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Der junge Jude · 1928-01-01 · Heft 2 (Januar 1928) · p. Seite 55

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der junge Jude
Volume
1 (1927-1928)
Issue
Heft 2 (Januar 1928)
Date
1928-01-01
Page
Seite 55 (sequence 17)
Language
German
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Stangen Schilder; „Hinaufklettern ist lebensgefährlich4k angebracht und sie mit aufgespießtem Totenschädel bemalt. Das ist der Anfang. Das an der Brücke beginnende Lager. Zur Mittagszeit tritt der Bachur ins Eßzimmer, sauber gewaschen, im „Pyjama4*. Das ist ein ziviles Heereslager, und es ist heiß. Wozu also sich mit überflüssiger Bekleidung plagen? Nur das Allernötigste, um die Blößen des Körpers zu bedecken, und nichts weiter. Man fühlt die Freiheit, geübt an einem Orte, wo das eine Geschlecht die überwältigende Majorität bildet. Nach dem Vorbild der ersten Menschen: „Und sie schämten sich nicht.4' Man überschreitet nicht etwa die Grenzen, aber hier ist man weder in der Stadt noch im Dorf und Sitten haben hier keine Geltung. In einem Lager, dessen Neuheit und Provisorium die normierten Lebensgewohnheiten verdrängt haben, machen sich eben neue Sitten geltend. Viele notwendige Lebensgewohnheiten sind hier aufgehoben: man kann beinahe ohne Zeitung und Buch leben, in der ersten Zeit jedenfalls hört das auf, ein Bedürfnis zu sein. Nur rein gedächtnismäßig regen sich manchmal Gewissensbisse; ist es denkbar, daß ein Kulturmensch usw., und so erwacht hie und da irgend ein Verlangen. Die Chawerah, die mit ihrem Sinn für die Wirklichkeit die Dinge aus einer gewissen ernüchternden Zweckhaftigkeit heraus betrachtet, hat auf ihr Ideal nicht verzichtet: der Lohn ist nicht alles. Sie ging zu einem Aufbauwerk hierher, und wenn ihr hier bei der Arbeit selbst dies Gefühl verloren geht, so kann sie sich nicht damit abfinden. Nicht dies hatte sie erwartet. Seit Tagen ist keine Zeitung gekommen, ein Lesezimmer existiert nicht. Das Kochen und der Kochlohn können keinen Lebensinhalt bilden. Und was das hier Geschaffene anlangt, so versteht sie nichts davon. Es besteht auch keine Absicht, sie und alle ihre arbeitenden Chawerim in die Kenntnis der hier entstehenden Dinge einzuweihen. Das ist unerträglich. Sie muß wissen: fügen sich die Teile der kleinen Arbeiten hier zu dem großen Werk, in dessen Namen sie ins Land gekommen ist? Wird sie als Mitarbeiter betrachtet? ..Weshalb wird nicht ein Vortrag vor den hiesigen Arbeitern über dies Werk gehalten, um dessen Errichtung sie sich mühen, damit jeder das weiß, was zu wissen für ihn ein seelisches Bedürfnis ist: was er hier tut? Aber freilich, freilich. Das feierliche Gefühl gegenüber dem großen Werk ist infoige Hyperklugheit der Praktiker mit einer bewußt werktätigen Atmosphäre umgeben worden." Bei den Worten der Chawerah erinnerte ich mich unwillkürlich an die Proklamation, die Napoleon für seine Truppen in Aegypten verfaßt hatte: „Eine viertausendjährige Kultur spricht . . /* Mit diesen Worten begann der geniale Feldherr seinen Sturmlauf, der das Leben seiner Heere verschlingen sollte. Noch werden die Bewohner der Zelte aus Matten sich im Fieber verzehren, die Arbeit hier wird sie nicht wenig Blut kosten und daher sollte man ihnen den hohen Genuß nicht vorenthalten, den bei allen menschlichen Werken, großen und kleinen, die Erkenntnis des Geschehenden bedeutet. Die „Konstruktion", das Eisengerüst des Baues, stand in der zukunftsschwangeren Mondnacht. Die senkrechten und schrägen Eisenschienen 55

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