Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 15 (24.4.1919)
- Date
- 1919-04-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 4 Jüdische Korrespondenz., Nr. 15 (Die heilige« Stätten von Palästina.) „Jewish Chronicle" berichtet, einer römischen Meldung zufolge, daß eine Kommission von Kardinalen, die von dem Papst mit dem Studium der Frage der heiligen Stätten der Christenheit in Palästina vom religiösen und politischen Standpunkt aus beauftragt worden ist, ihre Arbeit abgeschlossen hat. Die Kommission hat ihren Bericht dem Papst vorgelegt, und eine Kopie ist dem Präsidenten Wilson überreicht worden. (Die Lage der Inden in der Groß- Ukraiue.) Die Verhältnisse in der Groß-Ukraine sind nach wie vor äußerst trübe. Die Nachrichten über den Massenmord in Proskurow und in Felsztyn werden leider durch alle von dort kommenden Berichte bestätigt. Auch in der übrigen Ukraine soll nach den Angaben von in Wien eingetroffenen Augenzeugen die Situation äußerst bedrohlich sein, da bei der völligen Unsicherheit und Ungeordnetheit der Verhältnisse und angesichts des dauernden Kampfes zwischen den einzelnen militärischen Abteilungen die Regierung vollständig machtlos ist. Die Juden sind das am schwersten betroffene Opfer dieser Lage. Der Minister für jüdische Angelegenheiten Rewuzki soll geäußert haben, daß lvährend seiner Ministerschaft bereits 80.000 Juden in der Ukraine umgebracht wurden.- Wenn auch diese Zahl übertrieben und vielleicht auch ungenau überliefert ist, so unterliegt es doch keinem Zweifel, daß die Juden in der Ukraine gegenwärtig ein Martyrium erleiden wie nie zuvor. Es erweist sich, daß die Ukraine nicht iinstande ist, aus eigener Kraft sich selbst zu regieren. Es ist höchste Zeit, daß diejenigen Mächte, die noch über Macht und Disziplin verfügen, hier eingreifen, bevor es zu spät wird. Das Elend der Hinterbliebenen nach den Gemordeten, insbesondere der Waisenkinder, soll entsetzlich sein. (Kongreß der Inden in der Slowakei.) Am 25. und 26. März 1919 fand in Pystian ein Kongreß der Juden der Slowakei statt, -in welchem 48 Kultusgemeinden durch 103 Delegierte vertreten und mehrere Delegierte des jüdischen Notionalrates für die tschechoslowakischen Länder in Prag anwesend waren. Es wurde ein Judenrat für die Slowakei gewählt, der unter Ausschluß religiöser Fragen sich mit der Wahrung der bedrohten politischen, sozialen und wirtschaftlichen Interessen der Juden in der Slowakei zu beschäftigen hat. Der Kongreß nahm eine Resolution an, in der die Beschlüsse des Zehnerrats in Paris wegen Palästina begrüßt werden. In weiteren Resolutionen wird der Ersatz aller Schäden verlangt, die den Juden der Slowakei zugefügt worden sind, ferner eine entsprechende Vertretung bei allen Behörden und öffentlichen Korporationen, endlich die tatsächliche Gleichberechtigung in religiöser, sozialer, politischer und wirtschaftlicher Beziehung. (DerVölkerbundentwurf und die Judenfrage.) Einem Pariser Telegramm der hiesigen jüdischen Tageszeitung „Der Tog" zufolge, setzte sich Wilson dafür ein, daß in den Völkerbundentwurf auch Bestimmungen über die religiöse Gleichberechtigung ausgenommen werden, wodurch die jüdische Gleichberechtigung in den verschiedenen Ländern durch den Völkerbund gewährleistet werden sollte, aber die Wünsche Wilsons seien von großen internationalen Interessen durchkreuzt worden und Wilson habe vorderhand Abstand nehmen müssen, auf seinem Standpunkte zu beharren. In den Kreisen der jüdischen Politiker in Paris sei man darüber sehr enttäuscht. Man bringe den Mißerfolg in Zusammenhang mit der Tatsache, daß-die jüdischen Delegationen der verschiedenen Länder zu spät nach Paris gekommen seien, man hoffe jedoch, daß cs noch gelingen werde, die Mehrheit der Konferenz umzustimmen, und eine äußerst energische Arbeit in dieser Richtung sei notwendig. In Wilson werden die Juden nach wie vor ihre Stütze finden. (Der „Misrachi" protestiert!) In dem Bericht über den Verlauf der zionistischen Konferenz in London findet sich unter anderem folgende Stelle: „Die Frage der religiösen oder weltlichen Erziehung löste eine ungeheure Erregung aus, und einige Bemerkungen Dr. S yrkins gegen die religiösen Fächer in den Schulen veranlaßten heftige Proteste der Misrachisten." — Näheres diesbezüglich ist nicht bekannt. Man kann sich aber leicht vorstellen, wie verletzend die Anträge 'gewesen sein mußten, daß selbst die sonst so zahmen Misrachisten sich zu einem Protest aufgerafft haben ... (Norwegische Pläne für Bewässerung und Elektrisierung Palästinas.) Wie der dänische Konsul in Fredrikstad, Direktor Jvar Juel Moltke-Hansen, „Tidens Tegn" mitteilt, ist eine Gesellschaft in Bildung begriffen, die die Zuflüsse des Jordans aufdämmen will, um ein Wasserreservoir für die Bewässerung von 100.000 bis 150.000 Hektar zu schaffen. Eine südlich von Jerusalem am Toten Meer zu errichtende Kraftanlage soll nach Grabung eines Tunnels vom Mittelländischen nach dem Toten Meer 100.000 Pferdekräfte liefern. -_ Korrespondenzen. Baden. In der am 8. April stattgefundenen Generalversammlung der Chewra-Kädischa-Baden wurde nach neuerfolgter Wahl des Vorstandes der seit Jahrzehnten verdienstvoll wirkende Präsident, Herr Moriz Leitner, welcher all seine Kräfte und Energie dem Vereine mit bestem Erfolge gewidmet halte, zum Ehrenpräsidenten ernannt. Ebenso wurde den Vorstehern Sigmund Nausnitz, Anton Schneider und Gustav O eben bürg er, welche viele Jahre hindurch hingebungsvoll zum Gedeihen und Aufblühen des Vereines wirkten, dev Dank votiert. Der ncugewählte Vorstand dieses Vereines konstituierte sich am 13. April folgendermaßen: Adolf Naab, Präsident; Gustav Oedenburger, l. Vorsteher; Leopold Blau, II. Vorsteher und Dr. Samuel Deutsch. Kassier. _ Der Baalschem von Lhelm und sein Golem. Nene Golem-Sagen. — Ausgewählt und bearbeitet von C h a i m Bloch, Dclatyn. (gortjtBunfl.) Schon am frühen Morgen verbreitete sich in der Stadt wie ein Lauffeuer dlk Gerücht, daß der reiche Bau- Unternehmer Noah Taubelrs ein unbekanntes Christenkind geschlachtet hat, um dessen Blut für das Pessachfest zu verwenden. Wer der Urheber dieses Gerüchtes war, wußte niemand und keiner fragte danach.-' In der ganzen Stadt herrschte eine riesige Aufregung, n den Strogen wogte ununterbrochen ein riesiger kenschenstrom, dessen einziger Gesprächsstoff der Kindssmord bildete und schon verkündete von einer önentlichen Stelle ein Geistlicher: „Tod allen Juden!" Das verbrecherische Unternehmen Hatschewskis war noch von dem Umstand begünstigt, daß cs knapp vor dem jüdischen Passahfest war. Als die Obrigkeit von dem Vorfall erfuhr, leitete sie gleich eine strenge Untersuchung ein. Der Obrigkeit selbst erschien die Beschuldigung recht lächerlich. Dennoch entsandte sie eine Kommission behufs Vornahme einer Durchsuchung im Hause des Taubeles, um dadurch die aufgeregte Menge zu beruhigen. Während die Menge draußen tobte, saß Rabbi Elie Baalschcm wie gewöhnlich in seinem Zimmer in heiligen Gedanken vertiert. Als die Menge eine drohende Stellung annahm, liefen die Gemeindevorsteher zu Rabbi Elie, rüttelten ihn aus seinen Gedanken auf und in ihrer Bedrängnis schrieen sie: „Meister! Hilf, ein großes Verhängnis droht uns und der ganzen Gemeinde Israels." Der Rabbi blickte auf, gab jedoch keine Antwort. Als sie aber ihre Klage fortsetzten und sagten, daß ein Anschlag gegen die Juden zu befürchten sei. erwiderte Rabbi Elie: „Habet Vertrauen zu Gott, er wird euch in der Stunde der Not nicht verlassen und noch heute ivird die Wahrheit wie der Tag aufleuchten." ' Im Augenblick, da die Vorsteher das Haus Rabbi Elies verließen, nahte die Untersuchungskommission, von einer großen Menge begleitet, dem Hause Taubeles zu. Man durchsuchte das ganze Haus, Boden und Keller. Nirgends war die Spur eines Mordes zu finden. Schon wollte die Kommission ein Protokoll ausnehmen, wonach die Durchsuchung keinen Anhaltspunkt für irgend einen Mord seitens Taubelcs ergab, als aus der Menge eine Stimme rief: „Die westliche Kammer wurde nicht durchsucht." Tatsächlich übersah die Kommission diese abseits gelegene Kammer zu durchsuchen. Nun begab sie sich dorthin, doch fand sie die Tür verschloffen. Sie ließ Taubeles herbeirufen und forderten ihn auf, den Schlüssel zu bringen. Doch er erklärte, er wisie gar nicht, wo dieser L>chlüssel sich befinde, weil die Kammer seit Jahr und Tag nicht benützt wird und seither geschlossen war. Nun entstand unter der Menge eine furchtbare Aufregung und aus hundert Kehlen hörte man rufen: „Die Kammer soll er öffnen!" „Da liegt die Leiche!" „Tod den Mördern unserer Kinder!" Vergebens suchte Taubeles in seiner Wohnung nach dem Schlüssel. Die Dienstboten erklärten, der Schlüssel steckte in der Tür und sie wiflen nicht, wo er hinkam. Wohl rechnete die Kommission damit, daß das Fehlen des Schlüffels nur ein Zufall ist. 'Um aber den Wunsch der Menge zu erfüllen, ließ man einen Schlosser holen, der die Air mittelst Werkzeuge öffnete. Die Kammer war völlig leer. Nur in einem Winkel fand man, mit Stroh bedeckt, ein kleines Körbchen. Als die Kommission das Körbchen nach dem Inhalt prüfte, entdeckte sie eine in einan Leintuch gehüllte Kindesleiche. Da sprach einer der Beamten: „Also ist es doch kein Märchen, was die Leute sagen." Noah wurde bei dem Anblick der Leiche derart bestürzt, daß er in Ohnmacht siel. Da stieß ihn der Chef der Kommission mit den Füßen: „Mache kein Spektakel, Jude, Dein Schicksal ist besiegelt und nun folge uns auf die Obrigkeit." Vergebens bemühte sich Taubeles, als er sich wieder erholte, zu beteuern, er sei an dem Kindermord unschuldig und daß gegen ihn eine Jntrigue verübt wurde. Die Menge johlte unaufhörlich: „Gebt den Mörder unserer Kinder her, wir zerreißen ihn!" Der Chef der Kommission ließ das Körbchen in ein Tuch einpacken und dieses mit Amtssiegeln versehen. In seinem Amtszimmer werde er erst die Leiche auf ihre Merkmale gründlich prüfen. Ein Amtsmann nahm das Körbchen unter den Arm. Andere zwei Obriqkeitsorgane legten Taubeles Kelten an und führten ihn in das Obrigkeitsamt. Jetzt war die Menge von Minute zu Minute zahlreicher und aufgeregter. Die Juden aber zogen sich in gedrückter Stimmung zurück, weil sie den Zorn des aufgeregten Pöbels fürchteten. Die Gemeindevorsteher begaben sich zum Rabbi Elie, erzählten von dem weiterem Verlauf der Dinge und drückten die Besorgnis aus, daß der Pöbel noch im Laufe dieser Nacht die Gemeinde überfallen werde. Rabbi Elie erwiderte: „Jetzt ist die Zeit des Nachmittagsgebetes. Tuet Buße und betet mit Innigkeit zu Gott, daß er euch in der Stunde der Not nicht verlassen soll. Wenn ihr das Abendgebet verrichtet haben werdet, wird die Hilfe vom Himmel sich schon geoffenbart haben." Die Gemeinde versammelte sich in der Synagoge und flehte Gott um Hilie an. Indessen wurde Taubeles in das Zimmer des Obrigkcitschess geführt. Dorthin brachte man auch das Körbchen, welches au? ein mit grünem Samt bedecktes Tischchen gestellt wurde. Nun sprach der Obrigkeitschef mit erregter Stimme: „Taubeles, Du warst immer ein braver, redlicher Kaufmann, Edelleute und hohe Beamte bewerteten Dich als einen wahren und edelsinnigen Menschen, erkläre mir nun. welche Leute Dich zu diesem Kindesmord verleiteten; gestehe Deine Tat, sprich die Wahrheit, vielleicht wirst Du, wenn Du vor dem hohen Tribunal erscheinen wirst, Gnade finden und die Todesstrafe wird in eine längere Kerkerstrafe umgemandelt werden." Taubelcs erwiderte: „Ich bin vollkommen unschuldig." Nun wurde Taubeles zum Tischchen geführt; wo das Körbchen stand. Der Cher öffnete die Siegel und er schritt, von seinem Beamtenstab umgeben, daran, die Leiche gründlich zu besichtigen. Als er das Leintuch, worin die Kindesleiche gehüllt war, betrachtete, bemerkte er das mit Blut gezeichnete Davidsschild. Das Antlitz des Chefs nahm eine drohende Miene an. „Nun sprechen alle Umstände, für Deine Schuld", sagte er, „Bedenke, überallhin führtest Du uns: nur nicht in die Kammer, wo das Körbchen stand, dann fehlte der Schlüsse! und schließlich, das Judenwappen im Leintuch. 'Noch einmal rate ich Dir, bekenne Deine Schuld und erspare uns die mühevolle Arbeit, um Dich derselben zu überweisen." Taubeles erwiderte: „Es ist das Werk eines bösen Menschen, der mich ins Unglück stürzen wollte. Daß Umstände für meine Schuld sprechen, rtt eine Bestimmung vom Himmel. Gott ist der wahre Walter der Gerechtigkeit, so möge er mich nach seinem Willen richten." (Fortsetzung folgt.) vis vierundfünfzigste ordentliche Generalversammlung der K. k. privilegierten Allgemeinen österreichischen Boden-Credit-Anstalt findet am 10. Mai 1919, um 5 Uhr nachmittags, in' Wien, I., Teinfaltstraße 8, statt. Verhandlung sgegenstän de: a) Bericht des Gouverneurs. d) Wahl von Verwaltungsräten. b) Bericht der Zensoren. c) Wahl eines Zensors. c) Beschlußfassung über die Gesellschaftsrechnungen und die Verwendung des Gewinnes. In dieser Generalversammlung sind jene Herren Aktionäre stimmberechtigt, welche mindestens 14 Tage vor dem Zusammentreten derselben, daher bis längstens 25. April 1. J., fünfzig Aktien nebst Coupons bei der Kasse der Gesellschaft in Wien (Teinfaltstraße 8) deponieren. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jonas Kreppet. Genossenschafts-Buchdruckerei, Wien, VIII., Hemalser Gürtel 20.