Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 35 (23.9.1919)
- Date
- 1919-09-23
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Jüdische Korrespondenz Nr. 35/36 „Fliege, o Schwester, mit unserem Troß Lausche, was birgt das Jahr in dem Schoß!" Aber diesmal antwortete das Mädchen: «Still Schwester, hemm' der Junge Lauf, Birg das Geheimnis tief in Deiner Brust, Nie darf des Menschen Ohr daran sich letzen, Nie mit uns teilen was der Geister Lust." Und niemals hörte er mehr die Stimmen und wußte nicht mehr, wie er seine Arbeit einrichten sollte. Seitdem quälte er sich mit ewigen Vorwürfen, weil er seiner Zunge nicht Halt geboten hatte. (Nach Jawetz von Ben Jacob.) Aus jüdischem Geist. 1. Mit dem Monat Ellul beginnt die ernste Zeit, die Feiertage nahen. Das wollte ein alter Prediger in dem Wort des Propheten Amvs anqedeutet wissen: „Der Löwe ruft, wer sollte nicht fürchten?" Arjeh Schoag — mi lau jira? Man beachte die Buchstaben des Wortes Das 8 ist der Anfangsbuchstabe von Ellul, das “ von Rosch Haschana, das - von Jaum Kippur und endlich das r'T von Hauschano rabboh. 2. Ein anderer erklärte so: Die Buchstaben des Monats Ellul sind die Anfangsbuchstaben des bekannten Wortes aus dem Hohelied: aal ledaudi wedaudi li „ich gehöre meinem Freund und mein Freund gehört mir", wobei der Freund Israels, nämlich Gott gemeint ist. Im Monat Ellul gehören wir wieder ganz unserem Gott an und Gott will uns gehören. 3. Ein Dritter endlich meinte: vom ersten Tage des Monats Ellul an bis zum Jaum Kippur, dem zehnten Tage des Monats Tischri, sind im ganzen 40 Tage, in welchen Mose einst bei Gott weilte, um noch einmal die zwei Tafeln des Bundes von ihm zu erhalten, die er im Zorn über die Sünde des Volkes zerbrochen hatte. So kommen wir alle am ersten Ellul vor Gott mit dem Schoner, und den Trümmern der Gottesschrift, die Gott in dir Tafeln jedes Menschenherzens gegraben hat, und bleiben vor Gott 40 Tage lang bis zum Tag der Versöhnung, um von neuem die Gottesschrift in unseren Herzen zu empfangen. 4. Wiederherstellung der Trünimer, das ist die Aufgabe in jener Zeit. Es muß ein neues Bauen und Schaffen über die Welt kommen, eS gilt in der Welt wieder die Heiligtürner Gottes aufzurichten. Als Salomo einst den Tempel in Jerusalem baute, kamen nach der Legende der Alten die bösen Geister, um den Bau zu stören. Salomo wollte sie vertreiben, Gott aber sprach: Mögen sie wüten, um so mehr werden alle guten Geister dir helfen. Die Mächte, die daS Böse wollen, rufen das Gute nur zu kräftigerem Wirken. 5. In Zeiten wie heute, in denen von neuem wieder der Antisemitismus sein Haupt erhebt, gilt uns vielleicht am richtigsten das Wort des Propheten Jesaja (Jesaja 26, 20): „Gehe mein Volk, komme in deine Gemächer und schließe die Türe hinter dir, verbirg dich einen Augenblick, bis der Sturm vorüber ist." „Bachderacha", das heißt in deine Wohnungen, deine Familienhäuser, in deine Tempel, deine Gotteshäuser, in deine Schulen und deine Lehrhäuser. 6. Als einmal der Schiffskapitän im Sturm befahl, daß alle Passagiere ihr überflüssiges Gepäck über Bord werfen sollten, warf ein jüdischer Kaufmann, der viel Waren bei sich führte, Tallis und Tefillin in das Meer. Da sprach ein Genoffe zu ihm: „Deine irdischen Schätze willst du behalten und das, was dir für die Welt und ihr ewiges Heil nötig ist, gibst du preis." Und ganz sicher war, daß das bißchen Tallis und Tefillin über Bord nicht viel helfen konnte, um die Gefahr zu beseitigen. So wenig, wie es aber in den Stürmen des Antisemitismus etwas hilft, wenn man sein Judentum über Bord wirft. Eher schon viel von dem unnützen Plunder, von dem sich die meisten nicht trennen wollen. L. Gedankensplitter. Elul und Tischri zeigen uns den Schein der Welt, um uns die Welt des Scheins besiegen zu lehren. * Rosch Haschana der Gegenwart — ein Markstein der Berg angen heit — ein Merkstein der Zukunft. In das eigenartige Gewebe, das wir Wirklichkeit nennen, spinnt Gott am Rosch Haschana auch des Geschickes dunkle Fäden. Jaum kippur mahnt uns: Verzeihe deinem Nächsten, denn auch die Liebe Gottes ist größer als seine Gerechtigkeit. Am Jaum kippur schluchzt die jüdische Volksseele in Liebe und Sehnsucht. Gott darf nicht mit dem Verstand, sondern muß mit dem Herzen begriffen werden; ohne Vertrauen kein Vertrautsein mit Gott. * Für viele existiert kein Gott mehr, ihr Gott ist der Paragraph, dem sie auszuweichen versuchen. * Viele Lehrmeister sind nur Mehrleister. * Nicht richten sollen wir, sondern begreifen und verstehen. Rabbiner Dr. N e u h a u s - Ostrowo. Der Dors-Zaddik. Von Scholem Asch. Er liegt im grünen Meere taubedeckten Grases und weidet die Schafe, die ihm sein Vater anvertraut hat. Alle rufen ihn mit dem polnischen Namen Jasiek; wie er jüdisch heißt^ weiß er selbst nicht, denn er ist noch niemals zur Thora aufgerufen morden. Es ist allen bekannt, daß er unwissend wie ein Bauer ist. Sein Vater, Jizchok, der Milchhändler, ist an ihm schon ganz verzweifelt: dieser Sohn wird nach seinem Tode nicht einmal den Kaddisch sprechen können. Und nur um seiner Pflicht zu genügen, nahm er ihm einen Melamed aus der Stadt auf. Der Melamed müht sich mit ihn: entsetzlich ab, hundertmal sagt er ihm jedes Wort vor, doch der Knabe hört nichts, als ob das, was der Lehrer sagt, ihn gar nicht anginge, und er kann nicht erfassen, daß „Komez-Älef" — „O" gelesen wird. „Da soll sich einer mit einem solchen Eselskopf abmühen!" sagt der Melamed und schüttelt den Kopf. Und die Mutter wirft ihrem Sohn einen verzweifelten Blick zu und seufzt. Man gibt ihm nicht einmal ein Gebetbuch in die Hand. Beten - Er, Jasiek, wird beten? Wie kommt er auch däzu? Es wäre nur eine Schande für den lieben Gott, wenn Jasiek daS „Höre Israel" sprechen würde! Und doch versteht Jasiek Gott mit seinem eigenen Verstand und er fühlt ihn mit seinem Herzen. Und er sieht Gott überall, wo er nur hinblickt. Er sieht ihn dort, wo das stille Wasser rauscht und dem grünen Ufer seine Geheimnisse erzählt. Und wenn eine traurige Wolke von weit her heranzieht und sich auf dem Himmel ausbreitet, dann spürt er etwas, dann will er etwas, dann sehnt er sich nach etwas .. . Und wenn ein Gewitter kommt mit Donner und Blitzen >.. Oder wenn ein Regenguß niedergeht... Oder wenn eine dumpfe Schwüle auf dem Dorf lastet... Oder als man den alten Matschek aus der Sagemaschine herauszog und aus seinem verwundeten Fuß Blut rann ... In solchen Augenblicken spürt er Gott! Und nicht im Himmel wohnt sein Gott! Und nicht im Himmel wohnt sein Gott, und man braucht gar nicht den Kopf zum Himmel zu . erheben, um Gott zu sehen! Nein, ihm scheint, daß Gott irgendwo in einer fernen großen Stadt wohnt, in derselben Stadt, wo' der Herr des Dorfes und alle anderen Grafen und Fürsten wohnen. Und alle diese großen Herren sind nur Gottes Knechte, ebenso wie Stach und Wojtek Knechte des Gutsherrn sind, dem das Dorf gehört. Doch er, wie kommt er zu Gott? Er kann nicht einmal Gottes Schafhirte sein! Denn Gottes Schafhirte, so denkt er sich, muß auch ein großer Herr und mindestens ein Graf sein! Und wer weiß, ob der Herr des Dorfes auch nur ein Pferdeknecht bei Gott sein darf? Und würde man denn ihn, Jasiek, zu einem solchen Amte zulassen? Doch manchmal, wenn der Himmel wolkenlos fft und verträumt in einem fließenden blauen Schleier ruht; wenn jeder Grashalm ruhig sproßt und wächst und still gen Himmel schaut; wenn auf der anderen Seite des Flusses der alte Wald, der grüne Großvater des Dorfes rauscht, und noch weiter, auf der Straße zwischen den grünen Feldern eine Fuhre fährt oder ein Jude geht; wenn der Himmel sich in weite Fernen hinzieht und immer niedriger wird und irgendwo ganz weit auf die Erde hinabsinkt; und wenn er, Jasiek, an oer Schwelle seines Schafstalles sitzt und das alles sieht, — dann scheint es ihm, daß Gott für eine Weile die Gesellschaft der Fürsten und Grafen und großen Herren verlassen hat, und in die Felder gekommen ist, und sich da niedergeleat hat und auf etwas wartet... Und Jasiek will Gott für alles danken, für alles, was er um sich herum sieht. Und manchmal will er in die ferne große Stadt gehen, wo Gott wohnt und wo Gottes Palast steht! „Ich werde zu ihm gehen und ihm die Hand küssen!" denkt er sich. Doch gleich darauf fragt er sich seufzend: „Wird man mich denn hereinlassen?" Er kann wohl zum Palast kommen, wo Gott wohnt, — so denkt er sich — doch vor dem Palaste stehen Schweizer, großgewachsene Männer mit blauen Schleifen, gelben Stulpstiefeln und roten Fräcken, Lakaien, wie er sie bei den großen Herren sah, die einmal zum Herrn seines Dorfes auf den Ball gekommen waren; und diese Schweizer werden ihn fortjagen... Und dann denkt er sich wieder, daß er in die große Stadt gar nicht zu gehen braucht, denn Gott ist im freien Feld, und die Schweizer bewachen einen leeren Palast ohne Gott! + „El nielech neemon“ — diese Worte des Gebetbuches sucht ihm der Melamed beizubringen. Und Jasiek glaubt, daß es ein Zauberspruch ist und daß, wenn er ihn aufsagt, die Schweizer ihn in Gottes Palast hereinlassen werden ... Doch für Gott selbst hat er ein anderes Gebet, ein Gebet ohne Worte, ein Gebet, das in seinem Herzen wächst und sein Herz erfüllt