Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 21 (13.6.1919)
- Date
- 1919-06-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 21 Jüdische Korrespondenz, Seite 7 Fabrikaten werden für jüdische Firmen verhindert; staatlich bewirtschaftete Artikel werden an Juden nur mangelhaft oder in völlig ungenügendem Maße zugeteilt. Aus. leitenden wirtschaftlichen Stellen wird planmäßig jeder jüdische Einfluß entfernt. Noch schlimmer ist es in der Slowakei, wo die Entziehung von Konzessionen und Lizenzen aller Art bereits die Verarmung von Tausenden von Familien herbeigeführt hat. Unter dem Vorwand, daß die „Prozentnorm" dies erfordere, werden Handwerker an der Ausübung ihres Handwerkes gehindert, und Kaufleuten, die wegen der Pogrome ihre Geschäfte einige Wochen gesperrt hatten, wird die Weiterführung ihres Berufes unmöglich gemacht. Die Verluste an jüdischem Privatvermögen übersteigen nach bisherigen Schätzungen bereits eine Milliarde Kronen. Seit dem 3. Mai wurden in der Slowakei etwa 80 jüdische Schulen geschlossen und die Lehrer, giutt Teil nach 30jähriger Dienstzeit, entlassen. Um das Schulwesen wieder in Gang zu bringen und aus eigenen Mitteln zu erhalten, sind zwei bis drei Millionen Kronen notwendig. (Rücktritt eines jüdischen Ministers.) Der bekannte jüdische Politiker Senator A. Morgolin, der als Vizeminister des Aeußeren der ukrainischen, nichtbolschewistischen Regierung angehörte, ist von seinem Posten zurückgetreten. Er begründete diesen seinen Schritt mit folgendem Brief an den Außenminister: „Die schwere und verantwortliche Arbeit, die auf uns Regierungsmitgliedern liegt, wird noch kompliziert durch das tragische Faktum der Judenpogrome, die nicht aufhören und durch das Bewußtsein, daß die Regierung nicht die Macht hat, diese Gewalttaten und Massakers, wie sie in Proskurow und anderen Ortes vorgekommen sind, zu verhindern. Es ist mir genau bewußt, daß die Regierung alles, was in ihrer Macht liegt, tut, um die Pogrome zu' unterdrücken. Ich weiß auch, daß die Ohnmacht der Regierung in diesem Kampfe allen Regierungsmitgliedern große Sorge bereitet und ihnen ihr geistiges Gleichgewicht und ihre Ruhe raubt. Aber das, was ich als Jude erlebe, wird noch verstärkt durch das Bewußtsein, daß die Resultate der Anarchie, unter welcher die materiellen Interessen der ganzen übrigen Bevölkerung leiden, für das jüdische Volk fatal sind, für das jüdische Volk ein ungeheures Unglück bedeuten. Ich spüre mich deshalb außerstande, weilte Kräfte weiter meinen: Amte zu widmen und bitte mich deshalb von meinem Amte als Vizeminister für auswärtige Angelegenheiten zu entheben." (Das amerikanische Eiuwandernngsgesetz.) Herr- Pacher, der juristische Sachverständige des amerikanischen Einwanderungsamtes, hat unlängst in einem Referat von der Bostoner Handelskammer die Grundzüge des Entwurfes eines neuen Einwanderungsgesetzes dargelegt, das dem Kongreß, in ^der nächsten Session unterbreitet werden wird und eine vollständige Umkehrung der bisherigen Einwanderungspolitik bedeuten wird. Der neue Entwurf schlägt vor, daß ans allen Einwanderschiffen amerikanische Inspektoren mitfahren, welche die Einwanderer schon-auf der Fahrt untersuchen, damit die Entscheidung bei der Landung sofort getroffen werden könne. Mit Rücksicht auf die große Handelsflotte, die Amerika im Krieg erworben habe, werde es solche Inspektoren auch den Schiffen anderer Nationalitäten aufzwingen können. Dazu sei nur erforderlich, daß diejenigen Schiffe, die sich dieser Bestimmung fügen, bei der Landung bevorzugt werden. Die Einwanderer würden in drei Klassen zerfallen, solche, die un-' hebiitgt zugelassen, solche, die unbedingt abgewiesen, und solche, die bedingungsweise auf Probe zügelassen würden. Von letzteren müßte eine Kaution in Geld oder in Form der Zurückhaltung eines Teils des Lohnes verlangt werden. Beim Eintritt in das Land müßte eine Registrierung erfolgen und vier Jahre hindurch alljährlich erneuert werden, um die Fortschritte in der Affimilierung zu konstatieren. Für die Registrierung wäre eine Gebühr zu erheben, welche für die, welche nicht englisch schreiben und sprechen können, höher sein wird. Weist der Einwanderer nach, daß er im ersten Jahr die englische Sprache und ein wenig amerikanische Geschichte erlernt hat, kann die Gebühr auf eine bloß nominelle "herabgesetzt, werden. Auch bereits im Land befindliche Fremde sollen registriert werden. Sie sollen photographiert und protokollarisch geführt werden. Das System ist dazu bestimmt, den Ehrgeiz der Fremden anzustacheln, daß sie amerikanische Bürger werden, und nach diesem System habe im Gegensatz zu dem bisherigen der Einwanderer den Nachweis zu erbringen, daß die Voraussetzungen für seine Zulassung gegeben sind. (Budget der Berliner jiidischen Gemeinde.) Der Etat der Berliner jüdischen Gemeinde für 1919 bilanziert mit Mk. 9,656.162. An Steuern sollen Mk. 5,514.375 ausgebracht werden; vor zehn Jahren genügten noch etwas über zwei Millionen Mark. Die Gemeinde hat über 400 angestellte Beamte, darunter 130 Bureaubeamte (Mk. 789.670 Gehälter) und für ihre 10 Synagogen 16 Rabbiner und Prediger und 15 Kantoren. Für die hohen Feiertage sind 22 besondere Gottesdienste und 18 Jugendgottesdienste vorgesehen, die einen Zuschuß von Mk. 209.310 erfordern. Für die Schulen und die Bibliothek ist ein Aufwand von Mk. 644.856, für die sozialen Aufgaben (Arme, Kranke, Waisen usw.) ein Aufwand von Mk. 1,363.656 nötig. Der Baalfchem von Lhelm und sein Go!em. Neue Golem-Sagen. Ausgewählt und bearbeitet von Chaim Bloch, Delalyn. (Fortsetzung) Maria und ihre Eltern lachten herzlich. Sie sprach zu ihren Eltern: „Schade, daß Franzischek nicht dabei ist, um zu hören, wie der Idiot auf ihn eifersüchtig ist." Plötzlich erinnerte sie sich an den Ring und die Brosche, die sie gestern bei der „Trauung" den Idioten gab, und als sie ihn wegen diese Dinge fragte, antwortete er: „Als ich gestern von dannen ging, begegnete mir ein Jude und als er bei mir Ring und Brosche erblickte, fragte er mich, wie diese Dinge zu mir kamen. Ich erzählte ihm die Wahrheit, daß ich kein Jude mehr bin, daß ich auch ein schönes Christenmädel geheiratet habe. Er lachte mich aus und nahm mir gewaltsam Ring und Brosche weg." Bei diesen Worten öffnete sich die Tür und Franzischek trat ein: In ihrer Empörung über die jüdische Unverschämtheit, dem Idioten Ring und Brosche abzunehmen, verlangte sie, daß Franzischek oie Aneige bei der Behörde auch wegen dieses Falles cinbringe; man würde chon den Betrüger finden. Doch Franzischek machte ihr begreiflich, es sei untunlich, jetzt mit einer neuen Angelegenheit gegen einen Juden die Behörden anzugehen, da solches die Erhebungen wegen des Ritualmordes verhindern werde. Während der Golem bei Maria weilte, erschien eine ältere Frau und er bemerkte, daß Maria und Franzischek mit ihr vertraulich berieten. Er lauschte nach ihrem Gespräche und begriff, daß diese Frau eine Hebamme ist. Da ging ihm ein Licht auf. Durch diese Frau würde sich am besten der Fall bei der Behörde aufklären lassen. Als die Frau wegging, entfernte sich auch der Golem; er paßte genau auf die Wohnung derselben ,auf und begab sich dann zu Rabbi Elie, um ihm davon Mitteilung zu machen. Abends nahm der Golem Ring und Brosche an sich, ging zur Hebamme und gab an, er sei im Aufträge der Maria unb des Franzischek heimlich zu ihr gekommen, daß sie gleich eine schriftliche Bestätigung gebe, das Kind sei tot geboren worden. Als Beweis übergab er ihr die Brosche und den Rmg. Die Hebamme war in den Plan, das Kind wegzuschaffen, eingeweiht und sie erschrack, ob nicht die Sache zur Kenntnis der Behörde gelange. Bedenken gegen den Idioten hatte sie nicht, denn erstens traf sie ihn heute bei Maria, zweitens hat man ihr ja ein gutes Zeichen geschickt, übrigens, man müßte ja selbst ein Idiot sein, um einem Idioten keinen Glauben zu schenken. In ihrer Angst stellte sie gleich die verlangte Bestätigung aus und übergab sie dem Golem. Die Hebamme wurde sehr beunruhigt und sie fragte den Golem: „Ist dir vielleicht bekannt, wozu dieHerrschaften die Bestätigung benötigen?" Er antwortete: „Ja, ist ja gegen sie bei der Behörde eine Untersuchung, sie hätten auf Anraten einer Frau das Kind getütet und in den Fluß geworfen." Darauf wurde die Hebamme leichenblaß. Da sie über genügend Geldmittel verfügte, überlegte sie nicht lange und entschloß sich, noch in derselben Nacht von Chelm zu flüchten, um sich einer Verantwortung bei der Behörde zu entziehen. Das war ja der Zweck des Golem, daß er oie Bestätigung, Maria habe ein Kind geboren, in Händen habe. Inmitten der Nacht patzte er auf die Hebamme auf und überzeugte sich, daß sie tatsächlich im Schutze der Dunkelheit Chelm verlassen hatte. Nachher begab er sich auf sein Quartier, die Kammer der Abgeschiedenheit des Rabbi Elie, um diesem wieder zu berichten und ihm die Bestätigung zu-übergeben. Jndeffen hatten die Juden viele Fäden angeknüpft, um den mysteriösen Kindesmord auszuklären. Rabbi Elie war vom Golem gründlich unterrichtet, was für eine Bewandtnis es mit diesem Morde habe, doch fand er es richtiger,