Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1925)
- Date
- 1925-01-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sole 2 JUEDISCHn RUNDSCHAU Nr. 1 Julius Bcrgcr Überbrachte die Orflfle des Nationalfonds aus Jerusalem und wardigle die Bedeutung der Kleinarbeit de« Nallonalfouds für die Erneuerung der Zionistischen Organisation. Üader überbrachte in hebräischer Sprache die Grüße der palästinensischen Arbeiterschaft und lorderte in ihrem Namen die Anspannung aller Kräfte des Golus-Judcntunis für das Aufbauwerk in Ptilästlna. Dr. Walter K a Ii n begrüßte im Kamen der Zionistischen Ortsgruppe Wiesbaden, die »Ich zur besonderen Ehre anrechnet, die VorbcrcKungcn für den Delcglertcntag geleistet zu haben, die erschienenen Zionistcn aus allen Gegenden, insbesondere aber die Ehrengäste. Nach diesen Ansprachen erteilte Dr. Landsberg dem Präsidenten Chaim w elantann das Wort Als Wazmano ans Rednerpult trat, erneuerten sich die Bcgrüßungskundgebunden. Es dauerte mehrere Minuten, bis sich der Bei* fallsslurm gelegt hatte uud Wcizmann seine Rede beginnen konnte. Die Rede Dr. Welzmanns Meine Damen und Herren! Als ich die Einhdung der deutschen Ziom'stcn zu ihrer Tagung erhielt, freute ich midi unendlich, daß Ich eine Gelegenheit luben werde, nach vielen Jahren wieder mit alten Freunden in Berührung zu kommen, und etwas mehr in der Nähe die Arbeit und die Leistungen der deutschen zionistischen Organisation, von denen wir hören und wissen, kennen zu lernen. Andererseits war diese« Oclfihl der Freude nicht ohne einen gewissen, Ich möchte «gen, Beigeschmack von Verlegenheit, denn Ich wußte, daß mir das Los fallen würde, eine Rede zu halten, und ich wußte nicht, was ich eigentlich den deutschen Zionistcn noch zu sagen hätte. Sie werden von einer großartigen Presse bedient, sie stehen vielleicht mehr als irgendeine andere Organisation in reger, lebendiger Beziehung mit Palästina, Sic wissen alles, ich kann Ihnen kaum etwas Neues bieten. Ich werde aber immerhin versuchen, in einfachen und schlichten Worten, Ihnen ein Bild der Jetzigen Situation, wie sie sich bei uns abspiegelt, zu geben. Ich danke Ihnen ebenso nochmals für die freundliche Aufnahme. Idi danke den Vertretern der Stadt und Gemeinde für ihre freundlichen Worte. Nun gestatten Sic mir, zu meinem Thema überzugehen. Zunächst einiges über dlo politische Lage der zionistischen Bewegung. Die politische Lage der zionistischen Bewegung muß und soll jetzt hauptsachlich vom Staudpunkt unserer Leistungen in Palästina behandelt und betrachtet werden. Wir haben In den letzten Jahren und vielleicht gans besonders in den letzten drei Jahren In Palästina Fortschritte gemacht, die die erste Auf. merksamkeit der Welt, der niehtjüdischen Welt, auf sich gezogen haben. Noch vor drei, vor vier Jahren waren verschiedene Schichten der europäischen öffentlichen Meinung vorhanden, welche alles, was wir hoffen, alles was wir in. Palästina hm, als Experiment und als ein riskant« Experiment angesehen haben. Wir wollen es auch nicht verhehlen, daß es Schichten innerhalb und autleriialb des Judentums gab, welche auf das Mißlingen des Experiment» warteten. Der jüdische Chahiz, die Leistungen in Palistina, haben diesen Erwartungen eine Enttäuschung bereitet. Und jetzt steht der Aufbau Palästinas da als eine Tatsache, die von der Welt anerkannt werden muß. Und ohne zu übertreiben, kann man sagen: man beginnt, mit dem Erscheinen eine» neuen Faktors In diesem Teil der Welt zu rechnen. Und da dieser Faktor ein jüdischer Ist, so Ist es verständlich, daß In manchen Beziehungen dieses Auftreten der neuen Kräfte mit Argwohn und Verdacht beobachtet wird. Und darum sehen Sie, darum merken Sie heute, daß, wenn auf der einen Seite ein Ansteigen und eine Intensivierung unserer Tätigkeit in Palästina geschieht, auf der anderen Seite eine gewisse Verdichtung und Verstärkung der Widerstände, die sich dieser Arbeit entgegensetzen, einsetzt. Ich glaube, es ist eine natürliche Folge unserer Arbeit in Palästina: Wir treten jetzt in das (vielleicht) ernsteste Stadium unserer Arbeit. Wir sind aus dem experimentellen Gebiet herausgekommen und sind auf das Gebiet der Verwirklichung in groOcm Stile lilnübcrgckommcn. Wenn dem auch so ist, so möchte ich doch gleichzeitig betonen, daß es keinen besonderen Grund gibt, wenigstens konnten meine Kollegen und Ich keinen besonderen Grund sehen, irgendwelche Erschütterung In unserer politischen Situation zu erwarten. Unsere Arbeit war nie leicht und sie wird noch lange, lange schwer bleiben. Aber Ich glaube nicht, daß es jetzt eine Kraft In der Welt gibt, die unsere Arbeit abstellen könnte. Die Zionistcn müssen sich einfür allemal von der gewissen Nervosität, die in einer so verhältnismäßig jungen Bewegung verständlich ist, befreien, sich diese Nervosität abgewöhnen, und aufhören, fortwährend darauf zu schauen, was geschehen wird, wenn hier oder da eine neue Regierung ans Ruder kommen wird. Eine neue Regierung kann vielleicht In Details, gewisse praktische Maßnahme«, die wir in Palästina treffen wollen, leichter oder schwerer machen. Sic kann aber Im Prinzip das Fortschreiten des Aufbaus Palästina nicht hemmen und nicht hindern. Und wenn z. B. die Regicning der Labour party in England vielleicht eine etwas freundlichere Atmosphäre für unsere Tätigkeit geschalten hat, so liegt absolut kern Orund vor, daß das Ansruderkommcn der konservativen Regierung uns irgendwie in unserer Arbelt Hören würde. Ith glaube, man kann mit einer gewissen Berechtigung sagen, «laß gewisse Momente und gewisse Faktoren in der jetzigen engUchen Politik vorhanden elnd, welche vielleicht de Arbeit in Palästina In der nächsten Zukunft begünstlr/en werden. Waa wcsenUich Ist und was der ausschlaggebende; t-aktor auch unserer politischen Situation auf Jahre hinaus Meinen wird, um es wieder in einem einfachen Satz zu sagen, , »t, daß jedes Schilf, welche« in dem Hafen Jaffa äer ] Haifa einläuft, * | produktiv« Jüdisch« Immigranten Ina Land \ ^R*j, ***** t0^CI? nichl * « Regierungen der Welt,?U d ,1 ',icI,lJQul"he öffentliche Meinung, hauptsächlich ver- 1 wtwortlich dafür sind wir und wir allein, j . Da Ich «ine kurze Ucbcrsicht über die politische Situation i tu geben habe, so kann ich nicht umhin, eine Tatsache zu i «raeicJwen, welche auf die Herren in der ExekuÜve, sowie . YC,!lC . dcr ff*nzcn zionistischen Bewegung, und |wlo Ich glaube, auch der jüdischen OeHentllcnkdteine« . . . ' - ' gewissen Eindruck gemacht hat. Und das Ist der Bericht der permanenten Mandatskommission, welche vor sechs Wochen in Genf taste. Zum ersten Male hat sich eine autoritative Körpcrichaft Im Auftrage des Völkerbundes eingehend mit der Palästiiufrnge tsiid mit der Auswirkung des Mnndats in Palästina In den letzten vier Jahren beschäftigt, Sic kernten den lJericht der Kommission, und mit allem Respekt und mit der Hoffnung, welche wir auf den Völkerbund setzen, soll es doch genagt werden, daß wir mit diesem Bericht unzufrieden sind. Wir Lallen den Bericht in den wesentlichen Teilen für unzutreffend, für ein Verkennen der wahren Lage in Palästina. Hier müssen wir eine Erklämrtg dieser Tatsache suchen. Ich bin frei von dem Wunsche, midi irgendwie zu verteidigen aus *wcl Gründen: erstens ist hier nicht das Forum, wo meine Verteidigung geschehen soll, das wird im August oder September 1025* geschehen, smd zweitens glaube Ich nicht, daß es einer Verteidigung bedarf. Ca sei aber gesagt, daß diese TaUaelte des Berichts wieder ein grelles Licht auf die ungeheuren Schwierigkeiten wirft, unter welchen wir gearbeitet haben. Meine Damen und Herren, es sei ganz offen gesagt, wenn der Völkerbund oder irgendeine noch so wohl wollende Körperschaft unsere zionistische Arbeit und unsere zionistischen Desiderat», unsere Leitungen In Palästina vom rein lokalen administrativen Standpunkte zu behandeln hätte, d. h. wenn der Vfllkcrlmnd sieh das Mandat Palästinas an sich genau mit derselben Brille ansieht, mit welcher er irgendein anderes Mandat ansieht, so müssen wir zugeben, daß aus rein formalen Oründcn, wenn man da» trockene Wort des Covcrtant und des Vcrsailler Vertrages liest und die trockenen Formeln des Mandate«, so fallen wir Juden und wir Zionistcn aus dem rein formalen trockenen Worte des Mandats heraus. Mit anderen Worten! der ganze Völkerbund, die ganze Ideologie des Völkerbundes Ist aufgebaut auf gewissen Begriffen von Demokratie, von Selbstbestimmung usw. In diese ohne Kommentar und ohne Ucberlegung trockenen Begriffe paßt das Jüdische Volk nicht hinein. Es geschieht uns hier genau so wie es in der Welt den Juden geschieht: Wir passen sehr oft In den Rahmen, welchen andere gemacht haben, nicht hinein. Es war eine Anstrengung seitens des Völkerbundes, diesen Zionismus mit allen seinen Begriffen in den engen Rahmen der Paragraphen hineinzupressen. Und der ganze Dualismus des Mandats für Palästina ist ein Novum in der Wcltpollük, genuu wie der ganze Aufbau Palästinas ein Novum für die Welt darstellt. Fafit man die Palästtnafrage als eine lokale Frage luf, so müssen wir auf Schwierigkeiten stoücn. Faßt man die Palästinafrage, wie wir sie auffassen, als Versuch, eine große und schwierige Frage die die Welt belästigt, als Lösung der Jud:nfrago auf, so kann auch der Völkerbund diese Lösung mit dem Paragraphen in Einklang bringen. Und es besteht unsere Aufgabe von heute darin, dem Völkerbund, der aufgeklärten europäischen öffentlichen Meinung klar/uiiinihen, einteilt, daß die Balfour-Deklaration und alles, was darauf folgt, nicht den hunderttausend Juden Palästinas gegeben ist, «-Jiulcrn den 16 oder 14 Millionen Juden der Welt. Und zweitens, daß diese hunderttausend Juden Palästinas nichts anderes sind als Pioniere, die den Weg weisen werden den Millionen, die nur auf eine Gelegenheit warlcn, nach Palästina zu kommen. Und daß das Kommen und das Harren ein Recht, ein Recht des judischen Volkes ist, ein Recht, welches nicht verjährt ist. Dringt diese Ansicht in den Geist und die Psyche der aufgeklärten Völker ein, so werden die Schwlerigkclten, mit denen wir jetzt zu kämpfen haben, glaube ich, kleiner werden. Diese Aufgabe zu vollziehen, ist wieder unsere Aufgabe und Pflicht. Unter den vielen Gegnern, die «ich gegen uns rüsten, nimmt eine hervorragende Stelle eine Gruppe ein, die unter der Führung des Vatikans heute gegen den Zionismus und gegen das jüdische Volk in Palästina vorgeht. Ich bin weit davon entfern», mich hier auf Irgendwelche Auseinandersetzung mit dem Vatikan einzulassen. Wir verstehen und respektieren die Interessen, welche die katholische Kirche in Palästina besitzt. Seit Jahren und in der aüeraufrichtigsten und -feierlichsten Weise erklären wir, und suchen diese Erklärung in Tatsachen umzusetzen, daß wir Juden an den Heiligen Stätten in Palästtna desintercssiert sind. Im Ocgentcil, wir haben Jedes Interesse daran, daß diese Heiligen Stätten, samt ollen Fragen, die sich daran knüpfen, von der christlichen Welt verwallet werden nach Gutdünken derjenigen, die eine Autoritat und eine Möglichkeit haben, diese Verwaltung durchzuführen. Nichts hätte uns mehr gefreut, alt wenn diese Frage, die im kleinen Palästina Immer schon zu Streit und Rclbungsflächen Anlaß gab, sei es unter welcher Führung auch immer, ein für allemal zur Befriedigung der Interessenten gelöst würde. Aber ich möchte hier einmal aussprcclicn dürfen, daß es zwischen unserer Tätigkeit und den Interessen der kaüiollschcn Kirche keine Keldungs- oder Berührungsfläche gibt. Es gibt nur ein gemeinsames Interesse: Friede und Ruhe im Lande Paliatlna. Und Ich glaube, die Zeit ist nicht mehr fern, wo ein solches Verhältnis hergestellt sein wird. Es gibt cogar Länder in der Welt, und als ein oolches Land möchte ich Amerika zitieren, wo die Juden und Katholiken in schönster Freundschalt zusammenwirken und -leben. Hoffentlich winl sich die Zahl «solcher Länder noch, vermehren. Aber gleichzeitig; müssen wir, und Ich tue das ous Anlaß der Agitation und der Propaganda, die in letzter Zeit mit besonderer Betonung- und Schärfe, und manchmal sogar mit. Vergiftung Regen uns betrieben wird, mich scharf betonen: einfür allemal muß endlich verstanden werden, daß wir in Palästina existieren und existieren wollen, daß wir nach Palästina aus unserem guten Recht kommen, und daß wir aus unserem guten Recht ein friedliches und kulturelles und menschenfreundliches Aufbauwerk schaffen wollen, was, wie ich glaube, nicht nur zu Nutzen und Ehre des jüdischen Volkes, sondern zu Nutzen und Ehre des Landes s:ln wird, ein Aufbauwerk und ein Land, welches für die ganze Kulturweit und die Menschheit von Bedeutung ist. Denn die Menschheit braucht heute mehr als Je ein Aufbauwerk, das in Frieden und Ehren geleistet wird. Aus dieser etwas kurzen und etwas unsystematischen Darstellung der Situation, und ich bitte um Verzeihung "dafür, werden Sie, wie ich glaube und hoffe, dieselben Folgerungen ziehen, che wir, denen Sicdie Leitung der schweren —• ■ ... . zionistischen Geschäfte In dieser sehr schweren Zelt übertrugen, gesogen haben: Intensivierung und Verstärkung der Positionen in Palästina eineicciht, Intensivierung der Aufklärungsarbeit bei unseren Gegnern und Herbeiführen eines tieferen Verständnisses für die Judenfragc «ndeiersdts. Und wie ich glaube, sind die ersten Schritte in dieser Beziehung, — und Ich freue mich, daß es die deutschen Zionistcn find, die zuerst die Initiative ergriffen haben, — die Reorganisierung oder die Anpassung der zionistischen Bewegung an die neuen Verhältnisse, die von uns jetzt mehr fordern; und verlangen als vor 15 oder 20 Jahren. Um wieder ein einfaches jüdisches Wort zu gebrauchen: der Zionismus Ist jetzt Barmlzwah geworden und hat damit schwere Verantwortlichkeit auf sich genommen. Und das verlangt eine ganz andere Einstellung und ganz andere Organisation, Da, wie Ich glaube, dies einer der Hauptpunkte Ihrer Beratungen sein wird, seile ich voraus, daß diese Beratungen dazu führen werden, Mittel und Wege zu finden, neue Personen, neue Elemente, neue Kräfte in die Bewegung hineinzubringen, und die Organisation straffer zusammenziehen, so daf* tatsächlich das Lehen des Zionistcn mit seiner Stellung in der Welt und mit seiner Stellung in Palästina eng verknüpft wird. In dieser Richtung ward auch der Schritt getan, den Sie jetzt, wie ich glaube, gutheißen, und welcher in der Zionistischen Organisation lange zur Debatte stand, nämlich die Erweiterung der Jcwlsh Agency. Dieser engeren Verknüpfung der jüdischen. Peripherie, die sich um das zionistische Zentrum gruppier», gilt auch meine nächste Reise nach Amerika, die Ich am 28. Januar antreten soll; auch sie Ist ein Schritt in der Richtung einer engeren Verknüpfung der Kreise der dortigen Juden mit dem Aulbau in Palästina. Wahrsclicinlich haben alle, oder viele von Ihnen, in den letzten Tagen die Aussprüche führender amerikanischer Juden, besonders unseres Freundes Louis Marshall, gelesen. Und Ich glaube, wir können hoffnungsvoll der Aussicht entgegensehen, daß in Amerika, England, Italien, und wie Ich hoffe auch hier und In anderen Kulturländern, die Gruppierung der Jcwish Agency vor sich gehen wird. Nun noch clnlgo Worte über Palästina selbst. Wie gesagt: Ich glaube kaum, daß ich Ihnen in dieser Beziehung, wie In anderen Beziehungen auch, ctsvas Neues zu sagen habe. Ich hatte Gelegenheit, vor sechs oder sieben Wochen, nach einer Pause von ungefähr IS Monaten, in Palästina zu weilen. Ich versuchte, mir in kurrer Zeit einen Ucberblick über das in dieser Spanne Zeit Geleistete zu schaffen, und ungefähr die Tendenzen zu merken, nach welchen sich unsere Entwicklung dort bewegt. Ich will mich und Sic nicht damit aufhallen, Ihnen Lobsprüche über Chaluziim und Chaluzluth zu sagen. Ich glaube, wir sollten davon am besten zu schweigen beginnen, denn es ist zu groß für Worte und geht uns zu nahe. Es ist eine ungeheure Lelstun g in Palästina entstanden, die uns aus dem Ocblct des Beginnens, der tastenden Versuche, auf das Ocbict der Realisierung hinübergeführt hat. Es ist in Palästina vor allen Dingen ein ungeheures Vertrauen in die Möglichkeit des Landes und in die Möglichkeiten des Volles zu bemerken. Und c* findet sich In Palästina noch etwas, und das ist vielleicht das Neue, welche» mir, einem s.ltr offenen Beobachter, an Palästina aufgefallen Ist: ein viel natürlicheres und viel unmittelbareres Verhältnis zu unseren Aulgaben dort. Ich möchte es ungefähr und vielleicht trivial so schildern: Wenn vor drei oder vier Jahren ein Judz od:r eine Jüdin eine Kuh molk, so meinten sie, damit einen AM des Aufbaus des jüdischen Nationalhcims vollbracht zu haoen. Heute ist «Ine Kuh eine Kuh, die sound-.ov>l Milch geben muß, je mehr Milch, desto besser. Das Verhalten des Menschen ru der Kuh bt normal und natürlich geworden, und das jüdische Nalionalhcim entsteht mittlerweile von selUt. Dieses unmittelbare Verhältnis zum Lehen, zu dem Objekt, mit welchem man zu tun hat, zu den Schwierigkeiten, mit denen man zu ringen hat, ist das verheißungsvollste, was man in Palästina heute sieht. Man hat aufgehört, darüber zu klaren, daß in Palastina der Jordan fließt und nicht der Nil, und'daß in Palästina viele Berge sind und nicht viele Ebenen; man nimmt die Sachlage wie sie Ist, das jüdische Volk, das jüdische Land, mit seinen Schwächen und Ocbrechen, srltlet.iten und guten Eigenschaften, und man ist entschlösse;», aus diesen Gegebenheiten das teste und größte zu machen. Das hat auch auf die ganze Psychologie der Bevölkerung eine Wirkung. Die Nervosität, die vor Jahren im Lande geherrscht hat, Ist geschwunden. Das Warten auf Wunder hat aufgehört, und damit die schwere Enttäuschung, wenn diese Wunder ausblieben. Mon hat eine schwere Aufgabe, man ist sich der Schwere der Aufgabe bewußt, man Ist sich »I>cr glichzeitig such bewußt, daß man Im jüdischen Volke gemi™'Kräfte besitzt, um diese Aufgabe zu lösen. Das je'.z ge Palästina steht unter dem Zeichen der neuen Einwanderung, einer MasscncinWanderung, die jetzt stattfindet. Es kommen jetzt im Durchschnitt ungefähr 2000 Menschen im Monat hm, eine Immigration, die unsere größten Hoffnungen und Erwartungen übersteigt. Ich will mich nicht Prophezeiungen hingeben, ob die Absorptionsmöglictikcit des Laaks Immer In diesem Maße andauern wird. Mau soll am wenigsten In Palästina ein Prophet zu sein versuchen. Ob also diese Abr.örplionr.fähk;kclt des Landes andauern wird, darauf eine Antwort zu geben ist schwer. Aber heute merkt man, daß mitdem Ansteigender Immigration ein scheinbares und vielleicht wirkliches Ansteigen des Absorptionsvermögens parallel läuft, mit anderen Worten, daß, wenn ein produktiver Jude Ins Land hineinkommt, er zwar vielleicht einen Plate besetzt, er zugleich aber eineinhalb oder zwei Plitza neu schafft. Und so sieht man die merkwurd'ge Erscheinung, und Ich holfe, daß sie nicht vorübergehend Ist, daß im Dezember 1021, bei so hoher Immigration, die Zahl der Arbeitslosen In Palästina fast vetsshwunden Ist, währe td im Dezember 1023, bei einer sehr kleinen Immigration, die Zahl der Arbeltslosen bis auf zweitausend und darüber stieg. Sie haben es hier also mit einer ökonomischen Umwälntn,'* zu tun, die sich vor unseren Augen vollzieht, deren Qesctzc mir, ich muß es zugeben, verborgen sind, die ich nicht verstehe, so daß Ich mich nicht für kompetent genug halte.