Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 19 (22.5.1919)
- Date
- 1919-05-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz. Nr. 19 Der Basischem von Lhelm und sein Golem. Neue Golem-Sagen. — Ausgewählt und bearbeitet von Chaim Bloch, Delatyn. (Fortsetzung.! Der Golem spielte seine Rolle so seltsam, daß die Leute beschlossen haben. Bekannte und Verwandte zur „Taufweihe" des jüdischen Idioten einzuladen. Franzischek wurde als Geistlicher ausersehen. Am Nachmittag waren im Hause der Eltern Marias eine große Anzahl Freunde versammelt und die Belustigung über die Taufe und baldige Trauung des Idioten war grenzenlos. Der Golem bemerkte bald unter den Gästen den Geistlichen — eS war Franzischek. Bor der Taufe hielt der Geistliche an den Taufkandidatcn eine Ansprache und drückte seine Freude aus, daß er nun dem Christentum angehören wird. Dieser erwiderte: „Auch ich freue mich. Euch anzugehören, denn ich werde mir dadurch ein schönes Mädchen zur Frau machen können. Aber um eine Sache ist es mir bange, daß ich als Christ keine Blutmazzes, die mir sehr 'gut munden, bekonrmen werde." Bei diesen Worten des Idioten machten die Leute eine ernste Miene und der eine von ihnen sprach: „Soll die Beschuldigung, die wir gegen die Juden erheben, auf Wahrheit beruhen? Ich habe bisher das ganze für eine Fabel gehalten." Der Geistliche griff ein: „Eine Fabel? Es ist ja so klar wie die Sonne, daß die Juden für ihr Osterbrot Blut brauchen." Maria aber überkam ein Schauer, als sie diese Diskussion hörte, weil sie sich an die Tat in der Nacht erinnerte. Daher sprach sie drein: „Es ist jetzt nicht die Zeit solche Diskussionen abzuhalten, man nehme vielmehr die Taufweihe'vor, weil ich noch, heute meinem geliebten Srulik angetraut sein will." Die Taufe wurde vorgenommen und der Idiot war scheinbar erfreut, nunmehr Christ zu sein. Auf Verlangen Marias erhielt er nun den Namen „Wojciech". Die Leute lachten und amüsierten sich dabei sehr. Jetzt trat der Idiot an den Geistlichen heran und sprach: „Nun, da ich schon Christ bin, so bitte ich, mich noch heute mit dem schönen Mädchen zu trauen" und in freudigem Erwarten machte er sich selber lustig und sang einige Sabbathlieder, wodurch sich die Unterhaltung endlos steigerte- „Er hat Recht." sprach einer der Leute, „und noch beute soll die Hochzeit zwischen Maria und Srulik, nein Wojciech, gefeiert werden." Nun übergab ihm Franzischek einen Ring, damit er ihn bei der Trauung semer Braut gebe. Nach einer kurzen Weile wurde die Trauung voraenommen und Wojciech wechselte mit Maria die Ringe. Sie übergab ihn auch eine Brosche, auf welcher ihr eigenes sowie das Bild Franzischeks genialen war und man setzte sich bald darauf zur Festmahlzeit. Als die Gesellschaft genug angeheitert war. schlich sich der Golem aus dem Zimmer hinaus, begab sich zum Rabbi und übergab vorläufig Ring und Brosche, inyem er sagte, daß diese Dinge ihm zur Aufklärung des Falles gute Dienste leisten iverden. Er aber begab sich gleich zurück und traf die Leute in großer Trunkenheit. Selbst der „Geistliche" Franzischek und Maria wareu derart angetrunken, daß sie an den „Held des Tagss"^ den Täufling-Bräutigam, ganz vergessen haben. Erst in später Nachtstunde entfernten sich die Leute und begaben sich nach Hause. Am folgenden Tage habe» einige Fischer in einem Dorfe bei Chelm die Leiche eines Kindes aufgefischt. Durch den Schnitt am Halse und das bei der Leiche Vorgefundene, jüdische Gebetbuch nahm man gleich an, daß hier ein Ritualmord seitens der Juden vorliegt und da man nicht wußte, welcher Jude den Mord beging, so rottete sich eine ganze Horde von Dorfleuten zusammen und zog gegen Chelm, um für das ermordete Christenkind an den Juden Rache zu nehmen. Von Dorf zu Dorf, wo sie vorüberzogen, schloffen sich ihnen die Leute an, auch Frauen und Kinder ließen es sich nicht nehmen, an dem heiligen Zug teilzunehmen, so daß in Chelm ein nach tausenden Leuten zählender Zug einlaugte. Die Juden in Chelm erhielten schon früher Kunde davon. Daher begaben sich die Gemeindevorsteher zur Obrigkeit und baten um Schutz, indem sie darauf hinwiesen, daß hier wieder nur eine geschickte Verleumdung vorliegen muß und daß die Juden kein Blut zu rituellen Zwecken benötigen. Demzufolge bot die Behörde alles auf, um die Menge zu beruhigen und versicherte, nichts zu Unterlasten, um den wirklichen Mörder dingfest zu machen. Die Menge hatte sich zwar augenblicklich zerstreut, dennoch überlebten die Juden den Tag in großer Angst. Sie versammelten sich daher vor dem Hause des Rabbi Elie, der wie immer von der Welt abgeschloffen in seinem Zimmer der Abgeschiedenheit saß. Die Gemeindevorsteher traten in das Zimmer und sprachen: „Ein göttliches Oberhaupt bist du in unserer Mitte und nur du hgst die Kraft des Gebetes, die angchäusten und dem Ausbruch drohenden unheilvollen Gewalten von unseren Häupten abzuwenden." Sie erzählten ihm den ganzen Sachverhalt. Die tiefen traurigen Augen des Rabbi, die sich unter den langen Wimpern des herabtzelassenen Lides verbargen, erhoben sich langsam, er hörte sie sanftmütig an und sagte kopfschüttelnd ganz still: „Gott verläßt sein Volk Israel nicht, gehet in die Synagoge und richtet Gebete, zum Himmel." Und nun beugte er sich wieder über den Folianten und entließ sie mit Segnungen und Wünschen, als lese er sie aus dem Buche. Der Golem aber war in seinem Dienste nicht lässig. Am selben Tage kam er zu seiner Frau Maria. Sie war gerade vor einigen Augenblicken von Franzischek unter- — *- --!"" dacht von ihnen gerichtet worden, daß nun jeder Verdachi wichen sei, da das Volk die Juden — genau wie er es plante — eines Ritualmordes beschuldige. Als sie den edioten erblickte, entsann sie sich der lustigen Szene vom ortage und sie sprach in ihrer rosigen Laune: „Wojciech, wo bist du denn gestern auf einmal verschwunden?" Der Golem erwiderte: „Ich habe gesehen, als du gleich nach der Trauung mit dem Geistlichen vertraulich warst und ihn: ins Ohr flüstertest, mich aber im Stiche ließest; daruni bin ich fortgegangen." (Fortsetzung folgt.) Neue Bücher. „Woher eS kam." Das ist der Titel einer soeben erschienenen neuen Schrift von Dr. Paul Rohrbach aus dem Verlag von I. Engelhorns Rachf. in Stutt-. gart. Aus dem unabsehbaren Komplex von Verschuldungen, die zusammen die Verantwortlichkeit für alle Geschehniffe seit Ausbruch des Krieges umfaffen, hebt diese Broschüre eine bestimmte und besonders verhängnisvolle Reihe heraus: Belege der Unfähigkeit aller unserer einander folgenden Regierungen, politische Mittel für die Kriegführung wirksam zu machen. Manches von dem, was der Verfasser anführt, scheint über die Grenzen der Vorstellungsmöglichkeit hinauszugehen. Er schöpft aber sein Material aus nur zu gründlicher eigener Anschauung, da er über zwei Jahre in der Presse-Abteitung des Auswärtigen Amts freiwillig tätig gewesen ist, bis ihn die Unmöglichkeit gedeihlicher Arbeit von dort vertrieb. Der Verfaffer bleibt aber nicht bei einer negativen Kritik stehen, sondern weist darüber hinausgreifend die Wege, die wir gehen müffen, söllen wir uns von diesem furchtbaren Niederbruch erholen. — Die wertvolle Broschüre verdient allgemein beachtet zu werden, ihr billiger Preis von nur Mk. 1.80 ermöglicht die weiteste Verbreitung der Schrift. „Der Aufbau deS jüdischen Palästina." Von Richard Lichtheim. Preis 60 Pfg. Jüdischer Verlag/ Berlin, 1919. — Die Friedensverhandlungen haben begonnen- Nur noch wemge Monate, und das Schicksal Palästinas wird entschieden. Das jüdische Volk sieht der Zukunft mit Zuversicht entgegen. Die Mächte werden ihm die Möglichkeit geben, sich im Rahmen seiner nationalen Selbständigkeit auszuleben. Wie soll dieser Rahmen beschaffen sein, wie soll das jüdische Palästina aufgebaut werden? Von all den wichtigen Kolonisations-- problemen, die sich da ergeben, werden in der vorliegenden Broschüre die wichtigsten wirtschaftlichen und sozialen behandelt, vor allem die Besiedlungs- und Landfrage. Vom Beginn der zionistischen Organisation kamen in ihr zwei Strömungen zur Geltung, die, ihre Ziele und Namen oft wechselnd, letzten Endes auf verschiedene seelische Einstellungen zurückzuführen sind. Jetzt werden sic durch die Schlagworte vertreten: schnelle oder systematische Kolonisation. Für beide kaffen sich starke Argumente anführen. Lichtheim vertritt im großen und ganzen die systematische Richtung, die für die künftige palästinensische Volkswirtschaft einen soliden agrarischen. Unterbau fchaffen will und die von einer, nicht in der Landwirtschaft fundierten, überstürzten Kolonisation eine Lahmlegung des ganzen Kolonisattonswerkes befürchtet. Um dielen Unterbau vor allen Erschütterungen zu sichern, tritt er für die Nationalisierung von Grund und Boden ein, und will so die Landspekulation mit allen ihren das wirtschaftliche und soziale Leben schädigenden Momenten beseitigen. Mit besonderer Ausführlichkeit wird das Verhältnis der Gegenwart behandelt. Lichtheims Schrift vertritt die Anschauungen der Mehrzahl der maßgebenden zionistischen Führer und Publizisten. In ihrem klaren Gedankenaufbau, in ihrer wissenschaftlichen Gründlichkeit und sicheren Zielsetzung wird sie bei allen bevorstehenden Palästina-Aktionen die erste Rolle spielen und die Diskussion sowohl wie auch die politischen Maßnahmen beeinflußen. „Das alte Testament." Seine Entstehung und seine Geschichte. Von Prof. Dr. P. Thomson (126 S.) 8°. (Aus Natur und Geisteswelt. Sammlung wisscnschaftlichgemeinverständlicher Darstellungen. 609. Bändchen.) Kart. Mk. l'HO, geb. Mk. 1 90. Hierzu Teuerungszuichläge des Verlages und der Buchhandlungen. Verlag B. G. Teubner, Leipzig und Berlin- 1918. — Da in weiten Kreisen große Unkenntnis über die Schriften des Alten Testaments noch ihrer Entstehung, ihrem Inhalt und ihrer Bedeutung herrscht, vielfach auch infolge der neueren kritischen Arbeit Abneigung entstanden ist, sich mit ihnen zu beschäftigen, faßt der Verfasser in allgemein verständlicher Sprache die Ergebniffe der wissenschaftlichen Forschung kurz zusammen. Sie erweisen sich als wertvolle Urkunden zur Geschichte des israelitischen Volkes und seiner hervorragenden Persönlichkeiten, namentlich der Propheten. Zum Schluß wird die bleibende religiöse Bedeutung des Alten Testaments besprochen. Die knappen, aber mit ausführlichen Literaturnachweisen versehenen Darlegungen werden gewiß viele veranlagen, sich wieder in diesen an inneren und äußeren Werten reichen Teil der Bibel zu vertiefen. KONKURS. Die Israelitische Kultusgemeinde Baden sucht ersten Kantor Bewerber um diese Stelle mögen mit Angabe ihrer Gehaltsansprüche und Personaldaten ihre Offerte schriftlich einreichen. ß-2) Der Vorsteher: Alexander Braun. Jugendgruppe des Vereines zur Wahrung der Jntereflen.des orthodoxen Judentums. Aereinskokak: II., Große Schiffgaffe 16. Geöffnet an Wochentagen von S bis 9 Uhr abends, an Samstagen und Sonntagen ab s Uhr vormittags. Reichhaltige Bibliothek u. Zeitschriften zur freien Benützung der MitgNeder. Schirrrirn-Girrteitrmg vom 24. bis 29. Mai 1919. Samstag, '/z.11 Uhr vormittags: Sidro mit Kommentar, Sr. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. I. H o f f m a n n. Samstag, '/«12 Uhr vormittags: Vortrag (Beth-Hamidrasch), Rabbenu. SamStag, l/<3 Uhr nachmittags: Mögen Awrohom, Herr David Baumgarten. Samstag, 3 Uhr nachmittags: Pirkeh Owaus, Sr. Ehrw. Herr Rabbiner I. Baum garten. Sonntag, 10 Uhr vormittags: Mögen Awrohom, Herr David Bau mg arten. Sonntag, 11 Uhr vormittags: Jeschaja, Sr. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. I. H o f f m a n n. Sonntag, ‘/.ß Uhr abends: Sidro mit Kommentar/ Herr I. Löwy. Montag V»8 Uhr abends: Sidro mit Kommentar, Herr Dienstag, >/3i Uhr abends: Mischleh, Herr A. Breu er. Mittwoch, >/z8Uhr abends: Mischnoh (Brochaus), Seiner Ehrw. Herr Rabbiner A. Deuts ch. Donnerstag, 7j8 Uhr abends: Mischnoh (Brochaus), Sr. Ehrw. Herr Rabbiner A. Deutsch. Ankündigungen: Samstag, 7Uhr abends, gesellige Zusammenkunft der Mitglieder im Vereinslokal. -— II.. Große SchifFgasse* 8. - Gebetstunden in der Zeit vom 23. IJar bis I. Siwan 5679 (23. bis 30. Mai 1919). Freitag, 23. Ijar: Sabbateingang 7 30. Samstag: Bechukausai, Morgengebet 6 15 und 930, Mincha 12-16, Pirke-Aboth-Vortrag um 3 30 und anschließend dastMincha. Sabbatausgang: 8 15. Donnerstag, 29. Mai: Erew-rosch-chadesch, Jom- Kipur-Katan um 12 30 und 7 Uhr, am Abend Wajchal- Vorlesung. An Wochentagen: Morgengebet 515 und G Uhr, Mincha Freitag, 30. Mai: Bamidbar, Sabbateingang 7 40. Anmeldungen von Eheaufgeboten, Trauungen und Barmizwah werden während der Kanzleistunden, 9—12 und 3—6 Uhr, entgegengenommen. Verein „2abner Klaus“, Wien, II. Bezirk, Große Pfarrgasse Nr. 3—5. Der provisorische Vorstand des obigen Vereines bittet ergebenst um gütige Spenden von verschiedenen zwecks Veranstaltung von D’-njJtr für minb 0^3? p. Die geschätzten Spender wollen gütigst ihre Adresse mittels einer Korrespondenzkarte dem Vorstände mit teilen, welcher die Abholung der zum Spenden vorbereiteten veranlassen wird. . Für den Vorstand: M. Kamm, Wien, I., Rotenturmstraße Nr. 22. Klavierlehrerin mit Staatsprüfung erteilt Unterricht für Anfänger und Vorgeschrittene, ausgenommen Samstag und Feiertage. Näheres unter „520“ an die Administration dieses Blattes. Marienbad Hestauranhua Goldener Schlüssel mit Hotel Holdem Schloß vollständig eröffnet. Reichliche Lebensmittel vorgesorgt und gesichert. Auf Wunsch auch ganze Pension. Hochachtungsvoll {2_3> Gottlieb Leitner. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jonas Kreppei. Genossenschafts-Buchdruckerei, Wien, Vm., Hernalser Gürtel 20. ^^..^/+/:C