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Jüdische Korrespondenz · 1920-07-02 · 24 (2.7.1920) · page 6

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
24 (2.7.1920)
Date
1920-07-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 24 Jüdische Korrespondenz die verzweifelte Lage im Libanon und den-nngrenzenden Landschaften. Tatsächlich sind die Beziehungen zwischen Damaskus und der französischen Regierung, trotz der beiderseitigen, halboffiziell fungierenden ^Oksieiers de liaison“, seit der Erhebung Faissals zum König, abgebrochen. Erst hieß es, der neue König würde als erste Regierungstat den Heiligen Krieg gegen Frankreich proklamieren. Statt der Kriegserklärung aber sehen wir nun, daß der Herrscher Syriens dem Rufe ' Europas gehorsam Folge leistet und sich nach Paris einschifft; wir hören, daß die neue, „starke" Regierung sich alle Mühe gibt, um-die alliierten Offiziere von ihren friedlichen Absichten zu überzeugen und wir vernehmen auf privatem Wege, daß man in Damaskus endlich die Augen zu öffnen beginnt und nicht mehr im Wahne lebt, es genüge, gegen Frankreich in den Krieg zu ziehen, unr ein „großes, vereintes, unabhängiges" Syrien zu schaffen. Die wirtschaftliche Krise, die als Folge der schlechten Verbindungen in Damaskus und ganz Syrien wütet, macht ihren Einfluß auch auf die politische Unternehmungslust der Damaszener Herren geltend. Die Aufforderungen des syrischen Kongresses, energisch gegen die Beschlüffe von San Remo zu protestieren und tatkräftig für deren Abänderungen einzutreten, haben den einzigen Erfolg gehabt, daß in Damaskus einige mehr oder weniger gelungene Straßendemonstrationen veranstaltet wurden, die schließlich mit einer recht gemäßigten Resolution 'endeten. Es sei an dieser Stelle zu Ehren des Emirs und seiner engeren Freunde festgestellt, daß alle diese Kundgebungen ruhig verlaufen sind, daß die Ordnung in Damaskus überhaupt, abgesehen von gelegentlichen Streichen unverantwortlicher Elemente, nicht gestört worden ist, und daß die nichtmohammedanis'che Bevölkerung m Damaskus sicherlich nicht weniger geborgen ist, als in einzelnen Küstenstädten. Dieses Bestreben, durch keine übereilten Taten den Frieden zu stören, ist leider nicht im ganzen Lande mit derselben Macht am Werke, wenigstens wollen die blutigen Taten in den weiter abliegenden Gegenden kein Ende nehmen. Wie ich in den letzten Wochen des öfteren berichtete, sind heute die Ueberfälle und Massaker gegen Christen und jüdische Kolonisten im Libanongebiet und Nvrdgaliläa an der Tagesordnung. Besonders gefährlich schenkt die Lage im Küstenstreifen zwischen Tyrus und Sidon und deren Hinterland zu sein. Zwischen den Franzosen und den dort herumstreifenden beduinischen Banden kommt es fast täglich zu regelrechten Schlachten. Erst wurden alle Dörfer, die am Massaker von Ain-Abel teilgenommen haben, durch Aeroplane, Schiffsgeschütze und Tanks zu Staub zusammengeschoffen und kleine französische Abteilungen unternahmen eine Reihe von Strafexpeditionen in der Gegend von Tyrus. Als Antwort hierauf - erfolgte eine zweite Serie von Christenmorden in der unmittelbaren Nähe der genannten Küstenstadt. An die dreihundert Menschenleben sollen dabei wieder umgekommen sein. Während dieser Unruhen haben andere metaualische Banden (eine religiöse Sekte der nordgaliläischen Araber) den Straßenraub zum Handwerk erhoben. Reisende wurden ausgeraubt, und. wenn nicht Mohammedaner, sofort getötet. Letzten Samstag wurde dicht vor Sidon ein Wagen mit drei christlichen Leichen aufgefunden. Am 12. Mai wurde das christliche Dorf Ahadussie, eine Stunde vpn Sidon entfernt, in Brand gesteckt. Diese und andere Mordtaten haben endlich die französische Regierung zu energischen Gegenmaßnahmen herausgefordert. Die christliche Bevölkerung erhielt überall Feuerwaffen zum Selbstschutz, in Tyrus wurde Militär gelandet, ein Kreuzer vor Sidon postiert, auch wurden Maschinengewehre auf der alten Zitadelle dieser Stadt aufgestellt. Die mohammedanischen Araber verkündigen, daß sie sich dadurch nicht werden abschrecken lasten. Offenbar, um'der Lage ein für allemal Herr zu werden, haben die Franzosen die Hilfe der britischen Streitkräfte in Palästina angerufen. In Metulla kampiert gegenwärtig eine britische Kompagnie mit ihren Zelten. Nach Tyrus kamen zwölf englische Panzerautomobile und einige fuhren weiter nach Srdon. Auch nördlich Sidon lagert englisches Heer. Es muß wahrheitsgemäß berichtet werden, daß mit der Ankunft der Briten die Gemüter sich überall beruhigen, weil die Gewißheit vorherrscht, daß der geringste Versuch der Ruhestörung die strengsten und nachhaltigsten Repressalien nach sich ziehen würde. Die Engländer haben in allen diesen Ortschaften den verschärften Kriegszustand erklärt und ein Verbot, erlassen, nach 8 Uhr abends auszugehen. Allein, es wäre falsch, zu glauben, daß die Ueberfälle sich nur auf die französische Einflußsphäre beschränken. Vielmehr haben auch die europäischen, meist jüdischen Siedlungen diesseits der Demarkationslinie noch immer darunter zu leiden. Erst-vorgestern wurde die Kolonie Mesha am Tabor durch eine bewaffnete Bande ostjordanischer Beduinen und auch ortsansässiger Araber überfallen, zwei jüdische Kolonisten getötet und die Herde mit Gewalt weggeführt. Leider war als Schutztruppe nur ein kleines Häuflein Gendärmen, sieben an der Zahl, vorhanden, so daß die Abivehr sich auch hier auf den Widerstand der schlecht bewaffneten Einwohner beschränken mußte. Es ist verwunderlich, wie wenig für die Sicherheit der Dorfbewohner in Galiläa gerade jetzt gesorgt wird, wo diese mit den Erntearbeiten beschäftigt sind. Die Schutzmaßnahmen hängen offenbar ganz vom Willen und Verständnis der einzelnen Ortskommandanten ab. Während zum Beispiel in der Umgebung von Haifa umfaffende und wirksame Maßnahmen zur Abwehr der Ueberfälle getroffen wurden, geschieht dies andernorts mit unglaublicher Lässigkeit, so daß beim ersten Zusammenstoß Opfer falleil müffen. Eine wirkliche Befferung nach dieser Richtung hin wird erst, darüber ist man sich hier-im klaren, mit dem Augenblick der Einsetzung der vielerwarteten Zivilregieruna möglich sein, die in erster Linie dafür besorgt sein wird, daß im Lande endlich Ordnung und Ruhe herrschen. Amtliche Iudenmißhandlung in München. Alwin Saenger, Mitglied des Bayerischen Landtages, veröffentlicht in der „Münchener Post" folgenden Brief: Da der Landtag nicht versammelt ist, wende ich mich. auf diesem Wege an den Teil der Oeffentlichkeit, der noch genügend Empfindungen dafür besitzt, daß der Inhalt deutscher und bayerischer Kultur' nicht in der Mißhandlung wehrloser jüdischer Ausländer durch die Organe des Münchener Polizeipräsidenten bestehen kann/ Ich wende mich an den Teil der Oeffentlichkeit, der sich in der Zeit einer von der Staatsregierung geduldeten antisemitischen Gossenpolitik ^noch so viel Verstand bewahrt hat, um zu wissen, daß eine solche,Politik wahrscheinlich sehr bald vor der diplomatischen Intervention der, Heimatstaaten mißhandelter Juden am Ende ihres Lateins, angelangt sein wird. . Heute vormittags mußte sich ein ehemaliger Oesterreicher, heute Pole (Jude), zu einer ärztlichen Untersuchung im Polizeigebäude einfinden. Dortselbst erfuhr er von Anzeigen der derzeitigen bayerischen Nebenregierung, dem Schutz- und Trutzbunde, gegen ihn. Der Vorgeladene, ein kranker Mensch, geriet hierüber in berechtigte Erregung und fing zu weinen und schreien an. Daraufhin setzte in den Amtsräumen der Polizeidirektion der bayerischen Hauptstadt eine Mißhandlung eines wehrlosen Juden durch eine Mehrzahl tapferer Staatsorgane ein, die in Knebeln des Mundes, Schlagen mit Fäusten, Treten mit Füßen, Schleifen in eine Arrestzelle mittels Zange, Beschimpfungen wie „Saujud", „DenSaujud erschlagt man am besten", „So gehört's den Juden" bestand. Am Nachmittag wurde der Allsländer dann mit den Worten „Raus mit dem Juden" entlassen. So bayerische Amtsorgane! Ich habe den'Mann soeben in meiner Anwaltskanzlei vor mir gesehen. Er wies zahlreiche'Spuren viehischer Mißhandlung.auf.* Der Herr Staatsminister des Innern mar, lvie ich telephonisch feststellte, verreist. Ich hätte ihm persönlich sonst dieses Produkt neuerer Staatskunst vorgeführt. An die Vernunft und Einsicht des von bcii Liberalen gehaltenen derzeitigen Polizeipräsidenten zu Appellieren, ist angesichts seiner Maximen sinnlos. Um dem zu erwartenden amtlichen Verschönerungs- und Ableugnungsversuch, den das Aeußere des mißhandelten Juden schon Lügen straft, von vornherein jede Bedeutung zu nehmen, lasse ich folgenden ärztlichen Bericht sprechen: Aerztliches Zeugnis. Habe heute abends 7 Uhrden Herrn Leib.Tider, 44 Jahre, aus Bochnia, Galizien, in meiner Wohnung untersucht. Er gibt an, heute vormittags zwischen 10 und 11 Uhr in einem Haus der Neuhauserstraße im Stiegenhaus von mehreren Leuten verprügelt worden zu sein. Es findet sich im Gesicht die ganze Stirn, Augen- und Wangengegend bis zu den Lippen blaurot verfärbt, blutunterlaufen und dick geschwollen, besonders empfindlich ist die Gegend des Nasenbeins, die Augen selbst ftmf unverletzt, ebenso der Schädel. Aus Mund und Nase soll Blut geflossen sein. Die Nasenhöhlenöffnyngeu' sind mit geronnenem Blut bedeckt. In der Mundhöhle keine offenen Wunden. Am linken und rechten Oberarm sind ebenfalls blutunterlaufene Stellen, links etwa handflächengroß und geschwollen, daneben singerkuppengroße blauunterlaufene Stellen wie von Fingerdrücken. An beiden Handgelenken, besonders links, gleichfalls starke Schwellung^ Rötung und Hautabschürfung rings um das Gelenk. Die Kreuzgegend druckempfindlich. Hautverfärbung oder Schwellung daselbst nicht nachzuweisen. Offenbar unabhängig davon besteht, ein nußgroßer eingeklemmter und entzündeter HaemoxrhoidalknoteA, von dem aus eine ziemlich starke Blutung in die Unterkleidung stattfand. Es ist nicht nuseschloffen, daß der wahrscheinlich schon vorher bestandene Haemorrhoialknote»? durch äußere Gewalt zum Platzen gebracht wurde. Die Verletzungen am Kopf machen den Eindruck, als ob sie mit der Faust oder stumpfen Gegenständen (Knüppel?) beigebracht worden wären, ebenso die Stelle am linken Oberarm. Die Anwendung scharfer Instrumente ist auszuschließen. Herr Tider ist noch etwas benommen, klagt über Schwindel, bei geschlossenen Augen kein Schwanken. Erbrechen war nicht vorhanden. Sanitätsrat Dr. F. Lacher, München, Kaufingerstraße 6/2. Das also ist das erste Ergebnis einer Politik, die amtliche Ausweisungsbefchlüffe mit dem Hakenkreuz versieht, die leiblichen Kinder von den Eltern weg verhaften läßt und in die Akten das Kennwort „Jude" einträgt. In der letzten Landtagssitzung habe ich für sicher zu erwartende Mißhandlungen jüdischer Personen den bayerischen Ministerpräsidenten und Minister des Innern wegen dersträflichen Duldung antisemitischer Roheiten durch die oberen Behörden verantwortlich gemacht. Mit diesem ersten Fall amtlicher Judenmißhandlung steht die Schuld Herrn v. Kahrs fest. Die von ihm zu verantwortende bayerische Ausweisungspolitik ist ein öffentlicher Skandal geworden. Die Folgen werden sich zeigen. Aus Palästina. (.Die Notlage der Jeschiwoth.) Der „I. P. Z." wird geschrieben: Die Notlage der Jeschiwoth und unbemittelten Talmudgelehrten in Jerusalem-hat letzthin eine weitere Verschärfung erfahren. Der „Waad Hazirim", der seit Beginn der

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