Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 2 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4-5 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3497353-3497361-3497365--372-3497912- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
EIN BRIEF GUSTAV LANDAUERS. .■ . Der nachstellende Brief Gustav Landauers ist an Dr. -Siegfried ,i Lehmann, der das Jüdische Volksheini in Berlin und vor zwei Jahren ' das Kinder- und Jugenddortf Benschemen begründet hat, gerichtet.; Siegfried Lehmann hatte sich an Gustav Landauer gewandt, um dessen Mitarbeit an dem damals neu zu schaffenden Jüdischen Volksheim zu erwirken. Lehmann hatte seine Pläne in einer größeren \ Denkschrift niedergelegt, auf die Landauer an verschiedenen Stellen des Briefes Bezug nimmt. 1 Der Brief stellt eine wesentliche Äußerung Landauers zu einzelnen Fragen des Judentums und des Zionismus dar, denen Gustav Landauer zweifellos an einzelnen Stellen nicht ganz gerecht wird. Er bringt uns aber auch zugleich noch einmal das Bild des Jüdischen Volksheims in Berlin in Erinnerung, das, jetzt schon wieder Geschichte geworden, für eine kurze Zeit ein intensives Miteinanderleben von jungen westjüdischen Intellektuellen und ostjüdischem Proletariat, eine Sphäre geistiger Gemeinsamkeit der beiden Geschlechter geschaffen hat. Hermisdorf b. Berlin, 30. XL 15. : Sehr geehrter Herr Lehmann, mit großer herzlichem Teilnahme und Zustimmung habe ich Ihren Aufruf gelesen, der alles Wesentliche zur Grundlegung und Durchführung heihringt. Aber ich weiß durchaus nicht, wie ich Ihnen zunächst helfein Jkann. An der Vorbereitung, Begründung und Erweiterung kanu und darf ich mich nicht beteiligen. Zur Begründung: ich habe die Zeit nicht, habe sie kaum, meine eigenen Pläne durchzuführen. Von überallher regen sich jetzt — sehr erfreulicher Weise — die Kräfte, die Stwas heginnen und tun wollen. Viele von ihnen merken — was auch j*reude macht —, daß meine Lehensanschauung und Kichtung in Verbindung steht mit ihrem Tatwillen; und sie rufen mich herbei. All dem kann ich nur sagen: ich bin dabei; aber ich kann mich nicht an den Einzelheiten beteiligen. Ich muß im meinigen bleiben. Etwas Kritisches. Unmöglich kann ich zugeben, daß im Verkehr mit den erwachsenen Ostjuden in Deutschland der Vertreter des Geistes („der jüdische Student") mehr der nehmende Teil sein wird. Mit der Vorstellung von dem „Wesen der jüdischen Masse" ist es wahrscheinlich nicht getan; Sie fühlen selbst stark genug, wie scheußlich und depraviert dieses „Wesen" vielfach ist. Hier scheint mir eine Sorte Nationalismus vorzuliegen, der dem Aesthetizismus nahe steht und der ehrfürchtig nichtstuenden Haltung der Folkloristen vor interessanten Kulturzuständen. So wird es aber nicht gehen, man wird den Kern vom Milieu durchaus trennen müssen uncl wird den Ostjuden den erweckenden und lebendigen Geist keineswegs vorenthalten dürfen, gleichviel, ob man ihn aus deutschen oder jüdischen Quellen bezogen:hat. Ein Mittel dipses Geistes wird nun durchaus auch die Bildung sein müssen, und damit, daß Sie sich gegen falschen Bildungsschein und Halbbildung wenden, werden Sie .um die echte Bildung, von der Bildungsstoff nicht zu trennen ist und um die kritische Tätigkeit des Geistes, die man Aufklärung nennt, nicht herumkommen. (Sie sehen, ich scheue mich garnicht vor verketzerten und verächtlich gemachten Worten.) Je weniger Sie sich um die Schlagworte der verschiedenen streitenden Eichtungen kümmern, umso mehr werden Sie in der Wirklichkeit stehen. 114