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Jüdische Korrespondenz · 1920-06-25 · 23 (25.6.1920) · page 9

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
23 (25.6.1920)
Date
1920-06-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 23 Jüdische Korrespondenz Seite 9 Aber Rom hielt sein Versprechen nicht. Dem Kaiser dem es Peinlich gewesen sein mochte, als wortbrüchig zu erscheinen, wurde von seinen Getreuen geraten, den Tempelbau nur unter der Bedingung zu erlauben, daß er an anderer Stelle als auf Morijah oder in einem von der Ueberlieferung abweichenden Ausmaße aufgeführt werde, worauf die Juden selbst die Sache aufgeben würden. Eine Abweichung vom Gesetze der Thora unsererseits hielten somit damals selbst die Feinde undenkbar. Dabei sind die Ausmaße -des Tempels nicht einmal in der schriftlichen Lehre für alle Zeiten festgelegt, sondern nur mündliche Tradition. In der zionistischen Presse von heute ist man anderer Auffassung über Geltung von Gesetz und Tradition beim Wiederaufbau . .. Gewisse Führer werden mit Esra und Nehemja verglichen, Esra aber heilt den jüdischen Organismus von der Seuche der Mischehe und Nehemja kämpft gegen die Sabbatentweihung, zwei Punkte, an denen allein schon bei gewissen zionistischen Führern der Vergleich mit Esra und Nehamja scheitert... Zu Unrecht wird auch das Wort der Siphri herangezogen, wonach Jischub Erez Jisroel alle anderen Pflichtgesetze aufwiegt. Wenn etwas gewogen werden soll, so muß vorausgesetzt werden, daß sich auch in der Gegenschale etwas befinde. Man pflegte keine leere Wagschale aufzuwiegen... Uebrigens Horen wir ein Gleiches auch von der Sabbatruhe und Zizispflicht, wobei es keinem einfallen wird, zu behaupten, daß man' sich mit der Erfüllung dieser beiden Pflichten von allen anderen befreien könnte. Das Ziel der orthodoxen Paläftinaarbeit ist und bleibt: das Land der Väter zum Mittelpunkt von Thoralehre und Thoraleben zu machen. j_' Rundschau. (Das Stärkeverhältnis von Orthodoxie und Zionismus in Polen.) Aus Zürich wird gemeldet: Das hier weilende Mitglied des Zentralkomitees der Schlome Emune Jisroel, I. Horowitz, veröffentlicht gegenüber heftigen zionistischen Atlgriffen in Sachen des Austritts der Orthodoxie aus der polnischen Hilfskonfereuz folgende Richtigstellung: Die wiedergegebenen Zeitungsstimmen sind tendenziös und gehässig. Der wahre Sachverhalt war bereits im „Jud" wiedergegeben. Die Orthodoxie bildet in Polen .unbestreitbar die überwiegende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung. Zieht man diejenigen Volksschichten in Betracht, die durch den Krieg, Pogrome und Boykott am meisten gelitten haben, somit an der Hilfstätigkeit zunächst interessiert sind, so ist die orthodoxe Mehrheit auch dem Nichteingeweihten evident. Trotzdem wurden die Orthodoxen von der Vewaltung der aus Amerika gesandten Hilfsfonds von vornehereip fast ausgeschlossen. Als schließlich auf Drängen der Schlome Emune Jisroel die strikte Weisung von Amerika eintraf, der Orthodoxie in allen Verwaltungs- und Verteilungskommissionen gebührende Vertretung einzuräumen, erkannten die Zionisten der Orthodoxie zwar einige Sitze bei. der Hilfskonferenz zu, vermehrten aber zugleich ihre eigenen Sitze dermaßen, daß der Einfluß der orthodoxen Mehrheit vollständig paralysiert erschien. Es ist unrichtig, daß die Schlome Emune Jisroel sich mit dieser ihnen zugedachten kläglichen Rolle anfänglich einverstanden erklärt hätten. Die Orthodoxie hat im Gegenteil stets das ihr zukommende Recht zur Wahrung ihrer Interessen unzweideutig gefordert. Es stimmt auch keineswegs, daß die Zionisten bei den Sejm-Wahlen eine größere Stimmenzahl erlangt hätten, als die Schlome Emune Jisroel. In Wirklichkeit erhielten nach den amtlichen gedruckt vorliegenden Ausweisen bei den Sejm-Wahlen die Orthodoxen 86.000 Stimmen, während die Zionisten im ganzen bloß 50.000 auf ihre Kandidaten vereinigen konnten. Am klarsten zeigen aber die statistischen Daten über die jüdischen Gemeindewahlen das richtige Zahlenverhältnis der jüdischen Parteien in Polen, die umso charakteristischer sind, weil es sich bei ihnen in gleicher Weise um. innerjüdische Parteirichtungen handelt wie bei der Frage der Hilfskonferenz und weil ja gerade die Zionisten seit Jahren alle Anstrengungen machen, die „Gemeindestnbe zu erobern". Auf dem Gebiete Kongreßpolens fanden in 270 Gemeinden Vorstandswahlen statt, wobei die Zionisten 100, die Misrachisten 13, die Orthodoxen hingegen 496 Mandate erhielten. Diese Zahlen zeigen am deutlichsten die absolute Haltlosigkeit der von deu Zionisten geübten Taktik, die Schuld an der Uneinigkeit unter den Juden Polens den organisierten Orthodoxen in die Schuhe zu schieben. (Die Sabbatruhe in Aegypten.) Wie aus Kairo gemeldet wird, wurde vor kurzem in ganz Aegypten die sogenannte „englische Woche" festgesetzt, in der Weise, daß die Sonntagsruhe schon am Samstagnachmittag ihren Anfang nehme. Bei dieser Gelegenheit gelang es dem Rabbinat in Alexandrien durchzusetzen, daß die jüdischen Kaufleute am Sonntag ganz geöffnet halten, dafür aber den ganzen Samstag ihre Geschäfte schließen. (Die Juden in Rußland und Ukraine.) Den Delegierten der jüdischen Nationalräte in Paris, berichten Advokat Sliosberg und Ingenieur Temkin über die Lage der Juden in Großrußland und der Ukraine. Herr Sliosberg berichtete iiber das Leben in Großrußland. Dort ist das Leben der Juden keiner Gefahr ausgesetzt, noch erleiden sie dort keine besondere Verfolgungen, aber das gesamte, jetzt dort herrschende wirtschaftliche System hat den ökonomischen Aufbau der Juden völlig ruiniert, was insbesondere dadurch schwerwiegend wird, daß die Regierung jede spezielle jüdische Organisierung verfolgt und ihre Tätigkeit hindert. So hat auch die Regierung die jüdischen Gemeinden und den neuerrichteten jüdischen Gemeindebund aufgelöst und hat die gesamte Tätigkeit dieser Gemeinden lahmgelegt, ja sogar die Friedhöfe einem kommunistischen Kommissär zur Verwaltung übertragen. Durch die Unterbindung jedes freien Handels, aber auch jedes eigenen Handwerkes wird vor allem die jüdische Bevölkerung schwer betroffen. — Herr Temkin führte aus, daß in der Ukraine nicht nur das jüdische Wirtschaftsleben völlig ruiniert ist, daß ein unendliches Elend dort herrscht, sondern daß alle Regierungen, die dort einander gefolgt sind, insbesondere die freiwillige Armee Denikins und die Banden Petljuras, in einer in der langen Geschichte der jüdischen Verfolgungen beispiellosen Grausamkeit systematisch ganze jüdische Städtchen ausgerottet haben; es ist eine Zeit des Leidens für die Juden angebrochen, wie sie in der Geschichte unerhört dasteht. Herr Temkin bezeichnet« die Ziffer von 50.000 Opfern als viel zu niedrig gegriffen und erklärte, daß die Summe, die notwendig wäre, um auch nur den ersten Schaden gutzumachen, 400 bis 500 Millionen Dollar beträgt, so daß diesmal bei der ungeheuren Summe neben jeder Privathilfe auch die Staatshilfe wird eingreifen müssen. (Eine antijüdische Demonstration in London.) Aus London wird gemeldet: Der seltene Fall einer antisemitischen Kundgebung trug sich bei einem Volksmeeting in der Londoner Essexhall zu, das als Protest gegen den Bericht der sozialistischen Arbeitsdelegation über die Zustände in Rußland einberufen wurde. Sechs ehenmlige russische Gefangene kamen dabei zum Worte und schilderten ihre furchtbaren Eindrücke und Erlebnisse. Als der Sattler Walsh die religiösen Verhältnisse und die Entheiligung der Kirchen schilderte, brach ein ungeheurer Tumult los. Die Kirchen, die noch flir den Gottesdienst offen stehen, tragen, wie Walsh ausführte, in fußhohen Lettern die Aufschrift: „Die Religion ist das Gift des Volkes!" Oder: „Tretet ein, ihr, die ihr dumm und nicht mehr zu retten seid!" Beim Eintritt in die Gotteshäuser muß man bis über die Knöchel in menschlichem Unrate gehen, denn die Rottruppen benützen die Kirchen als — Bedürfnisanstalten. Alle Kirchen, deren es in der Stadt Moskau allein 666 und innerhalb des Gürtels 1340 gibt, sind vollständig ausgeplündert. 800 sind zu niedrigen Bergnügungslokalen für das Volk eingerichtet, in denen die wildesten Orgien gefeiert werden und die Religion geschändet und-verspottet wird. Nahe an tausend Kirchen sind in Lagerhäuser und Magazine, zwei in Schweineschlachthäuser (!) verwandelt worden. An diesen steht über dem Kirchentore die Aufschrift: „Nicht mehr der Volksvergiftung, sondern der Volksernährung gewidmet!" Im übrigen, schloß der Redner, sind diese Zustände kein Wunder, da neunzig Prozent aller Sowjeträte Juden sind und die Gewalt über Rußland in Händen haben. Bei diesen Worten brachen die Zuhörer in die Mffe

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