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Jüdische Korrespondenz · 1919-12-05 · 45 (5.12.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
45 (5.12.1919)
Date
1919-12-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Bezugspreis: Ganzjährig K 24, halbjährig K12, vierteljährig IC 6. — Ausland jährlich K 40. Einzelnummer 50 Heller. Organ für die Interessen des I orthodoxen Judentums. Redaktion und Administration: Wien, VIIL, Alserstraße 55. Postsparkassenkonto Nr. 184.299. Erscheint jeden Freitag. Nr. 45. Wien, 13. Kislew 5680, 5. Dezember 1919. V. Jahrgang. Die nächste Kummer unseres Mattes erscheint am 19. Dezember als GHanukclH - ^lummer in vergrößertem Itmfange. Der Zinn des Kampfes. Von Eduard Strauß (Frankfurt a. M-). Welches ist der Sinn des Kampfes gegen den Judenhaß? Die Antwort ist sehr einfach und klar: es geht um unsere Existenz! Um unser Leben kämpfen wir. Ganz recht. Geht man mir ans Leben, so wehre ich mich — wie jeder Mensch, wie schließlich jedes lebende Wesen. Ich bediene mich der Waffen, welche ich führen kann, der Waffen, vor: denen ich glaube, daß sie den Feind niederzuringen vermögen — wie jedes andere lebende Wesen. Kampf ums Dasein, ums Recht, um den Platz an der Sonne des allgemeinen Menschenlebens. Nochmals: ganz recht. Aber — ist das alles? Ist wirklich dieses Kämpfenmüssen, das schicksalhaft mit uns geboren zu werden scheint, und das doch — nicht mit uns sterben kann, nur die jüdische Form des „Kampfes ums Dasein"? Ich vermute: wenn dem so wäre, der Kampf wäre — irgendwie — längst ausgekämpft. Es muß noch etwas anderes daran sein, das diesem Ringen einen Sinn gibt. Sehr nahe liegt nun eine zweite Antwort: Um die Verteidigung des Judentums geht es! Sehen wir uns diese Antwort etwas näher an. Gewiß wird von unseren Feinden immer wieder „das Judentum" als bekämpfenswert hingestellt. Abstrakter „Judenhaß" wendet sich gegen abstrahierten Geist. Aber das halte ich für die Erzlüge des Antisemitismus! In Wahrheit sind es Menschen von besonderer sittlicher Einstellung, welche hassen. Und in Wahrheit sind es jüdische Menschen, welche gehaßt werden. Man mag Hunderttausendmal alle Lügen über das Judentum widerlegen — sie kehren immer wieder. Sie werden dadurch weder gefährlicher, noch etwa gar gewichtiger: nein, sie sind und bleiben Waffen von Menschen gegen andere Menschen. Die zweite Antwort, daß es um das Judentum selber gehe, ist unzutreffend. Judentum ist und bleibt der höchste positive, durchaus innerjüdische Wert, welcher mit dem Menschenkampf gegen die Judenhaffer nichts gemein hat — nichts als die Worte lügnerischer Behauptungen von seiten Böswilliger, denen um ihres Hasses willen jede Entstellung genügt. Es ist also schon richtiger, bei der ersten Antwort zu bleiben. Wenn es Menschen sind, welche hassen, und Menschen, welche gehaßt werden, so darf gefragt werden, wie es in der Seele dieser Menschen aussieht, was der Haß aus ihnen macht. Unsere Feinde interessieren mich in diesem Zusammenhang nicht. Aber um des Zweifels willen, den ich eingangs in die erste Antwort gesetzt habe, möchte ich fragen: können und dürfen wir Juden, die wir als Menschen, als Judenheit, angegriffen werden, uns diesem Kampfe — ich möchte fast sagen: mit Haut und Haar — verschreiben? Es kann nicht bezweifelt werden, daß dann, wenn dies geschieht — und es ist vielfach geschehen — der Haß der Feinde, jeder offene und verstehe Angriff, in der Seele des gehaßten Menschen Gegenwirkungen erzeugt, welche fast noch furchtbarer, geistig noch zerstörender sind, als alles, was unsere Feinde gegen uns anwerfen können. Ich meine die Gefühle des Dauergrolls, die Gefühle des Ressentiments, welche lauernd und schleichend die Seele vergiften, alles Edle und Gute in sein Gegenteil verkehren und jede kleinliche Regung in eine „Tugend, im Kampf" umlügen. Wenn den Feinden und leiblicher Not dieses Schlimmste glückt — und es ist menschlich, daß es glücken kann —, dann erst schärft ihnen der Gehaßte selber die tödlichste Waffe; denn dann wirft der Feind dem Juden die Krankheit vor, die er selber in ihm erzeugt hat: mit einer Teufelei, die sich höhnend in den Mantel wissenschaftlicher Psychologie vermummt, mit kühlem, vernichtendem Lächeln zitiert man Nietzsche-Worte gegen den Juden und nennt ihn den „Erbpächter des Ressentiments". Abgesehen von dieser seelischen Schädigung kann der Kampf — als Existenzkampf — eine Wirkung ausüben, die uns von unserem jüdischen Weg ablenkt. Wir wurden in eine Zeit hinein emanzipiert, deren Kennzeichen in jeder Beziehung immer deutlicher der Materialismus geworden ist. Wir haben uns dem Idealismus unserer Väter, ihrer positiven Daseinsarbeit, entfremdet und firrd^ÄM gelangt, fast ausschließlich um Materielles mit materiellen Mitteln zu kämpfen; ich sage nicht, daß wir wirklichkeitsfremd sein müßten, sondern, daß in unserem Verhallen zur Welt eine Verschiebung stattgefunden hat, daß höchste Werte ihren Rang verloren haben und andere herrschend geworden sind; der Sinn unseres Lebens hat sich dadurch verdunkelt, und so mußte zugleich der Sinn des Kampfes unklar werden. Wenn auch hier eine „Anpassung" an unsere Feinde, eine Zeit-Infektion eingetreten ist, dann mag es geschehen, daß ein „Sieg" uns mehr Schaden als Heil bringt. Daran wird gar nichts geändert, wenn wir als politisch irgendwie geartete „Gesamtheit" kämpfen; nur unser Eigenstes, Wesentliches gibt Ziel und innere Richtung. Soll der Kampf nicht — im allerletzten Verstände — Nebensache bleiben, so muß wieder erfaßt werden, daß unser Sinn nicht im Bereich der nur realen Zweckhaftigkeit liegt. Das, worauf es für uns ankommt, ist einzig und allein dies: weil wir Menschen sind, verteidigen wir uns. Weil wir Juden sind, weil wir täglich im Gebet sprechen: „Herr, die Seele, die du uns gegeben hast, ist rein" — deshalb dürfen wir keinen Augenblick vergessen, daß wir nicht bloß einen Existenzkampf führen, daß wir nicht nur den leiblichen Totschlag von uns abwehren, sondern daß wir den vergiftenden Hauch des Hasses von unserer Seele fernhalten müssen. Und nun kommt — wie ich glaube: sinnvoll — die zweite Antwort zu ihrem erhabenen Recht. Weil über unsere Häupter das Wort der Offenbarung gesprochen worden ist, aus unserem Judentum heraus und in seinem Geiste der Wahrheit kämpfen wir. Rein müssen wir bleiben. Und so „unwirklich es klingen mag: es gibt nur eine wahre Hilfe für uns, nur eine Kraft der Erhaltung und des Lebens — die stete, unabgelenkte, positive Arbeit an unserem Judentum. Dies, und nur dies, vermag den Kampf zu adeln, ihn über die menschlich-allzumenschlichen Gefahren hiuauszuheben; dies nur macht uns unüberwindlich. Nicht meine ich also, daß wir unser Judentum — fast klingt es wie Entweihung — immer wieder dem Gegner vorführen und vorpredigen, sondern ich meine, daß wir es Vorleben in seiner ganzen Reinheit und Größe, wir selber unbesudelt von mensch-

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