Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1919-08-08 · 29 (8.8.1919) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
29 (8.8.1919)
Date
1919-08-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3495278-3495418-3495445--1003-3496754
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 7 Nr. 29 Jüdische Korrespondenz Angesendet. ^Dien, den 30. Juli 1919. Hochgeehrte Redaktion! Ich ersuche Sie höflichst, folgende Notiz in Ihrem geschätzten Blatte int Interesse der Oeffentlichkeit gefälligst aufnehmen zu wollen. Ein Knabe namens Lipo Baumöhl aus Bukorsko (Galizien), fünf Jahre alt, wurde ins Franz Josephs-Spital gebracht, wo er eine längere Zeit in ärztlicher Behandlung war. Als dessen Gesundheitszustand sich besserte, wurde er der Kinderbewahranstalt in Wien, V., Siebenbrunnengasse, übergeben. Die Eltern des genannten Knaben, die in Bukorsko wohnen, , konnten ihn angesichts der Paß- und Reiseschwierigkeiten nicht abholen. Auf ihr Ersuchen habe ich das Kind abgeholt und das. Kostgeld von K 140 — bezahlt. Während der Fahrt klagte der Knabe, daß er keine koschere Kost bekommen und sämtliche religiöse Uebungen mit den nichtjüdischen Kindern mitgemacht hat. Sapienti sat. Nun gestatte ich mir d»e Frage,, ob die israelitische Kultusgemeinde in Wien kein jüdisches Kinderheim hat und im gegebenen Falle, warum sorgt sie nicht dafür, daß jüdische Heimlose Kinder dorthin übergeben, werden. Inden» ich Ihnen für die Aufnahme dieser Zeilen im voraus bestens danke, zeichne ich hochachtungsvoll Josef Weiß II., Große Sperlgasse 40/9. Personalnachrrcht. Der langjährige Religionslehrer und Schiurim-Bortragende der israelitischen Kultusgemeinde in Baden bei Wien. Herr L i p p m a n Unger, wurde laut Gemeindebeschluß zum Rabbiner-Stellvertreter (Dajen) ernannt. Victoria zu Berlin, Allgemeine BerfichernngS-Artien- GeseMchaft. Die Generalversammlung vom 7. Juli genehmigte die Vorschläge des Aufsichtsrates und des Vorstandes. Der ausgewiesene Ueberschuß beträgt 37-6 Millionen Mark. Davon sollen wie im Vorjahr erhalten die mit Geminuänteil Versicherten in der großen Todesfall-Versicherung 2Ya0/p der Summe, der für jede Versicherung seit ihrem Beginn gezahlten gewinnberechtigten Jahresprämien, in der Unfall-Versicherung 32 %r m der Volks-Versicherung 20°/0 und in der Erlebensfall-Versicherung 10% einer Jahresprämie: außerdem sollen auf jede Aktie 170-— Mark gezahlt werden. Die für die Versicherten angesammelten Gewinnanteile betragen 216-3 Millionen Mark (i. V. 212-9). Der gesamte Lebensversicherungsbestand stieg um 215-2 Millionen Mark auf 2607 9 Millionen Mark, die Einnahme in der Unfall- und Haftpflicht-Versicherung auf 17-8 Millionen Mark (i. V. 13-2). Das Gesamivermögen stieg um 71'3 Millionen auf eine Milliarde und 340-4 Millionen Mark. An Prämien und Zinsen wurden ' insgesamt 231 6 Millionen Mark (i. V. 209 2) vereinnahmt und an Versicherte 134'1 Millionen Mark (i. V. 120'7) ausgezahlt. Diese Zahlen der Ein- und Ausgabe sind die höchsten, die in einem Jahre je erreicht wurden. Insgesamt hat die Victoria bisher an Versicherte gezahlteine Milliarde ltub 428-3 Millionen Mark, darunter 402-6 Millionen Mark Gewinnanteile. Der lebhafte Geschäftsgang hält auch in diesem Jahre an. , Der Baalfchenr von Lhelm und sein Golem. Neue Golem-Sagen. Ausgewählt und bearbeitet von Chaim Bloch, Delatyn. (Fortsetzung.) . „Und wenn ich von dir den Ueöertritt zum Christentum nicht verlange und dich geheim zu meinem Weibe mache?" fragte der Graf. Bruche vermochte keine Antwort zu geben. Der Pfad ihrer Ueberleaung war sehr schmal, ihr Wille sehr schwach und ihr Sinn sehr leicht. Ein Gedanke schlug ihr in den Kopf: Esther war die Gattin des König Ahasverus. „Dann folge ich Euch!" sprach sie mit zitternden Lippen. Als der Graf daraufhin ihre Hand ergriff und sie küßte, wehrte sie ihn nicht daran. Wohl stellte sich ihr. von Minute zu Minute die Gestalt Mendels vor Augen, und sie hörte auch, als er ihr zurief: „du Treulose", aber des Grafen Liebkosungen verscheuchten die Gestalt und seine stürinischen Worte übertönten die Worte ihres toten Gatten. Noch am selben Tage wurde sie in das gräfliche Schloß gebracht, und das Paar lebte sehr zufrieden. Es vergingen einige Jahre. Die Juden in Chelm hatten an Bruche bereits vergessen. Sie brachte soviel Rücksicht auf, nach Chelm überhaupt nicht zu kommen, denn sie wollte das Andenken ihrer Eltern und ihres Gatten nicht besudeln, was, wenn sie nach Chelm gekommen, der Fall wäre. Sie lebte sich in die neue Situation so ein, daß sie sich eines Tages entschloß, das Christentum anzunehmen. Nicht, daß es der Graf von ihr verlangte, er fürchtete, sie durch einen solchen Antrag zu kränken, sondern sie selbst empfand es als Bedürfnis im Interest e ihrer Kinder — sie hatte indessen zwei Töchter geboren — wie auch im eigenen Interesse. Sie wollte die anerkannte Gattin des Grafen sein. Nach der stattgefundenen Taufe ehelichte sie der Graf und ihr jüdischer Name wurde auf Bronislawa geändert. Von diesem Tage an verkehrte Gräfin Bronislawa in allen Schlössern der benachbarten Edelleute, und sie war wegen ihrer Schönheit und Klugheit überall ein gern gesehener Gast. Selbstverständlich wurde sie bald eine schreckliche Judenfeindin und sie drang in ihren Gemahl, daß er die jüdischen Pächter von seinen Gütern vertreiben soll. Sie trieb es damit soweit, daß der Graf ihr darüber Vorwürfe machte, und er sagte, es sei nicht schön und edel, daß sie gegen ihre früheren Glaubensgenossen so feindlich gesinnt sei. Eines Abends, es war der jüdische Päffah, hörte Bruche, als ihre Diener unter sich leise sprachen, daß die christlichen Bäcker geheim oesprochen haben, am Passahausgang, da die Juden bekanntlich auf den Sauerteig der Christen angewieseit sind, in den Sauerteig Gift zu mischen und so mit den Juden auf einmal fertig zu werden. Ein Frösteln durchfuhr ihren Körper: Also alle Juden insgesammt wollen sie vertilgen... Ein neuer Anschlag, wie zur Zeit Hamans-. Aber damals gab es eine Esther-. Und sie rettete ihr Volk vor der Vertilgung-. Ein Berg von Gedanken bürdete sich ihr auf dem Kopf. Sie wurde ganz verträumt. Und in ihre wachende Verträumung erschien auch Mendel, ihr verstorbener Gatte, und er sprach: „Wende das Unglück ab, es sei dir verziehen-." Der Graf war seit einigen Tagen abwesend, so daß sie sich ihren Gedanken Ungestört hingeben konnte. Sie stellte sich ans Fenster ihres Schlafgemaches in tiefes Sinnen versunken; blickte in der vom Mondschein beleuchteten Dunkelheit der Nacht zum Himmel, und eine, erschütternde Fülle von Angst und Sehnsucht ergoß sich über sie, als sie das Heer der Sterne als tausende wachsame Augen Gottes auf die Erde herabfunkeln sah. Diese Sterne. Hat sie doch unzähligemcrl aus dem verdeutschten Fümbuch die Worte, welche der Ewige zu Abraham gesprochen hatte: „Und siehe gen Himmel und zähle die Sterne, kannst du sie zählen?" gelesen. Sie fühlte sich in diesem Augenblicke so sehr als Jüdin, als die Tochter des ältesten und auserwählten Volkes, als ein Kind des Bundes Abrahams-. Aber wie bringe sie es über ihr Gewisten, den Grafen, der sie so liebt, und ihre Kinder zu verlasten, und würde sie denn noch in der Gemeinde der Juden Aufnahme finden? Nein. Man würde sie in die Synagoge nicht hineinlasten, eine Verstoßene, eine Schmachtragende wird jte sein, sie habe daher mit ihrem Stamms nichts mehr zu tun. „Wende das Unglück ab, es sei dir verziehe»:" hörte sie wieder die Stimme Mendels, als stünde er neben ihr. Sie zündete dis Lampe an, nahm ein kleines Briefpapier »nit de»n gräflichen Wappen und schrieb darauf einige Zeilen. Noch vor Tagesanbruch schickte sie ihren Kammerdiener in die Stadt und befahl ihm, den Brief dem jüdischen Rabbi eigenhändig, just eigenhändig zu üoergeben und eine Uebernahmsbestätigung zu bringen. Rabbi Elie verrichtete das Morgengebet, und als er das „Höre Jsrael"-Gebet sprach, öffnete sich die Tur des Zimmers der Abgeschiedenheit und seine Gattin meldete ihm: „Ein Diener der getauften Gräfin überbrachte einen von ihr geschriebenen Brief und beharrt, solchen nur zu deinen Händen zu übergeben." - Wohl ist das Sprechen, sogar das Denken von anderen Dingen als von Gott und seiner Glorie beim Lesen des „Höre Israel-Gebetes verboten. Hier dürfte es sich aber um eine außerordentlich wichtige Sache handelir, so dachte Rabbi Elie. und er erividerte daher: „Er soll hereinkommen." Der Diener trat ein. Mit zitternder Hand öffnete Rabbi Elie den Briefumschlag. Der Brief hatte folgenden Inhalt: (Fortsetzung folgt.) Neue Bücher. „Der Judenhaß und die Jude«." Von Constantin Brunner 1918. Berlin W. 15. Oefterheld & Co. (488 S.) Brosch. Mk. 16-—. (Geb. Mk. 20'—.) — Constantin Brunners philosophisches Hauptwerk „Die Lehre vom Geistigen und vom Volke" hat einen großen Kreis von Verehrern und Jüitgern um ih»r versammelt. Jetzt tritt er mit einem neuen großen Werke an die Oeffentlichkeit. das den Namen des Philosophen zweifellos populär machen wird. Es ist ein bedeutendes Dokument zur Judenfrage, das an Tiefe, Wissen und geistiger Einsicht nicht viel Ebenbürtiges hat. Die Judenfrage, über die Berge geschrieben »vorden sind, ohne sie endgültig zu lösen, wird hier von unserem modernsten und bedeutendsten Denker in ihren tiefsten Wesenszügen erkannt und ergründet. Nicht unwesentlich beeinflußt ist es vom großen Kriege, der statt der Liebe den Haß in den Vordergrund der Völkergemeinschaft stellt. Aus einer Parallele des Deutsch-Haffes mit dem Judenhaß geht er zum Antisemitismus über, in dem er, als gefestigte Form des Judenhasses, nichts als eine selbständige Form des Menschenhasses sieht. Für Brunner ist die Judenfrage keine Frage der Raffen, denn für ihn gibt es keine Raffen im Sinne der Raffentheorie. Ueberhaupt widerspricht diese Theorie den Begriffen Staat und Nation, denn sie verstärkt den Juden-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.