Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 20 (4.6.1920)
- Date
- 1920-06-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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indische Korrespondenz Bezugspreis: Ganzjährig K50, halbjährigK25,vierteljährig K 12 50. Ausland jährlich K 70. Einzelnummer 1 Krone. Oryan für die Interessen des orthodoxen Judentums. Redaktion und Administration: Wien, VIII., Alserstraße 55. Postsparkassenkonto Nr. 184.299. Erscheint jeden Freitag. Nr. 20. Wien, 18. Siwan 5680, 4. Juni 1920. VI. Jahrgang. (Ein Wort an alle, die es angeht. Dr. N. Nur einige Wochen trennen uns von den Wiener Kultuswahlen. In kurzer Zeit wird der Wiener Jude zur Urne schreiten, um mit dem Wahlzettel seine Gesinnung zu bekunden, sich über seine Stellungnahme den Gesamtinteressen des Judentums gegenüber zu entscheiden. Für jeden einzelnen von uns ist diese Wahlfrage eine Gewissensfrage. Die jüdische Gemeinde ist keine Schöpfung der Neuzeit, der Gegenwart, sie ist eine altehrwürdige Institution, die mit dem Wesen des Judentums viel zu innig verknüpft ist, in der allzulief der Gesamtkomplex des jüdischen Pslichtlebens""verankert ist, als daß man über die große, überaus wichtige Frage, wer die berufenen Führer und Leiter dieses Gemeinwesens sind, leichtfertig hinweggehen könnte. Und jeder drückt sich selbst den Stempel sträflicher Lauheit aus, der sich freiwillig des heiligsten Rechtes begibt, selbst die Männer zu wählen, denen die Wartung der wichtigsten Interessen seines Volkes anvertraut sein soll. Für viele ist wohl die Entscheidung darüber, welche Männer in ihrer Gesamtheit die geeignetsten Repräsentanten des jüdischen Volkes darstellen, eine leichte. --- Dev ^esttzestreüe GFüde wird'."WMkch"-kei-M"MtMbkrck darüber im Zweifel sein, daß er nur Männer seiner religiösen Ueberzeugung, das religiöse Heil seiner Kehilla anvertrauen kann. Auch der ausgesprochene Anhänger des zionistischen Parteiprogramms, wird seine lediglich nationale, das religiöse Moment völlig außerachtlassende Gesinnung dadurch bekunden, daß er nur den Verfechtern dieses Programms zum Einzug in die jüdische Ratsstube verhelfen will. Schwieriger aber wird sich die Entscheidung in der Wahlfrage für die große Zahl jener gestalten, die wohl von der Unzulänglichkeit der bisherigen Kultusrepräsentanz durchdrungen und von der Notwendigkeit einer durchgreifenden Reform des gesamten Gemeindewesens überzeugt sind, die man eigentlich als zu keiner der obgenannten Richtungen zugehörig ansehen kann. Auf welchen Boden nun ruht die religiöse Anschauung des überwiegenden Teiles der Wiener Judenheit? Die Mehrzahl der Großstadtjuden hat in früher Jugend den sicheren Hort des elterlichen Hauses verlassen, die Heimstätte traditionellen, altjüdischen Glaubens. Von dieser Stunde an haben sich die Bande gelockert, die einst den Jüngling mit der Religion des Vaters verknüpft. Der Mann ist seiner Vergangenheit untreu, seine Lebensweise ententspricht nicht mehr den Geboten der Thora. Ist aber auch seine Gesinnung eine gänzlich andere geworden? Nein und abermals nein! Denn wer von uns, und mag ihn der Kampf ums Dasein oder das Lebensschicksal wie immer dem althergebrachten, gesetzestreuen Judentum seiner Väter entfremdet haben, wird nicht mit tiefer Sehnsucht und stiller Wehmut jener weihevollen Stunden gedenken, die er im elterlichen Hause verbrachte, sich jener heiligen Freude entsinnen, die ihm. dem Kinde, die Ausübung und Betätigung des göttlichen Wortes bereitete. Und willkürlich steigen vor unserem geistigen Auge altvertraute, längstentschwundene und dennoch unvergeßlich schöne Bilder auf, da wir am feierlich geschmückten Sabbat- ' tisch dem Segensspruche unseres Vaters lauschten, da wir an seiner Hand zum erstenmal die Synagoge betraten. Da wird die Erinnerung wach an jene Stunde, in der wir voll jugendlichen Stolzes und vom heiligen Feuer religiöser Begeisterung erfüllt als vollwertiges Mitglied in den Kreis der jüdischen Glaubensgemeinde ausgenommen wurden. Können wir alle diese Bilder je vergessen, können wir unserer eigenen Jugend untreu werden. Packt uns nicht immer wieder die Sehnsucht nach jenen Stunden der Weihe und Erhebung. Sehen wir nicht immer wieder, daß jene Gefühle, welche wir schon längst entschwunden und erloschen glaubten, nur zum vorübergehenden Schlafe eingeschlummert sind, uns aber nie völlig verlassen werden. Ist es uns nicht ein vielleicht geheimer, doch darob nicht minder dringender Herzenswunsch, daß auch unsere Kinder wieder in jenem Geiste erzogen werden, der in unserer Kindheit über uns waltete, daß sie das nachholen, was wir versäumt, das wieder gutmachen, worin wir gefehlt. Denn es handelt sich nicht um die Gegenwart, um die Stunde, w i r bauen für die Zukunft, für die religiöse Zukunft unserer Kinder, wenn wir in einigen Wochen über die Personen unserer Führer, Leiter und Erzieher entscheiden sollen. Und nun fragen wir uns selbst, sind wir es uns nicht selbst, unserer Kindheit und unseren Kindern schuldig, ist es nicht ein Akt der Pietät unserem Elternhause gegenüber, wenn wir nun jene Männer mit der Leitung der jüdischen Gemeinde betrauen, die noch ganz von jenem Geiste erfüllt sind, in dem unsere Eltern und Ahneirausgegangen-sind, nur Männer, die-durchs ihre Person die Gewähr dafür bieten, daß das Judentum, welches sich nur durch unentwegtes Festhalten am allererbten Thorageist bis bis heute erhalten konnte, auch weiterhin bestehen wird, also g l a u b e n su n d g e s e tz e s t r e u e M ä n n e r. Mag uns selbst des Lebens Kamps und seine Versuchungen dem strenggläubigen Judentum entzogen haben, mögen wir vielfach in unserem Einzel leben die Ausübung unserer religiösen Pflichten unterlassen, so müssen wir es dennoch als unsere heiligste Pflicht betrachten, den Fortbestand und die Wiedererweckung des Gemeindelebens im altjüdischen Sinne dadurch zu fördern, daß wir die Leitung unserer Gemeinde, unserer Schulen, Ritualien und Wohltätigkeitsanstalten nur jenen Männern anvertrauen, die gesetzestreues Judentum mit moderner Lebensanschauung zu paaren verstehen, Männer, denen es gelingen wird, den Satz wahr zu machen.;,Wenikdaschti betauch bene Jisrael!“ Die Orthodoxie und Palästina. „Der Jud", das Organ der orthodoxen Organisation „Schlome Emune Jisroel" in Polen, veröffentlichte in einer seiner letzten Nummern den Text des Memorandums, das diese Organisation durch das *Joint Foreign Gomittee“ dem Obersten 9late hinsichtlich der Palästinafrage überreichte. Aus dem Inhalt des Memorandums ist zu ersehen, daß die Gerüchte, wonach die Orthodoxie sich gegen eine jüdische Heimstätte in Palästina ausgesprochen habe, völlig grundlos sind. Im Gegenteil, in dem Memorandum werden ziemlich weitgehende Forderungen für die Rechte der Juden in Palästina erhoben. (Wir werden das Memorandum in nächster Nummer veröffentlichen). Gleichzeitig erhebt „Der Jud" gegen die zionistische Organisation die Beschuldigung, sie hätte bei der englischen Regierung die Orthodoxie des Ostens als deutschfreundlich und ententefeindlich denunziert, und aus Grund dieser Behauptung verlangt, daß das Monopol für die Leitung