Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 45 (5.12.1919)
- Date
- 1919-12-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 Jüdische Korrespondenz Seite 7 ihre verbrecherische Tätigkeit. Es sind selbst viele Fälle zu verzeichnen, wo Juden am Hellen Tage auf dm Straßen erschossen wurden. Banden dringen in jüdische Häuser ein, wählen sich ihre Opfer und bringen sie auf die Straße, wo sie niedergeschossen werden. Sie haben keine Bestrafung zu fürchten, weil das wenige Militär, das sich in Odessa befindet, mit ihnen sympathisiert. Ein jüdisches Komitee, das sich zur Verteidigung der jüdischen Bevölkerung begründet hat, hat zwar von den Behörden die Zusage ihrer Unterstützung erhalten. Es bleibt aber abzuwarten, ob dieses Versprechen gehalten werden wird. (Das Schulwesen in Erez Jisroel.) „Machasike Hadaß" berichtet aus Zürich: Dieser Tage sei ein direkter Bote aus Jerusalem in Zürich angelangt, versehen mit Beglaubigungsschreiben aller G'dole Erez Jisroel und Briefen, worin die Agudas Jisroel aufs Dringlichste gebeten wird, unter allen Umständen das Schulwesen in Erez Jisroel in die Hand zu nehmen und es nicht anderen Organisationen zu überlassen, da die dortigen orthodoxen Führer nur zur Aguda das Vertrauen haben, daß sie allein die Jugend und das Thorastndium retten kann. (Der „Haderech".) Die neueste reichhaltige Nummer des „Haderech", des Zentralorgans der Agudas Jisroel, enthält nebst einigen gehaltvollen Auffätzen über orthodoxe Zeitfragen, interessante Berichte aus Polen und Palästina und verschiedene Nachrichten von der Agudas Jisroel-Bewegung. Unter anderen Berichten bringt er auch aus Biala (Schädlitzer Erle) die typische Mitteilung: Aus den amerikanischen Hilfsgeldern erhielt die bestehende Talmud Thora 300 Mark. Die von den Zionisten in Aussicht genommene sogenannte Talmud Thora, die wohl als Talmud Thora nie das Licht der Welt erblicken wird, 1000 Mark. In der bestehenden Talmud Thora werden 400 meist arme Kinder unterrichtet. (Die amerikanischen Juden und die Pogrome in Suvrrrtzlauv.^ Das Londoner jüdische Korrespondenzbureau meldet: In New-Aork hat sich unter Vorsitz von Morris Ruttenberg ein Komitee gebildet, das eine kräftige Aktion zugunsten der jüdischen Pogromopfer in der Ukraine einleiten will. Das Komitee hat beschlossen, die Delegierten der ukrainischen Judenheit, M. Großman und Dr. Caralnik, die sich jetzt in London befinden, nach Amerika einzuladen, um die amerikanische Oeffentlichkeit über die Geschehnisse in der Ukraine zu informieren. (Die englische Politik in Mesopotamien nnd die Juden.) Das Londoner jüdische Korrespondenzbureau meldet: Der Spezialkorrespondent der „Times" schreibt in seinem Blatte vom 8. November, daß die Situation in Mesopotamien eine derartige sei, daß man der englischen Regierung abraten müsse, ein Mandat über Mesopotamien anzunehmen. Von einem englischen Protektorat würden am meisten die Juden profitieren, deren Unzufriedenheit mit dem türkischen Regime am lebhaftesten war, während der mohammedanische Teil der Bevölkerung die türkische Administration trotz ihrer Fehler und Gebrechen einer gutorganisierten englischen Verwaltung vorziehen würde. Auch dürfe man keineswegs erwarten, daß die Araber sich mit der Existenz einer von der einheimischen Bevölkerung geschiedenen englischen Beamtenkaste ebenso abfinden würden wie die Inder, die an das Kastenwesen gewöhnt seien. (Die englischen Juden und der Krieg.) Das Londoner jüdische Korrespondenzbureau meldet: Unter Vorsitz des Abgeordneten, Major Lionel de Rothschild, hat sich ein Komitee gebildet, in dem alle jüdischen Organisationen Englands vertreten sind und das den Zweck hat, ein religiösen Zwecken gewidmetes Institut zur Erinnerung an die jüdischen Opfer des Krieges zu errichten. Von der Million Pfund, deren ' Sammlung das Komitee beschlossen hat, hat es bereits fünfzig Tausend Pfund (mehr als eine Million Francs) aufgebracht. (Aus Amerika.) Einem statistischen Bericht über die Teilnahme der amerikanischen Juden in dem Heere der Vereinigten Staaten , von Nordamerika während des Weltkrieges entnimmt die „I. P. Z." folgende Zahlen: Zu Land und zu Wasser kämpften im Heere der Vereinigten Staaten von Nordamerika über 200.000 Juden. Aus dem Staate New-Iork allein befanden sich im Heere 50.000 Juden. Die Zahl der jüdischen Offiziere erreichte 8000, darunter ein General, der Brigade- Kommandant war, ein Admiral bei der Kriegsstotte, 69 Oberste und Oberstleutnants, 370 Majore, 1263 Kapitäne und 5524 Leutnants. Nach den offiziellen Listen wurden mehr als 600 jüdische Soldaten während des Krieges ausgezeichnet. Drei haben die Kongreß-Ehrenmedaille erhalten. In der amerikanischen Armee wurden von dieser Medaille im ganzen 78 verteilt. Ungefähr 3500 Juden sind im Felde gefallen und etwa 12.000 wurden verwundet. (Die Juden in der Türkei.) Wie dem Londoner jüdischen Korrespondenzbureau aus Konstantinopel gemeldet wird, hat die türkische Regierung über Einwirkung unzufriedener jüdischer Gruppen an das Großrabbinat die Aufforderung gerichtet, Neuwahlen zum „Medjliß Djismani" durchzuführen. _ LamsttennachNchten. Herr Ignatz K o h n, Mitchef der Firma Jakob Kohn in Baden, verlobte sich mit Fräulein Irma F i g d o t* Tochter des Weingroßhändlers Herrn Siegmund Frgdor. Dienstag, den 2. Dezember, fand die Hochzeit des Herrn L. Schabbes mit Fräulein Nata B e ck e r, Tochter des langjährigen Beamten der Adas Jisroel, statt. Der alte Prager Iudenstiedhof. Wir Juden besitzen trotz unserer langen Geschichte recht wenig Orte, an denen uns geschichtliche Erinnerungen lebendig vor die Augen treten. Gewiß, in Erez Israel gibt es sehr viele Stätten, die vom Hauch der Vergangenheit umweht sind. Aber hier in Europa sind die Geschicke unseres Volkes viel zu wechselvoll und unstät gewesen, als daß viele Spuren erhalten geblieben wären. Um so mehr ergreift uns darum der Anblick der Orte, wo wir das Leben und Wirken unserer Väter greifbar vor uns sehen können. — Darum möchte ich einiges von dem Prager Friedhof erzählen. Er ist recht alt, unser Friedhof, sicher ebenso alt wie die Ansiedlung der Juden in Böhmen überhaupt. Melden doch Sagen, er habe schon zur Zeit Libuscha's, der sagenhaften Böhmenherzogin und Gründerin von Prag, bestanden; eine derselben erzählt sogar, der Friedhof und die Altneuschul seien kurz nach der Zerstörung Jerusalems gegründet worden. Das dürfte wohl nur Sage sein. Ziemlich sicher ist aber, daß er im elften Jahrhundert bestanden hat, wenn er auch erst am Ende des vierzehnten Jahrhunderts direkt genannt wird. Dies geschieht in einer Elegie des berühmten Dichters Abigdor Karo, die noch heute am Versöhnungstage gesungen wird, in der er die Verwüstung der Judenstadt (im Jahre 1389) und die Zerstörung der Gräber seiner Ahnen beklagt. Demnach muß der Friedhof damals schon ein gewisses Alter gehabt haben. Gelegen ist er in der sogenannten Josefstadt, der früheren Judenstadt, dort, wo noch vor einigen Jahren kleine Häuschen und krumme Gäßchen das Bild einer mittelalterlichen Judenstadt boten. Jetzt find dort breite Straßen und neue Häuser, aber die alte Schönheit ist dahin, und ein großer Teil des Friedhofes selbst ist der neuen Zeit zum Opfer gefallen. So steht er einsam in fremder Umgebung. Nur die altehrwürdige Altneuschul, Zeit- und Schicksalsgenosse des Friedhofs, steht, wenn auch durch eine Reihe neuer Häuser geschieden, in der Nähe, und vom andern Ufer der Moldau grüßt die Prager Burg, der Hradschin. Wenn wir eintreten, möchten wir glauben, nicht in eurer Begräbnisstätte, sondern in einem etwas verwilderten Garten zu sein. Denn wir sehen erst nichts als eine grüne Wildnis von Bäumen und Sträuchern, dicht ineinander verflochten zu einer undurchsichtigen Masse. Und erst wenn wir auf schmalen Wegen tiefer eindringen, merken wir, daß aus dem hohen Grase niedrige Steine hervorschauen, grau und verwittert und mit halbverwischten hebräischen Inschriften bedeckt. Immer mehr werden ihrer, und in allen Lagen durcheinander, schief, fast am Boden liegend oder noch aufrecht, aber tief eingesunken, bilden sie eine Wirrnis, die mit der Pflanzenwirrnis um die Herrschaft kämpft. Schwer sind die Inschriften zu lesen, aber die symbolischen Figuren auf den Grabsteinen zeigen uns wenigstens den Rang deffen an, der hier liegt. So bedeutet eme Traube den einfachen, nicht zum Priesterstamm gehörenden Juden, eine Kanne bezeichnet die Ruhestätte eines Leviten und das Symbol der segnenden Hände erinnert uns an einen Nachkommen Ahrons. Zwischen den niedrigen Grabsteinen ragen auch stattlichere hervor, Grabmäler in Form von Sarkophagen, außer den Inschriften auch mit KapitäleN' und Ornamenten prächtig verziert. Hier liegen die bedeutenden Männer der Gemeinde, und ein gutes Stück der Geschichte der Prager Judenschaft ist mit diesen Männern verknüpft. Alle diese Männer aber übertrifft an Nachruhm der Mann, der unweit vom Grabe Meisels am Rande eines schattigen Weges im mittleren Teile des Friedhofs begraben liegt. Es ist Jehuda ben -