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Jüdische Korrespondenz · 1919-10-07 · 37 (7.10.1919) · page 5

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
37 (7.10.1919)
Date
1919-10-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 37/38 Jüdische Korrespondenz Seite 5 eine längere Panse in den Peinigungen eintritt? Muß die Qual so vieler Geschlechter sein? Dabei sieht es gar nicht danach ans, als ob sich die Elastizität der Juden auf dieses Abwarten und Abwandern noch einlassen könnte und wollte. Vielmehr stimmen alle Berichte darin überein, daß Millionen Ostjuden mit fiebernder, irrer Sehnsucht den Augenblick erwarten, da der Friede geschlossen und die starre Abschließung der Länder gegen einander wieder aufgehoben sein wird, um ans dem Granen zu flüchten, irgendwohin, wo wieder Licht und Leben ist. Gerade daraus aber droht eine Katastrophe zu erwachsen, gingen die alle vorausgegangenen ein Kinderspiel sein werden. Denn jener Augenblick ist nahe, sehr nahe, und es ist nichts geschehen, um ihm gerecht zu werden. Die Millionen werden sich erheben, eine ungeheure Masse in naturhaster Bewegung, — aber nur ein kleiner Teil wird Grenzen und Gestade finden, die sich ihm öffnen werden. Wenn nicht jetzt, in letzter Minute, Vorsorge, Plan und Führung erstehen, so sind Millionen unseres Vol^s dem Verderben in der Hölle ihrer Heimaten oder auf ziellosen Wanderwegen geweiht, und das ganze Volk in das Riesemmheil mit hineingezogen. Die Wahrheit über den Stand der palästinastage. Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht Chefredakteur Morris Myer in der Londoner „Jewish Times“ eine Artikelserie, in der nachgewiesen wird, daß, trotz aller gegenteiligen Behauptungen, die zionistischen Führer doch viel weniger erreicht haben, als ursprünglich gefordert wurde, obgleich auch jene Forderungen sich schon auf ein Minimum beschränkt hatten. Infolge eingehendster Vertrautheit mit der Materie und Kenntnis einzelner vertraulicher Details, bietet diese Artikelserie viel Beachtenswertes, weshalb die „Jüdische Preßzentrale Zürich" es für angebracht hält, die Grundgedanken wiederzugeben. . Vor der letzten Rede Weizmanns vom 3. September 1919, hatte Morris Myer eine Reihe von Fragen in der „Jewish Times“ an Dr. Weizmann gerichtet und um deren Beantwortung ersucht. Dr. Weizmann habe nun diese Fragen nicht erschöpfend beantwortet und sie anscheinend sogar übel genommen, indem er bemerkte, man würde „Palästina nicht mit Zeitungsartikeln anfbanen". Sein Unwille ist leicht begreiflich. Er arbeitet unermüdlich für den Zionismus und verdient wahrlich vollste Anerkennung. Die besten Resultate dieser Arbeit wollen sich jedoch leider nicht einstellen, und es ist ihm unangenehm daran erinnert zu werden, was psychologisch verständlich ist. Das jüdische Volk muß jedoch die volle Wahrheit wissen, auch wenn sie ungünstig ist. Mögen die zionistischen Führer auch nicht fehlerlos sein, so haben sie gewiß das Beste gewollt und es trifft sie keine Schuld. Es unterliegt keinem Zweifel, daß alles, was Dr: Weizmann in seiner letzten Rede gesagt hat, auf vollster Wahrheit beruht und weder Uebertreibnngen noch Unterschätzungen enthält. Jetzt darf Mau bereits offen reden, da dies absolut keine Gefahr mehr mit sich bringt, sondern nur von Nutzen sein kann. Bekanntlich war die Lage bis vor kurzem eine sehr kritische; es schien, daß alle Versprechungen fast keine Aussicht auf Verwirklichung hätten. Die englische Administration in Palästina hat der Balfonrschen Deklaration nicht im geringsten Rechnung getragen, sie war sogar direkt gegen die Inden. Der Verwaltnngschef von Palästina, General Money, war ein Gegner des Zionismus und gegen ein jüdisches Palästina. Die zionistischen Führer bemühten sich wiederholt, die Lage zu verbessern. Im Februar 1919 wandte sich Dr. Weizmann an den englischen Generalstabschef, General Wilson, und erhielt von ihm die schriftliche Zusicherung, es sei den Administrativbehörden von- Palästina Weisung erteilt, den Juden gegenüber eine andere Haltung einzunehmen. Anscheinend blieb diese Order wirkungslos, denn das Verhalten den Inden gegenüber besserte sich nicht im Geringsten. Frankreich beharrte und beharrt noch immer auf Einhaltung der mit England im Jahre 1916 getroffenen Abmachungen, laut welcher ein großer Teil Palästinas an Syrien fallen soll. Auch hier blieb dem Einwirken der zionistischen Führer jeder Erfolg versagt. Erst dem Oberrichter Brandeis, der in einer offiziellen Mission, auf Veranlassung Wilsons, daß heißt der amerikanischen Regierung vor kurzem Palästina bereiste, ist es gelungen, einen neuerlichen Erlaß der englischen Regierung an die Administrativbehörden in Palästina zu erwirken,, der die Respektierung und Durchführung der Deklaration bezüglich eines nationalen Heimes für die Juden in Palästina fordert. Es muß betont werden für die Juden in Palästina, damit die englische Deklaration keine unrichtige Interpretation finde, dahingehend, daß etwa Palästina als ganzes Land ein nationales Heim für das jüdische Volk abgeben soll. Die Deklaration besagt bloß, daß gewisse Juden die Möglichkeit haben sollen, für sich ein nationales Heim in Palästina zu schaffen. Dies muß betont werden, um sich in dieser Hinsicht keinen falschen Illusionen hinzugeben. Es kann also gesagt werden, daß man es Brandeis zu verdanken habe, wenn die Balfonrsche Deklaration keine leere Phrase bleiben wird. Dr. Weizmann weiß sehr gut, daß seine eigene unermüdliche Arbeit, ohne Brandeis, erfolglos geblieben wäre; aber selbst Brandeis konnte nicht durchsetzen, daß die limitierte Möglichkeit, die man den Juden gibt, ein nationales Heim in Palästina zu schaffen, wenigstens auf demokratischer und fortschrittlicher Grundlage basiert sei. Dies schränkt natürlich die eingeschränkten Möglichkeiten noch mehr ein. Die zionistischen Führer haben die Balfonrsche Deklaration nur als Rahmen betrachtet, dem das entsprechende Bild erst einzufügen sei. Niemals und von niemandem wurde erwartet, daß dieses Bild der jüdische Staat sein würde, aber alle erwarteten, daß die Möglichkeit vorliegen würde, Palästina zu einem jüdischen Staate zu entwickeln. Jedoch auch dieses ist uns nicht gegeben worden. Bei Aufzählung der zionistischen Forderungen in seiner letzten Rede, hat Dr. Weizmann zwar viel Wahres gesagt, jedoch nicht alles berüht und manches verschwiegen. Es genügt nicht, die Krongüter und die der Effendis erwerben zu können, sondern es wurde seinerzeit auf der Londoner Konferenz auch gefordert, daß diese Ländereien nationales Eigentum des jüdischen Volkes werdem Was die zweite Forderung anbelangt, so verlangten die Zionisten, daß die Durchführung der öffentlichen Arbeiten ihnen übergeben werde. Die Forderung, daß diese Arbeiten von jüdischen Arbeitern ansgeführt werden sollen, wurde an die englische Regierung gar nicht gestellt. Auch die dritte Forderung hat Dr. Weizmann nicht vollständig klargelegt. Es wurde verlangt, daß die Administration eine jüdische sein soll und daß ein jüdischer Rat, gewählt nicht allein von den Juden Palästinas, sondern auch vom jüdischen Kongreß, der das ganze jüdische Volk vertritt, die Administration von Palästina unter Kontrolle der Mandatarmacht leiten soll. Dies war das wirkliche Bild, das die zionistischen Führer in den Rahmen der englischen Erklärung einfügen wollten. War auch dieses Bild nicht besonders schön, so ist das jetzige fast eine Karikatur. Die Frage der Nationalisierung der Krongüter und des Großgrundbesitzes ist beiseite geschoben worden und es steht zu befürchten, daß sie selbst in den offiziellen zionistischen Forderungen nicht mehr figurieren wird. Auch die jüdische Administration, die man seinerzeit gefordert hat, wird bedauerlicherweise nicht geschaffen werden. Dr. Weizmann hat nur von jüdischer „Einwirkung" gesprochen und wie groß diese sein wird, kann niemand sagen. Das Wichtigste aber ist, daß der beabsichtigte Rat, der vom jüdischen Volke gewählt und dem jüdischen Volke verantwortlich hätte sein sollen, nicht geschaffen wird. Was die Immigration anbelangt, so betont Dr. Weizmann unaufhörlich, daß diese starken Einschränkungen unterliegen müsse. Auf der zionistischen Konferenz in London hat Agronom Wilkansky betont, daß wir „das Ende beschleunigen müssen" und auch Dr. Weizmann hat von 50 bis 60 Tausend jährlichen Immigranten gesprochen, was für ein Land wie Palästina gar nicht wenig ist. Weshalb sind die zionistischen Führer jetzt plötzlich so vorsichtig geworden? Sie sollten über diesen Punkt überhaupt nicht sprechen, weil die Kontrolle über die Immigration tatsächlich nicht in jüdischen Händen liegen wird. Es ist noch nicht abzusehen, wie lange dies dauern wird, aber laut den jetzigen Anzeichen scheint es, daß Andere und nicht die Juden noch manches Jahr bestimmen werden, wieviel und welche Juden nach Palästina einwandern können, und eben deshalb

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