daß diese Frage In den letzten Jahren so drohend ernst geworden ist, daQ jedes Kind sogar voller Sorge auf die Antwort wartet. Schon in den letzten Jahren waren verhältnismäßig geringe Regenmengen niedergegangen, und gegen linde des Sommer» waren die Urunnen der Häuser leer, und mau war auf die rationierten Wassermcngcn angewiesen, welche die Regierung hus den Öffentlichen Wasserleitungen verteilen ließ, um ho sehnsüchtiger warteten wir auf die Winterregen. Aber der .Winter schritt vor, und außer einigen kurzen Regenschauern dauerte die Trockenheit fort. Als Dezember, Januar und l ebrnnr vorbeigingen, ohne uns Regen zu bringen, wurden vir alle von Furcht ergriffen. Wir gingen an jedem Morgen hinaus, um nach den "Zeichen des Himmels zu sehen, aber an jedem Morgen fanden wir neue entmutigende Erscheinungen: Zuerst blies tage-, wochenlang ein kalter, staubbebdencr Ostwind von der Wüstcuscitc her, der alle Regenwolken herrisch verscheuchte und unsere Säfte ausdörrte. Dann, als der Wind nach Norden umsprang, trat eine für Palästina ganz ungewöhnliche Erscheinung ein: es wurde so bitter kalt, daß alles Wasser sofort gefror und wir zu der Zeit, zu der wir in anderen Jahren durch Tümpel und Sturzbäche gewatet waren, über steifgefrorenen Sand und Eiskrusten .gingen. Als der Trost, unter dem wi«' In unseren steinernen, ofenlosen Häusern furchtbar litten, endlich gebrochen war, trat ein allzu früher warmer und sonniger Frühling ein, .und wenn ».ich an dem Frühlingshlmmcl Regenwolken bildeten, so saugte die sommerliche Wärme sie ans, ehe sie sich (Iber der schmachtenden Erde öffnen konnten. Und inzwischen war die Regenzeit fast vorbei, die Brunnen standen leer, und die Menschen, die sonst um diese Jahreszeit genügend Wasser aus den Zisternen an ihren Häusern schöpfen Konnten, standen — wie sonst Im September oder Oktober — stundenlang an den öffentlichen Brunnen, um ein streng rationiertes Mall an Wasser zu erhalten. l>ic Regierung erwog dir Entziehung der W.issrrllefrriiiig nu gewerbliche Betriebe, Haus- und HandcUgärten und Bauten, und Taiiscnde von Menschen sahen das Gespenst der Arbeitslosigkeit vor sich. Es verlautete, dafl die Regierung Projekte für Herbei- Schaffung von Wasser aus entfernteren Gegenden erwog und wegen ihrer Kostspieligkeit wieder verwarf. In den arabischen Dorfern begannen Bauern, ihre Gemüsefelder mit schmutzigen Abwässern zu tränken, und zu der allgemeinen bangen Spannung gesellte sich die Furcht vor Seuchen. In den ausgedörrten Gehirnen der Menschen begann allerlei feindlicher Aberglaube zu spuken wie zu Kriegs- und Pcstilcnzzcitcn. In den Synagogen wurden Bct- und Fasttage angeordnet, an denen die Frommen gemeinsam um Wasser zum Himmel flehten, und an der Klagemauer ertönte immer häufiger aus dem Ocmunnel der Betenden das Wort „Majim" wie ein Schrei hervor. l-julllch, unmittelbar vor Pessach, nls die Erscheinung des Regens schon fast unglaubhaft geworden war, am Tage nach der Univcrsitätscröffnung, die im blendenden Sonnenschein aut der Höhe des Skopus gefeiert wurde, öffneten sich plötzlich die Schleusen des Himmels. Drei Tage und drei Nachte lang ging der Regen nieder, von den Bewohnern Jerusalems und der umliegenden Dörfer mit wahrer Seligkeit begrüßt. Touristen, die In ihrem Unverständnis den Regen verwünschten, der sie in ihrem Vergnügen störte, begegneten dem Unwillen der Bevölkerung. In dem Willen des Menschen, das für ihn Günstige zu glauben, gab man sich eine Weile lang einer Freude hin, als ob nun jeder Anlaß zur Sorge geschwunden wäre. In Wahrheit hat dieser Spätregen, so dankbar wir ihm sein müssen, den Ernst unserer Lage nur etwas gelindert, aber nicht gehoben. Schon jetzt, Anfang Juni, da wir vielleicht noch ein volles Halbjahr ohne Regen vor uns haben, sind die Zisternen an den Häusern leer oder nur zu einem geringen Teil gefüllt. Die Mehrzahl der Bewohner ist auf die Wasserentnahme aus den öffentlichen Wasserleitungen der Stadtverwaltung angewiesen und hier entwickeln sich Srcncn. wie man sie sonst eist im späten Herbst beobachtet. Hier stehen die Menschen, nachdem sie ihre liimcr oft schon vor Tagesgraucn In Reihe und Glied gestellt haben, schon stundenlang vor Oeffnung des Brunnen und stundenlang nach seiner Ocffnung durch einen städtischen Beamten, um ihr geringes Wassermaß zu erhalten. In der Reihe der Wartenden sieht man ausgehungerte Kinder, hochschwangere Frauen, Blinde und Greise, die nach stundenlangem Warten die schweren Wasscrcimcr fortschleppen in ihre olt weit entfernten Wohnungen. Da findet man auch junge oder ältere Hausfrauen aus Deutschland oder Polen, die sich in ihrem HcrkuiilHtandc von solchen Lebensmühen nichts hätten träumen lassen. Hier traf ich auch eines Tages «inen den Lesern dieser Zeitung wohlbekannten Gelehrten und Schriftsteller, der auf dem Rande seines Wasscrcimcr» hockte und sich die stundenlange Wartezeit durch das Studium eines wissenschaftlichen Werkes kürzte. Bei dieser Wasserverteilung .gibt es fast täglich förmliche Schlachten zwischen den Wartenden, bei denen die scharfen Kanten der BJcchcimcr blutige Wunden schlagen. Da gibt es auch viel Erbitterung gegen Willkür städtischer Beamten und Fälle ausgesprochener Zurücksetzung der jüdischen gegenüber den arabischen Wasscrholcnden. l>ic Folgen des Wassermangels und de» ungeheuren Zeitverlusten beim Wasserlinien schneiden tief in das Leben der Familien ein. Noch ist es zum Glück möglich, dein Bau- und Fabrikbetrieb ein gewisses Quantum Wasser zu sichern, und der Schrecken der Arbeitslosigkeit für Hunderte, wenn nicht Tausende, konnte vorerst noch abgewendet werden. Aber viele kleine Hausgewerbe, die auf Wasser angewiesen sind* wußten eingestellt werden; besonders fühlhar Ist da» Im Falle der Frauen, die im Winter als Waschfrauen ein kümmerliches Auskommen fanden. Auch den Haus- und Gemüsegarten mußte das Wasser entzogen werden, darunter dem iciiönen genossenschaftlichen Oartenbctrieb der ArbeiterlnnenOrganlu ionIm Viertel Rechawjih. (Es ist bei solchen Verhältnissen kein Wunder, wenn man über den Mangel an Hiuscrärtcn in Jerusalem klagt - wer mag sich die Mühe nehmen, zu pflanzen und zu pflegen, wenn er schließlich zur Erntezeit •eben muß, wie seine Pfleglinge zugrunde gehen 1) " * Daneben hat der schwere Verlust an Zelt noch andere ernste Folgen: Leute, bcsonJcrs Frauen, die in Arbeitsstellen sind, versäumen sich, bleiben aus oder kommen zu spät, weil nie, mit Ihrem Hause Wasser /.u verschaffen, koslharc Morgenstunden verlieren müssen. Die Lehrer klagen daiüber, dnO die Kinder die Schule versäumen oder zu spät und übermüdet kommen, weil sie beim Wasscrholcn helfen mußten. Wenn man die Wohnungen der Elendsviertel betritt, so findet man allenthalben eingeschlossene kleine Kinder und Säuglinge, die stundenlang ohne Aufsicht und Wartung bleiben, well die Mutter zum Wasscrholcn gehen mußte, und es ereignen sich Fälle, in denen die Mutter bei der Heimkehr ein Kind unter seinen Kissen erstickt oder aus dem Bett gefallen findet. Wer wagt es, von der angeborenen UiKaubcrkcit de» Orientalen zu sprechen und ihn um ihretwillen zu einem minderwertigen Wesen zu stempeln? Er möge einmal hineinsehen in das Jerusalcmcr Armutsviertel; gewiß, da gibt es schmutzige Fußböden und Fenster, schmutzige Kinder In schmutzigen Kleidern — aber wie soll eine ausgehungerte, schwache oder schwangere Frau Haus und Kinder rein erhalten, wenn sie an jedem oder gar an Jedem zweiten Tage nur einen einzigen Eimer Wasser zum Trinken, Kochen, Waschen und Putzen crhaltl Acrztc und Saugllngspltcgcrlnnen in Jerusalem bemerken In diesen Monaten eine bedenkliche Verschlechterung der Ocsundhcitsvcrhältnisse und Zunahme der Sterblichkeit unter den Kindern — wieviel davon ist wohl dem Wassermangel /ii/iisrhreihcu? Wie tief die Not auch sein mag — es gibt fast Immer eine noch tiefere Stufe, und es scheint, als sollten wir in diesem Sommer bis zum Fuße der Elcndslcilcr gelangen. Wenn auch schon in vergangenen Jahren das Wasser knapp und seine Beschaffung zeitraubend war, so halte mau doch immer diesen Vorteil: man erhielt es umsonst. Ein bestimmtes Wnsscrminiiiiuiii war auch dem Acrmstcii gesichert. Nun aber hat die Verwaltung damit begonnen, das Wasser zu verkaufen, und damit gehen stellenweise die sozialen Verhältnisse einem rapiden Niedergang zu. Ein Eimer Wasser kostet nunmehr einen halben Piaster -- eine Zahl, die dann erst verständlich wird, wenn man sich klarmacht, daß in Jerusalem Hundertc von Familien mit mehreren Kindern ein Tagcscinkonimcn von 5—10 Piasler haben, abgerechnet die Tage der Krankheit und Arbeitslosigkeit des Verdiener«, an denen man überhaupt keinen Piaster ins Haus bekommt. Die Folge dieser Maßnahme kann man sich %'orstellcn: man übt äußerste Sparsamkeit im Wasserverbrauch, und da Menschen, deren Nahrung zum größten Teil aus Brot und Wasser besteht, am Tilnkwasser nicht sparen können, ohne zu verschmachten, so erfolgt diese Sparsamkeit auf Kosten Jeglicher, auch der. elementarsten Reinlichkeit. Selbst das Höchstmaß des erhältlichen Wassens: sechs Eimer pro Woche zu 3 Piaster — reicht absolut nicht bin, um Körper, Kleider und Stuben, geschweige denn Treppen und Höfe sauber zu erhalten, aber da Menschen, die arbeitslos und Bettler sind, oft außer Stande sind, auch nur diese .drei Piaster an einem Tage zu erlegen (die Wasscrkarien müssen nämlich an einem Tage für die ganze Woche gekauft werden), so können eben viele nur -1 oder 3 Eimer pro Woche erschwingen, und wenn »Je am Kniiltngc der Wnsscrknrtrn gerade keinen Piaster im Hause haben, so bleiben sie eine Woche lang überhaupt ohne Wasscrl Aber infolge gewisser ziemlich unverständlicher Bestimmungen der Stadtverwaltung können auch andere Umstände veranlassen, daß eine Familie eine volle Woche lang und mehr ohne einen Tropfen Wasser bleibt. Am Verteilungstage der Wochenkarten muß nämlich jeder Haushalt einen besoderen Vertreter in das Stadlvcrwaltungsamt schicken — der Einkauf der Karten durch Freunde oder Verwandte, die nicht zum Haushalt gehören, ist nicht gestattet. Und wenn nun die Frau — während der Mann verreist oder auf Arbeit ist — krank oder von den Kindern unabkömmlich Ist (der Weg zur Stadtverwaltung und das Warten dort nimmt mehrere Stunden Zeit in Anspruch), oder wenn ein Alleinstehender, der einen Beruf hat, keine Erlaubnis >u allwöchentlichen Ausgängen erhält — bo steht das I laus eine Woche lang ohne Wasscrl •Aber auch im besten Falle verlieren die Leute, um für ihr — ach so kostbares! — Ocld ein winziges Maß an Wasser zu erhalten" In der Stadtverwaltung und am Brunnen viele Stunden ihres Arbeitstages. Ja, viele Hausfrauen, die gern eine Arbeitsstelle ausfüllen möchten, können das Haus nicht verlassen, da niemand von einem Mal zum andern weiß, zu welcher Stunde die öffentliche Wasserleitung geöffnet wird. So häufen sich in den Häusern von Jerusalem von 'lag zu Tag mehr Schmutz, Krankheitsstoffe und Elend. Dabei sind wir erst im Beginn des Juni - und keine Möglichkeit, daß vor Dezember neuer Regen die Brunnen füllt I Es schrliil, daß die Not erst bis aufs äußerste wachsen muß, che man daran gehen wird, einer täglich an Bewohnerzahl wachsenden Stadt das Orundelcmcnt des Lebens zu bcschufen. Helene Hanna Thon. Ein Iiitcressaulrr Prozcss . .Urc.8.,a^- 0-T.A.) Das Große Schöffengericht brim Amtsgericht Breslau verhandelt am 17. Juni einen Itclcidigungsprozeß, den der Vorsitzende der Brcslaucr Zionistisehen Vereinigung, Herr Rechtsanwalt Jacobsohn gegen den Redakteur der „SchlcsIsche n Volksstimme", Dr. Ilcrrmann, angestrengt hatte. Die Staatsanwaltschaft hatte Anklage erhoben wegen Beleidigung der deutschen Juden In ihrer Ocsamthcit. Der Beleidigung Lig folgender Sachverhalt zugrunde: Rechtsanwalt JacoWni hatte in der „Jüdischen Zeitung für Ostdeutschland" einen Artikel „Ostjudrn in Deutschland" geschrieben, in welchem u. a. die folgende Stelle vorkam: ,,Ls ist kein edler Zug, wenn deutsche Juden dieselben Ostjuden von sich stoßen, die 1911/15 jüdische Soldaten des deutschen Heeres als jüdische Brüder empfangen und dabei ihr LcUcu aufs Spkl gcseUt hn\>tn." Unter IV.-7.hrrtalinte auf diesen Artikel veröffentlichte der Angeklagte in t .V?c,,!<S'sc.hcn Volksslimmc" einen Aufsatz mit der Ücbcrschnft „Wir Juden waren Lindesverräter", in welchem er die luden als „vaterlandslosc Ocscllcn" bezeichnete und ausführte, „es sei ein starkes Stück, sich in der Öffentlichkeit zu rühmen, daß schon 1914 — von den Juden hüben und drüben gemeinster Landesverrat vor dem Feinde betrieben worden sei." Der Angesagte suchte sich damit zu entschuldigen, «laß er nur die Schlußfolgerungen aus der Darstellung Jacobsohns gezogen habe. Die poltuschen Juden, welche die jüdischen Soldaten freundlich empfingen hatten, hätten ebenso Landesverrat begangen, wie die deutsch-jüdischen Soldaten, die von ihnen Liebesgaben annahmen, sich als Deserteure von polni- «chen luden verstecken hellen und ihnen militärisch* Geheimnissc Deutschlands verrieten. Der Vorsitzende, Landgerichtschrckior v. Garnier, forderte den Angeklagten auf, für diese BeJiatirtungenden Wahrheitsbeweis anzutreten. Der Angeklagte erkürte sich hierzu außerstande. Der Angeklagte überreichte dem Ocricht einen Brief, den ihm General Ludendorff zum Zwecke des Bewctsvcrfahreus geschrieben hatte. Ludendorff erklirt, daß der bekannte Aufruf „An die Jldden in Paulen" zwar erlawen worden sei, aber nur auf Betreiben d<s Feldrabbiner» des Armeekommaados der 9. Armee; im übrigen habe weder er, General Ludendorff, noch Irgendein dcutachbliltiger Soldat Irgendwelche Liebetdletiritr von nolulsrhrn Juden Irnnls angenommen. Der Vertreter des Nchciikfägcrs, Rechtsanwalt Förder, wies auf die vergütende Wirkung nolchcr Artikel hin, die den Inneren Frieden dauernd gefährden und d^s deutsche Volk nicht zur Ruhe kommen lassen. Lr .bezeichnete den Inhal» des Briefes des Generals Ludendorff vom politischen Standtunkte aus als geradezu kindisch und erklärte, in der age zu sein, eine Menge Aeußerungcn von Offizieren und Mannschaften christlichen Olaubens vorlegen zu können, welche die freundliche Aufnahme deutscher Soldaten durch polnische luden ausdrücklich bestätigen. Hieraus aber den Vorwurf des Landesverrates herzuleiten, sei nicht nur eine schwere Herabsetzung der jüdischen Oesaratheit, sondern eine schamlose Verleumdung. Er beantragte, über die vom Staatsanwalt gestellte Strafe von 150 M. hinauszugehen und eine Freiheitsstrafe zu verhängen. Das Gericht schloß sich den Ausführungen des Vertreters des Nebenklägers an, sah nur mit Rücksicht auf die bisherige Straflosigkeit von «einer Freiheitsstrafe ab, ging jedoch über den Antrag des Staatsanwalts hinaus und verurteilte Dr. Herrmann zu 500 M. Geldstrafe. „Der jüdische Könlfj Lear", „Göll, Menseta oni Teulel" von Jakob Gordlo Uraullührungcn im Jüdischen Theater. Was man auch Im .einzelnen gegen dieses Jüdische Theater in der Lichtenberger Straße sagen mag, wertvoll Ist: das Dargebotene geht, da es von Herzen kommt, in die aufnahmcbcrclten, jüdischen Herzen. Hier steht nicht die kalte Objektivität und Kritik der kultivierten, nordischen Theaterbesucher dein Spiel gegenüber, hier wird, da es Spiegel seines ureigensten Lebens in eigener Sprache ist, Spiel zu eigenem, wirklichen Leben. Und diese persönliche Einstellung zu seinem Theater schafft in dem fast nur ostjüdischen Publikum das Erlebnis. Verstärkt wird dieses Erlebnis durch das vortreffliche Ensemble der Schauspieler aus dem Londouer Pavillon-Theater. Träger der Hauptrolle und Spiel- Idter ist H. B. Epstein. Eine vorzügliche schauspielerische Leistung Ist sein mählicher Abstieg vom geachteten, reichen Gelehrten zum Bettler bei seinen undankbaren Kindern im „jüdischen König Lear" und seine Darstellung eines Menschen, der, anfangs über dem Teufel siegreich trotzend, diesem Immer mehr verläßt und schließlich zu dessen Sklaven wird. Wie In der alten Legende von Dr. Faust erringt auch hier der Teufel einen äußerlichen Erlolg, aber er muß schließlich doch erkennen, daß der wahre Kern des guten Menschen nicht zu vergiften Ist und er, der die Menschen betrügen wollte, ist am Ende selbst der Betrogene. Die Mängel des Jakob Gordinschen „jüdischen König Lear" ließ Epstein mit seinem stark vcrlnncrliehteii Spiel vergessen, während «las von demselben Autor verfaßte Stück „Gott, Mensch und Teufel" sich durch seinen Eigenwert behaupten konnte. Gut erfaßt und wiedergegeben sind einzelne Züge der jüdischen Seele, wie die Instinktive und doch bewußte Abneigung der Orthodoxen gegen den „Rcb Datsch" mit scincT „italischen Philosophie". Die Frommen wundern sich, daß „a Datsch auch mal a git Wort" spricht. Von den übrigen Leistungen seien hervorgehoben der sprachlich und mimisch,, unübertreffliche Teufel M. Scidcrmanns und die Conen!." •Ettale des „jüdischen König Lear" in typischer jüdischer Xantippenmanler. Die charakteristische humorvolle Note hineinzubringen war an Stelle des Narren In Shakespeares „König Lear" dem Diener Schamaj J. Moschkowitz's übertragen, der sich seiner Aufgabe in drastisch-realistischer Welse entledigte. Dem Chorgesang und Tanz, der sich Im allgemeinen organisch aus dem Ganzen entwickelte, sei für die Zukunft eine besser gestlmmtcrc Klavier- bzw. Violinbcglcilung zu wünschen. Auf den schauspielerisch harmonischen Ausklang des „jüdischen König Lear" wirkte das versöhnende Schlußhallclu|ah mit Tanz störend. Immerhin: für das Gelungene der Abende war das zahlreiche Publikum empfänglich und dankbar. Rahe! Lipschutz „Palästina". f>em Bedürfnis aller nau'onalgesinntcu luden, die ein wirklich umfassendes Werk über Palästina haben mochten, nachkommend, bringt der Verlag „Maor In Paris Im Herbst dieses Jahres eine große, rcichillustriertc Monographie: „Palastina". Das Werk ist dem alten und neuentstebrnden Palästina gewidmet. Es stellt wissenschaftlich, literarisch und künstlerisch das Land Israel dar und zeigt, wie es war und wie es jetzt in Wirklichkeit ist. Es ist ausschließlich von jüdischen Schriftstellern, Künstlern und Gelehrten zusammengestellt. Dir Ilerausgeber des Werkes Ist Herr Alexander Koran, Chefredakteur vieler kunstvoller Ausgaben. Das Werk erscheint In einem Prachtbande von zirka 400 Seiten, mit über 100 farbigen Reproduktionen und Hunderten von Illustrationen aller Art, Zeichnungen, geographischen Karten usw. Künstlerische Mitarbeiter sind: Prof. Pasternak, Raskin, Abel Pan, Schick und viele andere. Den Text schrieben: Achad-Haam, Jabotinsky, Dr. Klausner, Louis Marshall, Dr. Slousch, Dr. Wcizmann und andere. Der Generalvertreter de» Verlages für Deutschland ist Herr Dr. M. Kadi sch, Berlin, Martin-Luther-Straße 13. Von dem hier bereits angekündigten nachgeLissencn Werke bin Gorlon „Sinai und Garlzlm'" Ist vor kurzem die erste Lieferung, die den Titel tragt: „Die ersten Gebote / Adam", erschienen. Der Inhalt des Heltes ist: Kalcndcrorruiung / Fruchtbarkeit und Vermehrung / Kilajint / Sabbatgebot / Baum der Erkenntnis / Ehegebot / Die Adam- Thora / Erschallung des Lichtes / Erscbalfung des Menschen Ausführlicher Prospekt durch den Morgenland-Verlag, Berlin-Friedenau, Laubachcr Str. 16, Telefon Rheingau 97. Soeben erschien die erste Nummer des zweiten Jahrgänge» der hebräischen bibliographischen Vicrlcljahrsschrlft „Klr- Jath Sephcr", welche von der Bibliothek Jerusalem herausgegeben wird . Die Nummer bringt Nachrichten über die Entwicklung der Bibliothek, aus denen hervorgeht, daß während der letzten drei Monate die Bibliothek um 6384 Bände gewachsen ist, ferner eine umfassende Bibliographie der paüstlneiisfachen Drucke und der neu erschienenen hebräischen und judalstischcn Literatur aller Länder, ferner folgende Aufsätze: B, Lewin: Yemenltlsche Handschriften; J. Rlvklnd: Beobachtungen über frühe hebräische ümcke; A. Tauber: Die Drucke von Korctz; B. Dinaburg: Da» Archiv Salomon Jehuda RapaporU in der jüdischen Nationalbibliothck. .HieJ.e.l,u.ci,r.i,t M ourel' d'e Jüdische National- und UniversItÄtibibliothek, Jerusalem, zu beziehen. .AbonnemeflUprel»: JQ «h WertelUhrllch.