Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 20 (4.6.1920)
- Date
- 1920-06-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seile 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 20 der jüdischen Einwanderung nach Palästina der zionistischen Organisation übergeben werden soll. Es wäre dies eine derart furchtbare Ungeheuerlichkeit, die angesichts der gegenwärtigen politischen Verhältnisse ein großes Unglück für das ganze jüdische Volk bedeuten müßte, da doch das Gros desselben im Osten lebt und zur Orthodoxie gehört. Wir erwarten daher eine baldige Aufklärung seitens der zionistischen Organisation, bevor wir zu der Sache weitere Stellung nehmen. Maximilian Barden über die Gstjuhen. In der soeben erschienenen Nummer der „Zukunft" setzte sich Maximilian Harden mit der auch in Deutschland akut gewordenen Ostjudensrage auseinander, indem er schreibt: Schon viele Jahrzehnte vor dem Krieg hatten sich in verschiedenen Groß- und Mittelstädten Deutschlands Ostjuden in einer nicht unerheblichen Zahl niedergelassen und Wohnrecht genossen. Sie erleichterten den Handels- und Jndustrieverkehr zwischen Deutschland und den Östländern, haben große Gebiete des deutschen Imports (Eier, Fische, Holz, Leder, Pelzwaren) erschlossen und dem Export landwirtschaftlicher Maschinen und technischer Erzeugnisse aller Art in das weite östliche Absatzgebiet erst die Wege gewiesen. Ein kleinerer Teil der Einwanderung erklärt sich aus den besonderen rituellen Verhältnissen der deutschen Juden, die nach alter Tradition sich Lehrer, Rabbiner, Thoraschreiber, hebräische Schriftsetzer und Schriftgelehrte aus der ungebrochenen ostjüdischen Kulturgemeinschaft herholen müssen. Im Jahre 1900 belief sich die Gesamtzahl der auf solche Art nach Deutschland eingewander.ten Ostjuden auf 41.113, also auf 4*99 Prozent der fremdgebürtigen Gesamtbevölkerung. Die statistischen amtlichen Erhebungen des Jahres 1905 ergeben an Ostjuden: in Preußen 38.844,' in Sachsen 10.360, in Hessen 1787. In Groß-Berlin wohnten 1910 im ganzen 21.683 Ostjuden. In der alten deutschen Stadt Wien zählt die Ostjudensiedelung über 100.000 Personen; in London, mehr noch in New 9)ork, Washington, Cincinnati und vielen anderen amerikanischen Städten, sind seit Jahrzehnten ganze Stadtviertel von zum Teil riesigem Umfang fast ausschließlich von Ostjuden bewohnt; diese Wohnstädten werden dort aber nicht als „Eiterbeule" verschrien. Dieselbe Duldung und gerechte Wertung, die der Amerikaner der jüdischen Millionensiedelung zuteil werden läßt, darf man auch von jedem gerecht denkenden Deutschen in bezug auf die doch nur zwerghaften Judensiedelungen in einigen deutschen Großstädten verlangen. Jedenfalls-geht es nicht an, diese arbeitsamen Menschen einiger Drohnen wegen, die ja auch unter christlichen Deutschen zu finden sind, in ungerechter Verallgemeinerung wie ein lichtscheues und verbrecherisches Gesindel zu behandeln. Vergessen wird in der Erörterung stets, daß während der Kriegszeit deutsche Behörden mit allen Mitteln, insbesondere mit hartem Zwang, wahllos viele Ostjuden, auch kleine Handwerker und Kaufleute, die irgendwie zu der geringsten körperlichen Arbeit noch geeignet schienen, nach Deutschland zur Arbeit in kriegsindustrielle Betriebe, auch in Bergwerke, getrieben haben. Diese großen, durch Zwang in Deutschland festgehaltenen ostjüdischen Massen wurden nach der Revolution, im Frühjahr 1919, infolge der verschiedenen Demobilmachungsvorschriften zum großen Teil wieder in die Heimatgebiete zurückgeschafft. Begreiflich ist, daß ein Teil dieser Leute beim ersten Freiwerden der Grenze nach Hause ging; viele waren jahrelang von ihren Familien ferngehalten worden und hatten, trotz vertraglicher Zusicherung, auch nicht den geringsten Urlaub erhalten. So hatte bis etwa zum April und Mai 1919 die Einwanderung, besonders aus den ehemalig russischen Weststaaten, fast ganz aufgehört. Aber die Rückwanderer fanden zu Hause keine Arbeits- und Verdienstmöglichkeit mehr. Ueber die meisten dieser Gebiete war die Kriegsfurie wie eine alles zerstörende Lawine drei- und viermal hinweggebraust und hatte das wirtschaftliche Gefüge vollkommen auseinandergerissen. Die Wohnstätten waren zum größten Teil zerstört, alle Handelsverbindungen zerschnitten. Dazu kam die zu einem großen Teil gewiß unvermeidliche scharfe Praxis der Besatzungsbehörde, die leider durch viele obere und untergeordnete Organe bis zur Grausamkeit verstärkt wurde und die Juden mit ganz besonderer Wucht traf. Daß in Lodz sogar die Webstühle zerschlagen wurden, ist bekannt. Die Verantwortung dafür, daß jetzt Hunderte von Juden in Polen ihr tägliches Brot nicht finden, ist zu einem nichtsgeringen Teil der deutschen Okkupantenbehörde zur Last zu legen. Seit 1880 (Beginn der russischen Pogromwellen und Dauerverfolgungen) ergoß sich ein breiter Strom von Ostjuden nach Nordamerika. Unter der in die Vereinigten Staaten von Amerika in den Jahren von 1880 bis 1914 stattfindenden Einwanderung von 21,862.694 Personen waren insgesamt 2,497,527 Juden; 1112 Prozent. Davon kamen 1,592.183 aus Rußland, 240.000 aus Oesterr.eich-Ungarn, 59.416 aus Britannien, 62.813 aus Rumänien, 10.373 aus Deutschland und 532.740 aus anderen Ländern. Im Gegensatz zu den Wanderungsbewegungen der slawischen und romanischen (süditalienffchen) Völker handelt es sich bei dieser jüdischen Wanderbewegung nicht um Saisonwanderungen der Familienväter oder einzelner lediger Personen, sondern um. Wohnsitzverlegung ganzer Familien. An sich ist die Richtung dieser jüdischen Sippenwanderung ziemlich eindeutig dahin festgelegt, daß die unter ökonoinisch günstigen Bedingungen lebende amerikanische Zweieinhalbmillionen-Siedelung ein unübersehbares Netz von stark anziehenden Fäden beinahe in jede Familie des Ostens webt, so daß die zu Emigration gezwungenen oder besonders geeigneten Schichten des jüdischen Osteris schon eine bestimmte Richtung haben. Wichtig ist, daß Deutschland auf diesen Wanderungsstrom irgendwelche Anziehungskraft nicht ausüben kann, sondern in der Hauptsache als Etappenort dient. Nun hatte der Krieg große Massen, insbesondere von betagten und jugendlichen Angehörigen dieser in Amerika seßhaft gewordenen Ostjuden gezwungen, zunächst alle Uebersiedlungswünsche zu unterdrücken. Die immer unsicherer gewordenen Verhältnisse in Osteuropa haben jetzt naturgemäß dazu geführt, daß, sobald der Verkehr mit Nordamerika ausgenommen wurde, die Familienangehörigen mit allen Mitteln versuchten, ihre im Osten befindlichen Verwandten Nachkommen zu lassen. So gelangen auch jetzt eine große Zahl Durchwanderer nach Deutschland, die entweder schon die Schiffskarten in den Taschen haben oder deren Eintreffen in Deutschland erwarten. Aus alledem ergibt sich, daß nur ein ganz kleiner Teil der Einwanderer in Deutschland lange zu bleiben gedenkt. Die Gesamtzahl der seit dem Kriege Eingewanderten ist höchstens 70.000. Wie klein die Zahl der sich ungemeldet aufhaltenden jüdischen Flüchtlinge ist, zeigten die Berliner Razzias, bei denen unter 400 Festgenommenen nur 10 Unangemeldete waren. Schändlich ist der Versuch, den Haß gegen diese östlichen Kriegsopfer mit der Lüge zu schüren, die hereinbrechende Einwandererflut werde das deutsche Wirtschaftsleben in seinen Grundfesten erschüttern unb dem deutschen Arbeiter Wohnung, Lebensmittel und Arbeit rauben. Ltho-3LonLsmus. (Gedanken über das Erlösungsproblem.) (Fortsetzung.) Es sollte auch nicht übersehen werden, daß uns die Religion nicht nur Pflichten auferlegt, sondern auch Rechte verleiht. Darunter ist auch das Recht, alles, was nicht aus ihrer Wurzel ist, ihr jedoch zu Zeiten als lebendiger Zaun zum Schutze gereicht hat und deswegen heilig gehalten worden, sobald es die Natur einer Schlingpflanze zeigt, die dem gesunden Baume die Kräfte entzieht, so daß Ast um Ast verdorrt, unter angemessener Vorsicht zu beseitigen. Warum sollte so etwas Leichtfertigen überlassen bleiben, denen an der Erhaltung des Baumes überhaupt nichts gelegen während sich gerade die Frommsten dazu am meisten verpflichtet fühlen sollten. * .(Fortsetzung auf Seite 4.)