Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 32 (29.8.1919)
- Date
- 1919-08-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3495278-3495418-3495448--1031-3496891- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 Nr. 32 Jüdische Korrespondenz Lingesendet. Wien, den 23. Ab 5679. Hochgeehrte Redaktion! Bezugnehmend auf meine ergebenste Notiz in Ihrem geschätzten Blatte vom 12. Ab l. I., Nr. 29, erlaube ich mir, Sie höflichst zu bitten, folgende Zeilen als Ergänzung in Ihrer geschätzten Zeitschrift aufzunehmen. Nach Veröffentlichung meiner genannten Notiz, wnrde ich mit Bitten überhäuft, jüdische Heimlose Kinder von der städtischen Kinderübernahmestelle, V., Siebenbrunnengasse, herauszunehmen. Was aber von einer einzelnen Person in einem Falle geleistet wird, genügt noch lange nicht für alle Kinder. Demzufolge habe ich bei Sr. Ehrm. Herrn Oberrabbiner Dr. Chajes in dieser Angelegenheit interveniert, der mir versprochen hat, dem Uebel womöglich vorzubeugen, wofür ich ihm im voraus meinen innigsten Dank ausspreche. Bei dieser Intervention erfuhr ich zu meinem Staunen, dag in der städtischen Kinderübernahmestelle, V., Siebenbrunnengasse, derzeit 50 jüdische Kinder untergebracht sind, und daß die israelitische Kultnsgemeinde in Wien kein derartiges Heim besitzt . . . Das Kritisieren ist eine der bequemsten Aufgaben, deshalb will ich es hier unterlassen. Die jüdische Allgemeinheit muß trachten, Abhilfe zu schaffen. In erster Reihe erlaube ich mir auf diesen traurigen Zustand die hiesige israelitische Kultusgemeinde, alle hiesigen Vereine zur Förderung verlassener Kinder und den Verband für jüdische Jugendfürsorge in Deutschüsterreich aufmerksam zu machen. Die orthodoxe Jugendgruppe bitte ich mit den jüdischen Kindern im Kinderheime, V., Siebenbrunnengasse, in Fühlung zu treten und für das jüdisch-religiöse Leben der Kinder während des dortigen Aufenthaltes zu sorgen. An die Juden Wiens ergeht der Ruf: Rettet 50 jüdische Kinder vom Verderben. Möge jeder bewußte und jüdisch fühlende Jude nach Möglichkeit helfen. Die Gutsituierten mögen Kinder in Kost nehmen, die andern einen Beitrag zum Kostgeld leisten. Interessenten, welche bei dieser Aktion mithelfen wollen, bitte ich um Bekanntgabe ihrer Adressen. Bis zur Gründung eines Komitees zur Förderung dieser Aktion, bin ich zur Erteilung von Auskünften gerne bereit. Josef Weiß, II., Große Sperlgasse 40/9. Der Baalschem von Lhelm und sein Golem. Neue Golem-Sagen. Ausgewählt und bearbeitet von Chaim Bloch, Delatyn. (Fortsetzung.) Plötzlich sah er, als einer der Mönche sich im stillen erhob, sich fast ohne Bewegung in einen langen Mantel hüllte und sich aus dem Zimmer hinausschlich. Der Golem folgte ihm. Er sah, daß der Mönch zu dem unter dem Kloster befindlichen Garten schritt und dort in einer Laube verschwand. Natürlich schlich der Golem ihm nach, und zwar so nahe, daß er trotz der tiefen Dunkelheit sehen konnte, wie der Mönch, die Laube betretend, ein Frauenzimmer umarntte und küßte. Da dachte sich der Golem: „Sicherlich ist der Mönch der Dieb und das Frauenzimmer seine Helferin." Vor allem hörte er das Paar verschiedene zärtliche Worte wechseln. Bald hörte er sie auch von dem Diebstahl sprechen. Er hörte dem Gespräch aufmerksam zu. Da erzählte sie ihm: „Heute haben die Jude,» eine große Versammlung abgehalten, ihr Rabbi hat mit der Posaune geblasen und ich hörte die Juden sprechen, sie hätten heute einen großen Tag und ich hörte, daß mein Herr mit seiner Frau auch vom Diebstahl sprachen." Darauf erwiderte der Mönch: „Die Juden werden mit dem Blasen bald aufhören, die Menge sei überzeugt, daß sie d..s Muttergottesbild gestohlen haben, daß daher die Pest kam und sie wird bald das Gesindel überfallen und zermürben." Der Mönch sprach die Worte triumphierend und siegesbewußt und fuhr fort: „Dann werden wir das Standbild in seine Teile zerlegen, von den Edelsteinen werde ich dir Hals-, Brust- und Armband machen lassen. Mit dem Golde wird es bei der Veräußerung schwer gehen, da sich doch weit und breit kein Jude inehr finden wird, der es von uns abnehmen könnte, einem Christen aber möchte ich es nicht feilbieten, weil die Sache verdächtig werden kann. Aber darüber wollen wir uns jetzt keine Sorge machen. Hauptsache ist nur, daß das Standbild inzwischen von niemand entdeckt wird." Das Frauenzimmer erwiderte: „Darüber mache dir, Basil, keine Sorge. Das Standbild steht in der Nische im Keller, wohin du es in jener Nacht gestellt hast, und mit Ausnahme meiner Mutter weiß niemand von dem Schatze in unserem Keller." Nun sagte der Mönch: „Ich muß wieder nach Hause, übermorgen bleibe ich wieder über Nacht bei dir." Bei diesen Worten küßte er sie nochmals und begab sich ins Zimmer. Aus dem Garten schritt durch ein Hinterpförtchen eine schwarz gekleidete Gestalt. Sie schaute sich, auf die Gaffe kommend, hinter den dichten Lindenbäumen vorsichtig um, und als sie keinen Menschen sah, schritt sie über; die Gasse und bog in ein Nebengäßchen ein. Der Golem folgte ihr. Sie ging in ein kleines Häuschen und legte sich bald zu Bette. Der Golem aber stieg in den Keller, um sich das Standbild anzusehen, damit er Rabbi Elie Positives mitteilen kann. Tatsächlich traf er das Standbild in der bczeichneten Nische, worüber er sich sehr freute. Er begab sich gleich zu Rabbi Elie, der die ganze Nacht nicht schlief und auf die Rückkehr des Golem wartete. „Ich habe euren Befehl glücklich vollzogen," sprach der Golem. Er erzählte Rabbi Elie die ganze Sachlage und hauptsächlich, daß. er das Standbild fand. Rabbi Elie mar darüber sehr erfreut und er sann nach, was er weiter zu unternehmen habe. Als es Morgen wurde, begab sich Rabbi Elie zum Polizeichef. Da er ihn in seinem Amtszimmer nicht antraf, bat er den anwesenden Amtsmann, den Polizeichef, wenn er kommen wird, in seinem Namen zu bitten, er wolle sich zu ihm bemühen, da er ihm eine dringende Mitteilung zu machen habe. Indessen begab sich Rabbi Elie nach Hause. Kaum machte er sich bereit, das Morgengebet zu verrichten, als der Polizeichef bei ihm erschien. Mit Tränen in den Angen schilderte ihm Rabbi Elie den ganzen Vorfall, und an seine Gerechtigkeilsliebe appellierend, bat er ihn, alles aüfzubieten, um die Schuldigen der verdienten Strafe zuzuführen. Der Polizeichef war, wie wir es schon von den früheren Fällen wissen, ein sehr strenger, aber ebenso gerechter Mann. Er hielt auch sehr viel auf Rabbi Elie. Er versprach ihm, noch am selben Tage die Sache in die Hand zu nehmen^ Indessen begab sich „Srnlik der Narr" in das Haus des Gemeindevorstehers, weil er erfahren hatte, daß die Geliebte des Mönchs tagsüber dort als Dienstbote beschäftigt war. Dort schwätzte er zum Aerger des Gemeindevorstehers viel von dem Diebstahl und er sagte, es sei dies von keinen anderen begangen als von den Juden." Natürlich war die Magd über diese Aeußerung ungemein zufrieden. Am Nachrnittag wurde das Häuschen ihres Vaters von vielen Polizeileuten umstellt. Der Polizeichef trat in das Innere ein. Er fragte oie Hauswirtin, ob sich bei ihr das gestohlene Bild der Mutter Gottes befinde. Sie hatte Mühe, das Zittern ihrer Knie zu verbergen. Sie wurde leichenblaß. In ihrer Bestürzung gab sie kerne Antwort. Da sagte der Polizeichef: «Zeigt mir. wo der Keller ist." Die Worte klangen sehr scharf und die Hauswirtin vermochte nicht seiner Aufforderung den Gehorsam zu verweigern. (Fortsetzung folgt.) Iugendgruppe des Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums. ——— Vereinslokal: II., Große Schiffgaffe Nr. 16. Geöffnet an Wochentage» von 6 bis 10 Uhr abends, an Samstage» und Sonntagen ab 9 Uhr vormittags. Reichhaltige Bibliothek u. Zeitschriften zur freien Benützung der Mitglieder. Schrirvrrn-GrnLertrtng vom 4. bis 9. Muk 6679 (30. August bis 4. Sepi. (1919). Samstag, Yall Uhr vormittags: Sidro mit Kommentar, Se: Ehrwürden Herr Rabbiner S. N e u w i r t h. Samstag, 7S3 Uhr nachmittags: Gemoroh (Gittin), Herr Salomon Schreiber. Samstag, V24 Uhr nachmittags: Pirkeh Owaus, Se. Ehrw. Herr Rabbiner S. Schenk. Sonntag, 11 Uhr vormittags: Jeschaja, Se. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. I. P o l l a k. Sonntag, Vr6 Uhr abends: Mischleh, Herr Albert Breuer. Montag, V*8 Uhr abends: Mischnoh (Brochans), Se. Ehrw. Herr Rabbiner A. W e i ß. Montag, Va9 Uhr abends: Gemoroh (Gittin), Herr Salomon Schreiber. Dienstag, 7i8 Uhr abends: Mischnoh (Brochans), Se. Ehrw. Herr- Rabbiner A- Weiß- Mittwoch, '/s8 Uhr abends: Thillim, Se. Ehrw. Herr Rabbiner M. Flesch. Donnerstag, V-.8 Uhr abends: Dinim, Se. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. I. P 0 l l a k. Donnerstag, 7-9 Uhr abends: Gemoroh (Gittin), Herr Salomon Schreiber. Ankündigungen: Bei schönem Wetter finden die Vorträge im rückwärtigen Hofe der Schiffschul statt. — Turnen für Mitglieder Sonntag um 8 Uhr vormittags, II-, Malzgasse 16. — Mincha- Gebet täglich um 1 Uhr nachmittags im Vereinslokal. Adas Jisroel (Schiffschule), II., Große Schiffg. 8. Gebetstunden in der Zeit vom 3. bis 10. Elul (29. August bis 5. September). Freitag, den 3. Elul: Sabbateingang 6 35. Samstag, den 4. Elul: Morgengebet 6 30 und 9 Uhr, Mincha 1215. Um 3 30 Vortrag von Pirke-Abot, anschließend Mincha. Sabbat- Ausgang 7 20. An Wochentagen: Morgengebet 515 und 6 Uhr, Mincha 645. Eigentum einer Societät. — Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jonas Kreppei. Genossenschafts-Buchdruckerei, Wien, VIII., Hernalser Gürtel 20.