Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 2 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4-5 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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antisemitisch ist und unzweideutig antisemitische Propaganda und Politik treibt. Eine Tatsache, die noch mehr befremdet, wenn wir uns der früheren Ausführungen erinnern, die wir noch einmal zusammenfassen wollen. Der vorrevolutionäre Antisemitismus wurde mit der Entmächtigung der herrschenden Schichten seines politischen Charakters beraubt. Etwaige judenfeindliche, gegenrevolutionäre Geheimbünde drangen wenigstens bis heute nicht in die Sphäre politischen^Macht¬ oder Gewalteinflusses vor. Der einzige proletarische Antisemitismus, nämlich der dem Landproletariat und den Kleinbauern anerzogene, wurde von den Bolschewiken bekämpft, besonders durch die von Trotzkij geschaffene und propagierte neue Mentalität. Diese und die vor auf gegangene, auf nahmefreudige Bereitschaft, die der Bolschewismus bei den Kleinbauern und dem Landproletariat fand, sind Anzeichen dafür, daß die politisch-judenfeindliche Haltung dieser proletarischen Kreise zur Zeit Lenins und über sie hinaus auf dem Absterbeetat stand. Wenden wir uns nach diesem Rückblick wieder dem rechten Flügel der Russischen Kommunistischen Partei zu, so fällt uns daran besonders auf, daß dessen Neuorientierung Ende vorigen Jahres von Proletariern ausging, die nationalistisch-bolschewistisch sind. Es handelt sich also um eine Richtung innerhalb der Russischen Kommunistischen Partei, die zu der bestehenden Gesellschaftsordnung ja sagt, aber entgegen der herrschenden Doktrin für einen russischen Nationalstaat eintritt. Dies ist einer der Gründe, weshalb diese Richtung gegen die Politik Stalins opponiert. Je mehr nämlich die Ausdehnungsversuche des Bolschewismus scheiterten, und der bolschewistische Imperialismus an Schranken stieß, um so mehr wurde die Stimmung, die dieses erfolglose Streben des Bolschewismus nach sich zog, zum Anlaß, die Tendenzen des bolschewistischen Internationalismus selbst in Frage zu stellen. Die nationalistische Färbung des rechten Flügels der Russischen Kommunistischen Partei ist nur als Reaktion auf das außenpolitische Söheitern des bolschewistischen Imperialismus verständlich. Eine Minderheit der Bolschewiken begann an der Außenpolitik der Regierung Kritik zu üben und die internationalen Bestrebungen des Bolschewismus in den Hintergrund zu rücken. Hand in Hand damit ging der Versuch, den Bolschewismus als national-russische Aufgabe zu rechtfertigen. Für das Aufkommen eines bolschewistischen Nationalismus ist aber noch ein anderer Umstand bedeutungsvoll gewesen. Von ihm kann man sagen, daß er neben der Kritik an der Außenpolitik mit die Grundlage wurde, auf der die national-bolschewistische Neuorientierung des rechten Flügels entstand. Gemeint ist die wirtschaftspolitische Opposition gegen Stalin. Diese, wie auch die Kritik an dessen Außenpolitik und damit am bolschewistischen Internationalismus überhaupt, setzte gegen Ende des vorigen Jahres ein. Während Stalin bis Ende 1928 in seinen wirtschaftspolitischen Maßnahmen die Landwirtschaft der Industrie vorzog, sodaß Trotzkij ihm vorwarf, er gebe die Sozialisierung und den Marxismus zu Gunsten des Bauerntums frei, hat Stalin seit einem halben Jahre seine Wirtschaftspolitik geändert, und zwar zu Ungunsten der ländlichen Bevölkerung. Er belastete die Landwirtschaft mehr als bisher und 126