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Jüdische Korrespondenz · 1919-08-01 · 28 (1.8.1919) · page 8

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
28 (1.8.1919)
Date
1919-08-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 Jüdische Korrespondenz Nr. 28 mit der Wohltätigkeit zuviel ernst machte, verschwendete er im Laufe einer kurzen Zeit sein ziemlich bedeutendes Vermögen und war bald selbst auf das Wohltun der Menschen angewiesen. Er selbst wollte von der Gabe eines Menschen nicht hören und nahm von niemandem etwas an. Seine Gattin Bruche konnte aber in ihrer bedrückenden Not die ihr von verschiedenen Menschen angetragenen Gaben nicht zurückweisen. Sie wäre sonst mit ihrem Mann einfach verhungert. Es vergingen einige Jahre, da wurde Mendel lungenleidend, er konnte nicht mehr das Bett verlaffen und seine Gattin sah mit großem Schmerze, daß seine Tage gezählt sind. Im Hause Mendels pflegte ein junger Graf öfters zu erscheinen, denn zwischen seinem und Mendels Vater herrschte eine Freundschaft. Und als Mendel verarmt war. sorgte der junge Graf angedenk dieser Freundschaft um sein Wohl. Von Zeit zu Zeit schickte er ihm Erdäpfel, Kraut und ähnliche Dinge. Von ihm nahm Mendel die Geschenke ruhig an, weil — wie er sagte — der alte Graf seinem Vater eine Geldsumme schuldig blieb, die durch verschiedene Umstände nicht bezahlt wurde. Er hielt also die Geschenke, die ihm der junge Graf machte, als eine Schuldtilgung. Wie gesagt, pflegte der junge Graf von Zeit zu Zeit Mendel zu besuchen. Je trostloser sein Gesundheitszustand wurde, desto mehr häuften sich die Besuche des jungen Grasen, und die Juden priesen die Edelherzigkeit desselben, daß er es nicht verschmähte, in die arme Stube Mendels zu kommen und in der dumpfen Luft stundenlang zu verweilen. Wirklich war es aber kein Edelsinn seitens des Grasen: die Liebe zu Bruche, Mendels Weib, und nur diese Liebe führte ihn in das Haus. Eines Tages wurde Mendel von seinem Leiden erlöst. Auch fein Tod-war wie der eines wahrlich Frommen. Denn als er sein Ende herannahen fühlte, rief er seine Gattin ans Bett, verabschiedete sich von ihr mit Worten, die allen anwesenden Leuten Tränen erpreßten, und beschwor sie, nach Verlauf der gesetzlich bestimmten Wartezeit sich wieder zu verehelichen. „Ich werde sonst auf der anderen Welt keine Ruhe finden", sagte er. Dann schloß er die Augen.. Mendel wurde unter großen Ehren der Gemeinde zu Grabe getragen. Da er kinderlos starb, sprach Rabbi Elie auf das Grab den ersten „Kadisch" nach ihm und bestimmte, daß ein sehr frommer Mann durchs ganze Jahr um der Seelengnade Mendels durch Kadischsagen und Mischnahlernen sorgen soll. Der Graf selbst ließ es sich nicht nehmen, Mendel die letzte Ehre zu erweisen, und die Leute hielten es als eine Seltsamkeit, als sie ihn bei dem Geleite des Toten weinen sahen. Nun glaubte er, seinem Ziele nahe zu sein. Er dachte, er werde nun Bruche seine unendliche Liebe zu ihr bekennen und ihr vorschlagen, daß sie zum Christentum übertreten und sein Weib werden soll. Als die sieben Trauertage vorüber waren, kam er eines Tages zu Bruche, um ihr seinen Plan bekanntzugeben. Daß er auf Widerspruch stoßen werde, fiel ihm nicht im entferntesten ein. Er traf sie ganz allein. Die letzten Tage ihres Kummers drückten sie ganz niedere und sie fühlte erst jetzt, wie verlaffen sie sei. Der Graf aber fand sie schön wie nie zuvor. — Da sie des Grafen ansichtig wurde, fühlte sie sich ein wenig munterer und begrüßte ihn sehr freundlich. Dieser zögerte nicht mit seineni Vorschläge und er sagte: „Bruche, nun halte ichs als meine Pflicht, für dich zu sorgen. Ich will dir aber offen gestehen, daß ich dich liebe und dich zu meiner Frau machen will-." Als Bruche die Worte hörte, blieb ihr der Atem im Munde stecken, sie ließ ihn seine Ansprache nicht beenden, indem sie sprach: „Ich bin eine arme jüdische Witwe, Ihr aber ein reicher, hoffnungsvoller, junger Graf. Nun eines von den beiden: Entweder macht Ihr Spaß mit mir, dann bitte ich Euch, mein betrübtes Herz nicht noch mehr zu kränken; sind aber Eure Worte ernst, dann bedenkt, daß zwischen uns eine dicke Wand steht: Religion." Der Graf erfaßte zärtlich ihre Hand, und obwohl sie ihm diese gelassen entzog, sprach er zu ihr: „Bruche, ein polnischer Edelmann treibt in der Liebe keine Spässe. Ich erkläre dir, daß ich dich so liebe, wie noch nie ein Mann geliebt hat. Was aber die dicke Wand, die der Verbindung miteinander im Wege steht, betrifft, so liegt es in deiner Hand, diese Wand umzuwerfen: du nimmst das Christentum an, und jedes Hindernis ist restlos abgewendet." Ein leises Gefühl von Grauen beschlich sie. Sie, die Witwe nach „Mendel dem Jüd", die Enkelin eines heiligen Mannes, soll eine Abtrünnige, eine Meschumedes werden? So dachte sie sich. Und wie jemand, der sich plötzlich in einem Orte tiefer Finsternis versetzt findet, so wurde es ihr vor Augen-. „Nein, ich kann die Religion meiner Väter nicht verlaffen, wenn man mich auch zur Königin machen wollte," sprach sie mit zitternden Lippen. „Nun also, verschmähst du meine Liebe, Bruche?" fragte der Graf verzweifelt. — Bruche schwieg. „Um Gottes Willen, was beginne ich nun", sprach sie sinnesverwirrt. Darauf der Graf: „Du weißt, wie gut ich deinem verstorbenen Manne war; es war zum größten Teil öir zuliebe und nur zum kleineren Teil der Freundschaft unserer Väter. Bedenke deine Lage. Fast ein Jahr lang mußt du — wie ich von den Juden hörte — nach den jüdischen Vorschriften warten, bis du die Möglichkeit haben wirst, dich zu verehelichen. Jetzt erst eine Frage, ob du gleich eine glückliche Wahl triffst; wer weiß, ob du nicht wieder an einen Mendel treffen wirst, upr nur auf die Güte der Menschen angewiesen zu sein?" Doch sie erwiderte: „Ich will lieber in der Gemeinschaft meines Volkes alles Leid und alle Not ertragen, statt als Getaufte in Gold zu waten. Leid und Not sind unseres Volkes Eigentum, seit wir von unseren Gütern' verjagt worden sind, und unzählige Male pflegte mein im Himmel ruhender Mendel zu sagen: ,Äie Armut paßt Israel, wie eine rote Rose einem weißen Pferde/* Daher bitte ich Euch: laßt mich in Ruh'." (Fortsetzung folgt.) Neue Bücher. „Die drei Forderungen des jüdischen Volkes." Von Nachum Goldmann. Preis 60- Pfg. Jüdischer Verlag, Berlin, 1919. — Das historische Rundschreiben des Kopenhagener' Bureaus, das kurz vor der deutschen Revolution an alle Landsmannschaften erging, hat die Ansprüche des jüdischen Volkes als eines Subjektes nationaler Forderungen und als eines internationalen Faktors für alle Zeiten festgelegt. Es war der Ausdruck der erhebenden Tatsache, daß, seitdem es eine Diaspora gibt, das jüdische Volk sich zum ersten Mal bewußt auf gemeinsame politische Forderungen geeinigt hat. Diese Forderungen sind: Sicherung Palästinas als einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk. Gewährung der nationalen Autonomie für die Juden dort, wo sie es verlangen, und drittens: tatsächliche Durchführung der Gleichberechtigung. — Goldmanns Schrift ist sozusagen als Kommentar zum Kopenhagener Rundschreiben gedacht. Sie begründet diese drei Forderungen und gibt die psychologische und historische Erklärung für ihre Entstehung. * Ein talmudisches Zitat. Iugendgruppe des Vereines Zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums. Vereinslokal: II., Große Schiffgaffe Nr. 16. Geöffnet an Wochentagen von 6 bis 10 Uhr abends, an Samstagen und Sonntagen ab v Uhr vormittags- Reichhaltig^ Bibliothek u. Zeitfchriften zur freien Benützung der Mitglieder. Schrirvirn-Girrteieung vom 6. bis 11. AS 5679 (2. bis 7. August 1919). Samstag, '/all Uhr vormittags: Sidro mit Kommentar, Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. I. H 0 f f m a n n. Samstag, V23 Uhr nachmittags: Gemoroh (Gittin), Herr Salamon Schreiber. Samstag, 1/2^ Uhr nachmittags: Pirkeh Owaus, Se. Ehrw. Herr Rabbiner A. W e i ß. Samstag, V28 Uhr abends: Besprechung der Wochenereigniffe. Sonntag, 11 Uhr vormittags: Jeschaja, Se. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. I. H 0 f f m a n n- Sonntag, 758 Uhr abends: Mischleh, Herr Albert Breuer. Mittwoch, V28 Uhr abends: Thillim, Se. Ehrw. Herr Rabbiner M. Flesch. Donnerstag, Vr8 Uhr abends: Jeschaja, Se. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. I. H 0 f f m a n n. Donnerstag, y29 Uhr abends: Gemoroh (Gittin), Herr Salamon Schreiber. Ankündigungen: Für die jüngeren Altersklassen finden Parallelkurse statt. Näheres siehe Anschlag im Lokal. Adas Jisroel (Schiffschule), II., Große Schiffg. 8. Gebetstunden in der Zeit vom 5. bis 12. Ab (1. bis 8. August). Freitag, den 5. Ab: Sabbatheingang 7 20. Samstag, C'“ßuI Morgengebet 6 30 und 9 Uhr, Mincha 12-15. Um Z Z0 Vortrag von Pirke-Abot und anschließend Mincha. Sabbath- Ausgang 8 05. Montag, den 8. Ab: Abendgebet 8 Uhr. Dienstag, den 9. Ab: Morgengebet 6 Uhr. Abendgebet 7 Uhr. An Wochentagen Morgengebet 516 und 6 Uhr, Mincha 7 Uhr. Freitag, den 12. Ab, 8. August: Sabbateingang 710. Verein „Zabner Klaus“, Wien, I!. Bezirk, Große Pfarrgasse Nr. 3—5. Der provisorische Vorstand des obigen Vereines bittet ergebenst um gütige Spenden von verschiedenen S'HÖp zwecks Veranstaltung von D'-Tlpw? für JTnfiv. JDlp. Die geschätzten Spender wollen gütigst ihre Adresse mittels einer Korrespondenzkarte dem Vorstände mitteilen, der die Abholung der zum Spenden vorbereiteten Q'HSD veranlassen wird. Für den Vorstand: M. Kamm, -Wien, I., Rotenturmstraße Nr. 22. Eigentum einer Societät. — Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jonas Kreppei. __Genossenschafts-Buchdruckerei, Wien, VIII., Hernalser Gürtel 20.

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