Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1919-11-14 · 42 (14.11.1919) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
42 (14.11.1919)
Date
1919-11-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3495278-3495418-3495456--1123-3497019
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 Jüdische Korrespondenz Nr. 42 (Fortsetzung von Seite 4.) ganze Hoffnung die starke Hand Englands und sein mit England geschlossener Vertrag ist, so wird sich ein st» guter Politiker wie Faisul Wohl hüten, es mit England endgültig zu verderben. Der ganze Ernst der Situation ergibt sich aus den Ausführungen, die „Jewish Chronicle" an das Interview geknüpft hat und die im schärfften Gegensatz zu der inzwischen bekannt gewordenen. Botschaft Max Nordaus an die amerikanische Zionistentagung steht. Nordau stößt in Zangwills Horn und verlangt rundweg ein jüdisches Palästina ohne jede Einwanderungsbeschränkung, gestützt auf Balfours Zusage. „Jewish Chronicle" rechnet auf Englands Diplomatie, deren Geschicklichkeit der Ausgleich zwischen den arabischen und jüdischen Wünschen gelingen werde. (Der Bischof von Jerusalem gegen den Zionismus.) Der Jerusalemer Bischof, der derzeit in London weilt, hat in einer, im Church-House unter Vorsitz des Londoner Bischofs stattgefundenen Versammlung der Mission der östlichen Länder, eine Rede gehalten und sich darin über den Zionismus folgendermaßen geäußert: er habe die beste Meinung über einige zionistische Führer und bewundere sie. Aber die englische Negierung habe eine schwere Lage dadurch geschaffen, daß sie versprochen hat, die zionistische Bewegung zu unter- - stützen, in einer Zeit, wo sie nicht in der Lage ist, ihr Verfprechen zu erfüllen. Die Erklärung, durch die die Juden ermutigt werden nach Palästina zurückzukehren, um dort ihr nationales Heim zu begründen, hat viel Aufregung bei der griechischen und mohammedanischen Mehrheit hervorgernfen. Einige von jenen, die unter dem Namen des Zionismus arbeiten, haben die Bevölkerung von Palästina so sehr aufgereizt, daß es der englischen Regierung oder der Liga der Nationen im jetzigen Moment absolut unmöglich sei, einen jüdischen Staat in Palästina zu schaffen, ohne dorthin eine Armee von 50.000 Mann zur Aufrechterhaltung der Ordnung zu beordern. Bolschewismus und Judentum. W. T. Goode, der nach Rußland entsandte Korrespendent des „Manchester Guardian" schreibt: Es wird immer gesagt und geschrieben, daß die Juden Bolschewiken und die Bolschewiken Juden sind. Auf meiner ersten Reise begegnete ich einem jungen jüdischen Offizier. In Ostrowo, wo ein Brigadestab stationiert war, traf ich wieder mehrere jüdische Offiziere. In Velilie-Luki sprach ich mit einem Volkskommissär, der Jude war. Und gelegentlich sah ich auch unter den vielen Soldaten einige Juden. Auf meiner zweiten Reise fand ich auch unter den Stabsleuten in Velilie-Luki keinen Juden mehr. Da ich auf meinen Reisen durch Rußland auch in Gegenden kam, die von Truppen überflutet waren, so ist die kleine Anzahl Juden, die ich zählen konnte, geradezu auffallend. In Moskau ist von 18 Volkskommissären nur einer jüdischer Abstammung, das ist Trotzki. Unter den Angestellten der Kommissariate fand ich viel Juden, aber noch mehr in den Straßen von Moskau. Man darf nicht vergessen, daß unter dem Zarismus die Juden an jeder revolutionären Bewegung regen Anteil nahmen — als Folge der gegen sie ausgeübten Unterdrückung — und daß daher bei der letzten Revolution Juden mit dabei sein mußten. Es wäre auch geradezu absurd, wollte man Mitglieder einer Rasse aus den Negierungsämtern ausschließen, weil sie immer Kultur und Schulbildung hochschätzten. Aber wo immer ich Juden sah, sah ich auch Russen in ungleich größerer Zahl und kam zu dem Schluffe, daß die Juden wohl in der Sowjetregierung in einem stärkeren Verhältnis vertreten sind, als es ihrem Prozentsatz in der Gesamtbevölkerung entspricht, daß aber Juden und Bolschewiken durchaus nicht identische Begriffe sind. Ich halte meine Feststellung aufrecht und für einwandfrei und glaube daher, daß die öffentliche Meinung auf die schrecklichen Folgen des verbreiteten Irrglaubens aufmerksam gemacht werden muß. Rundschau. (D er Direktor d er Wi ener Univ ersitätsbiblioth ek.) Regierungsrat Dr. Salomon Frankfurter, langjähriger Vizedirektor der Wiener Universitätsbibliothek, ist zum Direktor, dieser Bibliothek ernannt worden. (Sir Stuart Samuel iu Lemberg.) Der Präsident der englischen Studienkommission in Polen, Sir Stuart Samuel, ist in Begleitung von Captain Right vorigen Sonntag in Lemberg angekommen und wurde offiziell vom Grafen Wodzicki in Vertretung des Generalbevollmächtigten sowie vom Lemberger Stadtkommandanten, Oberst Linda empfangen und begrüßt. Montag empfing Samuel im Lemberger Rathaus in Anwesenheit des Vertreters des polnischen Außenministeriums Wolowski eine Anzahl von Deputationen. Die Abordnung des jüdischen Rettungskomitees besteht aus den Herren Dr. Parnes, Dr. Sommerslein, Wahl, Wittels, und Dr. Rothfeld schilderte die jetzige Lage der ostgalizischen und besonders der Lemberger Juden. Die Deputation der zionistischen Organisation Ostgaliziens, bestehend aus Dr. David Schreiber, Redakteur Frostig, Dr. Schmoräk und Dr. Bickeles, ersuchte Sir Samuel, der englischen Regierung die Dankbarkeit des galizischen Judentums für die Deklaration Balfours und für die Unterstützung der jüdischen Forderungen auf der Friedenkonferenz, insbesondere für ihr Verdienst um das Zustandekommen des Minoritätenfchntzes auszudrücken. In seiner Antwort wies Samuel darauf hin, daß England an seinem gegebenen Versprechen festhalte, wenn sich auch bisher der Verwirklichung der Deklaration Schwierigkeiten entgegen gestellt haben. Weiters wurde eine Abordnung der Orthodoxen, eine Deputation des Misrachi und eine des jüdischen kaufmännischen Vereines empfangen. Montag nachmittags wurde das Verhör der Zeugen der November- Unruhen vorgenommen. (Ausweisung der Juden aus Siebenbürgen.) Wie ernst es der rumänischen Regierung mit der Durchführung der Gleichberechtigung der Juden ist, geht aus einem streng vertraulichen Erlaß hervor, den die Bukarester Zentralregierung dieser Tage an die Regierung in Hermanstadt gerichtet hat und in dem folgendes angeordnet wird: Alle Juden, die nach dem Jahre 1900 auf siebenbürgisches Territorium gekommen sind und dort keinen Grundbesitz haben, sind auszuweisen. Diejenigen Juden, welche der im Hinblick auf diese Bestimmung erlassenen zweimaligen Aufforderung zum Verlassen des Landes nicht Folge leisten, sind samt ihrer Familie aus dem Lande zu entfernen, ihr Vermögen ist zu konfiszieren. Am Schluffe des Erlasses wird bestimmt, daß von den aus den verschiedenen Behörden des ungarischen Staates übernommenen jüdischen Beamten ein Treueid nicht zu fordern ist. Sollte bereits ein solcher abgelegt sein, so wird er für ungültig erklärt. Diejenigen jüdischen Beamten, deren Dienstzeit weniger als 15 Jahre beträgt, sind mit einem dreimonatlichen Gehalt abzufertigen und zu entlassen. Die Tätigkeit der verbleibenden jüdischen Beamten ist durch ein ganzes Jahr mit der größten Aufmerksamkeit zu überwachen. (Der Prozentsatz der jüdischen Bolschewik».) Die Petersburger kommunistische Organisation hat eine Enquete über die Petersburger Arbeiterbewegung bis zum 1. Dezember 1918 publiziert. Sie enthält unter anderem folgende bemerkenswerte Zahlen: Nach der Nationalität verteilen sich die Mitglieder der kommunistischen Organisationen wie folgt: Russen 74'2 Proz., Letten 10*5 Proz., Polen 6 3 Proz., Esten 3°7 Proz., Litauer 2 6 Proz. und Juden 2 6 Proz. Auf die Juden entfällt also der kleinste Prozentsatz und dazu muß noch bemerkt werden, daß, nachdem die Gesetze über den Ansiedlungsrayon abgeschafft worden waren, sehr viele jüdische Handwerker und Arbeiter nach Petersburg gekommen sind. (Miljukoffs und Burzews Appell gegendie Judenpogrome.) Der ehemalige russische Minister des Aeußern zu Zeiten Kerenskis, Paul Miljukoff, und der bekannte russische Revolutionär Wladimir Burzew k-aben an General Denikin ein Telegramm gerichtet, worin sie ihn auffordern, die energischsten Mittel zu ergreifen, um keine Pogrome in den neuen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.