Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XXII = 1931/32 (1931-1932)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 361)
- Language
- German
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336 Hierher hatte die Stadt die Mussarnikes verwiesen, die in den Gassen und auf den Märkten jenseits des Njemen nur exaltiert und störend gewirkt hätten. Hier sind sie, in der Abgeschiedenheit gesetzter geworden. Hier halten sie heute Schmuessen wie diesen: — ״Die Welt meint, unsere Segenssprüche beim Aufstehen uod beim Zubettgehen, vor dem Essen und nach dem Essen wären etwas wie Dank und schuldiger Zoll an Gott für das, was er uns gibt. Es ist gesagt worden, daß mit den Berachoth die immerfort sich wiederholende Verpflichtung zur Gottesdienstschaft übernommen wird, und daß ihr Sinn ist, Mal um Mal Gott als den Geber und sich selbst als den dienenden Empfänger zu bekennen. Also, daß nachträglich es so wirkt, als hätte Gott auf alles, was wir in seiner Welt genießen, die vorauszuzahlende Steuer Seiner Anerkennung gelegt. In Wahrheit aber ist es so, daß die Segens spräche zu den Geschenken Gottes an Israel gehören, die das Leben, das rein stoffliche Leben, schöner machen sollen. Sie, die Segnungen, sind Genüsse, weit mehr noch als jene Dinge, für die sie gesprochen werden, die Frucht, das Brot, das Erlebnis. Wie das? So: Jedes Ding hat Beiz nur so lange, als es neu ist. Denn nur so lange nimmt das Bewußtsein es überhaupt zur Kenntnis. Gehört etwas zu den Selbstverständlichkeiten des Tages, des Lebens, des Körpers, dann scheidet es aus der Reihe der Faktoren, mit denen unsere Gedanken sich noch beschäftigen. Eltern freuen sich, wenn ihr Kind zum ersten Mal den Mund öffnet, und von neuem wieder, wenn es anfängt zu lallen, und noch mehr und von neuem, wenn es schon ״Vater!“ sagen kann. Beginnt es aber, sprechen zu können und spricht und wächst und gebraucht täglich seinen Mund, — ist in niemandem mehr Freude. Der Mensch aber ist hineingeboren in eine Welt, in der jedes Sichregen eines Blattes zu seiner Freude, für ihn sich ereignet. Der Sinn der Schöpfung ist verfehlt, wenn der Mensch an ihr vorbeisieht, wenn jede Regung jedes Blattes ihm die Freude, die er davon haben 8011, nicht bereitet. Diese Freude uns empfinden zu lassen, stufenweise, jeden Tag von neuem, das ist der Sinn der Segenssprüche. Mit den