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Der junge Jude · 1930-12-01 · Heft 7 (Dezember 1930) · page 8

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Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 7 (Dezember 1930)
Date
1930-12-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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wunden, in'dieser Zeit, in der ungeheure Keiehtümer der Menschheit von der herrschenden Klasse vergeudet worden, in der Verzweiflung aü der aljten Ordnung, an der alten Autorität Platz greifen, 'in dieser Zeit sollte sich der Sozialismus in der Defensive befinden? Jetzt, wo die Konzentration der Industrie und des Bankwesens nicht nur $ie Wirtschaft, sondern auch den Staat ordnet und beherrscht —? und trotz der ungeheuren technischen Kräfte, die zaur Verfügung stehen, dem größten Teil der Bevölkerung kein menschenwürdiges Dasein gesichert werden kann2) —, ist es denn nicht d i e Z e i t zur sozialistischen Offensive? Und wenn manl ums beschwichtigen wird, heute sei Europa für den Sozialismus noch nicht reif, die Schuld liege nteht an uns, den Sozialisten, sondern an irgendwelchen objektiven Hindernissen, dann müssen wir nicht nur an der Richtigkeit der Theorien, die unsi Marx gelehnt hat, sondern auch an der Aufrichtigkeit der geistigen Atmosphäre unserer sozialistischen Welt zweifeln. Die Tatsache bleibt bestehen: Die kapitalistische Gesellschaft trägt in sich idie Forderung nach ihrer Aufhebung. Die alten politischen und moralischen Mächte sind hoffnungslos -diskreditiert. Die sozialistische Bewegung in all ihren Strömungen aber verstand es nicht, die Völker zur Umwälzung vorzubereiten. Das Bürgertum hat einen „Ausweg" aus der Weltwirtschaftskrise: Senkung der Löhne, Heralbsetzung des Sozialetats, Hoohhaltung der Zölle, Verkleinerung des inneren Marktes, dafür aber soviel Export wie möglich. Es wird sich wahrscheinlich bald herausstellen, daß dieses kaum möglich ist. Wienin alle kaj)italistischen Staaten zu diesem Heilmittel greifen, wird aus dem Heilmittel Gift. Also die Perspektive: Steigen der Arbeitslosigkeit, Stillegung der Fabriken, {ungeheure 'Verschwendung und Zerstörung von fWirtschaftsgütern, vollkommener Zusammenbruch des landwirtschaftlichen Marktes, kultureller Niedergang des Volke®. In früheren Krisenseiten wurden auch die Spitzen der kapitalistischen Gesellschaft in Mitleidenschaft gezogen. Die Marktkrise verursachte Preisstutrz, dadurch Verminderung der Profite. Heute ist die kapitalistische Wirtschaft duröh und durch kartelliert. Sie kann sich vor einem Preissturz lange Zeit bewahren. Diese wunderbare Perspektive für arbeitende Menschen: verminderte Löhne bei festen Marktpreisen —• hat uns sogar der Kapitalismus bisher nicht beschert. Wohin es weiter gehti, ist schwer vorauszusehen. Niemand kann voraussagen, wie sieh die Wirtschaft der Neuverteilung der Kaufkraft der verschiedenen Klassen und Schichten den neuen Marktverhältnissen, die sich durch die Krise verändern, anpaßt. Niemand kann voraussehen, welche kulturellen und moralischen Werte durch die Verelendung der Massen zerstört werden. Vielleicht trifft wieder -eine Verlegung von großen Kapitalien in die außereuropäischen Länder ein, in die Länder der billigen Arbeit. Die bürgerliehe „Lösung" der Krise bedeutet die Zerstörung der wirtschaftlichen und kulturellen Grundlagen, also auch der politisöhen Kraft der europäischen Arbeiterschaft. Sie kann die europäische Kultur dem Abgrund naihe bringen. Auch die Arbeiterschaft hat einen Weg zur Lösung der Wirt? schaftskrise. Er liegt in einer anderen Eichtling. Erhöhung der Löhne, Ausbau der sozialen Leistungen, Steigerung des inneren;< 2) Von den 32^ Millionen Erwerbstätigen in Deutschland verdienen 293^ Millionen weniger als Mk. 200.— monatlich. Die Hälfte der Deutschen, 16 Millionen, verdient sogar weniger als Mk. 100.—. / 214

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