Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 37 (7.10.1919)
- Date
- 1919-10-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Jüdische Korrespondent Nr. 3-/38 (Fortsetzung von Seite 8.) „Zn offiziellen tschechischen Kreisen rechnet man damit, daß die Deutschen und die Juden zugunsten der Tschechen stimmen werden. Es ist dabei interessant, das Verhältnis der tschechischen Presse zu den Juden in Tschechien kennen zu lernen. Eine ganze Reihe von Zeitungen nennt die Juden Bolschewiken, Münzenfälscher usw. Aber auch die einflußreichen Blätter verhalten sich nicht anders zu den Juden." Nachdem eine ganze Reihe von Artikeln aus der tschechischen Presse zittert wird, bemerkt der Referent: „Die tschechischen Juden wollen sich nicht der tschechischen Bevölkerung assimilieren, sondern fordern die Anerkennung ihrer besonderen nationalen Interessen. Der Konflikt zwischen den Tschechen und den tschechischen Juden spitzt sich immer mehr zu, insbesondere in der Slowakei, wo Dr. Srobar regiert." (Antisemitische Exzesse.) Wie die „Narodni Politika" meldet, kam es in Nürschan (Böhmen) zu antisemitischen Ausschreitungen. Nach einer durchzechten Nacht kletterten zwei Bergleute gemeinsam mit zwei Taglöhnern über den Zaun des Hauses des Moriz Eckstein, drangen in den Laden ein und verlangten Schnaps. Als sie diesen nicht erhielten, zertrümmerten sie die Wohnungseinrichtung, warfen die Waren auf die Straße, die von der Menge fortgeschleppt wurden. Aehnlich gingen sie dann beim Kaufmann Karl Kaufmann vor, wo große Mengen Tabak geplündert wurden. Die Gendarmerie war machtlos. Die Exzedenten erhielten großen Zuzug, so daß Militär aus Staab und Pilsen requiriert werden mußte. Sieben Personenwurden wegen Anteilnahme an den Plünderungen verhaftet. (Aus der Tschecho-Slowakei.) Die Bestimmungen über den Minoritätsschutz im Vertrage der Friedenskonferenz mit der Tschecho-Slowakei enthalten den Passus über den Schutz der jüdischen Rechte nicht. Minister des Aeußern Dr. B e n e s ch erklärte, daß die Friedenskonferenz damit den Tschechen einen Beweis des Vertrauens gegeben hat, daß sie ohnehin die Rechte der Juden respektieren werden. In der Wirklichkeit sieht aber die Sache ganz anders aus. (Der jüdische Religionsunterricht in der Slowakei.) Nach einem Erlaß des Schulministeriums vom 28. August darf der Religionsunterricht für jüdische Schüler in der Slowakei nur noch in diesem Schuljahre in deutscher Sprache erfolgen. Im nächsten Jahre müssen sich die jüdischen Religionslehrer vor einer Prüfungskommission über die Erlangung der slowakischen Sprache ausweisen. (Die antisemitischen Exzesse in Westgalizien.) Laut amtlichem Ausweis hat das Kriegsgericht Tarnow in Polen in 33 Fällen das Strafverfahren wegen im Jahre 1918 verübter antisemitischer Exzesse eingeleitet. In 13 Fällen ist das Verfahren bereits zum Abschluß gelangt, und zwar endete ein Fall, der zwei Angeklagte betraf, mit dem Freispruch beider; in drei Fällen wurde die Untersuchung wegen Mangels an Beweisen eingestellt. In neun weiteren Fällen dagegen endete das Verfahren mit einem Schuldspruch, und zwar wurden insgesamt 59 Personen zu Gefängnisstrafen von einem Monat bis zu zwei Jahren verurteilt. Was die Natur der den Angeklagten zur Last gelegten Verfehlungen betrifft, so handelt es sich in der Hauptsache um Eigentumsdelikte. (Sir Stuart Samuel in Warschau.) Aus Warschau wird gemeldet: Am 18. September ist die Samuel-Mission hier unbemerkt eingetroffen. Samuel wurde durch den englischen Botschafter ins Ministerium des Aeußern eingeführt, was auf den zweifellos offiziellen Charakter seiner Mission schließen läßt. Seitens der polnischen Regierung wurde Herrn Samuel Herr Wolowski zugeteilt. Am 20. September d. I. erschien Sir Samuel inkognito in der Synagoge in der Tlumackigaffe. Erst nach dem Beten erfuhren die Vorsteher von seiner Anwesenheit und begrüßten ihn. Samuel machte über seine Konferenzen mit Dmowski und Paderewski in Paris einige interessante Mitteilungen. So erzählte er zum Beispiel, daß Dmowski sich ihm gegenüber geäußert habe, daß die „Litwaki" (die aus Litauen eingewanderten Juden) Polen verlassen müßten, worauf er, Samuel, erwiderte, daß er nichts dagegen hätte, aber nur unter der Bedingung, daß sie ihre Kapitalien mitnehmen. Paderewski hingegen, sagte Herr Samuel, sei gegenteiliger Ansicht. Während feiner Konferenz mit dem Vizeminister Skrzynski ermächtigte dieser Herrn Samuel zur .Verlautbarung, daß die polnische Regierung nichts dagegen habe, daß die sJuden bei Samuel erscheinen und über alle Geschehnisse berichten. Demnächst wird die englische Mission im jüdischen Viertel ein Bureau eröffnen und ihre Tätigkeit beginnen. (Fortdauer der,ukrainischen Pogrome.) Der „Nowy Dziennik" meldet am 14. September aus Warschau: Personen, die aus Nowogrod-Wolynsk hier eingetroffen sind, berichten schreckliche Details von den Pogromen, die die Petljura- Truppen in dieser Stadt veranstaltet haben. Vor drei Wochen zogen Abteilungen der Petljura-Truppen in Begleitung von anderen Banden mit Musik in die Stadt ein und begannen sofort, die Juden abzuschlachten und die Häuser in Brand zu stecken. Die Hälfte der jüdischen Bevölkerung wurde abgeschlachtet. Neben einem jeden Hause liegen 6—7 jüdische Leichen. Der Rabbiner Friedmann wurde ebenfalls ermordet. Hinter den Fliehenden wurde geschossen. Die Personen, welche diese Nachrichten überbracht, haben, hatten sich mit noch einigen hundert Juden in den Kellern der Jeschiwa versteckt gehalten. Als sie am Abend, nachdem verhältnismäßige Ruhe eingetreten war, ihre Verstecke verließen, befanden sich in der Stadt schon polnische Truppen. Sie konnten sich jedoch nicht in der Stadt aufhalten, und so zog sich die jüdische Bevölkerung, zusammen mit den polnischen Truppen, in die Nächstliegende Stadt Jaren zurück. (Judenpogrome der Denikin-Truppen.) Der Ukrainische Pressedienst meldet: Die Soldaten Denikins haben nach der Einnahme von Kiew in der Stadt einen zweitägigen Pogrom veranstaltet. Die Totenlisten der Kiewer Zeitungen weisen 27 Namen der Pogromopfer auf. Die Truppen des Generals Glasow haben in Bobrinska und Zwitkowo jüdische Geschäfte geplündert. In Odessa hat eine jüdische Abordnung ' beim Generalgouverneur Schilling Protest gegen die Judenausschreitungen der Freiwilligenarmee erhoben. (Das Treiben der jüdischen Kommunisten in Rußland.) Die in Minsk erscheinende Zeitung des jüdischen Verbandes der Kommunisten in Rußland „Stern" veröffentlicht einen Leitarttkel, in dem sie ihre Freude darüber ausdrückt, daß die bolschewistische Regierung endlich die jüdischen Gemeindeverwaltungen und das Zentralbureau derselben in Rußland aufgelöst hat. Die Auflösung ist auf die Verleumdungen der jüdischen Kommunisten gegen alle jüdischen Parteien, besonders die zionistischen aber auch nationalistischen und sozialistischen bis zu den „Vereinigten", zurückzuführen. Dieselbe Zeitung fordert die bolschewistischen Behörden auf, auch die zionistischen Schulen aufzulösen, die mit ihrem hebräischen Gift den Geist der jüdischen Kinder verderben. (K. f. d. O.) (Das Schächte» auf dem Berbandstag der Tierschutzvereine in Weimar.) Auf der Tagesordnung der 15. Tagung des Verbands deutscher Tierschutzvereine standen zwei Anträge Dresden—Magdeburg, welche auf ein Reichsverbot des Schächtens abzielten. Dresden hatte seinen Antrag zugunsten des Magdeburger zurückgezogen. Bor Eintritt in die Sitzung des dritten Beratungstages stellte der Tierschutz- Verein Nürnberg, vertreten durch Herrn Kommerzienrat Leykauf und Herrn städtischen Tierarzt Dr. Voltz, den Antrag, die Behandlung des Antrags 4 der Tagesordnung (Antrag Magdeburg) von der Tagesordnung abzusetzen. Mit überwälttgender Majorität wurde der Antrag angenommen. (Ein Nachspiel zum Beilisprozeß in Moskan.) Aus Stockholm wird gemeldet: Der Beilisprozeß hat jetzt ein Nachspiel. Nach einem drahtlosen Bericht aus Moskau hat dort ein Prozeß gegen Wipper begonnen, welcher der Staatsanwaltschaft angehörte und im Beilisprozeß eine große Rolle spielte. Er wird beschuldigt, die Verfolgung des Beilis inszeniert zu haben. (Die jüdischen Rechte in Serbien.) Einer Delegaüon der Belgrader jüdischen Gemeinde erklärte der serbische