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Jüdische Korrespondenz · 1920-06-11 · 21 (11.6.1920) · page 9

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
21 (11.6.1920)
Date
1920-06-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 21 Jüdische Korrespondenz Seite 9 demokratischen Partei in Czernowitz hatte eine längere Unterredung mit dem Ministerpräsident Averescu, in welcher er den letzteren die Postulate der Bukowinaer Judenschaft nach politischer und nationaler Gleichberechtigung durch Gewährung der nationalen Autonomie sowie nationaler Minderheitsrechte vorbrachte. Ministerpräsident Averescu bekannte sich als Verfechter der unbedingten nationalen Gleichberechtigung aller Nationalitäten. Er machte die Mitteilung, daß ein bezügliches Wahlgesetz bereits ausgearbeitet ist und dem Parlamente im Herbst vorgelegt werden wird. Die jüdische Deputation kam sodann auf die Frage der jüdischen Beamten zu sprechen, verlangte die unbedingte Sicherstellung derselben, insbesondere die Wiederaufnahme jener Beamten, welche infolge nicht nachgewiesener Sprachenkenntnisse oder unterlassener Abgabe der geforderten Erklärung zur Disposition gestellt wurden, endlich auch die Neuaufnahme jüdischer Bewerber in die Aemter. Auch nach dieser Richtung gab der Ministerpräsident, eine vollständig . beruhigende Zusicherung. Endlich verlangte die jüdische Abordnung die Freigabe des gegenwärtig vom Militärgerichte besetzten jüdischen Nationalhauses. Der Ministerpräsident sagte seine diesbezügliche Intervention beim Kriegsministerium zu. Auch die Frage des Wiederaufbaues wurde erörtert und Ministerpräsident Averescu gab die Zusicherung, daß dieser Frage die entsprechende Aufmerksamkeit zugewendet werden würde. (Reue Pogrome in der Ukraine.) Im Kischenewer Tagblatt „Der Jude" wird berichtet, daß laut den an das Hilfskomitee gelangten Nachrichten sich in der letzten Zeit die Lage der Juden in der Ukraine wieder stark verschlimmert hat. Es sind wieder Pogrome vorgekommen, welche von Denikin- und Petljura-Soldaten veranlaßt wurden. Folgende Städtchen wurden betroffen: Stara-Uschitza, Styrnitza, Kolys (Gouvernement Podolien), Grigorjopol (Gouvernement Cherson) und andere. Die Juden der Gegend fliehen vor den Verfolgungen über den Dnjestr. — Infolge dieser Nachrichten interveniert das Hilfskomitee in der Ukraine beim Komitee der jüdischen Delegationen in Paris. (Das ökonomische Leben in Litauen.) Dank der Aktivität und dem Wohlwollen der Regierung, unterstützt durch die jüdische Repräsentanz, entwickelt sich die Organisation des jüdischen Lebens in Litauen mit Erfolg. Eine Untersuchung der ökonomischen Lage der jüdischen Bevölkerung ist in die Wege geleitet und aus 90 Gemeinden sind bereits beantwortete Fragebogen eingegangen. Ueberall hat man mit fördernden Untersuchungen begonnen. 7000—8000 Familien, die sich dem Ackerbau widmen wollen, sind bereits vorgemerkt. Das nächste wird die Gründung einer jüdischen Zentralbank sein. In die Legislative sind acht Abgeordnete gewählt worden. (Eine Schweizer Kommission zum Studium der jüdischen Emigration.) Man meldet aus Zürich: Am 11. Mai wurde in Zürich nach vorhergehendem Einvernehmen mit den verschiedenen jüdischen Faktoren in der Schweiz ein Komitee zum Studium der jüdischen Emigration gegründet. Zum Vorsitzenden wurde Herr Ingenieur S. Ginsburg gewählt, der seit Jahren der jüdischen Oeffentlichkeit nachzuweisen sucht, daß sie dem Emigrationsproblem nicht genügende Aufmerksamkeit widmet. Auch jetzt höre man nur von dem kommenden Wandersturm, ohne sich auf ihn vorzubereiten. Das neue Komitee gedenkt nicht etwa den Schweizer Kultusgemeinden die philanthropische Sorge um die über Buchs—Basel kommenden Emigranten abzunehmen, sondern als neutrale, außerhalb der Richtung des Wanderstromes stehende Stelle alles in Betracht kommende Material neuestens Datums zu sammeln, zu verarbeiten und die Bulletinsden in Betracht kommenden Emigrations-, Paläftina-Aemtern und anderen Organisationen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig will das Komitee eine Auskunftsstelle für alle Interessenten errichten. Denn die letzten Beobachtungen an Einzelfällen der durch die Schweiz reisenden Amerika-Reisenden zeigt, daß sie, meistens völlig unorientiert, sich in die unangenehmsten Verlegenheiten stürzen. Die jüdische Presse weist noch viel zu wenig auf die Valutaverhältnisse hin, so daß manche Familie schon an der Grenze in Buchs durch das Einnehmen von Mahlzeiten um ihren ganzen Reisepfennig kommt. (Kultusgemeinde Florenz.) Die I. P. Z. Z. meldet, daß die jüdische Gemeindeverwaltung in Florenz, in der bei den letzten Wahlen die Zionisten die Majorität erlangt hatten, von der Regierung aufgelöst wurde, da die früheren Mandatare die Besorgnis äußerten, die Zionisten würden durch Verdoppelung der Beamtengehälter, Zuwendungen an den jüdischen Nationalfonds usw. die Gemeindegelder verschleudern. („Lebendige" Korrespondenz.) Einen originellen Gedanken verwirklicht, wie die „Jüdische Rundschau" meldet, die Amerikanisch-jüdische Familien-Kinogesellschaft in New Jork. Sie läßt in Warschau Filmaufnahmen in größeren Gruppen von solchen Juden machen, b:e Angehörige in Amerika besitzen, welche sie seit Jahr und Tag nicht gesehen haben. Diese Aufnahmen sollen dann in Amerika gezeigt werden. Man kann sich denken, welche Zugkraft dieser Film besitzen wird. (Die Juden in Dänemark.) Die ersten Juden kamen im Jahre 1622 nach Dänemark. 35 Jahre später, im Jahre 1657, wurde die jüdische Gemeinde in Kopenhagen gegründet. Im Jahre 1814 erhielten die Juden in Dänemark die Gleichberechtigung. Seit 1879 nehmen sie aktiven Anteil am öffentlichen Leben, bekleiden vielfach hohe Stellungen in der Zentralregierung und in den lokalen Selbstverwaltungsbehörden. Der bekannteste dänische Jude ist wohl der Publizist Georg Brandes. Sein Bruder Eduard war lange Zeit Minister in Dänemark. Die Zahl der Juden in Dänemark beträgt nach der letzten Volkszählung 8000, das ist vier Prozent der Gesamtbevölkerung; davon leben 4000 in Kopenhagen. Im Kriege kam ein verhältnismäßig nicht geringer jüdischer Zustrom aus dem Ausland nach Kopenhagen; auf diesen Umstand und die in den letzten Jahren besonders rege Anteilnahme der dänischen Judenheit an dem sozialen Hilfswerk für die Juden Osteuropas ist es zurückzuführen, daß in der letzten Zeit die dänische Presse dem allgemeinen jüdischen Problem, sowohl von der politischen und wirtschaftlichen wie auch von der kulturellen Seite her, starkes Interesse zugewendet hat. Neue Bücher. „DieSchuld am Weltkriege." Von Hermann Martin. Gr. 8". 410 Seiten, gedruckt auf holzfreies Papier. Geheftet Mk. 29—, gebunden Mk. 36 — (zuzüglich Sortimentszuschlag). Leipzig 1920, Verlag von Fr. Wilh. Grunow. — Die politische Atmosphäre der Gegenwart ist vergiftet durch den teuflischen Schachzug der Entente, Deutschland die ausschließliche Schuld am Weltkriege aufbürden zu wollen. Es ibar deshalb ein genialer Gedanke des Leipziger Juristen Martin, die gesamte Schuld frage einmal mit den Mitteln der Rechtsprechung zu untersuchen. Martin löst seine Aufgabe mit dem peinlichsten Verantwortungsgefühl. Die Ergebnisse seiner bedeutenden Arbeit, die sich auf den gesamten Sachkomplex der Frage ausdehnt, dürfen den Anspruch einer endgültigen Klärung erheben! Sie sind unantastbare Tatsachen, die keine Ententepropaganda aus der Welt räumen kann: die unmittelbare Schuld am Weltkriege tragen Rußland mit seiner vorzeitigen Mobilisierung und Oesterreich-Ungarn mit seinen übersteigerten Forderungen an Serbien; Deutschland, England, Frankreich sind freizusprechen, wenn sie auch nicht in gleichem Maße zur Verhütung des Krieges beigetragen haben. „Sozialismus." Von Robert W i l b r a n d t. Eugen Dietrichs Verlag in Jena. Umfang 22 Bogen. Brosch. Mk. 15'—, geb. Mk. 13'—. — Noch unter den starken Eindrücken geschrieben, die der Verfasser in rastloser eigener Mitarbeit an der Rettung des Reiches und der Wirtschaft aus der verzweifelten Lage des Revolutrdnswinters empfangen hatte, ist dieses Buch des Tübinger Nationalökonomen und Mitglieds der ehemaligen Sozialisierungskommission Prof. Dr. Robert Wilbrandt eine einzigartige Erscheinung in der politischen Literatur der Zeit. Klare und besonnene Kritik und scharfes Erlassen der Wurzeln innerpolitischer Nöte vereinigen sich hier mit praktischen Vorschlägen zu aufbauender Organisation sozialistischer Wirtschaft. Leidenschaftliche Liebe zum deutschen Vaterlande sieht in der Verwirklichung der als notwendig erwiesenen Wirtschaftsform des SiAalismus den Weg zu einer neuen und tieferen Einheit des Volkes. Sozialismus und Vaterlandsliebe, nicht mehr Gegensätze, sondern sich wechselseitig bedingend! „Zweie und der liebe Gott." Roman von Julius Lev in. S. Fischer, Verlag, Berlin. Geh. Mk. 6—, geb. Mk. 8—. — Julius Levin schildert uns in seinem Roman, wie zwei jüdische Kaufleute in einer kleinen Stadt des deutsch-polnischen Grenzgebietes eifersüchtig um die Gunst ihres Gottes kämpfen. Reb Salme und Chaam Jekeff sind verfeindet, ihre Kinder, die einander lieben, durch diese Feindschaft getrennt. Gott, ein Gott der Strenge und der Treue in seinem Gesetz, nimmt ihnen die Kinder. Reb Salme die Söhne durch den Krieg, Chaam Jekeff die Tochter durch die Leidenschaft des Blutes. Und nun neigt sich der Ewige dem Geringeren der Feinde zu, weil

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