Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 26 (18.7.1919)
- Date
- 1919-07-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Bezugspreis: Ganzjährig K 16.—, halbjährig K 8.—. vierteljährig K 4.—. Ausland jährlich, K 30.—. Einzelnummer 40 Heller- Organ für die Interelken des orfhodoxen Judentums. Redaktion und Administration. Wien, VIII., AlserstraQe 55. Erscheint jeden Freitag Nr. 26. Wien, 20. Tamus 5679,18. Juli 1919. V. Jahrgang, Glaiibensfreue und Konfessionsjudenfum. Unsere Nationalisten, die den: nationalen Momente im Judentum den Vorrang über dem religiösen verschaffen wollen, machen sich in der Iftegel ihre Arbeit ziemlich leicht: anstatt dem. Problem mit dem gebotenen Ernst näher Zn treten, begnügen sie sich damit, für den Nationalismus gegenübev dem Konfessionalismus eine Lanze einzulegen. Sie vergessen hiebei — oder übersehen es mutwillig — daß der Konsessionalismus in seiner modernen Gestalt dem wahren Wesen des Judentums ebenso fremd ist, wie der moderne Nationalismus, womit fteilich nicht gesagt werden soll, daß das Judentum keine nationalen Momente inne hat.^ Der Begriff „Nationaljudentum" ist ebenso fremd und falsch, wie der Begriff „Konfessionsjudentum". Trotz aller nationalistischen Schlagworte ist und bleibt das religiöse Moment das ausschlaggebende im Judentum. Ein alltägliches Beispiel illustriert das Problem am deutlichsten. Der. Jude, der die Gebote, und Berhyte oer Thora beobachtet' und erfüllt, aber irgend einer Schrulle wegen das nationale Moment im Judentume negiert — ist und bleibt ein vollwertiger Jude, und selbst der extremste Nationalist wird es nicht wagen, seine Zugehörigkeit zum jüdischen Volke in Frage zu stellen. Der Jude aber, der dem Gotte seiner Väter untreu tvird, der hört auf Jude.zu sein und mag er sich noch'so sehr begeistert zum Nationaljudentum bekennen; selbst die sreisinmgsten Nationalisten wagen es bisher nicht, die Täuflinge als Juden zu betrachten und zu bewerten. Damit allein strafen sie chre Theonen Lügen. Nur das zaristische Rußland ging so weit, auch die Täuflinge in nationaler Beziehung als Juden zu betrachten. Jüdischerseits ist aber diese Theorie nie anerkannt wor-, den. Der Abtrünnige wird als von der jüdischen Gemeinschaft ausgeschlossen betrachtet und — zumindest äußerlich — behandelt. Das eigentliche Kriterium des Judentums ist somit die Religion und nicht die Nationalität. Dies müßte auch der eingefleischteste Nationalist zugeben. . Die Vorwürfe und Einwürfe unserer Nationalisten ge-, gen das Köüsessionsjüdentum mögen bis zu einem gewissen Grade gerechtfertigt sein. Diejenigen, die sich nur dem' Namen nach zum Judentume bekennen, sind sicherlich keine vollwertigen Juden. Aber damit ist noch rächt gesagt, daß dies für alle Juderr zutrisft, die dem religiösen Moment irr Judentum die Priorität zuerkennen, ganz gleich, Wieste sich zum nationalen Problem stellen. Es ist daher eine falsche Taktik seiterrs rrnserer Nationalisten, werrn sie dieselben. Schlagworte, mit welchen sie gegen die sogenannten Konfessionsjuden ins Feld ziehen,, auch gegen die^AlaubeNstreuen Juden ins Trefferr sührerr. Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch immer nicht ^dasselbe. Die glaubenstreue Juderrheit weiß nichts von dem modernen Begriff „Konfessionalismus". Sie kennt - rmr die Religio n, die Thora h a'k ed a u s ch a, ßie „E m u n a" — ein Begriff, dessen Eigenartigkeit nur irr unserem religiösen Sprachgebrarrche zu finden ist — und nur diese bilden für sie das eigentliche Kriterium des Judentums. Lehnt daher die Orthodoxie jede Gemeinschaft mit dem sogenarrnten „K'onfessionsjudentume" ab und verwahrt sie sich auf das entschiedenste dagegen, mit demselben in einen Topf geworfen zu werden, auch dann, wenn sie dem moderner: Nationalismus kritisch und selbst ablehnend gegenübersteht, so muß andererseits vom orthodoxen Standpunkt feierlichste Verwahrung gegen die Stellung ' eingelegt werden, den das Wiener Zionistenblatt in seiner letzten Nummer einzunchmen für gut findet In einer Ansen»andersetzung mit dem „Konfessionsjudentume" heißt es dort unter anderem: ÜMan kann immer wieder die Drohung hören (und erschreckte Gemüter geben sie als Befürchtung weiter), daß, wenn die jüdischnationalen Forderungen erfüllt werden sollten, wenn also die Juden endlich wieder eine Heimstätte in ihrem uralter: Heimatlande und nationale Lebensmöglichkeiten in ihren Wohnländern bekommen sollten — ein Massenaustritt aus dem Judentum die Folge sein wird. Die JudeNf die das konfessionelle Band an das Judentum' chinWs'Höllen austreten. Aus Set jüdischen Nation? Nein, aus. der'jüdischen Konfession. Aus einer Nation kann man nicht aus treten. Man kann, im politischen Sinn, wo es sich um Konstituierung politischer Einheiten handelt, eine Falschmeldung begehen und sich zu einer anderen Nation bekennen; Nation ist eine Tatsache, und man kann sie verschleiern, wie es ja auch Leute gibt, dieder Steuerbehörde ibr Einkommen nicht wahrheitsgemäß mitteilen. Aber Konfession, das Bekenntnis zu einer religiösen Ueberzeugung, erst feierlich ablegen und im nächsten Augenblick aus äußeren oder politischen Gründen verleugnen, das ist eine Preisgabe des eigenen Ich, die sittliche Kapitulaäon. Ein N a t i o n a l j u d e, der niemals behauptet hat. religiös zu sein, oder dem die heutigen Formen religiöser Gemeinschaft uicht passen, könnte, theoretisch, aus der jü-di scheu 'Religionsgemeinschaft aus treten, ohne dadurch eine Inkonsequenz zu begehen; obwohl gerade in unserer heu« Ligen Zeit, angesichts der abnormalen Situation dcS jüdischen Volkes und der gesteigerten Verantwortlichkeit jedes einzelnen ein solcher' Falt sehr unwahrscheinlich ist. Trobdem könnte ein solcher Mensch auch weiter v o m ganzen H e r z e n I u d e bleiben." Das ist nicht wahr: wer dem Judentum in religiöser Beziehung den Rücken kehrt, der hört auch au-steün Sohn des jüdischen Volkes zu sein, mag er selbst rin-w der lautesten Rufer int zionistischen Lager stin! Tie Anschauung, die diesbezüglich das Organ der Wiener Zionisten znm Ausdruck bringt, ist vom jüdischen Gesichtspunkte derart u n gehe u e r l i ch, daß man es nicht unterlassen kann, dagegen zu remonstrieren, mag es auch sonst nicht ünmer als geboten erscheinen, jeden zionistischen Geistesergnß zum Gegenstände einer Polemik zu machen. Es ist eine überaus gefährliche Anschauung, die da vertreten wird, u m so g efährlicher angesichts der bekannten Siel-