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Der junge Jude · 1930-12-01 · Heft 7 (Dezember 1930) · page 6

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Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 7 (Dezember 1930)
Date
1930-12-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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\ \ ten die Arbeiter zur sozialen Revolution gezwungen werden. Wir dachten einmal: Die sozialistische Gesellschaft und die soziale Revolution ist die höchste Frucht der freien sittlichen Schöpfungskraft des Proletariats. Jetzt aber lehrte man uns: Nur aus Auswegslasigkeit und Verzweiflung wird die Arbeiterschaft zum Träger einer neuen Gesellschaft. Nun ist die revolutionäre Situation gekommen. Millionen von Arbeitern sind arbeitslos. Die Herabsetzung der Konsumkraft von Millionen arbeitenden Menschen beschwor eine bisher ungeahnte Krise der landwirtschaftlichen Produktion herauf. Der Zusammenbruch des inneren Marktes erregt die Exportwünsche der Kapitalisten. Man rüstet materiell und geistig zu neuen Kriegen. Die industrielle Absatzkrise ruft den Zusammenbruch des Marktes der Rohmaterialien hervor. Ganz Südamerika gährt in Unruhe. Das europäische Bürgertum vermochte nicht, durch Ueberwinduns: des nationalen Staates die wirtschaftliche und soziale Krise zu erleichtern. Die europäischen Großmächte, auf sich selbst gestellt, suchen wirtschaftlichen Rückhalt in ihren Kolonien. Es wird ihnen schwer, sich mit der nationalen Bewegung zu versöhnen. Indien und Xndoehina antworten mit offenem Aufstand. Ist das nicht die ersehnte Situation, die das Proletariat bolschewisieren und aus dem Krieg aller gegen alle die sozialistische Revolution herbeiführen sollte? Es stimmt wohl etwas Grundsätzliches nicht an dieser Rechnung. Die Weltwirtschaftskrise hat die Massen weder zu dem Kommunismus, noch zu dem revolutionären Sozialismus gebracht. Die wirkliche revolutionäre Situation findet kein revolutionäres Proletariat. Die kommunistische Partei hat jahrelang im Namen einer sofortigen Revolution die Arbeiterschaft zerspalten. Sie hat ihre Anhänger mit Haß gegen andersdenkende Arbeiter erfüllt. Sie konnte aus der seelischen Verfassung des Bruderkampfes 1919/20 nicht herauskommen. Soll es dann wundernehmen, daß die kommunistische Partei unfähig ist, die Arbeitenklasse zum einigenden Kampfe zu rufen? Jahrelang hat Hese Partei Losungen herausgegeben, die darauf bedacht waren, den „Verrat" der Mehrheit der Arbeiterschaft deutlich zu machen. Soll es dann wundernehmen, daß diese Partei jetzt keine Lesung, keinen politischen Weg zum erfolgreichen Klassenkampf hat, der nur durch eine geeinte Arbeiterschaft geführt werden kann? Die prophezeite Krise ist da. Die vorausgesehene Verzweiflung der Massen ist auch gekommen. Die Krise aber hat die kapitalistischen Mächte gestärkt; die verzweifelten und haßerfüllten Massen sind in andere Lager gegangen. Es stimmte schon manches dieser ökonomischen Voraussage, die der Kommunismus mitvertrat. Eines aber i&t sicher falsch in dieser Gleichung: die kommunistische Partei selbst, ihre Politik und ihre Erziehung. Es gibt noch eine Strömung in der internationalen Arbeiterbewegung. Für sie ist der Sozialismus ein Werk der gesamten Arbeiterklasse, d»er Mehrheit des Volkes, Sie glaubt nicht, daß man die neue Gesellschaftsordnung dem Volke durch eine Minderheit aufzwingen ka^n. Aber sie weiß: We^" das Proletariat den Sozialismus ernst wünscht, muß es für alle Wege bereit sein. Der parlamentarische Rahmen ist nicht der einzige Rahmen der Verwirklichung. Die österreichische Sozialdemokratie ist der wichtigste Exponent dieses Teiles der internationalen Arbeiterbewegung. Sie hat es auch verstanden, daß die Vorbereitung zur gesellschaftlichen Umr 212

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