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Jüdische Korrespondenz · 1919-11-14 · 42 (14.11.1919) · page 7

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
42 (14.11.1919)
Date
1919-11-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 42 Jüdische Korrespondenz Seite 7 von ihm eingenommenen Gebieten zuzulassen. Im Telegramm wird auch gefordert, Denikin möge eine genaue Untersuchung der bisherigen Pogrome einleiten und die Schuldigen streng bestrafen. (Eine Bank für jüdische Hilfszwecke.) Beinahe alle der jüdischen Hilfsarbeit gewidmeten Organisationen in Europa haben ihre Beteiligung an der allweltlichen jüdischen Hüfskonfereuz angemeldet, welche im November stattfinden wird, um dem gesamten jüdischen Hilsswerk Plan und Organisation zu geben. Wie das Jüdische Korrespondenzbüro in London erfährt, wird man der Konferenz, die sich hauptsächlich mit den durch die Kriegsnot und die Pogrome geschaffenen Probleme beschäftigen wird, die Schaffung einer speziellen Bank für konstruktive Hilfsarbeit Vorschlägen. Die Bank, deren Kapital fünfundzwanzig Millionen Dollar betragen wird, wird im großen Maßstabe arbeiten und jüdischen Kaufleuten und Handwerkern, die infolge des Krieges oder der Pogrome gelitten haben, unverzinsbare Anleihen gewähren. (Mobilisation der jüdischen Emigranten in Japan durch Koltschak.) Der russische Korrespondent der amerikanischen Zeitungen „Tog" und „Wahrheit" telegraphiert aus Jokohama: Pakownow, Generaldirektor des Sibirischen drahtlosen Telegraphenamtes, befindet sich zurzeit in Japan, um eine Assentierung aller militärfähigen russischen Emigranten vorzunehmen; ja bald wird auch aus Wladiwostok eine Assentierungskommission ankommen mit Instruktion, die Mobilisation gleich anzufangen. Die japanische Regierung hat erlaubt, alle physisch gesunden rnssischen Bürger im Alter von 18 bis 45 Jahren zu mobilisieren. In Japan befinden sich 10.000 Russen. Koltschaks Mobilisation wird hauptsächlich Inden treffen, weil sie etwa 80 Proz. von den russischen Emigranten in Japan ausmachen. (Chicago als Im migrationsziel.) Im jüdischen „Wecker" in Chicago wird in einem Leitartikel darauf hingewiesen, daß Chicago noch größere Möglichkeiten für Einwanderung von Juden bietet. Chicago zählt derzeit zirka ein Viertelmillion Juden und könnte noch ungefähr 150.000 Juden aufnehmen. In dem Artikel wird auch ein genauer Plan entwickelt, wie man die Konzentrierung der Immigration organisieren könne. humanitärer verein „Tiferes Bachurim" zur Unterstützung armer wiener Talmudschüler. Diejenigen Wiener Talmudschüler, die beabsichtigen, in eine Jeschiwo zu fahren und auf eine Unterstützung seitens des Vereines reflektieren, wollen sich an den Kassier Herrn PinkaS Grünhut, II., Schreigaffe 12, wenden. _ Der Vorstand. Larniliennachrichten. Vorige Woche fand hier die Vermählung des Frl. Malvine, Tochter des Herrn Albert Breuer, mit Herrn S. B. Hönigsbeer statt. Herr David Schlesinger (Wien) hat sich mit Fräulein Tochter deS Herrn Jakob Rosen heim (Frankfurt a. M.) verlobt. Herr David Bondy hat sich mit Frl. Hilde, Tochter des Herrn Jakob Stroh verlobt. (Mitteilungen und Familiennachrichten an die Redaktion erbeten.) Bemerkungen aus der Gozrallehre der Bibel. Von Dr. B. May (Frankfurt a. M.). (Schluß.) Also Heiligung der Arbeit, nicht aber wie im marxistischen System Heiligsprechung der Arbeit. Heiligung als Mittel zur Erziehung des freien Gottesburgers, das ist die Forderung der Lehre, die als Ausfluß des Willens des Gottes der Einheit, die soziale Gleichwertigkeit, wenn auch nicht vermögensständliche, respektive kommunistische Gleichheit seiner Bürger erstrebt. Nein, „es wird nie fehlen der Dürftige in deinem Lande", , aber der Dürftige ist und bleibt dein Bruder: „Es soll dein Herz nicht verdrießen, wenn du ihm gibst, denn um deswillen segnet dich der Ewige, dein Gott in allem deinem Werke und in allem, was deine Hand unternimmt. Denn es wird nicht an Dürftigen fehlen im Lande. Darum gebiete ich dir und spreche: Auftun sollst du deine Hand deinem Bruder, dem Armen und Dürftigen in deinem Lande." Das also ist der Grundgedanke: von uns die Arbeit, von Gott der Segen. Es ist nicht deine Klugheit, oder: sagen wir das heidnische Wort Glück, aber es ist auch nicht, wobei du dich so in die Brust wirfst, deine große Arbeitskraft, die dir so große Leistungen, solches Glück verschafft. Es ist in tiefstem Grunde nicht dein „Ich", sondern die „Gesamtheit", die dir die Möglichkeiten bietet und Gaben, geistige Gaben, die der Jude von jeher als eine „Gnade" anzusehen pflegte, für die er Gott, und das heißt jüdisch gedacht, der Gesamtheit gegenüber verpflichtet ist. Daher hast du nicht das brutale Recht, das jus utoncki et abuteQäi, auf dem der Fluch der Jahrhunderte haftet; du bist Verwalter deines Besitzes und bist damit haftbar und verpflichtet. Du gibst den Armen kein sXrrjuocuvv] Almosen Gabe des Mitleids, sondern hast Zedokoh zu üben, liebende Gerechtigkeit. Du beraubst und bestiehlst den Armen, wenn du ihm nicht gibst — wohlgemerkt nicht „schenkest"; denn zu dieser Erniedrigung konnte und sollte es nach dem Thoragesetz nicht kommen, weil es wohl Arme, aber deshalb keine Proletarier geben konnte, keine absolut Nichtsbesitzenden. Denn ihm gehört, wenn er sich erarbeitet, die Ecke des Feldes, die nachgelassenen Aehren, die liegengebliebene Garbe, ihm gehört der Zehnte jedes dritten ErntejahreS; ihm ist erlaubt, wenn er Hunger hat, sich sattzuessen in jedem Felde, denn er hat sein Mindestrecht, das Recht aufs Dasein, das ihm sein Gott verliehen, er ist ein Mensch. Daher ist es auch gleich, ob der Arme ein Einheimischer oder ein Fremdling ist. Wird der Fremdling doch stets vor dem einheimischen Armen, der Waise und Witwe erwähnt. Wie berechtigt ist Schalls Urteil (Die Staatsverfassung der Juden): „Durch die ganze mosaische Rechtsprechung zieht sich als leitender Grundsatz die Rücksicht auf die Schwachen und Bedrängten hindurch, damit ihnen der so nötige Schutz nicht fehle. In dieser Beziehung besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Gesetzbuch Moses und dem römischen Recht. Dieses scheint fast zu keinem anderen Zweck gemacht zu sein, als den Besitzenden und Mächtigen in seinem Besitz und seiner Macht zu schützen." Es ist ein Sozialismus eigener Art. dem wir in der Bibel begegnen. Dieser Sozialismus erstrebt keinen Umsturz äußerer Verhältnisse, er flucht nicht dem Reichen, weil er reich ist, er spricht nicht den Armen selig, weil er arm ist. Es ist ein Sozialismus, der alles nur erwartet von der Umwandlung der inneren Gesinnung: Du mußt innerlich von dem Wert des Menschen überzeugt sein, du sollst ihn nie zum Mittel erniedrigen, sondern sein Sein als deinen Daseinszweck verfolgen —. so könnten wir den biblischen Sozialismus kurz formulieren. Weil ihr die Anerkennung der Würde des „Menschen" über alles geht, daher enthält auch die Bibel eine Bestimmung, die bei all anderen orientalischen Völkern — aber auch noch bei manchen modernen vor dem Kriege — etwas Undenkbares war: eine Definition der Königsrechte, die eben als Definition schon eine Einschränkung bedeutet. Das 5. Buch Mos. K. 17, 14 ff. gibt sie, und zwar mit dem ausgesprochensten Nachdruck der Beschränkung des Königs. Die Machtmittel, durch welche das absolute Königtum seine Gewalt über dem Volke aufrichtet, werden dem König versagt: wie die Rosse, die stehende Söldnertruppe nach ausländischem Muster, so der Kronschatz. Dagegen wird er sehr nachdrücklich ans Gesetz gebunden als Glied des Volkes, aus dessen Mitte er hervorgegangen fft und über das er sich nicht hochmütig erheben darf. Denn ums Volk ist es dem Gesetz zu tun- Nicht bloß Untertanen, durch die Herrscherschaft zusammengeschweißt, sondern Brüder sind sie, wie das Gesetz unermüdlich hervorhebt. Neben der Beschränkung der Autokratie des Königs durch daS Gesetz ging eben dieses Gesetz bewußt darauf aus — es geschah sicherlich angesichts der allmächtigen Priesterkasten, die das ägytische und kananitlsche Volk in schwerem Banne hielten —, von vornherein die Macht des Priesterstandes dadurch zu beschränken, daß es ihm nicht nur jeden Totenkultus verbot — eine längst nicht genug be. achtete Tatsache —, vor allem aber dadurch, daß es verlangte, daß die Kenntnis des Gesetzes Gemeingut des Volkes würde. Kein Mysterium sollte die Priester als unnahbare Kaste vom Volke trennen, jeder - Israelit sollte das Gesetz kennen, sollte imstande sein, Richter im Volke werden zu können. Vor allem aber, so bemerkt Schall (l. c.), fehlte den Leviten und Priestern die vornehmlichste Grundlage einer hierarchischen Machtentwicklung. Sie hatten, kein Erbteil im Lande, sie hatten keinen Grund und Boden, und das ist das allererste Erfordernis, um die Volksfreiheit mit Energie imt> Erfolg durch tyrannische und hierarchische Gelüste zu unterdrücken. Wer sich von der echt demokratischen Denkweise dieser Bestimmung keine rechte Vorstellung machen kann, den verweisen wir mit Schall auf die Zustände, wie sie in der mittelalterlichen, aber nicht bloß mittelalterlichen Kirche eingetreten sind, durch den unstillbaren Machthunger, den die Kirche weltlichen Gütern gegenüber an den Tag gelegt. Das sind nur einzelne prinzipielle Bestimmungen, wie sie dem biblischen Sozialismus zugrunde liegen. Zu einem „Volk von Priestern" möchte die Bibel uns erziehen, zu Menschen, die wissen, daß die „Einheit" Gottes bekennen nichts anderes bedeuten darf, als der Einheit der Menschheit zu dienen, indem wir vor allem danach streben, diese Einheit in uns selbst zu verwirklichen, nicht bloß dem Sinnlichen und Tierischen in uns selbst den Vorzug zu lassen, sondern vor allem zum Wesen des Menschen, zur Geistigkeit durchzudringen und so den Menschen in uns selbst achten und schätzen zu lernen. Wahrer Sozialismus kann nur im Innern des Menschen selbst beginnen. Wissen wir das, dann haben nur Juden allen Grund, mit einer Reform unseres eigensten Wesens einzusetzen. Daß wir „nicht schlechter sind wie die andern" ist kein Grund, an Gewohnheiten und Lebensführungen fest« zuhalten, die eine Zeit allgemeiner Demoralisation und Korruption mit sich brachte. Sozialismus soll anheben, da heißt es, von Grund auf umlernen, will man nicht asozial oder gar antisozial wirken. Der Priester sollte seine Macht auf seine sittlichen und geistigen Werte begründen. Noch ergeht an uns der Ruf: Ihr sollt mir sein ein Volk von Priestern! („Im Deutschen Reich.")

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