Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 7 (Dezember 1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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eine bessere wirtschaftliche Konjunktur abwarten, dann werden die Massen zu uns zurücÄommen. Wir aber staunen. Wir dachten: Das Leid der Massen durch die kapitalistische Gesellschaftsordnung mnißteidas revolutionäre Bewußtsein und die'revolutionäre Bereitseihaft der Massen stärken, die moralische Stoßkraft und die politische Aktivität der sozialistischen Bewegung vermehren. Wir sind dieser bequemen Theorien müde. Wann eigentlich also kann der Sozialismus verwirklicht werden? Ist die wirtschaftliche Lage des Arbeiters gut, verbürgerlicht er. Ist sie schlecht, wird er von der sozialistischen Bewegung enttäuscht. Wann .also kommt der seltene Moment, in dem die Arbeiterschaft zum Sozialismus bereit ist? Wie sollen wir uns zu einer sozialistischen Auffassung beziehen, die die Verzweiflung des Arbeiters an der heutigen Gesellschaftsordnung nicht zu einer revolutionären Kraft umgestalten kann? Eine Bechtfertigung jener Politik wirfkt auf uns noch bedrückender als die Politik seiltet. Von den Niederlagen des reformistischen Sozialismus in Westeuropa hat der Bolschewismus nicht profitiert. Das entspricht weder seiner Theorie, noch seinen Erwartungen. Jahrelang sahen die bolschewistischen Parteien den schlimmsten Feind der sozialen Revolution nicht in der Kajpitailistenklasse, sondern in der sozialdemokratischen Bewegung. Der Haß gegen die Sozialdemokratie wurde längst Selbstzweck. Jiede politische Parole bei Wahlen, bei Streiks, bei internationalen Auseinandersetzungen 'kam immer irgendwie -aus dem Bestreben, die Sozialdemokratie schnell und sicher zu diskreditieren und zu zerstören. Die Zersetzung der Sozialdemokratie und die Herbeiführung der sozialen Revolution wurden identisch. Nun hat der reformistische Sozialismus an Vertrauen verloren. Die Teile aber, die ihn ab und zu verlassen, wenden sich nicht zum Bolschewismus, sondern zu den faschistischen (Deutschland) und konservativHbürgerlichen Bewegungen (England). Jahrelang haben die Kommunisten eine „revolutionäre Situation" hierauf zubeschwören versucht. Wenn das Proletariat dazu nicht imstande war, wollte man durch koloniale Aufstände und Krieg „revolutionäre Situationen" schaffen. Der Glaube, daß man mit den Händen des Bürgertums der halbkolonialen Länder (Türkei, China, Aegypten) soziale Bevolution näherbringen könne, mußte mit dem enden, was eintrat. Lenin hat schon Recht behalten: „Klassen (kann man nicht betrügen". Der Befreiungskampf der asiatischen Nationen ist mit und ohne Hilfe von Sowjetrußland weitergekommen. Der Sache der Arbeiterlklasse -aber ist damit vorläufig nicht geholfen. Man witterte Tag und Nacht revolutionäre Situationen, und wenn die Mehrheit der Arbeiterklasse es anders verstand, oder dazu innerlich nicht bereit war, versuchte man, die soziale! „Bievoilution" gegen die Arbeiterklasse durchzuführen. Es entstanden! die wunderbaren Theorien, daß, solange die kapitalistische Gesellschaft besteht, die Arbeiterklasse gespalten sein müsse, daß in dem Kampf für den Sozialismus auf der anderen Seite der Barrikade nicht nur Bürger, sondern auch Proletarier stehen würden. Als eine leichte Verbesserung der wirtschaftlichen Lage in den Jahren 1926/1928 entstand, wurde uns auseinandergesetzt: Kein Wunder, daß jetzt die Arbeiter den Kommunismus verlassen: wenn der Arbeiter satt wird, will er kerne Umgestaltung der Gesellschaft. Er sollte also weniger satt werden. Durch (koloniale Verwirrung, durch Putschversuche und durch Vergrößerung der Unsicherheit unruhig und verzweifelt, soll- 211