Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 2 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4-5 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JUNGE JUDE November 1929 2. Jahrs. Nr. 4/5 Marchesch w an 5690 UNSERE SITUATION. Noch immer steht die jüdische Welt unter dem Eindruck der Ereignisse in Palästina, auch in Palästina herrscht längst noch nicht die Ruhe einer innerlich zum Ausgleich gekommenen Gesellschaft, die Gerichte sind am Werke, um nach dem Unglück „Aufräumungs* arbeiten" zu leisten, die Schuldigen ihrer Bestrafung zuzuführen, das große Unrecht, das geschehen ist an denen zu sühnen, die es verursacht haben. So unerläßlich diese Tätigkeit der Gerichte ist, so ^|hr wir unterscheiden müssen zwischen der zweckmäßigen Verbrechensbekämpfung in Mittel- und Westeuropa und im vorderen Orient, in uns ist eine Ungeduld, nicht die Exekutionen abzuwarten, *die nur mit vergangenem Schluß machen sollen, sondern mit dem Aufbau besserer Beziehungen zu der arabischen Bevölkerung in Palästina zu beginnen. Wir wissen, welche Schwierigkeiten entgegen stehen: daß man sich nicht ohne Weiteres an einen Tisch setzen kann, um Konversationen über den Frieden zu machen, daß wir vorher erst eine Mauer von Aberglauben und böswilliger Entstellung bei dem arabischen Verhandlungspartner zu überwinden haben, daß dort, getrieben vom Machtwillen Einzelner und dem wirtschaftlichen Interesse feudal-arabischer Gruppe, längst keine Verhandlungsbereitschaft besteht, wir müssen aber dennoch. — Müssen mit Versenkung ins Einzelne, in der Untersuchung jeder Möglichkeit der Gemeinsamkeit, mit der Erfassung der wenigen Verständigungsbereiten schon jetzt — den Anfang zu der großen und schweren Friedensarbeit machen, die nicht nur die äußere, sondern auch eine der wichtigsten inneren Bedingungen des Gelingens unseres Werkes ist. Die zionistische Bewegung hat deshalb immer eine bezwingende Kraft im jüdischen Volk gehabt, weil sie eine moralische Bewegung ist. Der Zionismus wirkt deshalb auf die Welt, weil er für eine höhere Form des menschlichen Miteinander nicht nur mit Worten eintritt, sondern sie unmittelbar verwirklicht. Diese höhere Form, diese moralische Qualität der Bewegung, zeigt sich bei denen, die so von ihr besessen sind, daß sie der Bewegung ihre ganze Person mit Selbstverständlichkeit hingeben und besonders bei denen, die durch ihr eigenes Leben in Palästina die Möglichkeit neuer Menschlichkeit der ganzen Welt spürbar gemacht haben. Der Unterschied zu anderen, besonders jüdischen Bewegungen liegt darin, daß diese moralische Qualität sich in der Berührung mit der Wirklichkeit ausgebildet hat. Je breiter die Bewegung der Wirklichkeit zugewandt war, desto stärker hatte sie diese moralische Qualität zu bewähren. Das wichtigste, was der Zionismus in seiner politischen Arbeit geleistet hat, die Urbarmachung des entferntesten Stückes Landes in Palästina, die erfolgreichste Aktion des Sammlers, alles das ist nur Ausdruck der moralischen Qualität der Bewegung. 97