Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 14 (23.4.1920)
- Date
- 1920-04-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz Bezugspreis: fjg Ganzjährig K 50, halbjährig K 25, vierteljährig K 12*50. Ausland jährlich K /O. Einzelnummer 1 Krone. Organ für die Interessen des orthodoxen Judentums. Redaktion und Administration: Wien, VIII., Als er Straße 55. Postsparkassenkonto Nr. 184.299. Erscheint jeden Freitag. Np. 14. Wien, 3, Ijar 5680, 23. April 1920. VI. Jahrgang. Zu den Kultuswahlen. Wie verlautet, sollen die Knttnswahlen in zwei Monaten stattfinden. Es wird nötig sein, daß die Orthodoxie endgültig Stellung zu denselben nimint und-da wären die verschiedenen Ansichten in den Kreisen der Orthodoxie zu klären und womöglich eine gemeinsame Entscheidung zu treffen. Der rechte Flügel sieht das Heil des religiösen Judentums im Austritt aus der Gemeinde. Die Folgen des Austrittes haben in Preußen und Ungarn das Resultat gezeitigt, daß in dem halben Jahrhundert seit der Austrittsmöglichkeit, die Zahl der Frommen in diesen beiden Ländern gewaltig zugenommen hat, im Gegensatz zu allen anderen Ländern. Die durch keine gewalttätigen Hemmnisse gehinderte Entfaltung der echtjüdischen Institutionen hat einen Aufschwung genommen, welcher der Religiosität ungemein zustatten kommt. Die. Zeit und Mühe, * die man selbst in dem ziemlich konservativen- (ein echt. wienerisch waschlappiger Begriff) Wien, auswenden mußte,. um Mnen^Mhodoxen Schächter/(für eigenes^ seM> ^aren schaffen. Die areligiösen gemeinnützigen Anstalten waren in einer orthodoxen Gemeinde den Ansprüchen der Thauro entsprechend. Der Religionsunterricht, den größtenteils irreligiöse Lehrer erteilen, wirkt destruktiv; von unseren Lehrern erteilt, müßte er erhaltend und aufbauend wirken. Und fiir diese schönen Dinge zahlen wir riesige Kultussteuern, besolden also unsere Zerstörer. Für diesen am meisten logisch denkenden Teil der Orthodoxie haben die KulU^mMen absolut kein Interesse — und er wünscht gänzliche Enthaltung. Ein Teil der Trennungsorthodoxie jedoch betrachtet als primärstes, religiöses Interesse die Bekämpfung des Nurnationaljndentums als des größten Feindes der Religiosität, und zwar des gewalttätigsten. Die Haltung dieser Organisation in der Chinuchsrage sollte wohl dem verbissensten Misrachi, sofern er denkt, zeigen, wohin die Unterordnung und Anlehnung an dieselbe führt und führen muß. Es ist bitter zu beklagen, daß die wirklich frommen Misrachisten nicht einsehen, daß sie in das Lager der Jereim gehören und nicht Messaje leovre Aweroh sein sollten. Dieser Teil der Trennungsorthodoxen wünscht ein Zusammengehen mit den Nichtnationalen, um gemeinsam zu schlagen. So sehr sich auch die ganze Trennungsorthodoxie darüber klar ist, daß die Nationalen unbedingt eine Gefahr für das religiöse Judentum bedeuten, so verbietet ihr Empfinden, für jüdische Mandate Männer zu kandidieren, welche in ihrem Glauben und in ihrem Leben die jüdische Religion negieren. Diese Kreise betrachten es als weitestgehendes Paktieren mit dem starren Prinzip, daß sich die Orthodoxie' ant Wahlkampf beteiligt, um die Nationalen zu bekämpfen. Jedoch dürfen Orthodoxe nur Kandidaten aufstellen, die in ihrem Leben doch noch zumindest Sabbatrnhe und rituelle Küche beobachten. Es müßte also eine eigene orthodoxe Liste ausgestellt werden. Bezüglich einer eventuellen Koppelung mit den Nichtnationalen sind' auch noch die Meinungen geteilt. M Die wenigen Misrachi und Nurnationalen, die noch religiös sind, plädieren für ein. Zusammengehen mit den Nationalen, zumindest aber für eine separate orthodoxe Liste, weil sie überzeugt sind, daß' die Unterstützung der Nichtnationalen durch die Orthodoxie, den ersteren zu einen! großen Siege verhelfen würde. Die Frage ist wichtig genug, um rasch und gründlich erörtert zu werden. Für uns Orthodoxe muß die oberste Richtschnur unserer Entschlüsse sein: „Was kann die Jndischkeit fördern?" Diese Frage nach bestem Wissen und Gewissen zu erörtern und möglichst zu einer klaren. Stellungnahme der gesamten strengreligiösen Judenschaft zu gelangen, wird die Aufgabe der nächsten Wochen sein. Ltbo-Zionisinus. (Gedanken über das Erlösungsproblem.) In einer vor fünfunddreißig Jahren über die Judenfrage veröffentlichten Briefsammlung ist ein Schreiben des Geschichtsforschers Ferdinand Gregorovius enthalten, in dem folgende markante Sätze besondere Beachtung verdienen: „Ein Volk hört auf, Volk zu feinwenn es kein WeK Uaßer» laud, keine stammliche Organisation und einheitliche Geschichte Mbesitzt. Kein Messias kannseineMstückelten WichevMwlH „Indem ich stets der Ansicht war, daß die Aufgabe des Jndenvolkes vollendet gewesen sei, als dasselbe aus der Reihe der Nationen getilgt wurde, habe ich kulturgeschichtliche Zeugnisse für die Notwendigkeit der Fortdauer des Judentums ausgesucht und mich gefragt, ob für die Hebräer noch nach ihrem Untergange als Volk irgend eine bedeutende Mission im Dienste der Menschheit zu erweisen sei. Ich weiß es nicht, ich bin ratlos." Schade, daß der Gelehrte nicht nach kulturgeschichtlichen Zeugnissen für die Richtigkeit seiner in dem erstangeführten Satze aufgestellten Behauptung gesucht hat. Da hätte er nicht übersehen, daß für Israel, nachdem die Assyrier, Babylonier und die es umgebenden Erbfeinde das nördliche und das südliche Reich zertrümmert, den Boden geraubt und, lvas nach vielen mit grausamster Wut geführten Kämpfen von den Bevölkerungen am Leben geblieben, gefangengenommen und über ungeheure Gebiete zerstreut hatten, denn doch ein Messias erstanden ist, der die zerstückelten Glieder zu einem Staate vereinigt hat. Nach der über das Hebräervolk hereingebrochenen ärgsten Katastrophe, den! Falle Jerusalenis und der Zerstörung des Heiligtums, womit seine nationale Basis vollends verloren war und fein Untergang besiegelt schien, hatte sich der Exilanten helle Verzweiflung bemächtigt. Das ganze Haus Israel war von der Klage ergriffen: „Verdorrt sind unsere Gebeine und verloren unsere Hoffnung, es ist mit uns entschieden aus." In dieser Gemütsverfassung haben sich viele mit dem Gedanken getragen, sich dem Heidentums in die Arme zu werfen, so wie die Völker zu sein, den Geschlechtern der Länder gleich, Holz und Stein zu verehren. (Jecheskiel 20, 22.) Ein Bild dieser quälenden Hoffnungslosigkeit hat dem Propheten Jecheskiel, der den ganzen Jammer miterlebt, in einer in ihrem Verlaufe verheißungsvollen Vision vorgeschwebt; von der erzählt er: „Es kam über mich die Hand des Ewigen und führte mich im göttlichen Sturme und ließ mich in dem Tale nieder und dies war voll von Gebeinen. Und er führte mich über ihnen rings umher und siehe, es waren ihrer sehr viele über dem Tale und selbe waren sehr verdorrt. Und er sprach zu mir: Menschensohn, werden diese Gebeine wieder lebend werden?, Md ich antwortete: Herr, o Ewiger, du weißt es." (Jecheskiel 37,1—4.)