Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 19 (1.6.1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz , Nr. 19 „Gedenkt die Agudas Jisroel eine Sonder-Aktion oder eine gemeinsame Aktion zu unternehmen, respektive wie würde sie eine eventuelle gemeinsame Aktion durchführen?" „Zweifelsohne wäre die Zukunft der jüdischen Heimstätte in Palästina am sichersten gewahrt, wenn es dort keine gesonderten Aktionen geben würde. Die Millionen gesetzestreuer Juden, die sich zum Programm der Agudas Jisroel bekennen, werden sich aber nie an Aktionen beteiligen, mögen dieselben wirtschaftlicher und kultureller Natur sein, welche in irgendeiner Weise unsere Thora-Traditionen dabei aus dem Auge verlieren. In den Massen des gesetzestreuen Judentums wurzelt die unverrückbare Ueberzeugung, daß durch solche Aktionen kein dauernd aufbauendes Werk geschaffen werden kann. Sie betrachten deshalb eine Beteiligung an solchen Aktionen als eine Mithilfe zur Untergrabung der jüdischen Zukunft, statt zu deren Aufbau. Werden die Zionisten, deren Ideenwelt dem Thora-Judentum diametral entgegengesetzt ist, wenigstenst in bezug auf die Gestaltung des Gemeinschaftslebens in Palästina die Anforderungen des Thora-Gesetzes zur vollen Geltung gelangen lassen? Die bis jetzt in Palästina gezeitigten Früchte | der zionistischen Kulturen zwingen uns leider in dieser Beziehung sehr skeptisch zu sein. Solange deshalb die untrüglichen Beweise und festen Bürgschaften dafür fehlen, daß man allerseits der Unverletzlichkeit des Thora-Gesetzes im öffentlichen Leben in der jüdischen Heimstätte aufs nachdrücklichste Geltung verschaffen will, bleibt der Agudas Jisroel nichts anderes übrig, als ihre eigenen Wege zu gehen. Die Verantwortung bleibt denen überlassen, welche sie dazu nötigen." Echo-Zionismus. (Gedanken über das Erlösungsproblem.) (Fonsetzung.) Wir haben viel zu viel vor der eigenen Türe zu kehren, als daß es sich anders als lächerlich ausnehmen würde, wenn wir die Rolle von Weltverbesserern spielen wollten; aber in dem Streben nach Selbstverbesserung durch gutes Beispiel in unaufdringlicher Weise voranzugehen, würde uns nicht übel anstehen. Wir müssen ja in der Sittenverbesserung vorangehen, weil wir dazu gestoßen werden und weil da eine solche überhaupt nur auf theistischer Grundlage möglich ist, wir an unserem absoluten ethischen Monotheismus den festen Punkt haben, wo die Hebel anzusetzen sind. Aus der Betäubung eines vielhundertjährigen ununterbrochenen Druckes erwacht, ist man in der Judenheit vielfach zu der Einsicht gelangt, daß selbst der frömmste Glaube an die himmlische Allmacht niemanden auf Erden berechtigt, auf Wunder zu warten, wo es den Nebenmenschen an die Existenz geht und es demnach keineswegs mit nüchterner Frömmigkeit vereinbar ist, das Problem der Erlösung der unglücklichen Stammesangehörigen ganz und gar dem Eingreifen der Vorsehung anheimzustellen, ohne die uns vom Schöpfer verliehenen Kräfte ernstlich zu regen. In der obwaltenden Stimmung hat man sich allenthalben gefragt: Sind die Juden einfür allemal bestimmt, der Laune, und Willkür der sittenfaulen Elemente moderner und unmoderner Nationen preisgegeben zu sein? Sollen alle Zeit frivole Streber und eitle Hetzer auf ihrem Rücken zum Aufstiege gelangen und große und kleine Volkstyrannen die üblen Launen der Massen nach Belieben von sich ab auf sie hinüber leiten können? Werden mit allen möglichen Mitteln der Infamie inszenierte und rege erhaltene Aechtung und in Gesetzesformen gebrachte Böswilligkeiten immerfort jüdische Parias schaffen, die im Vaterlande als Fremde und in der Fremde als Vaterlandslose hin- und hergeschoben werden? Sollen so weiter, Geschlecht um Geschlecht, Brüder und Schwestern unter unsäglichen Seelenleiden physisch verkrüppeln, intellektuell herabkommen und schließlich jeden moralischen Halt verlieren? Wird es Leuten, die sich in dem pestaushauchenden Sumpfe finsteren Menschenhasses wohl fühlen, immer gegönnt sein, gegen den Himmel schielend auf die Schmach hinzuweisen, die sie und ihre Vorgänger über das Jsraelitenvolk heraufbeschworen haben? Das stießt zusammen zu einem Problem, den: kein Jude, der noch Religion, Pietät und Ehrgefühl besitzt, auszuweichen vermag. Im Vordergründe steht die Aufgabe, nach Mitteln zu suchen, die geeignet wären, für die vielen, einer festen Heimat ermangelnden Glaubensgenossen, die in stets schwebender Pein leben, menschenwürdige Verhältnisse zu schaffen. Die Sache drängt und die Zeit, wo der Grundsatz: „Die Menschen werden frei und gleichberechtigt geboren und bleiben es", allgemeine Weltansicht wird, liegt noch im Nebel. Es bleibt demnach nichts übrig, als Selbsthilfe nach Maßgabe der Kräfte ruhig und besonnen anzustreben, und zwar womöglich in einer Weise, daß sich das Hilfsvermögen stets steigert. Ueberlegen wir nun: Die sittlich verwahrlosten, zurückgebliebenen und gesunkenen Elemente der Bevölkerungen, unter denen wir leben, der gebildete wie der ungebildete Pöbel, sängt jede von Juden an den Tag gelegte Unart und jedwede von einem Juden begangene Schlechtigkeit auf, um zu generalisieren und Judentum als Ursprung des mit Recht oder Unrecht Mißfälligen hinzustellen. Der offenkundige Zweck ist geflissent- | liche Herabsetzung, Verleumdung und Beleidigung Unschuldiger, also eigentlich eine Niedertracht. Warum sich in solchen Helden, die bei allen gegebenen Gelegenheiten nebenbei nach Kräften lügen, gar kein Gewissen regt, wollen wir nicht fragen, — zu fragen ist: Woher kommt es, daß sich unsere gutgearteten Menschenbrüder, obgleich es sehr durchsichtig ist, wohin man mit den böswilligen Verallgemeinerungen hinaus will, demgegenüber so oft ganz passiv verhalten? Warum geschieht auch dort, wo Gewissen vorhanden und das frivole Treiben verurteilt wird, nur wenig oder garnichts dagegen? Der einzig zureichende Erklärungsgrund dieser Zurückhaltung ist die Verstimmung, ob des Verhaltens und Treibens der Verwahrlosten und Zurückgebliebenen unseres Stammes, zuvorderst der Frechlinge, die denen auf der anderen Seite nicht nachstehen. Es gibt kein Volk auf Erden, in dessen Interesse eine ethische. Hebung der Mitmenschen so sehr gelegen, wie das jüdische; denn der sittliche Aufschwung der Umgebung bedeutet für uns Heil und der Niedergang Unheil. Es ist uns jedoch benommen, auf die Erziehung der anderen direkten Einstuß zu nehmen. Da sich aber die schlechten Elemente von drüben zu denen auf unserer Seite gewissermaßen wie Zündstoff und leichter Brennstoff zueinander verhalten, erfordern die Umstände, daß wir überall, wo es irgend nötig, in unseren Kreiten mit der ethischen Hebung so energisch und planmäßig als nur möglich beginnen. Diesen Erwägungen folgend kommt man zu dem Schluffe, daß nur durch eine dem Zionismus des Propheten verwandte, mit den Mitteln des modernen Könnens und Wissens betriebene Selbstemanzipationsbewegung die inneren und die äußeren chronisch gewordenen Uebelstände im Jsraelitenvolke zu sanieren wären. Vor allem empfiehlt sich eine Erziehung, welche die ethischreligiösen Motive, die den Israeliten zu einer eigenartigen absondernden Lebensweise bestimmen, in lichtvoller Weise der Jugend klarlegt und jedem Mißverständnisse vorbeugend, _ auf die Gott und den Menschen freundliche Grundlage unserer Religion hinweist, im Sinne des von unseren Propheten aufgestellten Lehrsatzes: „Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Ewige von dir fordert; es ist nur Gerechtigkeit üben, Wohltun lieben und in ftommer Gesinnung mit deinem Gotte wandeln" (Micha 6, 8). Alles was sich in Sprache, Umgangsform, Volkstracht und Sitte von außen eingeschmuggelt, mit dem Glauben jedoch nichts gemein hat, ist, insoferne es Anstoß erregt, abzugewöhnen und zu vermeiden. Es muß der Jugend sehr ans Herz gelegt werden, daß es des Israeliten strenge Religionspflicht, ein reinlicher, anständiger, gelassener, allen Unarten abholder Mensch zu sein, daß schon Vernachlässigung, Unmanierlichkeit und Keckheit Entweihung des göttlichen Namens bedeuten und daß im selben Sinne Lug und Trug, Ungerechtigkeit und Beleidigung an einem andersgläubigen Mitmenschen verübt, als doppelter Frevel zu verdammen und zu bannen ist. (Fortsetzung folgt.) L. Mandl.