Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 18 (28.5.1920)
- Date
- 1920-05-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3495278-3495461-3495478--1355-3497255- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 18 von pessach bis Ichwuos. Von Rabbiner A. Weiß (Wien). (Schluß.) Nun kommen wir einmal von den Vätern und Müttern auf uns ihren Nachkommen. Zählen auch wir die Tage gottgefälligen Lebens? Heben wir selbe aus dem Alltagsleben heraus, auf daß sie wie Lichtstrahlen auf unser seelisches Leben einwirken. — Sind wir einig in der Heilighaltung der Thora. Leben wir alle im Geiste dieser Lehre. Halten wir einmal Umschau, und wir werden sehen, daß große Massen — insbesondere in der Großstadt — die Thora im Stiche gelassen haben, daß diese unser kostbarstes Gut vernachlässigen; -ja viele den Inhalt gar nicht mehr kennen. Sie zählen wohl'— aber nicht Werte der Thora, sie wiegen wohl — aber nicht Schätze des jüdischen Lebens. Statt die gottgeweihten Tage jüdischen Wirkens und Schaffens zu zählen — umgeben sie Zahlen und Ziffern ihres irdischen Mühens und Schaffens; gleich den Tieren leben sie dahin, nur dem körperlichen Behagen, den sinnlichen Genüssen ergeben, an Stelle der Schabbos- Entweihung desselben in frecher Weise; dafür wird aber der Sonntag in festlichem Schmuck zum Feiertag gemacht. Statt Einhaltung der Speisegesetze füttern und mästen sie sich und ihre Kinder mit Trefu unwelu. Die Reinheit des jüdischen Familenlebens vernichten sie durch Hinopferung ihrer Kinder, damit selbe Zukunft haben und züchten unjüdische gottlose Generationen heran. Sie wollen nicht in Zahlen festsetzen das, was der jüdischen Seele wertvoll und gehaltreich sein soll, werfen jüdische Ideale beiseite und tauschen selbe mit wertlosen Gütern ein. -Menichin Ghaje Aulom weokin Beehaje Scliooh. “ Diese Seuche und kränkelnde Gesinnung unserer Zeit illustriert am besten folgendes beherzigungswerte Moschol, das ich einmal in einem Sefer gelesen: Ein Jude, reich beladen mit Gold und Silber, bestieg einst ein Schiff, un: zurück in seine Heimat zu kommen. Viele Jahre sind vergangen, seitdem er als armer Jüngling in seiner Bedrängnis zu dem Entschlüsse kam,, seine Angehörigen, sein Heim zu verlassen, um in der weiten großen Welt sein kärgliches Brot zu suchen. Er hatte Glück in allen seinen Unternehmungen und es ward aus ihm ein steinreicher Mann. Da entschloß er sich eines schönen Tages — sein Herz voller Sehnsucht, die Seinigen in der Ferite doch einmal aufzusuchen. In freudiger, gehobener Stimmung saß er da in dem Schiffe, daß ihn zu seinen Lieben, die er so lange nicht gesehen, führen soll. Allein, der Mensch denkt und Gott lenkt, nach einigen Tagen begann plötzlich ein wütender Sturm zu toben, der das Schiff samt seinen ganzen Inhalt in die Tiefe des Meeres zu versenken drohte. Alle Mühen und Bestrebungen der wackeren Seemannschaft, das Schiff vor Vernichtung zu schützen, scheinen erfolglos. Der Kapitän ist gezwungen, kennend die bevorstehende Gefahr, die Ordre zu erteilen: alles schwere Gepäck und Ware in das Meer zu werfen, um die Lasten des Schiffes zu erleichtern, um zu versuchen, vielleicht doch das ( nackte Leben der Schiffsreisenden zu erhalten. Jedermann willigte I gerne ein, um dem Aufträge gemäß zu handeln; sie gaben alles her, was sie besaßen und entbehren konnten, um das Leben zu retten. Anders jedoch unser Mann, der als blutarmer Junge aus der Heimat zog und nun reich geworden. Ihm siel es schwer, sich von seinem so schwer erworbenen Vermögen zu trennen, alles Gold und Silber, das er mitgenommen, von den Wellen verschlingen zu lassen. Um aber vor den Augen der Mitreisenden ebenfalls etwas zur Entlastung beizutragen, warf tzr rasch entschlossen anstatt seiner schweren Kisten, die mit edlem Metall gefüllt waren, — seine Tfillin, Talis und Ssorim in das schäumende Meer. Diese Dinge waren ihm am ehesten entbehrlich, darum warf er sie auch mit gleichgültiger Miene von sich. Was aber dem Schiffe wirklich dienlich gewesen wäre und zur Erleichterung ernstlich beigetragen hätte, jene schweren Kisten und Körbe, gab er nicht preis, sondern beließ sie bei sich. Ein altjüdischer Dichter vergleicht die Welt Jam sauef“ zu einem stürmischen Meere, dessen brausende Wellen den Erdensohn, das schwache Schifflein gar oft zu verschlingen drohen. Wir schicken uns an, mit allem Rüstzeug gut versehen zu sein, um allen Stürmen des Lebens Trotz zu bieten! Denn groß sind die Anforderungen, die das Leben an uns stellt, der Kampf ums trockene Brot ist gewaltig, die Erwerbsquellen gestalten sich schwierig, man begegnet auf Schritt und Tritt Hindernisse, das Schifflein ist im Sinken. Nun will man die Hindernisse und Henimnisse — die das Leben erschweren — beseitigen, da wirft man gedankenlos Schabbos, Tfillin und Zizis und Thora in die brausende Flut des Lebens, um sich das Dasein zu erleichtern! Aber diese Güter, die der jüdischen Seele heilig sein sollen, sind gar nicht so hinderlich, wie sie es wähnen; sie überbürden nicht und sind gerade in den schweren Stunden des Lebens so unendlich nötig und wichtig. Der wirklich überflüssige Ballast, das Jagen nach Geschäften und Gewinn, gerade das Ignorieren der Thora machet oft das Dasein so unangenehm und schwer; das Abweichen vom Gesetze Gottes schaffet ein materiell gesinntes Geschlecht, denen Erwerben und Genießen als einzige Lebensaufgabe erscheint und die Folge ist, daß sie nur dem Vergnügen, Genüße und der Leichtlebigkeit frönen und zur Erreichung aller dieser ihrer Ziele scheuen sie nicht die Mittel, geht es nicht in erlaubter Weise, so erfolgt es auf unerlaubte Weise, das sind die Krankheiten und Plagen, die an Herz, Leben und Gesundheit der Thora entrückten Familien nagen und zehren. Mit Recht sagen unsere Weisen s. A. Wer das Leben mit Brocho in Ruhe, Frieden und Glück genießen will; der verlege sich nicht auf das Zählen und Wiegen der irdischen Güter; wo man mechanisch zur Maschine wird, mit mühseliger Anstrengung ewig den Ziffern und Zählen nachhängt, dort ist wahrlich die Brocho nicht zu finden! Willst du das dir beschiedene Leben nicht in Qualen und Sorgen dir kürzen lassen, dann lasse ab und zu die irdischen Werte ungeschützt. Willst du das Dasein dir zur Brocho werden lassen, dann wirf Talis und Tfillin nicht von dir, denn gerade das Gottesgebot ist uns Stab der Stütze und des Trostes; es lehrt uns das Leben mäßig genießen! In den Tagen der Not und Angst nicht resigniert verzweifeln und dumpf dahinbrüten, sondern zu ihm, den Lenker unserer Geschicke emporschauen und mit Haschen: durch das Leben zu ziehen. üsfartem lochem. Darum zählet die Tage und schätzet nach Gebühr diejenigen Tage ein, die Gott in seinem Worte geweiht sind, unterscheide zwischen dem Höheren, Unvergänglichen und dem, was flüchtig und vorübergehend ist. Zn solchen erhebenden Gedanken regt uns das O:ner-Zählen an, es führt uns aufwärts zu unseren: Ideale, zu Haschen: und Thora, darum: Nehme das Gebot des Sfira-Zählens nicht gering. Rundschau. („Orthodoxie und Misrachi.") Seit einigen Tagen veröffentlicht das Wiener Zionistenorgan Meldungen über eine bevorstehende Konferenz des „Misrachi" in der Slowakei unter dem Titel „Die orthodoxe (?) Konferenz in der Slowakei". Ob da ein Schreibfehler oder eine bewußte Irreführung vorliegt, wollen wir jetzt nicht weiter erörtern, jedoch feststellen, daß der „Misrachi" in der Slowakei einen verschwindenden Bruchteil der dortigen Orthodoxie bildet und sich nicht das Recht anmaßen darf, im Namen derselben aufzutreteu. (Die „älteste» Weisen von Zion.") Antisemitische Blätter in Deutschland und in Wien haben in jüngster Zeit neuerdings das Märchen von einer jüdischen Konferenz aus- -getischt, die die Beherrschung der Welt durch die Juden verabredete und unter Leitung der „ältesten Weisen von Zion" stand. Die ganze Sache ist so blöd, daß es sich nicht verlohnt, darüber viel Worte zu verlieren. Sind die Leser der „Reichspost" et tutti quanti schon so verblödet, daß man es wagen darf, ihnen einen solchen Wahnwitz aufzutischen! (Die Wahlen in die palästinensische Delegierteu- Versammlung.) Der palästinensische Korrespondent der „Jüd. Preßzentrale Zürich" berichtet: Die Wahlen zur Delegierten-Versammlung fanden unter großer Beteiligung statt. (Fortsetzung auf Seite 6.)