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Jüdische Korrespondenz · 1920-09-24 · 28 (24.9.1920) · page 11

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
28 (24.9.1920)
Date
1920-09-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 28 Jüdische Korrespondenz Seite 11 Moses Tod. Mose stand aus dem Berge Nebo und sah vor sich das Land, das der Ewige dem Volke Israel verheißen hatte, sah die weiten, blühenden Gefilde, die prangenden Weingärten und das blaue Meer in der Ferne. Da faßte ihn ein unendliches Verlangen, einzuziehen in das gelobte Land, sein.Volk zu geleiten, wie er es seit vierzig Fahren geleitet hatte. Mit dem erhobenen Haupte des Siegers, mir blitzenden Uugen schritt der hundertundzwanzig Jahre alte Held hinab zu den Steppen des Landes Moab. Wie er aber in stolzen Träumen aus einsamem Wege dahinschritt, da nahte ihm eine gewaltige, düstere Gestalt mit Schwingen so schwarz wie die Schatten der Nacht. Es war der Todesengel, den Gott ausgesandt hatte, Moses Seele aus seinem Körper zu holen, lind Mose stand still und sah dem düsteren Wanderer ruhigen Auges entgegen. Koch fühlte er Kraft in seinen Gliedern, noch war sein Wille fest und sein Herz voll jugendlicher Hoffnung. Und wie der Todesengel die Hand gegen ihn erheben wollte, da ries er ihm zu: „Weiche von hinnen, noch mag ich dir nicht folgen. Noch will ich nicht sterben, sondern leben will ich, leben, um meinem Volke weiter zu dienen und das Lob des ewigen Gottes zu singen!" Aber der Düstere erwiderte: „Die Himmel verkünden den Namen des Herrn, die Sonnen und Monde singen ihn einander zu, die Meere preisen seine Taten und die Welt hallt wieder von ihren Gesängen. Was bedarf es danach eines einzelnen schwachen Menschen?" Doch stolz sprach Mose: „Ich bin nicht wie die anderen. Ein Gebot von meinen Lippen bringt Himmel und Erde zum Schweigen!" Da ließ der Todesengel ab von ihm und ging, dem Herrn zu melden, daß Mose sich weigere, ihm zu folgen. Dieser aber warf sich nieder in den Staub und das Dorngebüsch, rang seine Hände zum Himmel empor und rief: „Laß mich leben, mein Gott, leben! Wie das Tier des Feldes will ich sein, das mühsam seine Nahrung sucht, wie der Vogel, der frei über die Erde fliegt. Nur leben will ich. Zerstöre nicht die Kraft, die noch in mir wohnt, übergib mich nicht dem Todesengel! Sieh', Herr, ich liebe dich und ich liebe mein Volk; euch will ich dienen, und euch sei mein Leben geweiht!" Er blieb liegen, das Antlitz im Staube, und wagte nicht emporzublicken. Da tönte zu ihm die Stimme des Herrn: „Dein Flehen ist umsonst. Weil du an mir gezweifelt hast.beim Haderwaffer, darum sollst du das verheißene Land nicht betreten!" Der Tag ging zur Neige, am Himmel zog das Abendrot herauf, und noch immer lag Mose am Boden und rang mit seinem Schmerz. Wie er sich aber endlich erhob, da war sein Antlitz still und verklärt, er neigte das Haupt demütig: „Dein Wille, Herr, geschehe, denn all dein Tun ist Gerechtigkeit!" Der Ewige aber, dem Moses Verzweiflung schmerzte, wollte nicht noch einmal den düsteren Todesengel senden, und er sprach zu Engel Gabriel „Geh' denn hin und bringe mir seine Seele!" Doch der Engel, der sich niemals seinem Gebote widersetzt hatte, bat flehendlich: „Nicht mich sende, o Herr, wie könnte ich ihm das Leben, das er so herrlich zu Israels Segen verwandt hat, rauben!" Da gebot der Ewige dem Engel, zu Mose hinabzusteigen, doch auch dieser bat, nicht ihm den harten Auftrag zu übergeben. So sandte der Ewige zum zweitenmal den Todesengel zu Mose, und der Düstere nahm sein Schwert und stieg frohlockend zur Erde hinab. Als er vor Mose hintrat, da hatte dieser gerade seine Lehre ausgezeichnet, und sein Gesicht leuchtete, so daß der Bote zurückwich von der Stärke dieser Seele. Wieder forderte er Moses Leben und wieder weigerte sich dieser, ihm zu folgen. Da sprach der Todesengel: „Alle Geschöpfe auf Erden, wie stark auch ihre Lebenskraft sei, müssen mir folgen; glaubst du, mehr zu sein als die ganze Welt?" Da richtete sich Mose zu seiner vollen Höhe empor und sprach stolz: „Ja, ich glaube es, denn ich vermag mehr als die ganze Welt. Als ich geboren wurde, da erfüllte sich das Haus mit strahlendem Licht, und in klarer Sprache kamen sofort Worte über meine Lippen. Den Pharao habe ich seiner Macht entkleidet, die Aegqpter erschlagen, habe Zeichen und Wunder vollbracht, habe das Meer gespalten, daß es eine Straße freiließ und habe das Manna vom Himmel herabgebetet. Ich bin zum Himmel aufgestiegen und habe dem Volke die Lehre Gottes herabgeholt, habe an Gottes Thron geweilt und habe endlich Sihon und Oq besiegt. Wo ist ein Mensch' auf Erden, der gleiches vollbracht hat? Und weil mein Leben höher war als das der anderen, darum soll auch mein Sterben ein anderes sein, darum sage ich dir, weiche von mir!" Wie aber der Todesengel ihm dennoch näher kam, erhob Mose drohend seinen Stab gegen ihn, so daß den finsteren Boten Angst erfüllte und er sich zur Flucht wandte. Da ging es wie ein Brausen durch das Haus, und die Stimme Gottes rief: «Mose, es ist Zeit für dich, von der Erde zu scheiden!" Aber Mose fiel auf die Knie nieder und rang die Hände empor: „Herr, der du dich mir offenbart in dem Dornbusch und auf dem Berge Sinai, gib mich nicht in die Gewalt des Todesengels!" Da faßte den Ewigen Erbarmen mit seinem treuen Diener und seine Stimme erscholl aufs neue: „So will ich selbst kommen, deine Seele zu holen!" Uno es schwebten Engel herab, die trugen eine Bahre mit weißen Linnen und stellten sie in Moses Haus nieder. Und Mose badete seine Glieder, legte sich auf die Bahre, die Hände auf der Brust gefaltet, mit geschlossenen Augen. Zu Häupten und zu Füßen der Bahre stand ein Engel. Da erfüllte ein Rauschen wie von mächtigen Flügel- Paaren den Raum, ein sonnenhelles Licht brach hervor, und der Ewige stieg hernieder, 'trat hin vor Mose und löste mit einem Kuß auf seine Lippen die Seele aus der Hülle des Leibes. Im selben Augenblick bebte die Erde, ein Klang, wie Schmerzensschrei. rang sich vom Boden empor, stieg auf zum erzitternden Himmel und pflanzte sich fort von Stern zu Stern. Droben an Gottes Thron aber standen die Engel in langen Reihen und begrüßten jauchzend die Seele des Größten der Erde. SamMennachncht. Jda März (Wien) und Abraham Stein (Bielitz) Verlobte. Mn neues Buch? Wir Heutlebenden sind in die gewaltigste Periode der Menschheitsgeschichte hineingeraten. Wir lernen nicht, sondern erleben Geschichte. Die Geburtswehen eines neuen Zeitalters belauschen wir in ihren krampfhaften Zuckungen und wir sind gleichsam Zeugen einer Achsendrehung der Universalgeschichte. Was wir in den viereinhalb Jahren des Krieges allesamt erlebt haben, das war von sinnenbetäubender Buntheit und Wirrnis. Am bluttriefenden Kinodrama der Weltgeschichte haben wir alle als Mitglieder oder Zuschauer teilgenommen. Jetzt tritt eine Ruhepause zum geistigen Atemholen ein. Wir erwachen aus der Betäubung und schicken uns an, mannhaft und beherzt zu der veränderten Welt, die sich vor unseren Augen neu einstellt, Stellung zu nehmen und Distanz zu wahren. Hier tritt nun die Philosophie in ihre ewigen Rechte ein. Ihre Besiinlmung war es von jeher und ist es heute noch, das Ruhende in dem Wandelnden, das Bleibende im Wechselnden, das Ewige im Vergänglichen festzustellen. Bei jeder seelischen llebergangswirtschaft stellt sich das unabweisliche Bedürfnis nach inneren Haltepunkten und festen Stützmauern ein. Wo alles wankt und kracht, da sucht man Anlehnung an Ewigkeitswerte, an einen ruhenden Pol in der Zeiten Fluß. Auch für uns Juden, namentlich für uns orthodoxe Juden, sind solche innere Haltepunkte und feste Stützmauern notwendig geworden Eine ganze Welt liegt in Trümmern und auf den Ruinen stehen auch die Söhne Judas, ohne die Kraft zum seelischen Wiederaufbau zu finden. Unsere Jugend irrt führerlos umher, es lebt in ihr eine mächtige Sehnsucht, ein wahrer Hunger nach Idealen, an denen sie sich seelisch wieder aufrichten könnte. Die Jugend hat die alte Harmlosigkeit, die Naivität des Glaubens uno unbedingten Vertrauens verloren, sie hat verlerilt, mit dem alten jüdischen Herzen zu philosophieren und sucht nun sich logisch zurechtzufinden und in einer logisch-philosophisch begründeten Weltanschauung ihren Ewigkeitswert zu entdecken. Und was Wunder, wenn sie ohne berufene Führer, die kein Verständnis für die Schwingungen der jugendlichen Seelen haben, häufig in die Irre geht; daß sie, die nach Brot für die hungernde Seele sucht, häufig Steine bekommt? Und doch gibt es einen berufenen Führer für die orthodoxe, denkende Jugend, einen Führer, der schon aus dem einen Grunde hiezu vielleicht der Berufenste ist, weil er selbst all die inneren seelischen Kämpfe durchlebt hat, weil er selbst, ganz ein Kind unserer innerlich zerrissenen Zeit, sich durch hohen Willen und eiserne Energie zur Klarheit und Wahrheit duvchgerungen hat. Dieser Führer ist Isaac Breuer, der uns nun das dritte Buch beschert. Die beiden ersten Bücher des Verfassers, „Judenproblem" und „Messiasspuren", waren für mich ein Erlebnis und darum griff ich mit wahrhafter Spannung nach seinem dritten Buche, das der Verfasser „Ein Kampf um Gott" betitelt hat. Ich ging mit großen Erwartungen an die Lektüre des Buches und fand meine Erwartungen noch üoertroffen. Es ist das Buch für unsere jüdische Jugend. Alle Probleme, die die Köpfe und Seelen unserer Jugend bewögen, werden uns an dem Helden des Buches vordemonstriert. Das Buch ist der erste jüdische Erziehungsroman, den wir in unserer Literatur haben. Ich bin zu wenig Künstler, um zu entscheiden, ob daS Buch allen Regeln der Aesthetik entspricht, ich habe das Buch auch nicht als Künstler, sondern als Jude üelesen und als solcher bin ich vollauf befriedigt. Es ist ein jüdisches Meisterwerk, das Werk eines j ü d i s ch e n P y i l o s o p h e n. Es hat schon viele philosophierende Juden gegeben, die alle das Judentum vom Blickpunkte der Welt ans gesehen haben, aber Verfasser ist, gleich seinem großen Großvater Rabbiner S. R. Hirsch, ein jüdischer Philosoph. Er sieht im Judentum das Zentrum seines Denkens, Fühlens und Wollens und von diesem jüdischen Mittelpunkte aus entsendet er Strahlen nach der Peripherie des Universums, zu deffen Aufhellung. Er kennt, wie kein zweiter, auch das Seelenleben unserer jüdischen Jugend und darum möchte ich, daß unsere Jugend das Buch lesen soll. Es wird ihr Klarheit über sich selbst bringen, es wird ihr ein treuer Berater in allen seelischen Nöten und Wirrnissen sein. Der Höhepunkt des Buches liegt für mich in der Szene auf dem Schloßberg, in der Berthold Rosner dem jungen Heinrich Thorning, dem Helden des Buches, seine Auffassung über das Wesen des Judentums offenbart. Schwächliche Geister werden vielleicht an einzelnen Sätzen Anstoß nehmen, es ist aber das Reifste, was man über das Wesen des Judentums sagen kann. „Er ist ein schwerer Weg," sagt Berthold, * „Ein Kampf um Gott." Roman von Jsaar Breuer. Verlag von Sänger & Friedberg, Frankfurt a. M. 1920.

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