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Jüdische Korrespondenz · 1920-01-09 · 2 (9.1.1920) · page 6

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
2 (9.1.1920)
Date
1920-01-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Jüdische Korrespondenz Nr. 2 Weismann." — Es ist höchste Zeit, daß sich die zuständigen Behörden in den Besitz des möglichst vollständigen Materials über die antisemitische Hetze setzen und entsprechende Gegenmaßregeln ergreifen, denn diese Bewegung richtet sich ja in ihren letzten Zielen gegen die bestehende republikanische und demokratische Staatsverfassung. (Deutsche Protestanten gegen die Antisemitenhetze.) Der Volkskirchenbund des ehemaligen Großherzogtums Baden hat in der evangelischen Generalsynode eine Eingabe eingebracht, in der ans die Gefahr der wachsenden antisemitischen Hetze hingcwiesen wird. Darin heißt es: Den Juden allein verantwortlich zu machen für das nationale Elend ist von jeher ein Mittel gewissenloser Agitatoren gewesen, um dem Haß einer politisch ungeschulten Masse ein Objekt zu schaffen, an dem es sich austoben konnte. Es sind dunkle Blätter, auf denen die Geschichte der Judenverfolgung geschrieben stehen von allen Zeiten an bis hin zu den russischen Pogroms der Gegenwart. Unser Volk wird überschwemmt mit Zeitschriften und Büchern aller Art, die ein geschäftliches System verraten, das an der Arbeit ist. und wer mit dem Volk in Fühlung ist, der begegnet der Verwirrung der Geister, die bereits angerichtet ist, und sieht die gefährlichen Früchte, die zu reifen beginnen. So tief wir mit den weitesten Schichten unseres Volkes Anstoß nehmen an der Rolle, die besonders ausländische Juden in der Revolution gespielt haben, so sehr verwahren wir uns gegen die unchristliche Verirrung, dafür das Judentum als Ganzes verantwortlich zu machen. Wir halten es daher für geboten und werden in diesem bei der verfassunggebenden Generalsynode vorstellig, daß dieselbe unzweideutig klar zum Ausdruck bringt, daß Rassenhaß und Religionshaß des christlichen Namens und Glaubens unwürdig ist und daß die Kirche des Evangeliums diesen trüben Haß als unerträglich mit dem Geiste ihres Herrn und Meisters weit von sich weist. Wir halten eine solche offene Stellung um so unerläßlicher, als ein Mitglied der obersten Kirchenbehörde in seiner politischen Tätigkeit im Vordergrund der anttsemitischen Agitation in Baden steht und in einem öffentlichen Schriftwechsel beschuldigt ist, unwahre Tatsachen, die die jüdischen Staatsbürger schwer beleidigen, weiter verbreitet zu haben. Je weniger die parteipolitische Tätigkeit auch der Mitglieder der obersten Kirchenbehörde heutzutage einer Einschränkung unterliegt, desto deutlicher und unmißverständlicher muß die höchste Vertretung der evangelischen Kirche dafür Sorge tragen, daß nicht die Gewissen verwirrt werden und der Kirche als solcher zur Last gelegt, was Privatmeinung eines ihrer höchsten Beamten ist. Der Schaden, der sonst der Kirche entstehen könnte, wäre unermeßlich. (Huszar über die Judenfrage.) Ministerpräsident Huszar hielt in Csongrad eine Wahlrede, in welcher er nach Schilderung der Verhältnisse, die zum Weltkrieg geführt haben, erklärte, daß es in Ungarn nur ein christliches Regime geben könne. Bezüglich der Judenfrage erklärte der Ministerpräsident daß er keinen Antisemitismus im Lande machen wolle, sondern einen Christianismus. Er wolle keine Feindseligkeiten, aber es dürfe darüber kein Zweifel bestehen, daß das ungarische Volk ein Recht habe, seine Rasse in Ehren zu halten und sie zu unterstützen. Ich schätze meine fleißigen und ehrlichen jüdischen Mitbürger, schloß der Ministerpräsident, die produktive Arbeit leisten, aber es hat unter ihnen viele gegeben, welche bestrebt waren, die tausendjährigen Fundamente dieses Landes zu untergraben. Die Ausführungen des Ministerpräsidenten wurden mit großem Beifall ausgenommen. (Jüdisches Gemeindeleben in Budapest.) Im Finanzausschuß der Pester Israelitischen Religionsgemeinde unterbreitete der Vorstand Gustav E. Ehrlich einen Bericht über die finanzielle Lage dieser Gemeinde. Dem Berichte ist zu entnehmen, daß im Jahre 1918 43.658 Personen mit K 2,567.915 Kultussteuer belastet waren, daß aber von der ausgeworfenen Summe bloß K 1,700000 eingelaufen sind, so daß zirka K 800.000 an Steuerrückständen verblieben. Das jüdische Spital der Gemeinde, wohl die größtederartige humanitäre Institution der Judenschaft der Welt, weist nahezu eine halbe Million Kronen Defizit aus: Es ist Aussicht vorhanden, dieses Defizit durch eine Sammlung fteiwilliger Spenden decken zu können. — Die Ofner Israelitische Kultusgemeinde hielt am 2. Dezember ihre Vollversammlung ab, in der Dr. Desider Barst zum Präsidenten, Hausbesitzer Samuel Baröti zum Vizepräsidenten der Gemeinde gewählt wurden. (Eine Lehrerstatistik.) In Ungarn gab es laut der amtlichen Statistik unter 2415 Kinderbewahranstalten bloß vier, unter 16.929 Volksschulen 407, unter 2872 höheren Volks- und Bürgerschulen zwölf, unter-428 Mittelschulen eine, unter 54 höheren Handelsschulen zwei, und unter 92 Lehrerprüparandien eine Anstalt, die von jüdischen Gemeinschaften aufrecht erhalten wurden. Von 22.848 Lehranstalten Ungarns waren bloß 427, das heißt 1*8 Prozent jüdischen Charakters. Von den 51.961 Lehrkräften der Volks- und Mittelschulen waren 2144, das heißt 41 Prozent Juden. Und da spricht die antisemitische Presse Ungarns von einer jüdischen Verseuchung des ungarischen Unterrichtswesens! (Ein antisemitisches Lehrbuch in Polen.) Aus Warschau wird geschrieben: Das in den Mittelschulen gebrauchte Lehrbuch der Geographie von T. Radlinski enthält verschiedene Stellen, die weniger geographischer als polittscher Natur sind. Es wird darin versucht, den Schülern die Meinung beizubringen, daß die Juden den Mittelstand in Polen ruiniert hätten, und daß sie darnach streben, ein jüdisch-polnisches Reich aufzurichten. Der jüdische Reichstagsklüb wandte sich daher an das Unterrichtsministerium in einem Schreiben, worin betont wird, daß ein Schulbuch den Schülern ausschließlich Tatsachen zu »ermitteln und bei ihnen Nächstenliebe zu erwecken habe, jedoch nicht dazu da sei, um den politischen Boykott zu fördern und die kindische Seele mit Rassenhaß zu vergiften. Die jüdischen Abgeordneten ersuchen deshalb um Eliminierung derartiger Lehrbücher aus den Schulen. (Zur Lage in Südrußland.) Dizengoff, der Bürgermeister von Tel-Awiw, ist von einer Reise durch Südrußland nach London zurückgekehrt und hat dem dortigen Jüdischen Korrespondenzbureau über seine Eindrücke berichtet. Er weist darauf hin, daß bei Denikin und den ihm nahestehenden Kreise die Ueberzeugung von dem Bolschewismus der Juden feste Wurzeln habe. Denikin erklärte, er sei gegen die' Pogrome, aber ihre Verhinderung könnte durch die Juden selbst sehr erleichtert werden, wenn diese ihre politische Richtung änderten. Dizengoff betonte, daß die Pogrome überall Formen angenommen hätten, die früher unerhört gewesen seien. Wenn einige jüdische Häuser geplündert und einige Juden blutig geschlagen werden, nehmen selbst die jüdischen Zeitungen davon keine Notiz mehr. Man spricht nur noch davon, wenn Hunderte von Toten das Opfer eines Pogroms waren. In zahlreichen Städten haben viele Pogrome hintereinander stattgefunden, so in Balta sechzehn. Am schlimmsten war der Pogrom in Fastow. Als der Pogrom seinen Höhepunkt erreicht hatte, brach ein Feuer aus, das 200 Häuser einäscherte. Da begab sich der Geistliche zum Kommandanten und erklärte: „Jetzt muß ein Ende gemacht werden, man muß das Feuer löschen, denn es versteht nicht zwischen den Naüonalitäten zu unterscheiden." (Wie man in England antisemitische Beleidigungen bestraft.) Wie jüngst im „Daily Telegraph" zu lesen war, hat ein Londoner Strafgericht den Leutnant Commander Harry Maclead Fraser und Mister Harry Hamilton Beanish, den Sohn eines englischen Admirals, welche den jüdischen Baron Alfred Mond schmutziger Jude geheißen hatten, zu einer Geldstrafe von 5000 Pfund Sterling und der Tragung der Gerichtskosten verurteilt. (Die Orthodoxie in Amerika.) Laut „American Jsraelite" vom 20. November hatte die orthodoxe jüdische Kongregation Amerikas eine Wiederaufbau-Versammlung ftir den 29. November bis 2. Dezember in New Jork einberufen, zu der mindestens 500 Delegierte erwartet wurden. Das Programm sieht eine gründliche Organisation der orthodoxen Kräfte und die Entwicklung der Orthodoxie zu einem starken Faktor des jüdischen Lebens in Amerika vor. (Die Aktion der amerikanischen Inden füt die Kriegsopfer.) Mit Rücksicht daraufdaß die amerikanischen Juden neuerlich eine große Aktion zugunsten der jüdischen

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