Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 17 (8.5.1919)
- Date
- 1919-05-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3495278-3495418-3495433--0906-3496771- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Jüdische Korrespondenz. . Nr. 17 aber die wichtigsten Angelegenheiten erledigt. Das Plenum des Gemeinderates ist in der Regel bloß ein Debattierklub. Die redelusügen Herren werden da wohl auf ihre Rechnung kommen — aber die Wählerschaft wird blutwenig davon haben. Zu begrüßen ist es, daß es Dr. Schwarz-Hiller trotz der perfiden Kampfesweise der Nattonalisten, die selbst im eigenen Lager Empörung auslöste, gelungen ist, ein Mandat für den Gemeinderat zu erlangen. So bedauerlich es auch sein mag, daß die Juden in der Landesversammlung ohne Vertretung sein werden, muß doch konstatiert werden, daß die Nichtwahl des „Nationalisten" Dr. Schalit, dem etwa 200 Stimmen zur Wahlzahl fehlten, vielfach mit Befriedigung ausgenommen wird. Es war in der Tat eine Provokation des jüdischen Empfindens und des guten Geschmackes, daß ausgerechnet dieser Herr der jüdischen Wählerschaft als „nationaler" Listenführer aufgedrängt wurde, der für seine Person die Assimilation bis zur äußersten Konsequenz, bis zur Mischehe, durchgeführt hat. Auf welche Verdienste er sonst Hinweisen könnte, die ihn für die Stelle des einzigen jüdischen Vertteters in der Landesversammlung — auf mehr konnte gar nicht gerechnet werden — prädisttnierten, ist das Geheimnis seiner Gesinnungsgenossen. Der Oeffentlichkeit ist darüber nichts Näheres bekannt. Vielleicht hat dieser Umstand auch zu seiner Nichtwahl beigettagen. Eine Lehre für die Zukunft. Junge, aufstrebende Parteien sollten sich derarttge Dinge nicht erlauben. Der vier jüdischen Vertteter im Gemeinderat harren schwere Aufgaben, die ganze Männer erfordern. Inwiefern sich die beiden Neulinge, Dr. Plaschkes und Dr. Pollack-Parnau, bewähren werden, bleibt abzuwarten. Mögen sich diese vier Vertteter stets vor Augen halten, daß sie die Interessen einer Viertelmillion Juden zu wahren berufen sind und darnach handeln. Dann, aber nur dann, wird auch die Wählerschaft Grund dafür haben, sich des Wahlergebnisses ebenso zu fteuen, wie es heute nicht nur die Gewählten, sondern auch ihre Hintermänner tun. %* Pogrome — und kein Ende! Die Pogromwelle will gar nicht abebben. Fortgesetzt wälzt sich die furchtbare Flut vorwärts. Polen und die Uttaine sind ununterbrochen der Schauplatz dieser Grausamkeiten, die dem so gerühmten „Geist der Zeit" grimmig Hohn sprechen. Was soll das Ende dieser Tragödie sein? Gibt es wirklich keine Abhilfe? Es ist geradezu furchtbar, den Gedanken bis ans bittere Ende durchzudenken. Nachstehend die neuesten Pogrommeldungen, die keines Kommentars bedürfen: (Neue Judcnmassakres i« Homel und Shitomir.) Polnischen Zeitungen zufolge schickten Mitte März die Bolschewisten von Homel aus Truppen an die uttainische Front. Unterwegs riß sich eine Abteilung los, kehrte nach Homel zurück, drang unter den Rufen: „Tod den Juden, rettet Rußland!" am 27. März in die Stadt ein und veranstaltete einen grauenhaften Judenpogrom. Nach einer «Wellen Mitteilung des bolschewistischen Organs „Zwiesta", beläuft sich die Zahl der ermordeten Juden auf 2500. Ungefähr zur selben Zeit veranstalteten uttainische Truppen und Bauern in Shitomir einen zweiten Judenpogrom. Der Pogrom brach am 22. März aus, nachdem die Petliurattuppen die Stadt den Bolschewisten entrissen hatten, und hielt ununterbrochen bis zum 27. März an. Viele Juden wurden in ihren Wohnungen eingesperrt und die verschlosienen Häuser in Brand gesteckt. Insgesamt sollen mehr als 2000 Juden umgekommen sein. Die am Leben gebliebenen flüchteten nach Berditschew, das von «den Bolschewisten besetzt ist. (Der Pogrom iu Lida.) Aus Warschau wird berichtet: Einer amtlichen Meldung zufolge, erklärte der Bezirkskommissär Zdonowicz gegenüber der Untersuchungskommission des Landtages, daß die Zahl der in Lida infolge ihres Bolschewismus erschossenen Juden 35 bettage. Der genannte Kommissär übergab auch der Kommifsion ein Namensverzeichnis der Erschossenen. (Die Judenpogrome iu der Ukraine.) Das Jüdische Preßbureau in Stockholm meldet: Das loint Foreign Committee des Board of Deputies und der Anglo Jewish Association machte der ukrainischen Regierung Vorstellungen über die Judenpogrome in der Uttaina. Hierauf wurde das Board of Deputies von Salchi, dem Beirat der uttainischen Mission informiert, daß diese das Direttorium telegraphisch ersucht habe, die Exzesse zu untersuchen, die Urheber der Sttafe zuzuführen und die Juden in Hinkunst vor weiteren Pogromen zu beschützen. (Pogrome in Westgalizien.) Reisende, welche in den letzten Tagen aus Galizien iu Wien eingettoffen sind, wissen von blutigen Pogromen zu melden, deren Schauplatz Westgalizien, besonders Rzeszow, Mielec und Umgebung, anläßlich der polnischen Nationalfeier am 3. Mai waren. Nähere Details fehlen vorläufig, doch soll es. dort überaus blutig zugegangen sein. Polnische Blätter stellen die Sache so dar, daß es sich um Ausschreitungen gegen „Schleichhändler" handelte.... (Ein Blutmärchen-Pogrom.) Aus Krakau wird berichtet: Die antijüdischen Ausschreitungen in Strzizow dauern an. Am 21. April wurde dort eine Ritualmordhetze provoziert, welcher drei Menschenleben zum Opfer fielen. Am 28.'April brach im selben Bezirk ein Pogrom aus. Die anläßlich des Wochenmarttes im Städtchen weilenden Bauern überfielen die jüdischen Geschäfte und Wohnungen, plünderten alles, schleppten die Juden aus ihren Verstecken hervor und schlugen sie bestialisch. Bisnun wurden 4 Tote, 15 Schwer- und eine große Anzahl Leichtverletzte gezählt. Auch in den Ortschaften Zuczan, Wywka und Lett kam es zu schweren Ausschreitungen gegen die Juden, die man schwer mißhandelte, Bart und Haare ausriß. Die jüdische Bevölkerung des ganzen Bezirkes befindet sich auf der Flucht. Die Amsterdamer GoziaUstenkonferenz gegen die Entrechtung der rumänischen Juden. Aus Amsterdam wird berichtet: Die internattonale Sozialistenkonferenz hat in ihrer letzten Sitzung eine Resolution angenommen, worin sie gegen die schmachvolle Behandlung der Juden in Rumänien auf das entschiedenste Verwahrung einlegt. Die Konferenz fordert die Regelung der Judenftage dieses Staates sowie aller ihm etwa noch zufallenden Gebiete im Sinne der vollen bürgerlichen Gleichberechtigung und nationalen Selbstverwaltung unter internattonaler Garantte. Die Konferenz verlangt ferner die uneingeschränkte und ausnahmslose Naturalisierung und Gleichberechtigung aller Juden Rumäniens und verwahrt sich gegen jeden Versuch der rumänischen Regierung, durch Einschränkungsbestimmungen, Wiedas Verlangen nach Vorlegung von Atten und anderen Beweisen über die Geburt im Lande und dergleichen, die Rechtlosigkeit eines großen Teiles der Juden festzulegen. Der Völkerbund muß darüber wachen, daß eine Wiederholung des Vertragsbruches seitens der rumänischen Regierung unmöglich gemacht wird. Iudmaustreibung aus Spanien. Die Juden in Spanien, meistens Kriegsflüchtlinge aus Rußland, standen vor kurzem vor der Gefahr einer restlosen Ausweisung aus dem Lande, die innerhalb 24 Stunden vollzogen werden sollte. Die Ursache dieses drakonischen Erlasses war eine generelle Verleumdung der Juden seitens des ehemaligen russischen Generalkonsuls in Spanien, der alle Juden des Bolschewismus beschuldigte. Die spanische Regierung hatte ohne weitere Untersuchung zum alten Mittel der Judenaustteibung gegriffen und ließ bereits ein Schiff beistellcn, das die russischen Juden, besonders jene, die sich während des Krieges in Barcelona niederließen, nach Odeffa bringen sollte. Im letzten Augenblick gelang es jedoch, diesen Ausweisungsbefehl rückgängig zu machen. Dank den Bemühungen des englischen Botschafters Harding und des bekannten jüdischen Professors an der Madrider Universität, Dr. Jahuda, wurde eine Untersuchung eingeleitet, welche die gänzliche Grundlosigkeit der gegen die Juden erhobenen Beschuldigung ergab. Infolge dieses Ergebniffes sowie der besonderen persönlichen, Garantte des Professors Jahuda, der sich für eine loyale Haltung der russischen Juden in Spanien verbürgte, erhielten die letzteren die Erlaubnis^ weiter im Lande zu verbleiben. _ von der Iugendgruppe des Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums. In verhältnismäßig kurzer Zeit ist es uns gelungen, ein wenn auch nicht sehr großes, so doch nettes Heim zu schaffen. Mittwoch, den 30. April (Rausch Chaudesch), eröffnete Seine Ehrwürden Herr Rabbiner S. Fürst in würdiger Weise das von Zuhörern überfüllte Lokal.(II., Große Schiffgaffe 16). Anknüpfend an die erste von ihm vorgettagene Mischnah im Berachoth, würdigte Seine Ehrwürden den Entschluß der gesetzestreuen Jugend, sich endlich, wenn auch schon spät, zu einer Gemeinschaft zusammenzuschließen, die es erreichen will, daß die in diesem Raume gelernten Gottesworte betätigt und ins Leben hinausgetragen werden. In feurigen Worten forderte Seine Ehrwürden auf, dieser heiligsten aller Aufgaben auch gerecht zu werden. Herr D. Baum garten bat für die Zuhörer Rabbenu, uns auch femerhin Lehrer und Wegweiser zu sein, und forderte die Anwesenden auf, ihr Interesse für die heilige Sache so wie am ersten Tage auch fernerhin rege und wach zu halten. Unter dem „Jechie" aller Anwesenden, das ihn auch empfing, verließ Herr Rabbiner Fürst daS Lokal. Unsere Erwartungen haben uns denn auch' nicht getäuscht. Gleich in den ersten Tagen hat sich durch den überaus zahlreichen Besuch die angenehme Notwendigkeit ergeben, einen zweiten Schiur einzuführen, was den auch in allernächster Zeit geschehen wird. Ein werttoller Schritt zur Entwicklung unserer Jugendgruppe ist durch die Anlegung einer Bibliothek geschehen. Herr Ignaz Brody, dessen Leisttngen um Gründung und Bestand der Jugendgruppe noch an anderer Stelle-zu würdigen-sein werden, hat durch die Spende von 25, zum großen' Teil sehr werttoller Seforim, den Ansang gemacht. Möge er zahlreiche Nachahmer finden! B. E. Vom Leben der Juden in Rußland. Einem ausführlichen Bericht über die Verhältnisse der Juden in Rußland ist folgendes zu entnehmen: Der Begriff der jüdischen Provinz hat sich in Rußland im Laufe des Krieges völlig geändert. Früher verstand man unter der jüdischen Provinz den Ansiedlungsrayon, Litauen und Südrußland. Heute bezeichnet man als jüdische Provinz das Wolga-Gebiet und die inneren russischen Gouvernements. In der Tat haben sich in diesen Gegenden während der Kriegsjahre bedeutende jüdische Gemeinden gebildet, die gerade jetzt, da zahlreiche jüdische Flüchtlinge sich in so schwieriger Lage befinden, von großer Wichtigkeit sind.' Gewiß haben die politischen Wirren während des letzten Jahres viele kleinere Provinzgemeinden zerstört; die größeren Provinzgemeinden blieben jedoch bestehen und wirken segensreich für die jüdische Gesamtheit. Zu diesen Provinzgemeinden, die ungeachtet aller Schwierigkeiten ihre Arbeit energisch fortsetzen, gehören vor allem: Smolensk, Saratow, Pensa, Zarizyn, Kursk, Woronesch und andere. Die Berichte aus diesen Städten sind recht befriedigend. So ersehen wir zum Beispiel aus dem Bericht der Gemeinde in Pensa, daß sich das Monatsbudget dieser Gemeinde auf 50.000 Rubel beläuft. Smolensk verausgabt sogar 80.000 Rubel monatlich. Diese Gelder werden in der Hauptsache für die Erhaltung der zahlreichen Flüchtlingsheime, Volksküchen, Schulen und sonstigen Bildungsstätten verausgabt. Die Gemeindeverwaltung in Smolensk hat es verstanden, die Steuereinnahmen glänzend zu regeln und die Gemeindeinstttuttonen auf ein hohes Niveau zu bringen. Bezeichnend ist, daß die jüdische Gemeinde in Smolensk öffentliche Anleihen macht, die durch öffentliche Zeichnungen gedeckt werden.