Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 13 (16.4.1920)
- Date
- 1920-04-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz Seite 7 Nr. 13 fällig viele Heine Zettel, die zu Progroine und zur Judcnhetze auffordern, angekledt waren und begann, wie üblich, die Zettel abzukratzen. Nachdem ich etwa das erste halbe Dutzend entfernt hatte, kommt plötzlich ein Militär-Chauffeur an mich heran und sagt zn mir: .Kommen Sie zur Wachstube mit? Ich wurde in das zwei Häuser entfernte'Hotel ,Vier Jahreszeiten^ gebracht, und zwar in das Vestibül des im Hofe befindlichen Festsaales. Dort stellte mich der Chauffeur vor einen Mann in Hemdsärmeln, wahrscheinlich der Wachthabende, und sagte auf mich weisend: ,der hat Zettel abgerissen/ Der Wachthabende sagte zu. mir: ,Wie kommen Sie dazu'? Ich sagte: .Ich riß die Zettel ab, die zur Verhetzung und Beunruhigung dienen, da ich annehmen kann, daß sie von privater Seite' — weiter kam ich nicht —, denn schon wurde ich zu Boden geworfen und mindestens fünf von den Helden stürzten sich aus mich mit Fäusten, traten mich, einer schlug mit einem Stock auf mich ein, dann bekam ich einen Tritt und wurde hinausgeworfen und mit Püffen und Stößen sortgeschickt. Wir wissen nun wieder einmal, wer die Zettel verbreitet und dafür verantwortlich ist und was uns unter dieser Regierung erblühen kann." __ Die Verteilung der ungarischen Juden in den verschiedenen Berufen. In seiner Nummer vom 13. März veröffentlicht das jüdische Organ „Egyenlösög" unter obigem Titel eine interessante Studie des bekannten jüdischen Gelehrten und Statistikers Alexander Komüromi, der wir folgende Einzelheiten entnehmen: Im alten Ungarn finden wir unter den jüdischen Glaubensgenossen die meisten Erwerber auf dem Gebiete des Handels und des Kredites vertreten, trotzdem haben die hier tätigen Juden ziffernmäßig nicht besonders jene Glaubensgenossen überragt, die in den verschiedenen Zweigen der Industrie tätig waren. Die Verteilung nach den verschiedenen Erwerben ergibt für das Jahr 1910 folgende Ziffern: Urproduktion. Sämtliche Crwrröciide absolut i» Proz. 4,655.576 6003 Jüdische Erwerbende absolut in Proz. 22.604 048 Hüttenwesen. 66.272 085 882 0-57 Gewerbe. 1,357.665 1752 126.224 9-30 Handel und Finanzen. . 275.030 3-55 128.246 46-63 Oeffentlicher Dienst und freie Berufe .... 251.446 324 27.655 11-00 Wehrmacht.. 122.333 1'58 3.617 2-95 Taqlöhner. 208.035 2-62 5.057 2-49 Pensionisten, Kapitalisten, Rentiers, Hauseigentümer . 192.716 250 12.225 6 34 Sonstige und unbekannte Beschäftigungen . . . 74-584 0-96 8.598 4-82 Dienstboten. 365.876 4-72 6.184 1-68 7,564.583 335.692 Wie wir aus diesen Ziffern ersehen, haben die Juden auch in den von ihnen am meisten frequentierten Berufen—Handel und Finanzen — nicht die absolute Majorität erreicht, ihr Prozentsatz beträgt auch hier unter 50 Prozent (4663). Bei den Gewerbetreibenden beträgt der Prozentsatz der Juden 9 30 Prozent, also fast das Doppelte des Prozentsatzes, der ihnen nach der gesamten Bevölkerungsziffer (5 Prozent) gebührte. Ebenso sind die Juden in den Berufen der öffentlichen Dienstleistung und in den freien Berufen in bedeutend größerem Prozentsätze (11 Prozent) vertreten. Im Verkehrswesen weisen die Juden dem Ihnengebührenden Durchschnitt von 249 Prozent gegenüber mehr als das Doppelte, 595 Prozent, auf. Auf den ersten Blick fällt es auf, daß die Proportionsziffer der Taglöhner bei den Juden fast so groß ist, wie die der Gesamtbevölkerung (2*49 Prozent gegenüber 2 62) und daß sie bei der Wehrmacht die Proportionsziffer der Gesamtbevölkerung (l°58 Prozent) bedeutend überragt (295 Prozent). In der Urproduktion sind sie in sehr geringem Maße (0-48 Prozent) vertreten. Daß sie bei den Pensionisten, Kapitalisten, Rentiers und Hauseigentümern den Durchschnittsprozentsatz von 350 Prozent bedeutend überragen (6'34 Prozent), findet seine Begründung in dem höheren Durchschnittsalter, in der Sparsamkeit der Juden und auch darin, daß sie in der Urproduktion am geringsten vertreten sind uno deshalb für ihr Alter -in anderer Weise Sorge zu tragen bemüht sind. Wenn man nun in der Struktur der Placierung in den verschiedenen Beschäftigungszweiaen Verschiebungen Hervorrufen 4vill — und die Tendenz hiesür besteht zweifellos — so müßten in erster Reihe die größten Mißverhältnisse behoben werden. Die größten Mißverhältnisse weisen aber die Urproduktion, Handel und Finanzen, der öffentliche Dienst und die freien Berufe auf. Wenn wir zum Beispiel einem Teil der Juden Grund und Boden sichern könnten — etwa aus den in den Händen von Juden befindlichen Großgrundbesitzen und Pachtungen — dann könnten über 200.000 jüdische Erwerber jenen Berufszweigen entzogen werden, in denen sie zwar nirgends die absolute Majorität erreicht haben, aus denen aber dw Andersgläubigen sie zurückzudränaen wünschten. Eine radikale Lösung wäre aber auch so nur suhessive möglich. Wird nicht diese Lösung gewählt, so können zwar m der Verteilung der Erwerbszweige Fluktuationen und gewisse Schwankungen eintreten, doch wird das so vielfach besprochene Problem, vorausgesetzt, daß wir es aus menschenwürdige, einem Kulturstaate entsprechende Weise lösen wollen, auch fernerhin ein Problem bleiben. Rundschau. (Nach Pessach.) Die Würfel sind gefallen und gut gefallen. Der gefürchtete Pessach mit seinem drohenden Hungergespenst ist vorüber und besser vorüber als erwartet. Dank der Bemühungen des Oberrabbiners Dr. Chajes und Frau Anitta Müller hat der Joint und unsere englischen und holländischen Brüder für die Mazzothbeschasfung gesorgt. Unter Hangen und Bangen — werden sie rechtzeitig einlangen oder nicht — verstrich die'Zeit, aber schließlich konnte doch ganz Wien mit Mazzoth versorgt werden. Die verschiedenen Vereine und Wohltätigkeitsanstalten leisteten geradezu Uebermenschliches. Die Ausspeisungen boten Vielen vieles. Der Krankenverein, der einige und zwanzig Spitäler mit Kost versorgte, mobilisierte die Mädchengruppe zur Ueberwachung, Tomech Ewjonim und Frauenhilfe der. Adas Jisroel brachten große Mengen Viktualien zur Verteilung. Die „Einheit" speiste Unmassen aus. Machsike Hadas gab Hunderten Gratiskost. Agudas Jisroel verteilte nahezu 100.000 Kronen und gratis einige Tausend Kilo Mazzoth, Geschenke der englischen und Schweizer Aguda. Kurz, dank dem Zusammenwirken aller ging der Pessach vorüber, ohne die Unterernährung, die nachgerade speziell in den rituell lebenden Kreisen zu einer Katastrophe wird, noch zu verschärfen. —. Wolle der Himmel, daß die leidige Politik endlich aus Wohlfahrtsaktionen ausgeschaltet würde und daß sich auf diesem Gebiete alle Kräfte vereinigen niögeu. (Proteftmeetiug gegen die Judenhetze in Ungarn.) Sonntag, dep 11. April, hat die Wiener Judenschaft in einem grandiosen Volksmeeting gegen die Judenverfolgungen in Ungarn Stellung genommen. Dem Rufe waren Tausende und Abertausende gefolgt, so daß der Riesensaal des Komödienhauses nur einen Teil der Erschienenen fassen konnte. Die Redner, Abgeordneter Stricker, Oberrabbiner Dr. Chajes, Dr. Schalit und Dr. Kiwe schilderten in drastischen Worten unter Aufzählung haarsträubender Einzelheiten die Verfolgungen, Drangsalierungen und Mördereien, denen die Juden Ungarns seit Monaten ausgesetzt sind. Eine flammende Protestresolutton wurde einstimmig angenommen. (Rabbiner Pinkas Horowitz ges. A.) Aus Krakau kommt die Trauernachricht vonl Ableben des Rabbiners Pinkas Horowitz aus Bohorodczany, der sich dort seit einigen Monaten aufhielt. Der Verstorbene, Mitglied einer berühmten Rabbinerfamilie, war einer der hervorragendsten zeitgenössischen Rabbiner Galiziens, der neben seiner großen Gelehrsamkeit auch ein eifriger Manu der Tat war. In Bohorodczany ries er vor Jahren eine große Jeschimo — die erste und einzige in Galizien — ins Leben, die er bis zu Kriegsausbruch leitete und aus der Hunderte Schüler und Rabbinatskandidaten hervorgingen. Er war auch Vorstandsmitglied des orthodoxen Rabbinerverbandes, Mitglied und Propagator der Agudas Jisroel usw. und erfreute sich in allen Kreisen großen Ansehens. Sein Ableben im Alter von 54 Jahren erregt allgemeine Trauer. Siehraunau livrocho! (Oberrabiner Inda Grünwald ges. A.) Aus Szatmar wird das Hinscheiden des dortigen Oberrabiners Juda Grünwald gemeldet. Man muß diesen Engel in Menschengestalt gekannt haben, um die Größe des Verlustes, den das Judentum und die Judenheit erlitten, zu ermessen. Von frühester Jugend von einer reinen Liebe zu seinem Schöpfer beseelt, die ihn geradezu zu einem fanatischen Gottes- und Menschendiener machte, teilte er seine ganze Zeit zwischen Lernen, Ausüben und Gutes ttm. Schlaf, Essen und Erholung schränkte er bis zur äußersten Grenze ein. Dabei frohen Gemütes und von ungewöhnlicher Liebenswürdigkeit war er als sechzehnjähriger Jüngling der Liebling der ganzen damals über