Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1920-04-16 · 13 (16.4.1920) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
13 (16.4.1920)
Date
1920-04-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3495278-3495461-3495473--1300-3497195
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 Nr. 13 Jüdische Korrespondenz Eine Erklärung des Oberrabbiner von Munkacz. Herr Oberrabbiner Lazar Spiro in Munkacz ersucht das Zentralbureau der Agudas Jisroel in Zürich gegenüber den von verschiedenen zionistischen Zeitungen verbreiteten Nachrichten, er hätte sich in jüngster Zeit der zionistischen Ideenwelt genähert und in Ungvär in einem öffentlichen Vortrag besonders die nationalistischen Bestrebungen gutgeheißen, in der jüdischen Presse festzustellen, daß er nach wie vor ausgesprochener Gegner aller Bestrebungen ist, die zum Zionismus neigen. Er billige keineswegs den Zionismus oder den Misrachismus, und könne sich vorerst selbst dem Jischuw-Verein und der Aguda nicht anschließen, weil er befürchte, zionistische Tendenzen könnten dadurch gefördert werden.. In seiner Ungvürer Rede habe er allerdings den bei den ungarischen Juden eingerissenen Brauch, jüdische Namen, jüdische Sprache und jüdische Tracht abzulegen, scharf gegeißelt. Er habe aber Ungleich im Anschluß an den Ausspruch des Propheten Jona hervorgehoben, daß nur das strenge Festhalten an der Thora und die strikte Beobachtung ihrer Gesetze das Judentum ausmachen und nicht der moderne Nationalismus. Dies habe er in seiner Ungvürer Rede deutlich und mit lauter Stimme verkündet, sodaß es nicht möglich war, seine Worte mißzuverstehen. Aus Munkacz wird berichtet: Auf Einladung des Oberrabbiners CH. E. Spira aus Munkacz tagte am 17. v. M. in UHorod eine Konferenz orthodoxer Rabbiner und Baale- Batim, um die Maßnahmen für eine Organisation der orthodoxen Juden im karpathorussischen Gebiete zu besprechen. Die Konferenz wählte ein aus 5 Rabbinern und 5 Laien bestehendes Organisationskomitee, das die weiteren Schritte zu unternehmen hat. _ Lin Rabbinerseminar in Lemberg. (Protest des orthodoxen Rabbinerverbandes.) Der Verband der orthodoxen Rahbiner Galiziens hat an die polnische Regierung nachstehenden Protest gerichtet: Der ergebenst gefertigte Verband der orthodoxen Rabbiner Galiziens, der die Gesanitheit der galizischen Rabbiner mit Ausnahme einiger weniger moderner vertritt, erbittet von einer hohen Regierung Abhilfe in nachstehender Angelegenheit. Die Lemberger Kultusgemeinde beabsichtigt die Errichtung eines Rabbinerseminars, Messibtah genannt, in dem Rabbiner in den jüdischen Disziplinen und den profanen Wissenschaften ausgebildet werden sollen. Das talmudische Studium absorbiert in solchem Maße den ganzen Menschen, daß es unmöglich erscheint, neben genügendem Ausmaße von jüdischer Wissenschaft auch noch ein größeres Maß anderen Wissens in sich aufzunehmen. Zudem werden in den bestehenden Seminarien die beiden Disziplinen paritätisch behandelt, zum großen Schaden der Religionswissenschaft. Es ist gänzlich ausgeschlossen, daß Seminaristen das unumgänglich notwendige Ausmaß jüdischen Wissens sich erwerben. Der daraus hervorgehende Rabbiner kann das erforderliche Maß au Wissen sich unmöglich aneignen und verliert dadurch alle Autorität. In Galizien ist die religiöse Erziehung das wichtigste Mittel, die Judenschast zu moralisch hochstehenden, tüchtigen Menschen und nützlichen Staatsbürgern zu erziehen. Die orthodoxe Judenschaft muß demnach die Errichtung eines Seminars entschiedenst ablehnen und gegen dieselbe protestieren. Bereits im Jahre 1882 hat die Gesamtheit der galizischen Rabbiner gegen die Errichtung eines Seminars protestiert, und als im Jahre 1909 der hohe galizische Landtag die Errichtung eines Seminars zu unterstützen sich bereit erklärte, wurde dieser Protest erneuert. Damals wurde mittels hohen Erlasses vom 8. Mai 1911 eine Jntelligenzprüfung festgelegt, als das Ausmaß an profanem Wissen, das der Rabbiner besitzen muß. Es ist dies dasjenige Maß, das, neben einer gründlichen Kenntnis der Landessprache, die der Rabbiner aus patriotischen und praktischen Gründen innehaben muß, der Rabbiner sich aneignen kann, ohne sein eigentliches Wissen zu beeinträchtigen. Als berufene Hüter der Religionsübnngen müssen wir mit aller Energie gegen die Ausbildung der Rabbiner in Seminarien Verwahrung einlegen. Sollte trotz unseres Protestes die Errichtung eines Seminars erfolgen, so müssen wir jedenfalls entschiedenst dagegen protestieren, daß den Seminarhörern irgend eine bevorzugte Stellung bei Besetzung von Rabbinerposten eingeräumt werde, oder gar gegen einen Versuch, den Besuch des Seminars als obligat zu erklären. Der Staat hat ein eminentes Interesse an der Erhaltung der Religiosität aller Konfessionen, die eine mit der anderen fällt. Daß die Religiosität ein staatserhaltendes Element bildet, unterliegt wohl keinem Zweifel. Wir bitten und hoffen, eine hohe Regierung wolleunserem Proteste Rechnung tragen und die Gründling eines Semillars hintanhalten. _____ Die Slüchtlingsfrage in Wien. Die Korr. Wilhelm verlautbarte vorige Woche folgende offiziöse Mitteilung: Am Dienstag, den 23. März, fand bei der niederösterreichische,l Landesregierung eine Besprechung in Angelegenheit der Fremdenausweisung statt, bei welcher eine Reihe von Maßnahmen zur endgültigen Durchführung beschlossen wurde. Vor allem gaben die Vertreter des Staatsamtes für Verkehrswesen die Erklärung ab, daß die Eisenbahnverwaltuug bereit sei, die benötigten Eisenbahnbezüge zyrVerfügung zu stellen, womit die Transportschwierigkeiten, eines der größten Hindernisse, welche die Durchführung der Außerlandschaffungsaktion bisher eutgegenstehen, beseitigt erscheinen. Es wurde ferner beschlossen) daß die Polizeidirektion zu beauftragen wäre, die zur Abreise verpflichteten Fremden zu Sammelttansporten zu vereinigen und die Abfertigung dieser Transporte möglichst rasch durchzuführen. Die niederösterreichische Landesregierung hat demenffprechend Weisungen an die Polizeidirektion bereits hinausgegeben. Es liegt im eigenen Interesse der in Betracht kommenden Fremden, ihrer Verpflichtung zur Abreise ehestens nachzukommen, da gegen alle, welche sich gegemvärtig unbefugt in Wien aufhalten, unnachsichtlich mit der Abschaffung nnd der zwangsweisen Entfernung vorgegangen werden wird. Diese Verlautbarung hat in den Kreisen der Flüchtlinge in Wien große Auftegung hervorgerufen. Halböffiziös ist ein beruhigender Kommentar zu der Ausweisungsverfüaung verbreitet worden. Es wird darin gesagt, daß sich oer Erlaß hauptsächlich gegen diejenigen Fremden richtet, die in irgendeinem Konflikt mit den Behörden gekommen sind, also hauptsächlich gegen Spieler, Schieber und Schleichhändler. Bei diesen genügt die Vertretung auf frischer Tat als Grundlage für die Ausweisung. Arbeiter, Geschäftsleute, Bankbeamte, Industrielle, die in Wien einen ordentlichen Erwerb nachgehen, sollenverschont bleiben. Dennoch ist die Beruhigung nicht eingetreten. Wie wir hören, wird die Agudas Jisroel zugunsten der Flüchtlinge intervenieren. Gftjüdenhetze in Dentschland. Aus Berlin wird gemeldet: Auf Veranlassung des Oberbefehlshabers, des Generals von Seekt, wurden am Sonnabend, den 27. März, durch . die Sicherheitswehr eine große Anzahl ausländischer Juden in der Gegend der Grenadier- und Dragonerstraße festgenommen und in das Lager Zossen zwangsweise überführt. Die Anordnung des Generals von Seekt gingen nach den Zeitungsmeldungen dahin, daß alle ohne Paß oder Personalausweis sich aufhallenden Fremden, ferner alle Personen, die strafbarer Handlungen dringend verdächtig sind oder bereits abgeurteilt oder ausgewiesen sind, verhaftet werden sollten. Die offiziöse Darstellung in den Tageszeitungen betont den von keinerlei konfessionellen Rücksichten getrübten Charakter der Aktion. In Wirklichkeit sind diese — gesetzwidrigen — Befehle des Generals von Seekt nicht einmal befolgt worden. Die Ver- (Fortsetzung ans Seite 6.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.