Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 30 (15.8.1919)
- Date
- 1919-08-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Bezugspreis: | Ganzjährig K 16, halbjährig K 8, viertel- | jährig K 4. — Ausland jährlich K 30. j Einzelnummer 40 Heller. Organ für die Interessen des orthodoxen Judentums. Redaktion und Administration: Wien, VIII., Alserstraße 55. | Postsparkassenkonto Nr. 184.299. i Erscheint jeden Freitag. Nr. 30. Wien, 19. Ab 5679, 15, August 1910. V. Jahrgang. Die Umwälzungen und wir. Je länger und unendlicher sich die sogenannten Arbeiten der sogenannten Friedenskonferenz Hinziehen, desto geknickter werden die Hoffnungen, die man auf das Resultat dieser Arbeit setzte. Heute, noch bevor die Konferenz auch nur einen Teil ihrer Aufgaben völlig bereinigte, ist man Zeuge allseitiger Enttäuschungen; nicht blos die Besiegten, die der Großmut und dem Idealismus der Sieger vertrauten, sondern auch die Freunde und Verbündeten der Sieger, ja, sogar diese selbst sind furchtbar und bitter enttäuscht. Es will der Friedenskonferenz nicht gelingen, die Weltprobleme, die den Impuls zum Kriegsausbrüche gegeben haben, auch nur einigermaßen zu bereinigen, es will ihr nicht gelingen, der Welt eine neue Ordnung, basiert auf den Grundlagen des Rechtes und der Gerechtigkeit zu geben. Das Chaos wird täglich größer, das Tohuwabohu verwickelter. Es wird bald nicht einmal mit der Hilfe eines Ariadnefadens ans dem Labyrinth, hinauszugelangen möglich sein, in welches die sogenannte Arbeit der Friedenskonferenz die schwergeplagte Menschheit hineinführte. Kein Problem ist völlig gelöst, keine Streitfrage völlig aus der Welt geschafft. Alles fließt, alles -kriselt und kracht und ryenn sich die Herren der Entente vor dem Dilemma sehen, auf dem Gebiete der früheren österreichischungarischen Monarchie das Chaos mit allen seinen furchtbaren Begleiterscheinungen einreißen zu lassen, den ewigen Kaurpf Aller gegen Alle festzulegen — oder zur Wiederaufrichtung des Habsburger-Thrones die Zuflucht zu nehmen, so gestehen sie damit den Bankerott ihrer großen Politik ein. Und wenn sich die Entente außerstande sieht, die neuen Grenzen auf dem Balkan auch nur festzulegen, wenn sie sich um das türkische Problem wie die Katze um den heißen Brei herumdrückt, wenn sie der russischen Frage gegenüber eine geradezu lächerliche Hilflosigkeit an den Tag legt, wenn sie die imperialistischen Geister der kleinen Völker in Ost- und Mitteleuropa, die sie gerufen, nicht wieder bannen kann, wenn die Rumänen den Herren in Paris eine Nase drehen, die Polen sich einen Pfifferling um ihre Befehle kümmern — dann ist das Armutszeugnis dieser Uebermütigen einwandfrei da. Eine bittere Enttäuschung erlebten und erleben all diejenigen, die ihre Hoffnungen auf den Sieg der Westmächte setzten. Die bitterste Enttäuschung aber erleben die Juden, die wähnten/ es sei den Herren in Paris mit ihrem Frieden ernst. Was würde nicht alles von der Friedenskonferenz für die jüdische Sache erwartet! Ein jüdisches Palästina und ein gesichertes Dasein in der Diaspora! Mit dem jüdischen Palästina hat es noch immer seine guten Wege und wer die Entwicklung der Dinge im Orient aufmerksam verfolgt, wer die Plan- und Ratlosigkeit der Entente, die sich kreuzenden Einflüsse der Engländer und Franzosen, die Haltung der Mohammedaner und die Stellungnahme der Araber eingehend betrachtet, der muß geradezu über die traurige Kühnheit staunen, die gewisse jüdische Kreise aufbringen, um der Oeffentlichkeit Sand in die Augen zu streuen und den schwergeplagten Volksmassen einzureden, es fei alles wie am besten bestellt, Palästina sei unser. So pflegten es nur jene falschen Propheten zu treiben, die beim Volke Illusionen zu erwecken wußten. „Wehe denjenigen, die ,Friede, Frieds rufen, wenn vom Frieden keine Spur zu entdecken war!" So klagte schon der biblische Prophet. Auch heute .fehlt es nicht an Newie-Hascheker — nur daß die Newie-Haemeth so selten sind. Gerade in diesen Tagen, da zioniftischerseits mit größter Emphase verkündet ward, die Entscheidung sei. zu unseren Gunsten gefallen, muß von derselben Seite eingestanden werden, daß die Verhältnisse in Palästina für die Juden heute viel ungünstiger sind, als unter der Türkenherrschaft und selbst während der Kriegsperiode. Das Einwanderungsverbot wird mit drakonischer Strenge gehandhabt, der Erwerb von Grund und Boden ist untersagt, jeder Zufluß, jede Bewegung unterbunden — und da wagen noch sogenannte Führer des jüdischen Volkes täglich zu verkünden, der Erfolg sei unser! Die Erweckung falscher Illusionen gehörte zu den niederträchtigsten Folterqualen der Inquisition. Was haben die armen.jüdischen Volksmassen diesen Wortführern getan, daß sie ihnen dieselben Folterqualen zuteil werden lassen?! Nicht besser ist es mit der Wahrung der Rechte der Juden in der Diaspora bestellt. Mit eitler Ruhmrederei haben unsere Nationalisten die Erfolge ausposaunt, die sie angeblich in Paris erreicht haben. Gleichzeitig aber ist die Lage der Juden im Osten trauriger denn je und noch nie ist jüdisches Blut so in Strömen geflossen, als in den Tagen, da die Friedenskonferenz zugunsten der Juden spezielle Bestimmungen beschlossen hatte. Jede Neuumwälzung im Osten erfordert jüdisches Blut und je länger und unendlicher die sogenannten Arbeiten der sogenannten Friedenskonferenz sich hinziehen, desto trauriger unsere Lage und desto geknickter unsere Hoffnungen. Wir sind die Enttäuschtesten unter den Enttäuschten, vielleicht nicht ohne eigene Schuld. Wir haben die Lehren unserer Geschichte außer acht gelassen, daß Menschenhilfe eitel ist, daß wir nur auf Gottes Hilfe vertrauen können. Diese Hoffnung hat uns nie enttäuscht. „Aschre scheel Jaakauw beesrau!" — das muß auch heute unsere Losung sein und dann werden uns alle möglichen Umwälzungen nicht aus dem Gleichgewicht bringen. _ Speetator. Orthodoxes Geselligkeitsleben. Das Geselligkeitsleben spielt in der Entwicklung einer jeden Volksgruppe, einer jeden Strömung und Richtung eine überaus große Rolle. Stärker als jede gelegentliche Agitation in Wort und Schrift wirkt das öfte Zusammenleben der Gesinnungsgenossen, die steten Auseinandersetzungen und Diskussionen über die Probleme des Tages, das Wach- und Warmerhalten des eigenen Ideals, die gegenseitige Stärkung durch Belehrung, Aufklärung und Information. Das gesellige Zusammenleben schafft Freundschaften, stärkt die gemeinschaftlichen Bande, regt zur Opferwilligkeit, Arbeit und Aneiferung an. Alle modernen Parteien, Gruppen und Richtungen haben das Geselligkeitsleben in den Dienst ihrer Ideologie gestellt. Keine Partei ohne Vereinslokal, Klub- oder Stammkneipe, ohne Geselligkeitsabende und Zusammenkünfte. Zum großen Teile liegt auch darin die Erklärung für die Erfolge, die oft in gar keinem Verhältnisse zu Programm, Aussichten und Erwartungen stehen. Die Orthodoxie allein ist es, die diesbezüglich unter einem sichtbaren Mangel leidet. Besonders die Orthodoxie im Osten, aber auch im Westen, in denjenigen Ländern, in welchen die glaubenstreuen Juden über keine stramme Organisation verfügen. Da läßt das Geselligkeitsleben alles zu wünschen übrig. Es sagt dem Wesen der Orthodoxie nicht zu, in Kaffeehäusern, Klubs oder Stammkneipen zusammen zu kommen. Deswegen der Mangel an lebhaftem Interesse, an Belehrung und Auf-