Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 7 (20.2.1920)
- Date
- 1920-02-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Jüdische Korrespondenz Seite 7 Alle Spenden, welche an diesem Tage bei der Thora gemacht wurden, geschahen zugunsten der Armen und es erfloß ein namhafter Betrag für dieselben. Der Jubilar wurde zur Thora gerufen und vom Oberkantor mit einem Echod jochid empfangen. Nach Verlesung des betreffenden Thoraabschnittes wurde über den Jubilar ein für diesen Anlaß verfaßtes Mi Scheberach gesprochen. Nach dem Einheben der Thora bestieg der Jubilar die festlich geschmückte Kanzel und hielt eine tief durchdachte, warm empfundene Festrede. Die Rührung übermannte ihn wiederholt während seiner Ansprache und die andächtigen Tempelbesucher lauschten derselben in wahrhaft ergriffener Weise. . Um halb 3 Uhr nachmittags war festlicher Empfang in der Wohnung des Jubilars. Es erschienen unter Führung des Kultusvorstehers das Präsidium und der gesamte Ausschuß und unter Führung des Präsidenten der Chewra Kadischa, Herrn Adolf Raab, die Vorstände derselben, weiters die Vorstandsdamen des Israelitischen Frauen-Wohltätigkeitsvereines unter Führung ihrer Präsidentin, der Frau Luise Freiwillig, die jüdischen Schüler und Schülerinnen der Religionsschule unter Führung des Lehrkörpers, das Ehrenmitglied der Gemeinde. Herr Anton Schneider, die Herren Rabbiner-Stellvertreter Lipman Unger und Salomon Friedmann, die Beamten der Kultusgemeinde Baden, der Vorsteher des Israelitischen Bethausvereines Vöslau. Herr Adolf Fischer, in Begleitung des Seniormitgliedes der Vöslauer Filialgemeinde, Herrn Jakob Hacker, ferner eine überaus große Anzahl von Kultusmitgliedern, welche die Räume des Jubilars bis in das Borhaus füllten. Der Kultusvorsteher hielt an den Jubilar eine herzlich empfundene Ansprache und überreichte die Ehrengabe der Gemeinde und das von den Herren des Gesamtausschusses gestiftete Geschenk einer prachtvollen silbernen, achtarmigen Menorah. Zum Schluffe der Rele stimmten alle Anwesenden in das vom Redner auf den Jubilar ausgebrachte dreifache Hoch begeistert ein. Hierauf hielt namens der jüdischen Frauen des Badener Kultussprengels, Frau Jsid. Pollak, eine herzlichst vorgetragene Glückwunschansprache. Herr Jakob Kohn, Senior der Gemeinde und Mitglied des Vorstandes zur Zeit, als der heutige Jubilar als junger Rabbiner in die Gemeinde einzog, sprach herzliche Worte der Begrüßung. Sodann hielt für die Schülerinnen des Lyzeums und der Volks- und Bürgerschulen je eine Schülerin herzliche Ansprachen, und zwar die Schülerinnen Elisabeth Daniel, Maria Trihler und Selma Glaser. Für die Gymnasialschülcr sprach der Oberaymnasiast Wyseher. Hierauf hielt im Namen der Ehrenmitglieder der Gemeinde und der Chewra Kadischa das Ehrenmitglied Herr Anton Schneider eine warme Ansprache. Sodann ergriff Herr Rabbiner Dr. Samuel Rappaport das Wort und feierte die Verdienste und hohen Eigenschaften des Jubilars in formvollendeter, klassischer hebräischer Sprache. Hernach sprachen Kultusmitglied Herr Lewe Komet, Kultusmitglied Herr Johann Hofbauer und zum Schluffe sprach im Namen der Beamten Herr Bernhard Löwi. Der Jubilar erwiderte jedem einzelnen Redner in formvollendeter Sprache und bedeutungsvollem Inhalte. Der Jubilar erhielt auch von nah und fern zahlreiche briefliche und telegraphische Gratulationen und Adressen. Line stunde als Jude» Berthold Auerbach veröffentlichte die nachstehende, bezeichnende Reminiszenz in seinem Volkskalender für das Jahr 1860. Da in jüngsterZeit manchem Nichtjuden ähnliches Schicksal widerfuhr, wie dem wackeren Peter Hebel, geben wir den nicht nur historisch interessanten Aufsatz auszugsweise wieder. Die Redaktion. Es war im Jahre 1775, just in dem Jahre, als der allgemeine Reichskalender zum ersten Male erschienen, da wanderte ein fröhlicher Student aus dem Tore Erlangens heimwärts. Niemand ahnte, und er selbst am wenigsten, daß der Student einst der trefflich deutsche Kalendermann werden sollte; denn es war der 'junge evangelische Theologe Peter Hebel, der nach zweijährigem Aufenthalt auf der Universität Erlangen nun heimwärts zog, um, wie man es nennt, ins Philisterleben einzutreten. Der Student, der mit dem Ränzel auf dem Rücken und dem Wanderstab in der Hand dahinzog, hatte wohl manches frische Liedlein und manchen lustigen Schwank im Kopfe; heute mochte es ihm aber nicht singerig und nicht spaßig zu Mute sein, denn wer je die bunte Mütze trug, der weiß, was die Worte des Liedes bedeuten: „Zur alten Heimat zieh ich ein, muß selber nun Philister sein" Ja, in einem heimkehrenden Studenten streiten sich zwei Welten, eine sorglos heitere und eine sorgenvoll ernste, und m manchem Manne hört dieser Streit nie auf, und das hat auch sein Gutes; wer nicht einen unsterblichen Studenten in sich hat, der hat kein frisches Herz. Der Student Hebel wanderte frisch seine Straffe, bald ernst, bald fröhlicher Zeiten gedenkend, bald in die Zukunft hinausträumend. „Halt, Jud! Zoll bezahlen!" wurde Hebel plötzlich angerufen. Er stand vor dem Tore von Seegringen, dem damals anspachischen Grenzort. Hebel sah sich um und dann wieder den Rufenden an. Wem gilt das? Wer ist damit gemeint? „Was stehst du so da, verdammter Jud! Meinst du. du kannst den Zoll betrügen?" so rief der einäugige Zöllner am Tor und ballte durch das Fenster die Faust gegen Hebel, und der Hund sprang aus der Tür und bellte ihn an; er wußte, was sein Herr gerufen hatte, und daß auch er ohne Scheu seinen Zorn auslassen und, wenn er will, die Kleider zerreißen darf. Jetzt erst merkte Hebel, daß der Zuruf ihm gegolten hatte. Wie wenn im Wald ein Menlch, der sich hineinträumte in das ewig unversiegbare wonnige Naturleben, unversehens von einem wilden Tiere oder noch ärger von einem Hammerschlag aus Menschenhand getroffen wird, so stand Hebel plötzlich da. Also das ist die Welt, in die man eintreten soll, um das Wort der Liebe zu predigen? Unwillkürlich rief Hebel nach dem ersten Schrecken: „Ich bin kemJude." „Sa," - rief der Zöllner, „du leugnest noch? Warte, ich will dir ..." Und jetzt kam er heraus und geradenwegs auf Hebel zu und wollte'* ihn packen, und der Hund war bereit, Beistand zu leisten. Da sagte Hebel mit einer Miene, in der sich Wehmut und Schalkheit miteinander stritten: „Ich kann schon allein gehen, und ich gehe mit euch." Plötzlich war er des Scherzhaften und Lustigen inne geworden, das in feiner jetzigen Lage war, und er wollte es ganz auskosten. „Muß doch auch einmal sehen, wie man als Jude in der Welt lebt," dachte er, und da er die hebräische Sprache gut verstand, sagte er: „Soll ich vielleicht Judenzoll bezahlen, weil ich hebräisch gelernt habe? Es ist mir schmeichelhaft, daß ihr mich für einen so guten Hebräer haltet, als ob ich ein geborener Jude wäre," und mit einer pfiffigen Miene setzte er hinzu: „Uebrigens bezahle ich nicht. Führt mich zum Richter." Lächelnd ließ sich Hebel durch die Stadt transportieren, und alles spottete ihn aus, und die Kinder schrien hinter ihm drein: „Hephep!", als ob sie es nach Noten in der Schule gelernt hätten. Hebel aber lächelte und lächelte immer, selbst noch da, als er vor dem unsäglich einfältigen Richter stand, der ihn sofort mit einer Prügelsuppe bewirten und dann frei beherbergen wollte. Nun fing der Spaß doch an, über den Spaß hinaus zu gehen. Hebel legte seine Universitätszeugnisse und seinen Reisepaß vor. Der Richter stutzte, aber besiegt war er nicht; er wollte den Studenten bestrafen, weil er sich für einen ausgegeben, der er nicht war. Hebel wußte ihm indes den Meister zu zeigen, denn natürlich mußte der Zöllner vorgenommen werdender selber hatte sich für nichts anderes ausgegeben, als er war. Der Richter aber wollte dem Zöllner nichts tun. eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. und hier wäre es noch besonders schlimm gewesen, denn der Zöllner hatte nur ein Auge. Mit einigen groben Worten als Reisesegen wurde Hebel entlassen. Der Student hatte einen gesunden Durst gehabt, als er sich dem Städtlein nahte, jetzt wollte er hier in keinem Wirtshaus einen Tropfen trinken; auf seiner Zunge lag es wie Galle und Wermut. Hebel hat es noch erlebt und lange überlebt, daß der Judenzoll — wir können es kaum mehr glauben, daß er je bestand — abgeschafft wurde; er hat aber in der Stunde, in der er selbst für einen Juden gehalten worden war, das ganze tiefe Weh kennen gelernt, das den Juden in der bürgerlichen Welt beschieden war. Er schloß sich mit besonderer Zuneigung den Juden an und lernte ihre Innigkeit, Dankbarkeit und tzerzensgüte immer neu kennen. Daß es viele gab, die von einem Schachergeist umhergetrieben wurden, störte ihn nicht; es gibt solche in allerlei Konfessionen unter allerlei Formen. Hebel erzählte gern gesprächlich und in seinem Kalender allerlei Witzmorte von und mit Juden, und er war einer der eifrigsten, der in Aussätzen, wie der über Moses Mendelssohn und über den Sanhedrin von Paris und viele andere, dazu beitrug, seine Mitchristen über den Juden aufzuklären. Wenn jeder, der noch ein Vorurteil gegen die Juden hegt, nur einmal einen Tag, eine Stunde für einen Juden gehalten worden wäre; er würde sein Vorurteil oblegen und es in Gerechtigkeit und Liebe verwandeln ..." Neue Bücher. „Das neue jüdische Palästina." Bon Dr. Curt Nam ratzti Berlin 1919. Jüdischer Verlag. Preis geb. Mk. 8-—. Die erste Auflage dieses Buches, das im Jahre 1914 erschienen ist, hat seinerzeit beträchtliches Aufsehen erregt, da es eines der besten und umfassendsten auf diesem Gebiete war. Da es seither vergriffen ist, so ließ der Autor eine gekürzte Darstellung desselben erscheinen, welche die Entwicklung der jüdischen Kolonisation Palästinas bis in die jüngste Zeit schildert. Das Buch enthält auch in seiner gekürzten Form ein reiches Ziffern- und Tatsachenmaterial und bietet den Leser viel Belehrendes und Wiffenswertes. Statistische Tabellen und eine Karte ergänzen und erhöhen den Wert des Buches. „Um die Ewigkeit." Jüdische Essays. Von Dr. Nathan Birnbaum. 1920—5680. Welt-Verlag, Berlin. Preis br. Mk. 7'—. Das Buch enthält eine Reihe von Aufsätzen über jüdisch-religiöse, kulturelle und politische Fragen, vornehmlich im Geiste des reugiösen Judentums gehalten und den Gedankenreichtum sowie das geistige Temperament Dr. Birnbaums in den letzten Jahren widerspiegelnd. Es ist, wenn auch ohne direkte Absicht, eine religiöse Streit- und Propagandaschrift, deren Lektüre jedem Juden empfohlen werden kann. „DaS deutsche Judentum." Seine Parteien und Organisationen. Eine Sammelschrist. Verlag der „Neuen Jüdischen Monatshefte", Berlin'München 1919. Preis br. Mk. 3—. Eine zeitgemäße, objektiv gehaltene Jnformationsschrift. Berufene schildern in kurzen Zügen