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Jüdische Rundschau · 1915-04-16 · Heft 16 (16.4.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 16 (16.4.1915)
Date
1915-04-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 122 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 16 der siebziger Jahre*). Allein in Deutschland, wo die Juden bei all ihrer wirtschaftlichen Bedeutung doch nur kaum ein Prozent der (iesamtbevölkerung ausmachen, blieben diese Erscheinungen des ökonomischen Antiscmitismtis denen des eigentlichen Kultur- und Rassenantisemitismus untergeordnet. Ganz anders in Polen. Von einem Kulturantisemitismus kann da schon deshalb nicht die Rede sein, weil hier die eigentlichen Voraussetzungen zu einem solchen, das gewaltsame Ineinandergreifcn und Sichverschmelzen wesensfremder, auseinanderstrebender Kultureigenarten, ganz fehlen. An der Entwicklung der polnischen Geisteskultur haben die Juden Polens gar keinen Anteil genommen. Haben doch mindestens 11 e u n - zig Prozent der polnischen Juden überhaupt kein Verhältnis zur polnischen Sprache, während das kleine Häuflein der ״Polen mosaischer Konfession*' wegen seiner offenkundigen quantitativen und qualitativen Bedeutungslosigkeit niemals den Anspruch erhob, die Rolle eines ״Verwalters des geistigen Schatzes“ der polnischen Nation zu spielen. So gab es von vornherein durch die reinliche Scheidung der Kultur- Sphären keine eigentliche Reibungsfläche. Ein anderer häufig in Erscheinung tretender sekundärer Faktor eines Kulturantagonisrniis, die kulturimpenalistischen Bestrebungen entspringenden Reibungen und Gegensätze, ist den Polen nicht minder fremd. Der immanente Expansionsdrang geht dem slawischen Geist überhaupt völlig ab**). Polnische Politiker und Führer haben zwar oft von der Assimilation der Juden gesprochen, aber das war, wie so manches andere, eine bloße Nachahmung westeuropäischer Gepflogenheiten, ohne inneres Verständnis und ernstes Bestreben. Man beschränkte sich im allgemeinen darauf, zu Wahlzeiten und bei ähnlichen Anlässen die Juden zur papierenen Anerkennung des Polnischen als ihrer Mutter- und Umgangssprache zu veranlassen, und zwar durch die willkürlichsten und naivsten Mittel, so 1. B. in Galizien durch ein einfaches Verbot anderer Angaben und ungenierte Fälschungen. Sonst gönnt man den Juden ihre völlige Absonderung, ihre jüdische Umgangssprache und ihr eigenes .Schulwesen. An eigentlichen Bemühungen von p o 1 - nischer Seite, die Juden zur polnischen Kultur zu bekehren, fehlt es ganz. Die Juden werden dazu angehalten, die polnische Politik mitzurnachen, aber es ist nicht nötig, daß sie auch die polnische Kultur mitmachen. - Diese Betrachtungen und Beobachtungen müssen nun jeden einigermaßen geschulten, nicht an der Oberfläche der Erscheinungen haften bleibenden Beurteiler z.11 der Ueberzeugung führen, daß die Wurzeln des wachsenden polnischjüdischen Antagonismus viel tiefer und vor allem *) Hervorragende ökonomische Denker Deutschlands wie Adolf W a g 11 e r und Gustav S c h m o! 1 e r, die niemand eines ״historischen Materialismus“ zeihen wird, führen bekanntlich die antisemitische Bevvegung in Deutschland überhaupt auf wirtschaftliche Faktoren zurück. Man vergleiche ihre Ausführungen in Hermann B a h r s .Sammelwerk ״Antisemitismus“. Das trifft aber gewiß nicht zu. **) Man weise nicht auf die umfassende R 11 s s i - f i z i e r u 11 g s t ä t i g k e i t der russischen Regierung hin, denn diese wird mit den ro 11 e s t e 11 G e w altmitte In zu ausgesprochensten politischen Zwecken betrieben. Die sieben guten Jahre Von J. L. Perez Aus den von Mathias Acher übersetzten ״Volkstümlichen Geschichten“. (Jüdischer Verlag.) Das ist eine Geschichte, die sich in Turbin ereignete. Dort gab es einmal einen Träger, der Tojwje hieß und sehr arm war. Es war an einem Donnerstag, auf dem Marktplatze. Tojwje stand da, die Schöße seines langen Rockes hinter den Strick geklemmt, der ihm als (Hirtel diente, und lugte nach etwas Verdienst aus. Er hatte noch nichts für den Sabbat. Aber wie zum Trotze blieben alle Läden ringsherum leer. Kein Käufer zu sehen, kein Packen nach Hause zu tragen! Betend hob er die Blicke zum Himmel: Daß ihm der Sabbat nur nicht verdorben würde, daß Weib und Kinder nur nicht am heiligen Tage hungern müßten! Da fühlte er plötzlich, wie ihn jemand am Rockschoße zupfte. Er wandte sich uni und sah einen fremden Mann in Jägertracht vor sich stehen, eine Feder auf dem Hut und grüne Auf- Schläge auf der Jacke. Und der Mann sprach in reinem Deutsch zu ihm wir wollen es hier in Jüdisch wiedergeben: ,,Höre, Tojwje! Es sind dir sieben gute Jahre beschieden, sieben Jatire in Glück und Reichtum. Aber du mußt dich entscheiden, wann irgendwo anders liegen müssen, als der common sense unserer bequemen assimilatorisch-radikalen Optimisten zu glauben vorgibt. Die Gestaltung der polnisch-jüdischeii Beziehungen seit den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts bis heute und wohl auch in nächster Zukunft ist und wird von den objektiven Ergebnissen und Folgen eines elementaren wirtschaftlichen Entwicklungsprozesses abhängig sein, das ist die Grunderkenntnis, die wir aus unseren bisherigen Betrachtungen und Erörterungen gewonnen haben. So bildet die nationale Auffassung des polnisch-jüdischen Problems zugleich auch die einzig mögliche, der konkreten Wirklichkeit adäquate Erklärung der Tatsachen und Erscheinungen. J. L. Perez Eine tieftraurige Botschaft: 1. L. Perez ist gestorben, einer der größten!dichter unseres Volkes, ein Meister der hebräischen und der jüdischen Sprache. In schwerer Zeit hat er sein Volk verlassen. Kurz vor Redaktionsscliluß geht uns aus Kopenhagen diese Nachricht zu. Näheres wissen wir noch nicht, ln der nächsten Nummer nnseres Blattes werden wir eine Würdigung des großen Toten bringen. du sie haben willst. Willst du, so kann dir dein Glück noch heute werden und, ehe die Sonne untergeht, die jetzt über deinem Haupte stellt, wirst du genug haben, um ganz Turbin samt seiner Umgebung zu kaufen. Doch dann wirst du nach sieben Jahren wieder so arm werden, wie du bisher gewesen bist. Du darfst dir aber die sieben guten, gesegneten Jahre auch für das Ende deines Lebens wünschen, und dann wirst du als der Reichsten einer von hinnen gehen.“ Wie sich später herausstellte, war der Fremde, der diese Worte sprach, kein (ieringe rer als der Prophet Elias. Tojwje aber hielt ihn für einen einfachen Zauberer und gab ihm eine abweisende Antwort: ,,Lieber Mann, laß mich in Ruhe! Ich bin ein armer Hungerleider und habe nichts, um dir deine Ratschläge und deine Mühe zu bezahlen.“ Doch der Fremde ließ sich nicht abschrecken, wiederholte vielmehr seine Rede, binmal, zweimal, ja auch noch ein drittes Mal, bis die Sache dem Tojwje doch in den Kopf ging. ״Weißt du, lieber Mann,“ sagte er schließlieh, ״wenn du es wirklich ernst mit mir meinst und dich nicht etwa nur über einen armen Teufel lustig machst so muß ich dir sagen, daß ich gewohnt bin, mich in allen Dingen mit meinem Weibe Sserel zu beraten. Auch jetzt kann ich dir keine Antwort geben, ehe ich nicht mit ihr gesprochen habe.“ Ein Besuch von Djemal Pascha in Tel Awiw (Der Oberkommandant der syrischen Armee i m Hebräischen Gymnasium.) Ueber einen Besuch, den Seine Exzellenz Djemal Pascha, Kommandant der 4. ottomanischen Armee und Admiral der Marine, am ersten Purimtage dem jüdischen Viertel von Jaffa, Tel Awiw, abgestattet hat, wird uns berichtet: Um 3 Uhr nachmittags begab sich Djemal Pascha, begleitet von seinem Gefolge und von dem Kommandanten von Jerusalem, Aali Riza B e y, nach Tel Awiw. Obgleich sein Besuch ziemlich unerwartet war und man keine Zeit gehabt hatte, Vorbereitungen zu treffen, war der Empfang doch ein sehr warmer. Das Viertel war schleunigst geflaggt worden. Die Schüler des Hebräischen Gymnasiums mit ihrem BHiserchor, ebenso die gesamte übrige Be\ ölkerung, standen dicht gedrängt in der Herzlstraße. Das Orchester intonierte die türkische Nationalhymne unter dem Beifall der Menge. Am Eingang des Gymnasiums erwarteten der Großrabbiner U z i e 1 und die Mitglieder des W a a d s von Tel Awiw* die Besucher. Djemal Pascha und die Persönlichkeiten aus seiner Umgebung betraten das Hebräische Gymnasium, wo sie der interimistische Direktor dieser Anstalt, Dr. B o g r a t s c h o w, Dr. Mossinsohn, dessen Ottomanisicrung auf Hindernisse gestoßen ist, ist über Aegypten in die Schweiz gefahren im Lehrerzimmer mit einer schönen Ansprache bewillkommnet(; und ihnen für den Besuch dankte, mit dem sie das Hebräische Gynrnasium beehrten, das ein türkisches Institut ist. Dr. B o g r a t s c h 0 w entwickelte die Schwierigkeiten, denen alle ottomanischen Anstalten unter der Herrschaft der Kapitulationen unterworfen waren, was ja jetzt nicht mehr der Fall ist. ״Wir sind glücklich“, fuhr er fort, ,,daß wir Gelegenheit hahen, Euch die Gefühle unserer Ergebenheit und den Wunsch, Wflt Bevölkerungselementen zum Wojile des Vaterlandes zusammen zu arbeiten, ausdrücken zu können. Es gibt Leute, die uns verleumdeten. . ,“ Hier unterbrach Djemal Pascha den Redner mit den Worten: ״Alle diese Verleumdüngen sind nur Geschwätz! Ich bin zufrieden, hier Ordnung, vollkommene Sauberkeit, einen glänzenden gesundheitlichen Zustand, insbesondere in Euren Schulen, zu sehen. Ich habe volles Zutrauen za Euch, und hoffe, daß Ihr Hand in Hand mit uns arbeiten werdet. Ich bin glücklich, hier eine gesunde und gut organisierte Stadt zu sehen.“ Der Fremde fand das ganz recht so. Tojwje solle nur gehen, um den Rat seiner Frau einzuholen. Er wollte hier auf die Antwort warten. Tojwje sah noch einmal rund herum: Nirgends eine Spur von Verdienst! Zu verlieren ist ja übrigens nichts dabei, dachte er, ließ die Rockschöße hinab und ging zur Stadt hinaus, nach seiner Lehmhütte, die weit draußen, schon fast auf freiem Felde, stand, um die Sache mit seiner Frau zu besprechen. Als diese ihn des Weges kommen sah — cs war Sommerszeit und die Tür stand offen — lief sie ihm mit großer Freude entgegen, da sie meinte, er bringe ilir schon das erste Geld für den Sabbat. ״Nein, Sserel,“ sagte er, ״der liebe Gott hat mir noch nichts zugeschickt. Aber es kam ein fremder Mann zu mir . . .“ Und nun erzählte er ihr die ganze Geschichte von den sieben guten Jahren, die ihm beschieden seien. Nur müsse er wählen, ob er sie gleich haben wolle oder erst vor dem Tode. Und dannn komme er sie um Rat fragen, für wann er sich entscheiden solle. Sserel überlegte nicht lange und sagte: ״Geh, mein Lieber, und sag’ dem fremden Mann, daß du die sieben guten Jahre jetzt gleich haben willst.“ Tojwje war erstaunt:

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