Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 10 (20.3.1919)
- Date
- 1919-03-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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indische Korrespondenz Bezugspreis: GanzjährigK 12, halbjährig K 6, viertelj iährig K 3. Ausland jährlich K 20. | Einzelnummer 30 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Nr. 10 Wien, 20. Marz 1919. V.Jahrgang. Wiener Fragen. Tie Mazzoth-Frage bereitet Heuer wesentlich größere Sorgen als selbst in den letzten Kriegsjabren. Ostern 1917 konnte wohl bloß ein halbes Kilogramm pro Person rationiert werden, zumindest waren aber damals größere Quantitäten Kartoffel sowie Hülsenfrüchte und Eier wie auch Fleisch usw. zu haben. Osterkt 1918 konnte ein Kilo pro Person ausgegeben werden, wobei noch Kartoffel, Hülsensrüchte, Eier und Fleisch vorhanden waren.' Diesmal konnten nach vielen Mühen und Kosten bloß 10 Waggons Mazzothmehl herbeigeschafft werden; man kann demnach höchstens mit einer Kopsquote von einem halben Kilogramm für die neun Tage rechnen. Wahrlich, zuwenig zum Leben, aber auch nicht einmal zuviel zum Sterben. Tabei sind weder Kartoffel noch Hülsenfrüchte zu haben und als Zugabe der Fleisch- und Eiermangel. Die Frage, ob es denn doch nicht möglich war, die Sache besser zu arrangieren, soll hier nicht näher untersucht werden. Man muß sich mit dem traurigen Zustand abfinden und sich danach richten. Nach zwei Richtungen müssen jedoch Forderungen erhoben werden: 1. Wie in Deutschland sollen nur diejenigen das Recht zum Mazzothbezug erhalten, die auch sogst ein rituelles Haus führen. In normalen Zeiten mögen es gewisse nichtrituelle Kreise als nötig erachten, am Pessach Mazzoth anzuschaffen, sei, es aus religiöser Empfindung, sei es aus Liebhaberei. Diesmal sollten sie zugunsten derjenigen, die sonst hungern rnüßten, -darauftwerzichten. — 2. Die Kultusgemeinde wie auch die anderen in Betracht kommenden Faktoren müssen alles daransetzen. um zumindest Kartoffel und Hülsenfruchte für die Minderbemittelten herbeizuschaffen. Die Geldfrage darf da gar kein; Rolle spielen. Wenn die Gemeinde Wien selbst die Wasserleitung und das Elektrizitätswerk verpfändet, um für die Bevölkerung Nahrungsmittel herbeizuschaffen, so darf auch die Kultusgemeinde vor ähnlichen Opfern nicht zurückschrecken. Aber auch unsere wohlhabenden Kreise müßten diesmal ihre Taschen weit öffnen und den Verhältnissen entsprechend für Kimche de-pischa im weitesten Sinne des Wortes sorgen. Hoffentlich ist es der letzte Pessach. an dem uns die Mazzoth-Frage in dieser Form Sorgen bereitet. Der Kampf um die Reform des Kullusgemciudestatuts wird mit großer Energie fortgeführr, vorläufig glücklicherweise innerhalb des Beratungssaales. Hie und da hat auch die Straße etwas mitzusprechen versucht, aber es ging bisher leidlich ab. Der Kampf wird vornehmlich geführt zwischen den Zionisten, die der Meinung sind, ihnen gebühre die Herrschaft in der Gemeinde, die sie so rasch als möglich antreten möchten und dem Vorstand, der so ungern für Experintente zu haben ist. Als erstes Opfer des Kampfes ist die Kurie der 'Höchstbesteuerten gefallen. Dafür aber sollen die Ausländer vom Wahlrecht in der Kultusgemeinde ausgeschlossen bleiben. Die weiteren Beratungen dürften noch manche Opfer von dieser und jener Seite fordern. Ob das neue Statut nach allem und trotz allem ein besseres sein wird, muß abgewartet werden. Uns will scheinen, es wäre ratsamer, den eigentlichen Aufgaben der Kultusgemeinde mehr Aufmerksamkeit zu widmen, als gewissen Dingen, die bei aller Wichtigkeit doch nur Äeußerlichkeiten sind. Vor den Amtsräumen der staatlichen Zentralstelle für Kriegsflüchtlingsfürsorge, II., Zirkusgasse 5, ist folgende Kundmachung affichiert worden: „Der Betrieb der Zentralstelle der Fürsorge für Kriegsflüchtlinge wird am Samstag, den 15. März, e n d g ü l t i g e i n g e st e l l t. Nach diesem Tage findet eine Fürsorge für Kriegsslüchtlinge nicht mehr statt und werden keinerlei Aushilfen mehr ausbezahlt. Auch werden weder'Naturalverpflegsaushilfen gewährt, noch sonst Unterstützungen in irgend einer Form bewilligt. lieber Auftrag des deutschösterreichischen Staatsamtes des Innern mache ich die Kriegsflüchtlinge auf die Beendigung der staatlichen Flüchtlingssürsorge in Wien aufmerksam, damit die Flüchtlinge rechtzeitig wegen ihrer Rückkehr in die Heimat Vorsorge treffen, wobei sie von der Zentralstelle für Fürsorge nach jeder Richtung hin gefördert werden. Dr. Rudolf Schwarz-Hitler als Leiter." Mit dem Aushören der staatlichen Flüchtlingsfürsorge wird dieselbe der jüdischen Oeffentlichkeit zugewiesen. Es ist eine Tatsache, daß ein großer Teil der Flüchtlinge infolge der Verhältnisse im Osten unmöglich nach Hause zurückkehren kann und daß ein wesentlicher Teil derselben unterstützungsbedürftig ist. Wir wollen hoffen, daß die jüdische Oeffentlichkeit ihre Pflicht voll und ganz erfüllen Die jüdische Oeffentlichkeit Wiens hat somit genug ernste Sorgen. Es gibt aber Kreise, die noch eine ganz andere Sorge bedrückt, und zwar die Orgelsorge. Das bekannte Komitee, das sich die Reform des Gottesdienstes zur Aufgabe gesteckt hat, läßt nun eine Broschüre des Seminarprofessors Doktor S. Kraus erscheinen, in der mit großem Scharf- -mm unb-Eifer die Zulässigkeit der Orgel in den Synagogen verfochten wird. >150 Gründe für die Reinheit eines „Schercz" ins Treffen führen zu können, galt imnier als Gipfel der Gelehrsamkeit. Diesen Ruhm wollen wir dem Herrn Professor nicht streitig machen. Aber sowohl er als auch die Herren vom Komitee mögen es sich gesagt sein lassen, wir haben jetzt wichtigere Sorgen und die Orgelsorge könnte uns bis auf weiteres gestohlen werden. _ Hamadit. Keine Uebertreibung, keine Ueberbebung! tTer gegenwärtige Stand der Palästinafrage.) Der zionistische Himmel ist voller Geigen. Nach den Nachrichten, die in der Parteipresse verlautbart werden, zu urteile», wäre die Palästinasache für die Juden im Sinne der zionistischen Forderungen vollkommen erledigt, nachdem der Zehnerrat der Friedenskonferenz diese Forderungen „einstimmig" akzeptiert hätte. In Wirklichkeit aber sind wir noch nicht so weit und so sehr es unangenehm sein mag, süße Illusionen zu zerstören, erachten wir es als publizistische Pflicht, vor jeder Uebertreibung zu warnen und die Dinge so darzustellen, wie sie sind. Es hat keinen Sinn, sich Uebertreibungen zuschulden kommen zu lassen und übermütig zit werden, derart, daß ein „Schreiberjüugel" in dem Wiener Zionistenorgan in seinem Uebermut soweit ging, gegen das Feiern des heurigen Purimfestes zu remonstrieren, das nur „ein Ausdruck der Golutseele ist" ... „Die Esthergeschichte ist eine Boudoirangelegenheit (?) ohne jeden Zug von Größe .. . Wenn wir uns zum Kampfe der Befreiung rüsten, so müssen wir lernen, das Purimfest nicht zu feiern." Mit dieser „Chuzpat am-haarezabzurechnen, verlohnt sich kaum der Mühe. Wir zitieren diese Stilblüte bloß deswegen, um zu zeigen, wohin der allerdings ungerechtfertigte Uebermut die Herrchen führt, die sich heute eine Barkochba-Pose zurechtlegen und der göttlichen Vorsehung übermütig Zurufen : Wir benötigen deine Hilfe nicht mehr! — Anderseits könnten unsere glaubenstreuen Brüder vom „Misrachi" und vom „Drohobyczer Jischub- Erez-Jisroel" daraus ersehen, wessen sie sich seitens dieser merkwürdigen Bundesgenossen zu versehen hätten. Freilich, diese „Orthodoxen", die sonst so leicht mit Protesten zur Stelle sind, werden sich wahrscheinlich diesmal hüten, gegen diese Blasphemie, gegen diese freche Verletzung der Gefühle aller glaubenstreuen Juden, ihre Stimme zu erheben. Ihre Vormänner von der Taborstraße könnten noch böse werden und sie als — „Trennnngsorthoxen" verschreien . . . Zur Sache zurückkehrend, ist der Stand der Palästinafrage momentan folgender: Die Vertreter der Zionisten wurden vor kurzem vom Zehnerrat empfangen und sie hatten die Gelegenheit, ihre Wünsche vorzubringen. Gleichzeitig gelangte aber auch ein Delegierter der französischen Juden, Silvain Lewy, zum Worte, der sich gegen die zionistischen Forderungen ausgesprochen hat. Der Zehnerrat hat die Forderungen und Wünsche „zur Kenntnis genommen". Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen. Das letzte Wort wird der Völkerbund zu sprechen haben. Worin die zionistischen Forderungen bestehen, respektive in welcher Formulierung sie vorgelegt wurden, ist nicht näher bekannt, da eine offizielle Verlautbarung bisher nicht erfolgt ist. So weit verlautet, handelt es sich darum, daß Palästina dem Völkerbund übergeben werden soll, mit England als Mandatar. Tie Juden sollten im Laude die Möglichkeit einer freien, ungehinderten Ansiedelung sowie eine sogenannte kulturell-politische Autonomie erhalten, ohne die Rechte der anderen Bevölkerungsschichten' irgendwie zu tangieren. Schon diese Formel läßt alle möglichen Deutungen und Interpretationen zu. Aber selbst den günstigsten Fall vorausgesetzt, daß alles zugunsten der Juden entschieden werden sollte, ist die Schaffung des Völkerbundes noch immer keine feststehende Tatsache. Die Franzosen und auch teilweise die Engländer opponieren gegen die Ausnahme der Völkerbundsgründung in den Friedensvertrag und möchten die Sache einer späteren Gelegenheit überlassen. Wilson soll wohl absolut für die sofortige Festlegung des Völkerbuudgedankens sein — aber im besten Fall dürfte es ziemlich lange dauern, bevor die Sache realisiert werden würde. Bis dahin würde England im Lande nach Gutdünken schatten und walten. Man niag nun zu den Engländern das größte Vertrauen hegen, immerhin iverden sie ihrerseits kaum dazu gelangen wollen. definitive Zustände im Lande zu schaffen, bevor der Völkerbund das letzte Wort gesprochen haben wird. Es dürfte somit noch eine hübsche Weile dauern, bevor eine starke Besiedelung des Landes möglich sein könnte. Damit muß unter allen Umstünden gerechnet werden. Aber auch sonst lauten die Nachrichten über die Konzessionen, die den Juden erteilt werden sollten, nicht übermäßig günstig. Zunächst soll Jerusalem ausgeschaltet bleiben, uni die Gefühle der Mohammedaner und der Christen, für die es ebenfalls eine heilige Stadt ist, nicht zu verletzen. Ebenso alle anderen Ortschaften, in welchen sich mohammedanische und christliche heilige Stätten befinden. Die Hedschasbahn soll den Arabern überlassen werden, resp. die Grenze Palästinas gegen Osten bilden, da diese Linie, die von Damaskus nach Mekka führt, den Mohammedanern als heilig gilt. Das fruchtbare Transjordanien (Ewer-Hajarden) soll demnach den Juden vorenthalten bleiben. Die Mohammedaner erhalten auch die Zusicherung, daß die sogenannten Vakufgüter, die Kirchendomänen, ihnen unter allen Umständen erhalten bleiben. Aus all dem ist zu ersehen, daß der Spielraum, der den Juden im Lande im besten Falle zur Verfi'MNH: gestellt werden würde, ziemlich beschränkt seiii.-Wfte,